| [home] |
WoZ-Online
|
25.10.2001
|
Leiden und Sterben, Tierschutz und Tierliebe |
||
|
|
||
|
Verwenden Sie zum Ausdrucken unserer Artikel bitte den Internet Explorer, Netscape unter Windows legt sich quer. |
In der nicht nur vom Boulevard aufgeregt geführten Debatte darüber, wie unsere Fifis und Büsi richtig getötet werden dürfen, wird ein Rahmen abgesteckt, der in Zukunft auch für leidende Menschen gelten wird.
Nach wiederholten Beschwerden seiner Nachbarn über nächtliches Bellen tötet ein Mann seinen Hund. Er fesselt das Tier mithilfe eines freigelegten Stromkabels auf einer Luftmatratze und schiebt den Stecker in die Dose. Anschliessend ruft er den Tierarzt an: «Kommen Sie, ich habe meinen Hund ermordet!» Der herbeigeeilte Tierarzt findet den Mann weinend neben dem getöteten Hund auf der Luftmatratze. Der Tierarzt erstattet keine Anzeige. Seiner Meinung nach sei der Tod des Tieres schnell und schmerzlos erfolgt. Die Nachbarn verständigen den Tierschutzverein, der seinerseits wiederum die Boulevardpresse über den Vorfall unterrichtet. So wird aus einem obskuren Ereignis eine Geschichte, die in den Diskurs eingeht, wie unsere Lieblinge richtig zu töten sind. Ein Mann, der seinen Hund mithilfe von elektrischem Strom tötet, bietet die beste Voraussetzung dafür, zu einem Statisten des Projektiven zu werden. Um das Ereignis selbst geht es nicht. Auch nicht um den bedauerten Hund. Aus der Matratze und den blanken Stromkabeln wird ein «elektrischer Stuhl», aus der Tötung eine «Hinrichtung», aus dem Wohnzimmer eine «Folterkammer». Sexuelle Untertöne dürfen nicht fehlen. Der Mann tötet nicht einfach seinen Hund, sondern «Mädi», also sein Mädchen. Der auf dem Hund liegende Mann lässt nicht nur an Trauer, sondern auch an erlebte Befriedigung denken. So wird der «Hundemord» zum Lustmord. Aber wie tötet man ein Tier richtig? Wann empfindet es Schmerzen? Wann werden einem Tier Schmerzen zugefügt? All diese Fragen lassen sich nicht genau beantworten. Zeigen lässt sich jedoch, dass in den letzten Jahrzehnten die Schmerzvermutung zunehmend enger ausgelegt wurde. Heute wird Tieren selbst Trennungsschmerz und Trauer zugestanden. Der Bedeutungswandel, dem Tiere unterliegen, vollzog und vollzieht sich weder abrupt noch bruchlos. Vielmehr handelt es sich um einen langwierigen Prozess, bis sich neue Vorstellungen gegenüber alten behaupten. Im neunzehnten Jahrhundert wurden die Anliegen der Tierschutzvereine von den meisten Menschen belächelt. Heute werden diese von einer breiten Mehrheit getragen. Unsere Tiervorstellungen wären undenkbar ohne die systematische Verdrängung der Tiere aus dem Lebensumfeld des Menschen. Diese Verdrängung bildet die Voraussetzung für ihre neue Besetzung, deren bekannteste sich im Beziehungstier findet. Verstädterte Tierliebe Ein Bauer tötet auf die Bitten seiner Nachbarn, die ihre Haustiere nicht ins Altersheim mitnehmen können, zwei Hunde und mehrere Katzen. Er erschiesst die Hunde, erschlägt die Katzen, den noch jungen Kätzchen bricht er das Genick. Auch dieser Mann wird vor Gericht vom Vorwurf der Tierquälerei freigesprochen. Der Tod sei in allen Fällen sofort eingetreten, so das tierärztliche Gutachten. Ein Bauer, der auf die Bitten seiner Nachbarn deren Hunde und Katzen tötet, tut etwas, was in der kleinbäuerlichen Welt bis in die jüngste Zeit als weitgehend selbstverständlich galt. Diese Kultur kannte Personen, die das undankbare Geschäft übernahmen, Tiere zu töten. Auch wenn es sich bei ihnen oft um Aussenseiter handelte, so begegnete man ihnen doch mit einem gewissen Respekt, wohl wissend, immer wieder auf sie angewiesen zu sein. Ich habe in meiner Kindheit noch öfter gesehen, wie Hunde oder Katzen erschlagen wurden. Damals wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, eine