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21.2.2002
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Arbeitszeit: Wie der Aufschwung die Mobilisierung bremst |
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Das Dilemma mit dem Job-Argument
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Was will die Arbeitszeitinitiative?
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In der Krise fehlt die Kraft, im Aufschwung die Begründung. Die Kampagne zur Arbeitszeitinitiative leidet darunter, dass sie zu lange mit Blick auf die Beschäftigungslage geführt wurde.
«Jahr für Jahr steigt die Arbeitsproduktivität. Vollbeschäftigung ist deshalb nur möglich, wenn entweder immer mehr Güter und Dienste gekauft werden oder wenn die Arbeitszeit verkürzt wird. (...) Jede Form von Arbeitszeitverkürzungen schafft mehr Arbeitsplätze: Mehr Ferien, eine Reduktion der Wochenarbeitszeiten, individuelle Teilzeitarbeit und Frühpensionierungen. Sogar kleine Schritte der Arbeitszeitverkürzung sind beschäftigungswirksam.» So pries SGB-Sekretär Serge Gaillard im März 1998 den «Cash»-LeserInnen die Arbeitszeitverkürzungsinitiatve der Gewerkschaften an, welche zwei Monate später lanciert wurde. Die Arbeitslosigkeit ging in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt bereits zurück, und erste Anzeichen eines konjunkturellen Aufschwungs waren erkennbar. Gaillard verwies daher in seinem Kurzplädoyer auch auf weitere positive Effekte der Initiative (gerechtere Verteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern, Gesundheitsschutz). Der Vertreter der Arbeitgeberperspektive konterte in derselben «Cash»-Ausgabe ebenfalls mit einem konjunkturellen Argument: Die Initiative sei kontraproduktiv, denn «der schweizerische Arbeitsmarkt leidet schon jetzt an einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und an einem Überfluss an zu wenig qualifizierten, hauptsächlich ausländischen Arbeitskräften. (...) Künstlich verschärfte Engpässe bei den Qualifizierten, verstärkt durch demografische Effekte im nächsten Jahrzehnt, würden die Leistungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft spürbar beeinträchtigen.» Der Aufschwung hat das Thema Arbeitslosigkeit seither aus der politischen Agenda verdrängt. Sozialpsychologisch gesprochen herrscht «Vollbeschäftigung». Bürgerliche GegnerInnen der Initiative behaupten nun, mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit sei sie überflüssig und sogar gefährlich geworden. Denn wer solle in einer solchen Situation die mit der Arbeitszeitverkürzung entstehenden Arbeitsplätze überhaupt ausfüllen? Haben die Gewerkschaften bei der Lancierung dieser Initiative einfach die Konjunkturentwicklung falsch eingeschätzt? Das Paradox Wenn es nur so einfach wäre! Doch die Sache ist komplizierter. Nicht nur der Aufschwung, auch - allerdings auf andere Art - die Krise schadet der Forderung nach einer Verkürzung der Arbeitszeit. Als der SGB vor dem Hintergrund interner Kritik und guter Konjunktur im letzten Sommer einen Rückzug der Initiative in Erwägung zog, argumentierte der damalige GBI-Vizepräsident Hans Schäppi unter anderem so dagegen: Man habe die Initiative vor allem lanciert, «weil in den gesamten neunziger Jahren die Arbeitszeiten nicht mehr verkürzt werden konnten, obwohl dies gerade in dieser Zeit dringend notwendig gewesen wäre». Gerade in einer Zeit der Krise und der wirtschaftlichen Stagnation sei eine Verkürzung der Arbeitszeit aber schwer durchzusetzen. «Der ökonomische Verteilungsspielraum ist eingeschränkt, der Konkurrenzdruck hoch, und so setzen die Unternehmer einer Verkürzung in der Krise einen massiven Widerstand entgegen.» Die Lohnabhängigen hingegen seien schwer zu mobilisieren - «nicht nur wegen des Drucks der Arbeitslosigkeit, sondern weil in solchen Zeiten die Lohnfrage meist im Vordergrund der Interessen steht. Eine Arbeitszeitverkürzung muss so nicht primär in Krisenzeiten, sondern in einer Zeit der besseren Konjunktur durchgesetzt werden», in der aber - ist man versucht den Kreis in die Gegenwart zu schliessen - die Lohnabhängigen kaum mit dem Argument zu mobilisieren sind, es gehe