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WoZ-Online
11.4.2002

Das europäische Mediengemischel nach dem Kirch-Bankrott

Die Amigos auf Beutezug


Gian Trepp

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«Gerne hätte ich weitergemacht», schrieb Leo Kirch Anfang Woche im Abschiedsbrief an seine Angestellten, «aber die Führung unserer Firma wurde mir aus der Hand genommen.» Die Kirch-Gruppe, zweitgrösstes deutsches Medienunternehmen nach Bertelsmann, war zahlungsunfähig, das Lebenswerk des legendären 75-jährigen Medienmoguls zerstört.
Gescheitert ist der alte Fuchs aus München im Wesentlichen an zwei strategischen Fehlentscheiden. Zum einen setzte er Mitte der neunziger Jahre auf das private digitale Bezahlfernsehen. Dieses Geschäftsmodell konnte sich im deutschen TV-Markt nicht gegen das werbefinanzierte Gratisfernsehen durchsetzen. Mit der Ausnahme des britischen Satellitenkanals BSkyB (Murdoch) liegen die AbonnentInnenzahlen im europäischen Bezahlfernsehen durchweg jenseits der Rentabilität. Die Fehleinschätzung in diesem Bereich kostete Kirch Milliarden und schmälerte den Erfolg seiner eigenen Gratissender Sat 1 und Pro 7.
Der zweite grosse Fehler Kirchs war sein Vertrauen in die New-Economy-Blase. Inspiriert vom US-amerikanischen Börsenboom kaufte er seit Mitte der neunziger Jahre mit Fremdkapital Unternehmen zusammen, was das Zeug hielt. Das nötige Geld holte er sich bei den Banken, allen voran bei der von der bayerischen Staatspartei CSU kontrollierten Landesbank (vergleichbar den hiesigen Kantonalbanken) sowie bei einigen internationalen Investoren. Kirchs Geschäftspartner waren der amerikanisch-australische Medienmogul Rupert Murdoch, dessen italienisches Ebenbild, Premierminister Silvio Berlusconi, der saudische Grosskapitalist Prinz al Waleed bin Talal, die US-Investmentbank Lehman Brothers und die US-Investmentfirma Capital Group. Sie alle haben ihre Investitionen in die Kirch-Gruppe mit Rückverkaufsrechten zu aufgebläht hohen Preisen abgesichert.
Anfänglich lief die New-Economy-Strategie blendend. Die Börsengänge spülten Geld in die Kasse, Kirchs langjähriger Manager und späterer Partner Thomas Haffa avancierte mit der Firma EM-TV zum Superstar der deutschen Zockerbörse «Neuer Markt» (Nemax). Doch der Einkommensstrom trocknete aus, nachdem die Börsenblase in der weltweiten Rezession platzte. Die Schere zwischen sinkenden Einkommen und hohen Finanzierungskosten öffnete sich immer weiter, bis Kirch weder seine Schuldzinsen bezahlen noch die hohen Rückverkaufsrechte seiner internationalen Geschäftspartner honorieren konnte.
Seit Anfang Woche steht jetzt die Kirch-Gruppe unter der Aufsicht des von einem Münchner Gericht eingesetzten Konkursverwalters. Schon die geschäftliche Abwicklung der Grosspleite ist eine Herkulesaufgabe. Die Interessen der verschiedenen Gläubigergruppen, Banken, internationalen Investoren und Obligationäre sind sehr unterschiedlich. Die Banken und Obligationäre wollen eine von den Schulden entlastete Auffanggesellschaft, weil sie hoffen, in Zukunft einen Teil der Verluste wieder zurückzubekommen. Die internationalen Investoren sind vor allem an den noch rentierenden Teilen von Kirch interessiert. Wer bekommt den per saldo profitablen Rechtehandel? (Kirchs Kerngeschäft war der Handel mit Vorführrechten an Hollywoodfilmen und mit Übertragungsrechten, vor allem der deutschen Bundesligaspiele, der Fussball-WM und der Formel 1). Wer schnappt sich die Sat-1-Pro-7-Senderkette?
Neben den rein wirtschaftlichen Auseinandersetzungen der Gläubigergruppen wirft die Kirch-Pleite auch politische Fragen auf. Leo Kirch gehörte in den sechziger und siebziger Jahren zum Amigo-System, jenem Zirkel von Freunden des unvergessenen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauss, der sich wechselseitig mit Aufträgen, Staatsknete, Geschenken und Protektion bediente. Als Folge davon schuldet Kirch heute der Landesbank und dem Freistaat selber fast zwei Milliarden Euro, die grösstenteils verloren sein dürften.
In den achtziger und neunziger Jahren avancierten die Kirch-Medien zu einem wichtigen Pfeiler im Machtsystem von Bundeskanzler Helmut Kohl. Überraschenderweise scheiterte trotzdem die seit Beginn der neunziger Jahre angestrebte Kontrolle des rechtsgerichteten Axel-Springer-Verlages («Bild», «Welt»). Springer-Witwe Friede leistete hartnäckigen Widerstand gegen den Mogul. Heute liegen vierzig Prozent von Springer in der Kirch-Konkursmasse.
Bei diesem historischen Hintergrund wurde die Kirch-Pleite für den sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder zum gefundenen Fressen im heraufziehenden Wahlkampf für den Deutschen Bundestag. Folgerichtig hat Schröder bereits begonnen, seinem Konkurrenten, dem bayerischen Premier Edmund Stoiber, den Fall Kirch und damit seine Verantwortung für die vielen Arbeitsplätze um die Ohren zu schlagen.
Neben diesen rein deutschen Politaspekten bekommt der Kirch-Bankrott gerade auch durch den Krieg im Nahen Osten eine brisante internationale Komponente. Soll der bislang ausländerfreie deutsche Privatfernsehmarkt geöffnet werden? Und wenn ja, wer von Kirchs Geschäftspartnern soll Sat-1-Pro-7 bekommen? Der saudische Ölprinz al Waleed bin Talal, der mächtige Rupert Murdoch, eine Stütze der US-amerikanischen Israel-Lobby oder vielleicht der italienische Premierminister und Murdoch-Freund Silvio Berlusconi?
Eine gewisse Bedeutung für die Kirch-Gruppe hatte auch die Schweiz. Da wäre einmal das erfolgreiche Werbefenster von Sat 1 zu nennen, das viel Schweizer Werbegeld nach Deutschland leitet und das schmähliche Ende der hiesigen TV-Ambitionen von Roger Schawinski (Tele 24) und Tamedia (TV 3) beschleunigte. Zudem gibt es im Kirch-Management einige hoch gestellte Schweizer, etwa den Sat 1/Pro 7-Chef Urs Rohner, den «KirchPayTV»-Chef Markus Tellenbach oder Kirchs alten Zürcher Geschäftsfreund Stephan Sager.
Dass Kirch mit seinem jahrzehntelangen «Management by amigo» auch im Finanzparadies Zug kein Unbekannter ist, erstaunt wenig. Seit Jahren tauchten in den Medien immer wieder Verdächtigungen auf, er habe sich krumme Touren in Steuersachen zuschulden kommen lassen – bewiesen wurde bislang allerdings nichts.
Interessant, bei Wahrung der Proportionen, ist der Vergleich von Kirch mit dem hiesigen Fall Jean Frey. Nachdem beide Medienunternehmen am Markt gescheitert sind, wartet das in den gut eingeführten Titeln und Vertriebskanälen schlummernde Profitpotenzial darauf, von einem neuen Investor wieder belebt – oder endgültig zu Grabe getragen zu werden.

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