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WoZ-Online
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22.3.2001
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Einbürgerungen: Regensdorfer Tuchfühlung Zum Schweizer gemacht |
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Yvonne Leibundgut |
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Die Zürcher Gemeinde Regensdorf startet ein Einbürgerungsverfahren: Wer den roten Pass will, darf sich den BürgerInnen persönlich vorstellen.
Ein Mann wird von einem Weibel durch den Gemeindesaal geführt, vorbei an hundert Regensdorfer BürgerInnen, die an diesem Abend über die vorliegenden Einbürgerungsgesuche abzustimmen haben. Der Weibel führt den Mann zum Mikrofon, das zwischen den Versammelten und der Tribüne aufgestellt ist. Auf der Tribüne sitzen zwei Gemeinderatsmitglieder. «Sie dürfen anfangen», bittet die Gemeindepräsidentin und nickt Richtung Mikrofon. Der Mann hat zwei Minuten Zeit. Was er sagen soll, wurde ihm vorher auf einem Zettel mitgeteilt, den er jetzt nervös in den Händen zerknüllt: Vor- und Nachname, Geburtsort, Staats- und Religionszugehörigkeit, Zivilstand, Vereinszugehörigkeit, seit wann in der Schweiz, seit wann in der Gemeinde Regensdorf wohnhaft und warum der Kandidat Schweizer werden möchte. Er fühle sich in der Schweiz zu Hause, beendet der Mann seine Ausführungen, bedankt sich für die Aufmerksamkeit und wünscht allen einen schönen Abend.
Die Bürgergemeindeversammlung, so sieht es die Gemeinde Regensdorf vor, fällt den letzten Entscheid zu den Einbürgerungen. Seit die BürgerInnen über die Gesuche geheim abstimmen konnten, wurden aber immer mehr Anträge abgelehnt, obwohl fast ausschliesslich Gesuche vor die Versammlung kamen, die der Gemeinderat zur Annahme empfahl. Das gab schlechte Schlagzeilen. Es musste eine Lösung gesucht werden, um, wie es heisst, «den Leuten die Einbürgerungswilligen näher zu bringen». Deshalb dürfen sich nun die Künftigen persönlich vorstellen, damit die RegensdorferInnen wissen, wen sie zum Schweizer machen.
Der Probelauf des ersten Kandidaten, die Aneinanderreihung seiner Personalien in fast perfektem Hochdeutsch, ist nicht ganz geglückt, denn das Mikrofon war falsch aufgestellt, und die BürgerInnen sahen den Kandidaten nur von hinten. «Würden Sie sich bitte noch umdrehen, damit die Leute Sie anschauen können.» Der Mann dreht sich um und schaut verlegen in die Runde. Die anderen hundert schauen schweigend zurück. «Danke, Sie können den Saal wieder verlassen.» Der Weibel führt den Ausländer raus. Niemand sagt etwas, Fragen dürfen erst gestellt werden, wenn der Kandidat den Saal verlassen hat. Kaum ist er draussen, melden sich mehrere Leute zu Wort: «Ich kann mir kein Bild machen, ich brauche mehr Informationen», erklärt eine Bürgerin aufgeregt. «Ich habe immer gesagt, man soll die Leute mit einem Foto in der Zeitung bringen», meldet sich ein anderer Bürger. Aber das habe man ja nicht gewollt, «eben wegen diesem Schutz da, von den Personen». Man müsse sich doch fragen: «Wer schützt hier wen?» Die Presse sei versammelt und würde über alles schreiben, was man hier diskutiere, deshalb stelle er den Antrag, dass wenigstens die Abstimmung geheim sei. Ein anderer Mann geht ans Mikrofon: Er wolle nicht noch einmal eine so rassistische Gemeindeversammlung erleben wie die letzte. Er sei gegen eine geheime Abstimmung. Vereinzelt Applaus. «Es darf nicht geklatscht werden, sonst muss ich den Saal räumen lassen», ruft die Gemeindepräsidentin. Der Antrag «geheime Abstimmung» wird abgelehnt.
