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WoZ-Online
30.8.2001

Wole Soyinka zur Uno-Rassismuskonferenz

Wer nicht kommt,
ist ein Feigling



Interview Martina Egli *,


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Der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka mahnt: Die Forderung nach Entschädigung wird nicht wieder verschwinden.

WoZ: Ihr neustes Buch, «Die Last des Erinnerns», ist ein Plädoyer für Entschädigung für das gegenüber den afrikanischen Menschen begangene Unrecht: Sklaverei, Kolonialismus und Apartheid. Anlässlich der Uno-Konferenz gegen Rassismus stellen die afrikanischen Staaten diese Forderung, sie wird erstmals auf internationaler Ebene zum Thema – warum jetzt?
Wole Soyinka: Es gab immer wieder Gruppen, die versklavt wurden, aber nur die Schwarzafrikaner hat man aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft als Sklaven definiert. Von dieser Tatsache geht die Forderung aus, dass alle, die in die Sklaverei involviert waren, die gravierende Schäden verursacht hat, welche die organische Entwicklung Afrikas bis heute beeinträchtigen, ihre Verantwortung übernehmen, Reue zeigen und Wiedergutmachung leisten müssen. Und damit meine ich sowohl die europäische wie die arabische Welt. Wir müssen dieses Kapitel endlich abschliessen. Überall auf der Welt fand in letzter Zeit solche Reuebekundung und Wiedergutmachung statt. Ich frage mich, weshalb es Amerika, Europa und den arabischen Ländern so schwer fällt, sich bei den Afrikanern zu entschuldigen.

Liegt es daran, dass sie sie bis heute nicht als Teil der Menschheit ansehen?
Offenbar fühlen sie sich nicht verantwortlich für das, was ihre Vorfahren getan haben.
In der Bibel gibt es eine Stelle, in der es heisst, dass Gott «die Schulden der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht». Ich bin kein Christ, ich benutze dieses theologische Argument nur, weil wir es teilweise mit Gesellschaften zu tun haben, die sich Christen nennen. Wichtiger für mich als weltliche Person ist die Tatsache, dass die Erben die Früchte dieses Raubs noch immer geniessen. Wenn man gestohlene Güter erhält, kommt es nicht darauf an, ob es der Vater war, der sie gestohlen hat – das Gesetz verlangt, dass man sie den rechtmässigen Eigentümern zurückgeben muss.

Wie soll diese Wiedergutmachung aussehen?
Ich bin schockiert über die Unterstellung, dass die Afrikaner, wenn sie von Reparationen sprechen, vulgäres Geld meinen, einen Scheck verlangen. Darum geht es nicht. Wir sprechen von moralischer Verantwortung. Von der Anerkennung, dass gegenüber Menschen ein moralisches Unrecht begangen wurde. Dann können wir darüber sprechen, welche Form diese Wiedergutmachung haben sollte. Zwei Vorschläge: Die Europäer haben den Afrikanern unzählige Kunstwerke gestohlen. Wenn man ein Volk seiner Kunstgegenstände beraubt, beraubt man es seiner Menschlichkeit. Jetzt könnte man zum Beispiel fordern, dass die Europäer, als Zeichen ihrer Reue, diese Kunstgegenstände zurückgeben. Ein anderer Vorschlag wäre, Afrika seine Schulden zu erlassen – natürlich nur den demokratischen Ländern, wo es eine zivilgesellschaftliche Kontrolle gibt. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für Wiedergutmachung.

Die afrikanischen Staaten machten einen Kompromissvorschlag. Sie fordern die Streichung der Schulden, die Rückerstattung von Diktatorengeldern, verstärkte Entwicklungshilfe – aber sie lassen die Forderung nach individuellen Entschädigungszahlungen beiseite. Braucht es sie?
Nein. Sobald wir von individueller Entschädigung sprechen, sprechen wir von Blutgeld. In Südafrika zum Beispiel hat die Wahrheits- und Versöhnungskommission nationale Programme vorgeschlagen, die die Profiteure der Apartheid finanzieren sollen. Das sind mögliche Ansätze. Aids zum Beispiel ist eine offensichtliche Möglichkeit, wo Ressourcen eingesetzt werden könnten. Solche Programme sind meiner Ansicht nach am nützlichsten, denn sie sind am wenigsten kontrovers.

Gerade in Südafrika lassen sich Täter, Nutzniesser und Opfer klar identifizieren – das begangene Unrecht liegt nicht weit zurück wie die Sklaverei. Haben die Geschädigten kein Anrecht auf individuelle Entschädigung?
Doch, selbstverständlich, absolut. Das gilt auch für andere Fälle, in Nigeria zum Beispiel werden hoffentlich die Gelder der ehemaligen Diktatoren für diese Reparationszahlungen verwendet. Aber das sind völlig andere Situationen als das Unrecht der weit zurückliegenden Vergangenheit.

US-Aussenminister Colin Powell wird nicht nach Durban reisen, und die USA drohen noch immer, die Konferenz zu boykottieren, wenn die Themen Zionismus und Entschädigung auf der Agenda bleiben. Die EU-Länder und auch die Schweiz schicken keine hochkarätigen Delegationen.
Ich bin wütend über die Absicht gewisser Delegationen, den Zionismus zum Thema zu machen. Rassismus ist ein klar definierter Begriff, ihn mit Zionismus gleichzusetzen, ist eine Vernebelung der Tatsachen. Jedes Mal, wenn die Afrikaner versuchen, ein spezifisches Problem auf die Traktandenliste zu setzen, kommen andere mit allen möglichen Forderungen und verwässern das eigentliche Anliegen. Diejenigen Staatschefs und Aussenminister, die nicht nach Durban kommen, weil die Frage der Entschädigung Thema sein wird – seien das die USA, sei das die Schweiz – sind moralische Feiglinge. Sie sollen kommen und die Urheber dieser Forderungen mit ihren Argumenten konfrontieren. Dann gibt es eine Debatte, dann passiert etwas.

Genau davor fürchten sie sich.
Natürlich. Aber irgendwann holt sie die Vergangenheit ein. Lange Zeit hat die Schweiz ihre Verantwortung in Bezug auf den Holocaust geleugnet – dann hat sie die Vergangenheit eingeholt. Oft dauert das eine Weile. Das Wichtigste aber ist: Diese Forderung nach Entschädigung wird nicht wieder verschwinden! Und sie sollten versuchen, erwachsen zu werden und diese Tatsache zu erkennen. Die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents ist ein schändliches Verbrechen, das muss endlich anerkannt werden.

Die betroffenen Staaten sind jedoch nicht einmal bereit für eine Entschuldigung.
Das ist eine Arroganz, der wir regelmässig begegnen.

Wird sich diese Haltung wirklich irgendwann ändern?
Das sollte ich Sie fragen.

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Der Nigerianer Wole Soyinka ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Afrikas – und einer, der sich immer wieder in die Politik einschaltet, sich insbesondere gegen die nigerianischen Diktatoren engagierte, wofür er in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. 1986 erhielt er als erster Afrikaner den Literaturnobelpreis. Sein neustes Stück, «King Baabu», wird noch bis zum 2. September täglich am Zürcher Theater Spektakel gespielt..


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