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WoZ-Online
20.12.2001


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Nordirlands Polizeichef versprach öffentlichen Selbstmord, sollte der Bericht über Omagh stimmen.

Den Finger mit am Abzug


Pit Wuhrer

[zum Nordirland-Dossier]
Britanniens Agenten waren in Nordirland stets dabei
William Stobie ahnte, was ihm blühen würde. Zweimal hatte der ehemalige Polizeispitzel das britische Nordirlandministerium um Schutz gebeten – einmal Ende November, ein weiteres Mal Anfang Dezember. Er bekam nicht einmal eine Antwort. Man pflege solche Anfragen nicht öffentlich zu behandeln, sagte hinterher ein Beamter des Ministeriums, das PolitikerInnen und prominente Geschäftsleute stets sofort unter Polizeischutz stellt, wenn diese sich bedroht fühlen. Dabei fühlte Stobie nicht nur die Bedrohung; ihm hatten Polizisten sogar gesagt, dass sein Leben in Gefahr sei. Aber er war erstens wohl nicht prominent genug und zweitens dem Ministerium längst lästig geworden. Und so wurde er am vergangenen Mittwoch frühmorgens von einem Kommado probritischer Paramilitärs vor seinem Haus in Nordbelfast erschossen.
Stobie war eine wichtige Person gewesen – zumindest für all jene, die etwas mehr wissen wollten über die enge Zusammenarbeit der britischen Geheimdienste mit den protestantischen Killerkommandos. Vor allem seine Aussage über die Ermordung des irisch-republikanischen Anwalts Pat Finucane 1989 war von Gewicht. Stobie, führendes Mitglied der loyalistischen Ulster Defense Association (UDA), hatte sich 1987 von der Special Branch, der Geheimdienstabteilung der nordirischen Polizei RUC, anwerben lassen. Als Quartiermeister einer UDA-Einheit in Nordbelfast erfuhr er schon lange vor dem Mord an Finucane, dass ein Anschlag geplant war, und teilte dies auch seinem Agentenführer in der Special Branch mit. Er nannte Namen und beschrieb, wo er wem welche Waffen übergeben hatte – doch nichts geschah. Pat Finucane war damals (Anfang 1989) von einem Mitglied des konservativen Kabinetts im Londoner Unterhaus als Ziel identifiziert und als Terror-Anwalt bezeichnet worden; die britische Regierung störte seinerzeit vor allem, dass der Menschenrechtsanwalt die Todesschuss-Strategie der RUC näher untersuchen wollte, in deren Verlauf mehrere mutmassliche IRA-Mitglieder hingerichtet worden waren. Wäre der Geheimdienst Stobies Hinweisen nachgegangen, hätte er den Anschlag auf Finucane verhindern, zumindest aber nachträglich die Täter von der UDA festnehmen können. Die hat die Polizei bis heute angeblich nicht ermitteln können.
Sein besonderes Wissen über diesen Fall und seine allgemeinen Kenntnisse über die protestantischen Todesschwadronen, die von den britischen Diensten ausgebildet, bewaffnet und angeleitet wurden, schützten Stobie lange Zeit vor Strafverfolgung. Mit Glück überlebte er auch mehrere Versuche seiner ehemaligen Kumpane von der UDA, die ihn als Verräter aus dem Weg schaffen wollten. Erst als Stobies Version der Ereignisse (nicht ohne sein Zutun) publik wurden, machte ihm der Staat den Prozess – wegen Beihilfe zum Mord. Das Verfahren kollabierte im November dieses Jahres, ein Zeuge zog seine Aussage zurück. Er sei nur eine Figur in einem viel grösseren Spiel gewesen, sagte Stobie hinterher, er habe sich «in einem Netz verfangen, das von sehr mächtigen Leuten gesponnen wurde».
Mit Stobie und dessen Geschichte hatte sich Nuala O’Loan kaum befasst, und so war es Zufall, dass die neue, für Polizeifragen zuständige Ombudsfrau O’Loan nur wenige Stunden nach Stobies Erschiessung einen Bericht über die polizeilichen Ermittlungen vor und nach dem Bombenanschlag von Omagh vorlegte. Dieser Bombe der republikanischen Dissidentenorganisation «Real IRA» («wahre IRA») waren im August 1998 mehr Menschen zum Opfer gefallen (29 Tote) als jedem anderen Anschlag in der langen Geschichte des nordirischen Krieges. Auch in diesem Fall hatte die RUC die Täter nie vor Gericht bringen können. Und auch hier fordern Angehörige und Menschenrechtsorganisationen seit langem eine unabhängige Untersuchung.
Unabhängig war O’Loans Untersuchung zwar nicht, aber sie förderte mit Hilfe erfahrener englischer Polizeioffiziere allerlei Ungereimtheiten zutage. Die polizeilichen Ermittlungen seien «mangelhaft» gewesen, heisst es in ihrem Bericht. So habe die Special Branch zwei Warnungen nicht ernst genommen. Die erste Warnung ging elf Tage vor dem Anschlag ein – am 15. August 1998 (exaktes Datum) sei ein Angriff auf Omagh geplant, liess ein anonymer Anrufer die Geheimpolizei wissen. Die zweite Warnung kam drei Tage vorher; ein Polizeispitzel verriet den Namen und das Wagenkennzeichen des mutmasslichen Bombenlegers – aber er wusste nicht, wo der Anschlag stattfinden sollte. Brisant an der Geschichte ist: Bis letzte Woche hatte die RUC stets behauptet, nie Hinweise auf das geplante Attentat erhalten zu haben. Fast noch spektakulärer ist die Aussage, Special-Branch-Agenten hätten einer polizeiinternen Untersuchungskommission jede Menge Dokumente unterschlagen.
Der Bericht schlägt auch deswegen grosse Wellen, weil die bisher fast rein protestantische RUC derzeit zu einem neutralen «Polizeidienst Nordirland» umgebaut wird, allerdings unter alter Führung. Wer soll einer solchen Führung noch vertrauen? Der Report sei ungenau und fehlerhaft, argumentierte daher die Polizeispitze; O’Loans Ermittler hätten keine Ahnung von der Arbeit der Geheimdienste. Polizeichef Sir Ronnie Flanagan sprach sogar davon, öffentlich Selbstmord begehen zu wollen, wenn sich die Anschuldigungen als wahr herausstellten. Wahrscheinlich aber ist, dass der protestantisch-unionistischen Führungspitze in Politik und Polizei ein republikanisches Attentat damals, kurz nach Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens, gar nicht so unrecht gewesen wäre – hätte es doch die proirische Seite arg in Misskredit gebracht. Und so vertuschten sie alles Wissen, nachdem die nicht erwarteten Folgen klar wurden.
Gewiss, die Behörden waren nicht verantwortlich für diesen Anschlag. Sie hatten auch mit dem Mord an Finucane nicht direkt zu tun. Und Stobie? Der wurde von der UDA erschossen – von einer Organisation allerdings, in der bis vor kurzem Polizeispitzel die Mehrheit hatten.
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