Anzeige zu erstatten. Ich meine damit nicht, dass dies die «normale» Art wäre, sich lästiger, altersschwacher oder überzähliger Haustiere zu entledigen, sondern erwähne es, um deutlich zu machen, dass der Umgang mit Tieren eine Frage kulturell geprägter Vorstellungen ist. Der erwähnte Bauer verstösst gegen urbane Konventionen insbesondere auch dort, wo er den Tötungsakt nicht leugnet. Offensichtlich scheute er sich nicht vor Zeugen, die den Fall zur Anzeige bringen sollten. Bauern werden in der Boulevardpresse oft als roh und grausam gescholten, die Präsenz des Todes in ihrer Lebenswelt bildete jedoch ein erstaunliches Regulativ im Umgang mit Tieren, welches unsere Gesellschaft nicht mehr kennt. Starren auf den Schmerz Betrachtet man die Tierberichterstattung der letzten fünf Jahrzehnte, dann wird deutlich, dass der Forderung, der Tod eines Tieres müsse rasch und schmerzlos erfolgen, eine Reihe weiterer hinzugefügt wurden. Die prominenteste ist wohl, dass Tiere nicht mutwillig getötet werden dürfen. Das tausendfache Töten von Nutztieren aus Gründen der Seuchenbekämpfung oder Marktstabilisierung macht deutlich, wie relativ diese Vorstellung ist. Auch die kleinbäuerliche Kultur kannte das Verbot, Tiere «mutwillig» zu töten. Dort setzte der Tötungsakt voraus, dass sich das Tier in einem gewissen Sinn schuldig gemacht hat. Wurden Schweine geschlachtet, so konnte man etwa sagen, die Sau sei «bös», was nicht nur «böse» in unserem Sinne, sondern etwa auch «krank» bedeuten konnte. Das Schwein hat bestehendes Gleichgewicht gestört oder gefährdet. Deshalb durfte es getötet werden. Dies galt auch für die Katze, die Küken frass, oder den Hund, der wilderte. In der Massentierhaltung sind solche Verpflichtungen längst aufgehoben. Boulevard und Tierschutzvereine starren auf den Schmerz. Sie bedienen sich nicht allein anthropomorpher Kategorien, sondern behaupten, obgleich ihre Geschichte das Gegenteil bezeugt, unser Tierverständnis als ahistorische Konstante. Tötungsmonopol Ein junges Paar lässt nach seiner Trennung zwei Hunde von einem Metzger töten, der dies mit einem Schlachtschussapparat erledigt. Da es sich um junge und «kerngesunde» Hunde handelte, werden die beiden wegen des Verdachts der Tierquälerei angezeigt. Hier wird ein Argument eingeführt, welches für Mastbetriebe keineswegs gilt, nicht gelten kann. Dort sollen Tiere gerade dann getötet werden, wenn ihnen alle Krankheitszeichen fehlen. Offensichtlich werden Tiere, die Beziehungsfunktionen übernehmen, anders bewertet. Wenn Anzeigen selbst dann erfolgen, wenn Tiere schnell und schmerzlos getötet, wenn Verfahren angewandt werden, die auch in Schlachthöfen Verwendung finden, dann ist die entscheidende Frage: Darf man den eigenen Hund selbst töten? Das Tierschutzgesetz: «Ein Wirbeltier töten darf nur, wer die dazu notwendigen Kenntnisse hat.» Nach den Schlachttieren werden nun Hunde, Katzen und andere Beziehungstiere in das Gewaltmonopol eingefügt. Tierhalter, die ihre Hunde oder Katzen selbst töten, werden in der Boulevardpresse mangelnder Affektkontrolle wie der Lust am Töten verdächtigt. Die Beantwortung der Frage, wie denn nun unsere tierischen Lieblinge richtig zu töten seien, lautet also nicht allein, sie so zu töten, dass sie keinen Schmerz empfinden, sondern dies von einem Tierarzt durchführen zu lassen. Er verspricht, Tiere ohne alle Affekte und nach sachlichen Kriterien zu töten. Schmerz und Tod fallen in den Aufgabenbereich der Medizin. Metzger oder Bauern, die früher für das Töten von Tieren zuständig waren, verlieren ihre diesbezügliche Kompetenz. Zwar gibt es in den Schlachthöfen immer noch Metzger, der Tötungsakt ist aber längst arbeitsteilig organisiert, genau genommen nicht mehr Handlung einer einzelnen Person, sondern