Doch dann stellt sich das nächste Problem: Abstimmen darf nur, wer das Schweizer Bürgerrecht hat, in Regensdorf wohnt und Bürger oder Bürgerin der Gemeinde ist. Alle anderen müssen in den hinteren Reihen Platz nehmen. Da die RegensdorferInnen nicht verstehen, was gemeint ist, muss es dreimal erklärt werden. Eine Hand voll Leute sitzt nun in den hinteren Reihen. «Ich sehe hier einige Gesichter, die ich nicht kenne», interveniert ein aufmerksamer Bürger, bei dem selbstredend ausser Zweifel steht, dass er zur Gemeinde gehört. Er könne sich nicht vorstellen, dass alle Versammelten Bürger dieser Gemeinde seien, und verlange eine Personenprüfung. Ausserdem, vermutet er, hätte es hier Ausländer, die gekommen seien, um für die Ausländer zu stimmen. Nach einigem Hin und Her wird auch dieser Antrag abgelehnt, man gehe «in Treu und Glauben davon aus, dass nur Leute abstimmen, die das auch dürfen».
Die RegensdorferInnen machen sich aber nicht nur Gedanken zur finanziellen Situation der AusländerInnen: Bei einem Ehepaar fragt eine Bürgerin, wer denn auf die Kinder aufpasse, wenn sowohl Vater als auch Mutter arbeiten. Ein anderer will wissen, ob man geprüft habe, wie sich die Leute in den Vereinen einbringen würden. Wieder ein anderer macht in breitem Ostschweizer Dialekt darauf aufmerksam, dass einer der Gesuchsteller nicht gerade gut Deutsch spreche. Die Leute seien nervös, werden von der Tribüne die Versammelten beschwichtigt, man solle das bitte berücksichtigen. Die meisten GesuchstellerInnen entschuldigen sich auch noch für ihr Verhaspeln beim Vorsprechen, ihre zittrige Stimme. Einmal meldet sich eine Regensdorferin zu Wort: «Ich finde es schrecklich, ich möchte nicht da vorne stehen müssen.»
Das nächste Paar wird in den Saal geführt. Seit zwanzig Jahren lebt die Familie in der Schweiz, die Kinder sind in Regensdorf geboren. Sie fühlen sich in der Schweiz zu Hause, erklären sie am Ende. Alle, die an diesem Abend vor den Versammelten stehen, erklären, dass sie sich in der Schweiz zu Hause fühlen. Ein spitzfindiger Bürger will es nun genau wissen: Ob der Gemeinderat den Leuten die Sätze vorgegeben habe, es würden ja alle sagen, dass sie gerne in der Schweiz leben, das sei doch erstaunlich. Schlimmer als ein kleines Gehalt ist die falsche Religion. Wer an diesem Abend sagt: «Ich bin Moslem», hat schlechte Karten. Leider könne man da nicht so offen reden, heisst es, die Presse sei auch da. Aber man wisse ja schon, was gemeint sei, erklärt einer, man solle deshalb beim Entscheiden einfach seinem gesunden Menschenverstand folgen. Die meisten Kriege seien entstanden, weil es Konflikte zwischen den Religionen gegeben habe, sagt ein anderer. Einer stellt fest, dass es in der Schweiz schon genug Religionen gebe. Eine Frau gibt nach der Versammlung auch der Presse Auskunft: Sie weiss etwas über Moslems, sie war in Marokko in den Ferien, da habe sie einiges gesehen. Trotz den Einwänden werden an diesem Abend alle Gesuche angenommen ausser dasjenige, das vom Gemeinderat zur Ablehnung empfohlen wurde. Ob dieses Verfahren weiter praktiziert wird, ist noch unklar. Der Gemeinderat wird sich darüber in den nächsten Wochen Gedanken machen. Etwas möchte eine Regensdorferin am Ende der Veranstaltung noch gesagt haben: Man lasse sich von niemandem vorwerfen, man sei rassistisch. |
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