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WoZ-Online
14.2.2002

Just for fun: Frauen plagen Männer

Die Sexistinnen sind unter uns


Esther Banz und Constantin Seibt

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Weiblicher Sexismus: Hype, Realität, Wunschtraum, Zukunft?

«Das Leben in dieser Gesellschaft ist bestenfalls Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufrichtigen, verantwortungsvollen und actiongierigen Frauen nur eins: der Sturz der Regierung, die Abschaffung des Geldes und die Vernichtung des männlichen Geschlechtes» (Valerie Solanas, «SCUM Manifesto»).


Meike Baumann, Psychologin und Management-Coachfrau, drückt es sanft und akademisch aus: «Aggression ist nicht mehr ein Privileg für Männer.» Ihre Kollegin, Sarah Meinrad, 27, Kampfsportlerin und Sozialarbeiterin, definiert es direkter: «Männer sind Säue. Und Frauen wollen auch Säue sein.»
Die Sache, um die es geht, ist aktiver weiblicher Sexismus, die «Reduktion des Mannes auf sein Geschlecht und seinen Körper». Ein Phänomen, dem Meinrad und Baumann seit Beginn ihrer Forschung über antimännliche Aggression überraschend oft begegnet sind: Es reicht von laut geäussertem Ekel bis zur körperlichen Attacke.
Bei ihren Recherchen stiessen die beiden Forscherinnen auf mehrere Frauen, die von ihnen ironisch als «Club of Naturalbornsexists» benannt werden. Seine Mitglieder rekrutieren sich von der Männer mobbenden Sachbearbeiterin bis zur sexuell missbrauchenden Karriereakademikerin, von der achtzehnjährigen Telefonbelästigerin bis zur grau melierten freundlichen Dame, die dem Mann auf dem Nebensitz den Ellbogen in die Rippen gibt.
Um weitere sexistisch aktive Frauen zu finden, eröffneten Meinrad und Baumann diesen Dienstag unter reger Medienteilnahme eine Website (www.sexistinnen.ch) und eine Hörtelefonkabine am Zürcher Bellevue, die leicht scheppernde Tondokumente von Telefonbelästigungen, Diskussionsrunden und Abenteuererzählungen des Clubs abspielt.
«Weiblicher Sexismus», so Sarah Meinrad gut gelaunt, «hat nicht viel mit klassischem Feminismus zu tun. Die typische Sexistin ist sexuell und auch sonst nicht pervers. Aber es macht ihr einfach Spass, Typen zu beleidigen oder ihnen im Extremfall auch mal eine reinzuhauen.»


«Der Mann ist eine biologische Katastrophe: Das männliche Y-Gen ist ein unvollständiges weibliches X-Gen. Mit anderen Worten, der Mann ist eine unvollständige Frau, eine verfehlte Abtreibung, die schon im Genstadium verkümmert ist» (SCUM).

Männerekel ist wahrscheinlich so alt wie die Keule – und dreht sich um immer ähnliche Motive: «In der Anschauung vom Mann liegt der Schwerpunkt des Pessimismus. In der Niederkritisierung des Mannes gipfelt die einzig wahre Weltbeleuchtung», schrieb etwa 1905 das Wunderkind und die zweite Frau, die an der Universität Zürich in Philosophie doktorierte, Helene von Druskowitz. Sie wies dem «groben, verlogenen, hässlichen» Mann den Platz «eines Zwischenglieds zwischen Mensch und Tier» zu. Spätere Autorinnen waren radikaler. «Den Mann ein Tier zu nennen, heisst ihm schmeicheln», präzisierte Valerie Solanas in ihrem berühmten Manifest «SCUM – Society for Cutting up Men», das die physische Eliminierung aller Männer forderte. Solanas beliess es nicht bei Worten und schoss 1968 Andy Warhol nieder. Spätere Radikale beliessen es meistens bei Ankündigungen, so die 1990 in Graz gegründete «anti maskuline revolution (amr)», die zu brutaler Gewalt mit dem Endziel «der Ausrottung aller nicht eindeutig als weiblich identifizierbaren Wesen» aufrief. Bis jetzt vergeblich. Jedoch ...

«SCUM wird nicht nur sabotieren, plündern und Paare auseinander treiben, sondern gleichzeitig auch Rekruten werben» (SCUM).

Frau Baumann, wie verbreitet ist weiblicher Sexismus?
Wir wissen noch nichts Genaues über Quanti-, Qualität, Spielformen und Hauptakteurinnen. Deshalb unser Gang an die Medien: Jedenfalls kennt fast jede Frau andere Frauen, die sexistisch denken oder handeln.

Ist der Sexismus eine Folge des Feminismus oder des Backlashes dagegen?
Ich denke, er ist eine Folge dessen, dass die Welt frauenfreundlicher, aber nicht weiblicher geworden ist. Immer mehr Frauen sind im Berufsleben, nur ein Bruchteil wird Chefs. Da überle-gen sich Managementfrauen schon
die macchiavellistische Option. Jeder Mann, den du zerstörst, ist ein potenzieller Konkurrent weniger. So funktioniert Evolution.