Folge einer komplexen Apparatur, in welche die Beschäftigten ebenso eingefügt sind wie die Tiere, die getötet und verarbeitet werden. Die Aufsicht über die «tierschutzgerechte» Tötung obliegt Veterinärmedizinern. Im Diskurs darüber, wie unsere Lieblinge richtig zu töten sind, wird jener Rahmen abgesteckt, der, wenn auch in differenzierterer Form, in Zukunft für den Menschen gelten wird. Hier werden jene normativen Kriterien formuliert, die in Zukunft dann wirksam werden, wenn es um die Frage geht, zu welchem Zeitpunkt Maschinen abgeschaltet werden oder sich die ärztliche Hilfeleistung auf die Schmerzmedikation beschränkt. Die Indikationen, die für die Tötung von Tieren, insbesondere von Beziehungstieren, gelten, lassen solche Befürchtungen nicht unbegründet erscheinen. Die Entscheidung, Haustiere einzuschläfern, erfolgt meist dann, wenn sie als nicht mehr beziehungsfähig wahrgenommen werden. Zu den Kriterien, die für das irreversible Koma gelten, zählt der fehlende Austausch mit der Umwelt: Alle Reaktionen auf innere und äussere Reize haben ausgesetzt, es besteht eine völlige Antwortlosigkeit; selbst die schmerzhaftesten Reizmittel rufen keine laute oder eine andere Reaktion hervor, nicht einmal ein Murren, Gliederzucken oder eine Atembeschleunigung. Angehörige wie Ärzte und Krankenschwestern neigen, wenn auch in unterschiedlicher Weise dazu, einen Patienten dann als moribund wahrzunehmen, wenn er nicht mehr ansprechbar erscheint. Es finden sich genügend Beispiele, die belegen, dass solche Wahrnehmungen falsch sein können. Gibt es einmal die Vorstellung, der Tod liesse sich als friedliches Einschlafen organisieren, dann sinkt auch jene Schwelle, die sich einer aktiven «Sterbehilfe» entgegensetzt. Innerhalb eines Jahrhunderts hat sich die Einstellung zu Schmerz und Tod grundlegend geändert. Die modernen Gesellschaften üben einen grossen Aufwand, um das Sterben unsichtbar zu machen. In unseren Krankenhäusern werden Tote möglichst rasch «verräumt». Angehörige und Mitpatienten sollen diesen Vorgang nicht «mitbekommen». Die Austrittsöffnungen der Krankenhäuser, durch welche die Toten abtransportiert werden, sind unauffällig geworden. Während den Eintrittsöffnungen repräsentative Funktion zukommt (der moderne Patient ist Kunde und muss gewonnen werden), erinnern diese an neutrale Garagentore. Nicht einmal eine Aufschrift weist darauf hin, dass hier die Bestattungsunternehmen die Körper der Verstorbenen abholen. Sterben als Einschlafen Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der Tod zu einem faktischen Ereignis geworden. Nicht nur drohen uns alle Jenseitsvorstellungen abhanden zu kommen, es wird auch schwieriger, daran zu glauben, in der Arbeit oder in den eigenen Kindern fortzuleben. Was liesse sich noch weitergeben, abgesehen von guten Wünschen und weitgehend neutralen Werten? Wir haben uns von den Toten um den Preis des Wissens emanzipiert, dass mit dem Erlöschen der biologischen Funktionen unseres Körpers unser Leben endgültig endet. So wird nicht nur der Tod, sondern auch das Leben neu bestimmt. Meine letzte Katze litt an einer tödlich verlaufenden Erkrankung. Die Tierärztin riet zur Spritze. Kleintierärzte haben gelernt, so zu tun, als würde ein Familienmitglied sterben. So viel Trost wie bei Tierärzten findet man in der Humanmedizin nicht. Gewohnt, tröstliche Worte zu finden, fragt die Tierärztin nach vollbrachter Injektion, ob wir die Katze selbst begraben wollten. Nein. Sie meint, das passe schon, das sei doch nur die leibliche Hülle, ihre Seele würde weiterleben. Was für eine Vorstellung, denke ich, als ich aus dem Fenster der Praxis blicke, hinaus auf die Strasse mit ihren Menschen, von denen wohl kaum einer glaubt, eine unsterbliche Seele zu haben. |
|
| [home] | ||