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10.06.99
Der explosive Stillstand
Pit Wuhrer
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BegraebnisElizabeth O’Neill hatte kaum eine Chance. Als in den frühen Stunden des letzten Samstags zuerst ein Pflasterstein und dann eine Bombe durch ihr Wohnzimmerfenster geflogen kamen, versuchte die 59 Jahre alte Frau, die Bombe zurückzuwerfen. Aber sie war nicht schnell genug. Die Protestantin Elizabeth O’Neill, die seit Jahrzehnten im protestantischen Teil der vorwiegend protestantischen Kleinstadt Portadown lebt, wurde – da ist sich die Polizei ziemlich sicher – von einer protestantischen Bombe getötet. Ihr Fehler, wenn man das so nennen kann, war gewesen, dass sie einen Katholiken geheiratet hatte. Wirklich sicher hatte sich Frau O’Neill nie gefühlt, und so fragte sie bei den loyalistischen Hardlinern immer wieder nach – nein, «no problem», war deren Antwort. An diesem Montag wurde sie von ihrem Mann und ihren Kindern zu Grabe getragen, der Beerdigung wohnte auch Nordirlands designierter Regionalpremier David Trimble bei.
Das Entsetzen, das diese Tat auslöste, war nicht bei allen da – in den folgenden vier Tagen gab es acht vergleichbare Anschläge, alle verübt von Loyalisten, die so versuchen, die politische Verständigung zu sabotieren (von der ihrer Meinung nach nur der katholische Erzfeind profitiert). Das Kalkül ist einfach: Attentate dieser Art machen es der kompromissbereiten Führung der IRA-Partei Sinn Féin sehr schwer, die eigene Basis von der politischen Notwendigkeit einer Aushändigung des Waffenarsenals zu überzeugen. Eine zumindest teilweise Übergabe der IRA-Waffen ist aber Voraussetzung dafür, dass Sinn Féin-Mitglieder gemäss des Karfreitagsabkommens vom letzten Jahr in die neue Regionalregierung berufen werden. Sollte diese Regierung nicht zustande kommen, wäre der Verhandlungsprozess gescheitert. Die IRA, so die Kalkulation der loyalistischen Hardliner, müsste dann den Krieg wieder beginnen, und könnte endlich von den britischen und irischen Militärs besiegt werden. Dass die Tat in Portadown stattfand, ist kein Zufall (ebenfalls am Samstag entkam eine Familie nur ein paar Strassenzüge weiter weg einem ähnlichen Anschlag) – hier rüsten sich derzeit alle für die absehbare Auseinandersetzung Anfang Juli, wenn der protestantische Oranier-Orden wieder durch die katholische Garvaghy Road ziehen will. Diese Parade und ihre Begleitumstände haben in den vergangenen vier Jahren stets zu Strassenschlachten in ganz Nordirland geführt.
Alle gehen davon aus, dass solche Attentate in den nächsten Wochen noch zunehmen werden. Denn die Verhandlungen über die Umsetzung des Karfreitagsabkommen stecken seit Monaten fest. In diesem Abkommen hatten London, Dublin und die meisten nordirischen Parteien eine Neustrukturierung Nordirlands vereinbart; von einer Waffenabgabe war da allerdings nicht die Rede. Protestantisch-unionistische KritikerInnen des Abkommens schafften es jedoch schnell, aus der Waffenfrage eine Vorbedingung zu machen, an der auch Unionisten-Chef Trimble nicht vorbeikam.
Seit Beginn des Stillstands bietet Trimble immer wieder neue Modelle an. So schlug er zuletzt vor, die beiden Sinn Féin-Mitglieder seiner künftigen Regierung zwar zu ernennen, alle Geschäfte aber ruhen zu lassen, bis ein Teil der Waffen abgegeben sind. Seinen Kritikern in der eigenen Partei aber geht das viel zu weit – sie verlangen eine Aushändigung des gesamten Arsenals. Deswegen sattelte Trimble nochmals drauf – die Entwaffnung der Paramalitärs müsste im Karfreitagsabkommen vertraglich festgehalten werden. Eine Neuverhandlung des Abkommens würde jedoch den politischen Prozess scheitern lassen, denn nach einem Jahr haben alle Gruppen Schwachstellen im Vertragstext entdeckt, die sie gern behoben hätten.
Auf der anderen Seite hat die IRA mehrfach klargemacht, dass für sie nur die umgekehrte Reihenfolge gilt: Zuerst die Regierungsbeteiligung, dann die Waffen. Doch die Position der republikanischen Bewegung ist seit ein paar Wochen so schlecht wie selten zuvor. Vielleicht war es Schusseligkeit, vielleicht auch reiner Dilletanismus – jedenfalls verhalf die ehemalige Guerilla ihren GegnerInnen zu einem erstklassigen Propaganda-Erfolg.
Suche nach GraebernUm den Druck von der Waffenfrage zu nehmen, kündigte die republikanische Bewegung im März grossspurig eine Übergabe an: Kein Sprengstoff zwar, aber die Überreste von Menschen, die sie in den siebziger Jahren ermordet hatte. Seit langem hoffen Angehörige der damals Verschwundenen auf Hinweise über den Ort, wo die als «Verräter» Hingerichteten verscharrt worden waren. Zumindest in neun Fällen sei die Organisation nach langer Recherche fündig geworden, hiess es vor drei Monaten. Vor zwei Wochen nannte die IRA Details. Was als grosszügige Geste (insbesondere im Hinblick auf die in Nordirland politisch bedeutsamen EU-Wahl) gedacht war, geriet jedoch zum monumentalen Flopp. Nördlich und südlich der Grenze suchen seither Sicherheitskräfte an den angegebenen Stellen nach Leichen – und finden sie nicht. Nur die Überreste einer Person konnte mittlerweile ordentlich bestattet werden. In allen anderen Fällen stochern Soldaten, Polizisten und Regierungsbeamte im Erdreich. Das Fernsehen zeigt täglich Bilder von der vergeblichen Suche, und Zeitungen erinnern an die alten Geschichten, etwa an jene von Jean McConville, die 1972 von der IRA abgeholt wurde, weil sie einem tödlich verwundeten Soldaten hatte helfen wollen. Die Mutter von zehn Kindern überlebte das Verhör nicht.
Wie kann man Leuten trauen, die nicht einmal sagen können oder wollen, wo sie Leichen verscharrt haben? Wenn selbst das so schwierig ist, wie mühsam wird dann erst die Übergabe von Sprengstoff und Munition? Da mag Sinn Féin-Präsident Gerry Adams noch so lange von widrigen Umständen reden, vom Personalwechsel in der Guerilla und von Machenschaften der Militärs – derzeit wächst in allen Teilen der Bevölkerung das Misstrauen gegenüber Sinn Féin/IRA und deren Absichten. Die protestantischen Hardliner sehen sich nun im Vorteil – bis einer der ihren wieder zuschlägt. Die loyalistische LVF hat als einzige Untergrundorganisation bisher ein paar Revolver und Gewehre abgegeben. Aber Bomben, das zeigt das Attentat vom letzten Samstag, haben sie noch.
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