Ist weiblicher Sexismus also eine Abart klassenkämpferischen Mobbings?
Teils. Wie eine unserer Probandinnen sagt: «Sexismus ist präventive Aggression.» Ein solches Denken zeichnet das Alphatier aus. Wenn alles mit Naturwissenschaft, Genetik und Sachzwängen erklärt wird, ergibt sich logisch eine kompetitive und damit sexistische gesellschaftliche Grundstimmung. Weiblicher Sexismus ist die natürliche Reaktion auf den kulturellen Code von heute, den Biologismus: Der Mann wird zur wertlosen und/oder feindlichen Spezies. Das lässt sich durchaus mit Kreativität und Humor erledigen: Computerfiles löschen, kleine Schläge mit dem Ellbogen, sexuelles Demütigen, das Belästigen von Bierbauchträgern – das ist Fun. Für unsere Sexistinnen sind Männer oft Sparringpartner.


«Männer sind seelische Krüppel, unfähig, sich in andere hineinzuversetzen oder sich mit ihnen zu identifizieren» (SCUM).

Klaus Heer, Paartherapeut: «Das Sexismus-Phänomen kannte ich bis anhin nicht in dieser expliziten Form. Aus dem Bereich der vier Wände kenne ich es; Paare, das heisst vor allem die Männer, erzählen mir davon in der Paartherapie. (...) In den Köpfen vieler Frauen gab es schon immer fest gefügte und ungnädige Vorstellungen darüber, was ‘ein typischer Mann’ sei. Vorurteile und Ungerechtigkeit auf der einen Seite produzieren Vorurteile und Ungerechtigkeit auf der anderen. Männlicher und weiblicher Sexismus lassen sich nur beschränkt vergleichen. Der traditionelle männliche Sexismus ist Teil der ‘natürlichen Überlegenheit’, die Männer jahrhundertelang für sich in Anspruch genommen haben. Noch heute profitieren Männer von der schlichten Tatsache, dass sie Männer sind – auf Kosten der Frauen. Die Auswirkungen dieser Einstellung sind gesellschaftlich weit verheerender als aller weibliche Sexismus zusammengenommen.»
Lu Decurtins, Zürcher Mannebüro: «Manchmal erzählen Männer von Frauen, die ihre Situation bewusst ausgenützt haben, um sie zu schädigen. Sie setzen die Männer unter Druck und drohen mit einer Klage. Wir sind hauptsächlich mit Fällen innerhalb von Partnerschaften konfrontiert. Sexismus kann aber auch im Fall von Mobbing vorkommen. Ob ich weiblichen Sexismus für die Reproduktion des männlichen Sexismus halte? Nun, Reproduktion ist zu banal gesagt. Frauen und Männer sind anders sozialisiert, sie haben andere Stärken und Schwächen. Die Frau geht daher wohl eher sensibler vor, weniger plump und direkt als die meisten Männer.»


«Jeder Mann weiss in seinem tiefsten Innern, dass er ein Stück Scheisse ist» (SCUM).

Kreativität in Ehren, Frau Baumann. Aber abgesehen davon, dass Computersabotage trotz allem übles Mobbing ist – welche Männer werden zu Opfern? Machos oder Softies? Junge oder Alte? Chefs oder Untergebene?
Bis jetzt haben wir uns ausschliesslich mit den Frauen beschäftigt. Die Männer haben uns nicht interessiert.

Werden auch linke, nette oder harmlose Männer belästigt?
Eine Teilnehmerin gab Schwierigkeiten zu, auch erfolglose Männer zu belästigen. Andere sehen da kein Problem. Auch diese Männer haben ihre aggressiven Seiten, oder sie riechen, sie haben Bierbäuche ...

Aber hat die feministische Bewegung nicht immer gegen ein verordnetes Schönheitsideal gekämpft?
Nun, der Bierbauch ist doch in gesundheitsschädlicher Eigenverantwortung gewachsen, oder? Man kann ein Minimum verlangen.

Sie teilen ja selbst den sexistischen Standpunkt! Das ist doch nicht wissenschaftlich!
Die Frage eines Journalisten hat mir tatsächlich zu denken gegeben. Er hat uns darauf hingewiesen, dass man die richtigen Nachnamen der am Telefon belästigten Männer noch hören kann. Wir haben im Vorfeld unserer Aktion so ziemlich alles überdacht – die Stromanschlüsse, die Plakatfarbe, sogar wo hier saubere Toiletten sind ... Den Schutz der Privatsphäre der Männer aber haben wir keine Sekunde überlegt. Das ist ein Versäumnis, das gebe ich zu. (Lächelt.)


«Wie die Menschen ein vorrangiges Lebensrecht gegenüber den Hunden haben, so haben die Frauen ein grösseres Lebensrecht als die Männer» (SCUM).


