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21.2.2002
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Gewerkschaften und Lohnpolitik |
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Trendbruch
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Die Bedingungen waren nicht gut. Trotzdem konnten die SGB-Gewerkschaften wieder vermehrt generelle Lohnsteigerungen verbuchen und Mindestlöhne anheben. Eine Zwischenbilanz.
Viele Patrons hatten den garantierten Teuerungsausgleich bereits auf den Misthaufen der Geschichte befördert und für abgehakt erklärt. Nicht ohne Grund: Ende der neunziger Jahre befanden sich die Gewerkschaften in der Defensive. Das änderte sich aber in den letzten beiden Jahren - 2000 und 2001 konnten die Gewerkschaften in der Schweiz Abschlüsse mit garantiertem Teuerungsausgleich und Reallohnerhöhungen aushandeln. Das mag einerseits der besseren Konjunktur zuzuschreiben sein, andererseits aber auch der gesteigerten gewerkschaftlichen Fähigkeit zur Auseinandersetzung. Am augenfälligsten dafür steht der Kampf, den die Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) bereits 1999 geführt hatte und der - zu einem guten Teil in ihrem Sinn - erst durch bundesrätlichen Kompromissspruch im Frühling 2000 beendet wurde: 100 Franken mehr für alle. Dieser Kampf erklärt auch, warum die GBI im Bauhauptgewerbe 2000 die verlangten 200 Franken für alle rasch und konfliktlos erreichen konnte - ein Resultat, das auch OptimistInnen überraschte. In den 2001 begonnenen Verhandlungen hat die GBI ihre ursprüngliche Lohnforderung mittlerweile auf 120 Franken für alle herabgeschraubt. Im Rahmen des neuen Gesamtarbeitsvertrags (GAV) verlangt sie eine mögliche Frühpensionierung für alle Bauarbeiter ab sechzig. Bei beiden Forderungen wollen die Arbeitgeber nicht nachgeben. Die GBI bereitet sich deshalb für die GAV-lose Zeit ab April auf einen Streik vor. Ein Trendbruch gelang der Gewerkschaft VHTL (Verkauf, Handel, Transport, Lebensmittel) bei der Migros. In den Verhandlungen 2000 wurden Lohnerhöhungen von 2,5 bis 3,5 Prozent vereinbart. Wichtiger aber ist, dass für alle Löhne zwischen 3000 bis 4000 Franken eine einheitliche Erhöhung von 100 Franken festgelegt wurde - dies zum ersten Mal seit geraumer Zeit. Im letzten Jahr konnte dieses Niveau einigermassen gehalten werden: Von der 3,25-Prozent-Erhöhung der Lohnsumme müssen mindestens 1,75 Prozent generell gewährt werden. Eine vermehrte Gewichtung der generellen Lohnerhöhungen gelang der Gewerkschaft VHTL auch bei Coop: der Abschluss 2001 sieht für Löhne bis 4000 Franken einheitlich 100 Franken mehr vor. Von diesen Ergebnissen profitieren insbesondere die Frauen. Der Gewerkschaft Kommunikation gelang es, bei Swisscom den Anteil der generellen Erhöhungen gegenüber den individuellen zu bewahren. Das Verhältnis der beiden Grössen bleibt aber umstritten; inbesondere bei den aktuellen Lohnverhandlungen bei der Post. Die gewerkschaftliche Opposition galt weniger dem Gesamtresultat von 3,2 Prozent als vielmehr der Verteilung: nur 1,8 Prozent sollten generell gewährt werden. Nicht gelungen ist die Korrektur in der Chemie. Der Dauerprotest bei Novartis, dieses Jahr besonders ausgeprägt, hat bis jetzt noch keinen Erfolg gebracht. Die Bilanz: Der Teuerungsausgleich ist wieder aktuell geworden, und der Trend, Lohnpolitik nur individuell zu gestalten, wurde deutlich abgebremst. Damit konnte die Lohnschere wieder ein bisschen zusammengedrückt werden. Kein Nettolohn unter 3000 Keine Nettolöhne unter 3000 Franken: Diesen Auftrag erteilte der SGB-Kongress 1998 den ihm angeschlossenen Gewerkschaften. Der Kampagne gelangen einige bemerkenswerte Erfolge. So gilt zum Beispiel bei Migros und Coop ab dem nächsten Jahr ein Nettomindestlohn von 3000 Franken. Seit Anfang dieses Jahres gilt in folgenden Branchen ein Bruttomindestlohn von 3000 Franken: - Im Gastgewerbe (ohne Berggebiete): Die Erhöhung von 2510 auf 3000 Franken entspricht 19,5 Prozent. - Bei Globus: Hier wurde im letzten Jahr erstmals ein GAV abgeschlossen. - Ungelernte Angestellte erhalten gemäss dem GAV in der Druckbranche seit Anfang Jahr 3000 Franken. Dies gilt auch in der Zigarrenindustrie und der Genfer Landwirtschaft. Im Buchhandel gilt seit letztem Jahr ein Bruttomindestlohn von 3100 Franken. In der Wäscherei Zeba wurde mittels Streik für NeueinsteigerInnen ein Bruttomindestlohn von 3200 Franken erkämpft. Für alle anderen Beschäftigten konnte man eine Absenkung der Löhne von 4200 auf 3100 Franken verhindern. Ausserdem konnten die Bruttomindestlöhne in der Wäscherei Aare AG - auch hier mittels Streik - um 32 Prozent auf fast 3000 Franken gesteigert werden. Hiesige Linke verfallen oft der masochistischen Tendenz, angesichts zunehmender Ungleichheit nur die gewerkschaftlichen Misserfolge zu sehen. Sicher gibt es Misserfolge. Und neoliberale Schickis wollen in den Gewerkschaften nur noch ein Auslaufmodell sehen. Aber es gibt auch die Zeichen des Aufbruchs - und Resultate, die einen solchen belegen. Es sind sehr verschiedenartige Gewerkschaften, die Erfolge aufweisen können in der Korrektur einer in den letzten Jahren zunehmend auf Irrwege geratenen Lohnpolitik. Dies ist kein Grund für Selbstgefälligkeit, sondern ein Auftrag, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. |
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