[home] WoZ-Online 18.03.99

[Dossier]

Die Polizei traut sich selber nicht



Pit Wuhrer

Während sich die Spitzen der nordirischen Parteien alle in die USA abgesetzt haben, um dort mit Washingtons Hilfe und anlässlich der Feiern zum St. Patrick’s Day den Verhand- lungsstillstand vielleicht zu beenden, tötete in Nordirland eine Autobombe die angesehene Rechtsanwältin Rosemary Nelson. Nur wenige Stunden nach dem Anschlag bekannte sich das loyalistische Kommando Red Hand Defenders zu der Tat. Die Red Hand Defenders waren wie die ähnlich ominösen Orange Volunteers im Sommer letzten Jahres entstanden, als die Behörden erstmals einen Marsch des protestantischen Oranier-Ordens von Portadown durch eine katholische Strasse verhinderten. Rosemary Nelson, die vielleicht bekannteste Menschenrechtsanwältin Nordirlands, hatte wiederholt BewohnerInnen der Garvaghy Road anwaltschaftlich vertreten.
Red Hand Defenders und Orange Volunteers haben im Unterschied zu den grossen loyalistischen Gruppen keinen Waffenstillstand ausgerufen. Die Red Hand Defenders geniessen auch unter protestantischen Hardlinern keinen guten Ruf – ihnen werden Verbindungen zu britischen beziehungsweise probritischen Sicherheitskräften nachgesagt. Darin könnte auch ein Grund für das Attentat auf Rosemary Nelson liegen.

Frau Nelson, Mutter von drei Kindern, hatte vor wenigen Wochen erneut eine offizielle Untersuchung des Mordes an Pat Finucane verlangt. Rechtsanwalt Finucane war 1989 nach einem Hinweis aus der britischen Regierung von loyalistischen Killern der UVF erschossen worden. Die Gerüchte, dass beim Anschlag auf Finucane – wie in vielen anderen Fällen – Sicherheitskräfte mit dem UVF-Kommando kollaborierten, sind nie verstummt. London hat eine Untersuchung jedoch immer wieder abgelehnt.
Prompt wurde nun der Verdacht laut, auch beim Attentat auf Frau Nelson könnten Geheimdienst oder Polizei die Finger im Spiel gehabt haben. Das scheint sogar die nordirische Polizei RUC selber nicht mehr auszuschliessen. Entgegen der sonst üblichen pauschalen Zurückweisung jedweder Kritik hat RUC-Chef Ronnie Flanagan einen Unabhängigen mit den Ermittlungen beauftragt: den Polizeichef der südenglischen Grafschaft Kent, David Philips. Philips wird sich jedoch vorsehen müssen. Als Ende der achtziger Jahre der Polizeichef von Manchester die Todesschuss-Strategie der RUC untersuchte, wurde er durch allerlei Intrigen fertig gemacht und später seines Amtes enthoben.
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