Ausgewählte erprobte Techniken aus den Tonbandaufnahmen der Sexistinnen-Kabine im Bellevue...
... im Büro (Mobbing):
• Ein schlüpfriges E-Mail, das der Chef oder Kollege unvorsichtigerweise geöffnet auf dem Bildschirm hat, an alle MitarbeiterInnen im Betrieb weitersenden.
• Dateien vor allem älterer, weniger computererprobter Herren löschen und sich an ihrer Verzweiflung weiden.
• Bei noch älteren Herren: Verbindungskabel der Maus lockern.
• Den Arbeitskollegen, der gerade Vater wurde, anspornen, möglichst viel zu arbeiten, so dass er seine Familie vernachlässigt. Mit etwas Glück verlässt ihn seine Frau, weil er nur noch an den Job denkt.
• Private Utensilien wie Fotos der Familie, Glücksbringer, Erinnerungsstücke zerstören oder verschwinden lassen.
• Hinterhältige Bemerkungen, die gezielt auf einen Komplex (Aussehen, Mundgeruch, sexuelle Einsamkeit) zielen.
... privat:
• Zuerst anmachen und dann schlicht ignorieren.
• Beim Sex oder hinterher auslachen/kritisieren/erniedrigen (realistische Kritik genügt meistens!).
• Enttäuschte Bemerkungen über seinen Körper, insbesondere den Penis.
... Diverses:
• Einen Mann anrufen unter dem Vorwand, er habe bei einer Werbeaktion einen Trainer gewonnen. Ihn über seine Körperbeschaffenheit ausfragen. Ihn zwingen, Beschreibungen von Bauch, Po, Beinen, Behaarung und Achselschweissabgabe zu liefern. Dann den Trainer mit der Bemerkung verweigern, ein Sack wie er sei nicht werbewirksam.
• Belästigungen im Bus, zum Beispiel mittels harter oder spitziger Gegenstände.
• Bier oder Ähnliches in den Schritt leeren (z. B. in einer Bar).
«In einer gesunden Gesellschaft würde der Mann folgsam hinter der Frau hertrotten» (SCUM).
Drei Sexismus-Motive aus den Bellevue-Tapes:
Susann: «Der Neosexismus ist für mich einfach eine neue Form, Spass zu haben. Der Feminismus ist definitiv out, was bleibt einem da sonst noch übrig? Wir wollen einfach besser leben, und um das zu erreichen ...»
Erika: «... müssen wir aus Prinzip se-
xistisch gegen Männer sein. Die Männer können nur so mächtig oder aktiv sein, weil so viele Frauen passiv oder depressiv sind. Je mehr Frauen aus Prinzip auf der aggressiven Seite stehen, desto mehr wird sich das ändern.»
Isa: «Und bitte nicht vergessen: Guter Sexismus ist immer noch einfacher zu haben als guter Sex!»


«Die Versuchung wäre gross, auch weibliche Heuchler zu eliminieren. Aber das wäre undurchführbar, weil dann niemand übrigbliebe» (SCUM).


Esther, äh, wie hältst du es mit Sexismus?
Bierbäuche find ich natürlich auch eklig. Richtig aggressiv werde ich, wenn mir ein Typ so mit der Haltung «Keine Angst, du brauchst dein winziges Gehirn nicht zu strapazieren, meins erledigt das schon für dich» Eindruck machen will. Im Übrigen lebe ich meinen Sexismus im Stillen aus. Bei autoritären Gesprächspartnern, Chefs oder Kollegen denke ich mir die Kleider weg, wenn sie laut oder sonstwie unerträglich werden. Also zum Beispiel ... wäck! Die unschönen Bilder bändigen jede Art von Respektgefühl schlagartig.


«SCUM wird alle Männer töten, die nicht Mitglied der SCUM-Männerhilfstruppe sind. Mitglieder der Männerhilfstruppe sind diejenigen, die fleissig daran arbeiten, sich selbst zu eliminieren. Beispiele für Angehörige der Hilfsgruppe sind: Männer, die Männer töten, Journalisten, die Ideen im Sinne der Ziele von SCUM propagieren …» (SCUM).


Und was war deine schlimmste Demütigung, Constantin?
Es war vor Jahren, im «Odéon». Ich stand mit Lea an der Bar und redete. Sie sagte: «Du langweilst. Sag was anderes.» Ich sagte was anderes. Sie sagte: «Du langweilst noch immer.» Ich wechselte das Thema. Sie sagte: «Sprich nicht immer über dich.» Mir fiel in dem Moment kein Thema auf der Welt ein, dass nicht über mich war. Ich sagte das. Sie sagte: «Dann halt den Mund.» Ich hielt den Mund. Sie ging.


«Heute ist es technisch möglich, sich ohne Hilfe der Männer zu reproduzieren und ausschliesslich Frauen zu produzieren. Wir müssen sofort damit beginnen» (SCUM).

Meike Baumann, erzeugt Sexismus nicht permanente Aggression? Wirkt er sich nicht verheerend auf das restliche Gefühlsleben aus?
Ach wo! Aggression ist ja auch ein Gefühl, und zwar ein äusserst vitales. Abgesehen davon führen Sexistinnen ganz normale Beziehungen, sogar mit Männern.

Sexistinnenlinks

Sexistinnen-Homepage, Zürich

Dr. Helene von Druskowitz – Wunderkind, Philosophin, Sexistin

anti masculine revolution

Männerwecker – für Männer und Männerrechte (Gibt es die?)

Valerie Solanas: The SCUM Manifesto

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