darum, Arbeitsplätze mittels Arbeitszeitverkürzung zu erhalten. Offensichtlich stehen die Gewerkschaften vor einer paradoxen Situation: In der Krise haben die Unternehmer keinen Spielraum (das behaupten sie jedenfalls), die Beschäftigten sind verängstigt und haben nur den Lohn im Kopf. Im Aufschwung werden Arbeitskräfte knapp, und eine Verteilung der Arbeitslast «auf mehr Schultern» drängt sich auf den ersten Blick nicht auf. So gesehen gibt es überhaupt keine «gute Konjunktur», um eine Arbeitszeitinitiative zu gewinnen. Kommt hinzu, dass der Gedanke der Arbeitszeitreduktion je nach konjunkturellem Hintergrund ein ganz unterschiedliches emotionales Verhältnis zur Arbeit entwickeln kann: Geht es in der Krise darum, ein knappes, wertvolles Gut (die Arbeit) gerecht auf alle umzuverteilen, wird in besseren Zeiten plötzlich davon geredet, die Beschäftigten von mühseliger Plackerei zu befreien. Mit anderen Worten: Die Forderung nach einer Verkürzung der Arbeitszeit tendiert vor dem Hintergrund eines konjunkturellen Umbruchs (ganz gleich in welche Richtung) dazu, das ambivalente Verhältnis der Gewerkschaften zur Arbeit an sich sichtbar zu machen. Das aber verunsichert ihre Basis. Arbeit als Quelle der Identifikation und Arbeit als Ort der Ausbeutung - sobald die Gewerkschaften zwischen diesen beiden Dimensionen nicht mehr vermitteln können, untergraben sie den Anspruch, die Interessen der Beschäftigten insgesamt zu vertreten. Konjunktur für fundamentale Fragen? Dabei ist die Diskussion, die innerhalb des SGB zur Lancierung der Arbeitszeitinitiative geführt hat, sehr gut nachvollziehbar. Bereits im Juni 1993, als die offizielle Arbeitslosenzahl in der Schweiz auf 157 000 Erwerbslose gestiegen war, hatte der SGB errechnet, dass mit der Einführung der 39-Stunden-Woche 120 000 neue Stellen geschaffen werden könnten. «Ein Vorschlag, der besticht», kommentierte damals «Cash». Die Christlichen Gewerkschaften postulierten die 38-Stunden-Woche, die Gewerkschaft Druck und Papier strebte die 35-Stunden-Woche an, und VPOD-VertreterInnen sprachen sogar von der 34-Stunden-Woche. SGB-Sekretärin Margrit Meier vertrat damals die Meinung, die Arbeitszeitverkürzung könne mit einer entsprechenden Lohnkürzung einhergehen. Sie konnte sich dabei auf Umfrageergebnisse stützen, welche bei den Lohnabhängigen durchwegs grosse Bereitschaft erkennen liessen, im Interesse der Arbeitsplatzsicherung per Arbeitszeitverkürzung Lohneinbussen in Kauf zu nehmen. Je länger die Krise dauerte und je drängender und mit herkömmlichen Methoden unlösbarer das Problem der Arbeitslosigkeit erschien, umso mehr Boden gewann diese letztlich defensive Perspektive. Im Oktober 1997 - im siebten Rezessionjahr - leitete «Facts» eine grosse Story über die kommende 37-Stunden-Woche so ein: «Eine Mehrheit der Schweizer Beschäftigten ist bereit, Arbeitszeit und Lohn zu reduzieren. Was die FACTS-Umfrage ergab, findet bei den Sozialpartnern immer mehr Anhänger. Gefragt ist nicht starre Reduktion, sondern Flexibilisierung.» Man kann es dem SGB sicher nicht verdenken, dass er damals die scheinbar gefestigte öffentliche Meinung zu Gunsten einer radikalen Arbeitszeitverkürzung mit einer Volksinitiative auszunützen versuchte - zumal die Unternehmen in den Branchenverhandlungen bereits sehr viel gemässigtere Forderungen kompromisslos zurückwiesen. Attestieren darf man den Gewerkschaften auch, dass sie 1997 nicht bloss ein defensives Projekt formuliert haben. Und wer eine Volksinitiative lanciert, hofft vielleicht immer - und sei es nur unterschwellig - darauf, diesmal lasse sich ein Volksmehr erreichen. Dennoch hätte der SGB wohl der Versuchung widerstehen müssen, die Frage der Arbeitszeitverkürzung primär aus einer konjunkturellen Optik anzugehen. Hätte man von Anfang an weniger aufs Gewinnen und kompromissloser auf den «Tabubruch» und auf das «Visionäre» gesetzt, dann hätte diese Initiative vielleicht besser das erreicht, was heute von Gewerkschaftsseite als ihre zentrale Aufgabe angesehen wird: eine gesellschaftliche Diskussion über die Zukunft von Arbeit, Freizeit und Geschlechterrollen. |
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