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WoZ-Online
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17.10.2002
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[zum Dossier économique] |
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Schenkt euch doch die Globalisierung! |
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Die Angst vor einem Gespenst
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Das Kapital überwindet die Staatsgrenzen zwar leichter. Doch die schlechteren Arbeitsbedingungen haben eine andere Ursache.
Die Arbeitsbedingungen werden schlechter, weil die nationale Politik der internationalen Wirtschaft nicht folgen kann. Heisst es. Die multinationalen Konzerne würden mit den nationalen Standorten Katz und Maus spielen und die Produktion subito an einen neuen Standort verlagern, wenn sich dort bessere Profitmöglichkeiten auftun. Die Auslagerung der Produktion von exportorientierten Branchen in Billiglohnländer erhöht die Arbeitslosigkeit, drückt die Löhne, verschlechtert die Arbeitsbedingungen. Das mobile Kapital könne deshalb nur durch eine internationale Koordination der Lohnabhängigen und über supranationale Institutionen in die Schranken gewiesen werden. Ein Blick in die Schweizer Zahlungsbilanz zeigt tatsächlich: Die Internationalisierung der Wirtschaft hat gemessen an den Auslandsinvestitionen der Schweizer Unternehmen tatsächlich zugenommen. Seit den achtziger Jahren ist das Verhältnis des Auslandskapitals der Schweizer Unter-nehmen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) um den Faktor fünf gestiegen, wobei sich diese Entwicklung über die neunziger Jahre verstärkt hat. Gemäss der Studie «Die Internationalisierung der Schweizer Wirtschaft» der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich besteht diese verstärkte Internationalisierung jedoch nicht einfach aus einer Verschiebung von Schweizer Produktion ins Ausland. Im Gegenteil: In den meisten Fällen bilden die Auslandsinvestitionen eine Ergänzung zur Inlandproduktion, sei es, dass neue Distributionskanäle für inländische Produkte im Ausland geschaffen wurden, sei es, dass durch neue Produktionsstätten im Ausland zusätzliche Absatzmöglichkeiten für die Inlandproduktion entstanden sind (wie zum Beispiel über die Lieferung von inländischen Produktionsmitteln an die Schweizer Unternehmen im Ausland). Die Internationalisierung der Wirtschaft selbst hat also kaum negative Wirkungen auf die Wertschöpfung. Dennoch sind die Arbeitsverhältnisse unter Druck geraten. Eine Studie, die an dem Symposion «Zukunft der Arbeit» der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) präsentiert wurde, zeigt, dass die prekären Arbeitsverhältnisse beispielsweise in Europa vor allem bis Mitte der neunziger Jahre merklich zugenommen haben. Gibt es dafür eine ökonomische Erklärung? Erhellend ist folgender Sachverhalt: Im Zeitraum von 1973 bis 2000 ist das BIP pro Kopf weltweit im Durchschnitt um 1,45 Prozent jährlich gewachsen. Zwischen 1950 und 1973 lag die Wachstumsrate noch bei 2,9 Prozent. Sie hat sich also halbiert. Der Neoliberalismus, der in den siebziger Jahren den Nachkriegs-Keynesianismus verdrängte, bremste mit restriktiver Geld- und Finanzpolitik das globale Wirtschaftswachstum (vgl. dazu auch den Beitrag auf Seite 3). Das geringere Wachstum führte zu einem geringeren Bedarf an Arbeitskräften. Weil aber die Weltbevölkerung weiter zunahm, stieg die Arbeitslosigkeit. Die Schweiz hat sich dieser Entwicklung bis in die neunziger Jahre weitgehend entziehen können, indem sie die Arbeitslosigkeit in den siebziger und achtziger Jahren ins Ausland exportiert hat. Zahlreiche Saisonniers, Grenzgängerinnen und Jahresaufenthalter mussten damals die Schweiz verlassen. In den neunziger Jahren wurde jedoch auch die Schweiz von der neuen Realität eingeholt. Höhere Arbeitslosigkeit schmälert die Chancen, bei Arbeitsplatzverlust eine neue Stelle zu finden. Produktionsauslagerungen und Fabrikschliessungen werden daher als Bedrohung wahrgenommen. Es besteht die reale Gefahr von Arbeitslosigkeit; die Unsicherheit steigt. Dies macht die Arbeitskräfte gefügiger. Sie klammern sich an ihren Arbeitsplatz und nehmen Abstriche bei den Arbeitsbedingungen in Kauf. Anders die Situation bei boomendem Arbeitsmarkt: Der Verlust des Arbeitsplatzes ist dann weit weniger gravierend, da sich leichter eine neue, attraktive Stelle finden lässt. Die Beschäftigten treten selbstbewusster auf und wechseln den Job, wenn die Arbeitsbedingungen schlechter werden. So gesehen ist nicht die Internationalisierung der Wirtschaft die Hauptursache der schlechteren Arbeitsbedingungen und der grösseren Unsicherheit, sondern die weltweit gestiegene Arbeitslosigkeit. Was soll man tun? Es braucht genügend sichere Arbeitsplätze mit guten Arbeitsbedingungen, und zwar global. Die Arbeitskräfte müssen wieder knapper werden. Voraussetzung dafür sind unter anderem eine aktive Konjunkturpolitik (vor allem in Europa), Arbeitszeitverkürzungen, eine entwicklungspolitische Offensive und nicht zuletzt ein «Nein» zur Revision der Arbeitslosenversicherung am 24. November 2002. «Die Leute fürchten nicht die Veränderung an sich, sondern es ist die Unsicherheit, die ihnen Angst macht», sagte ILO-Direktor Juan Somavia am ILO-Symposion zur Zukunft der Arbeit. Mit anderen Worten: Wenn es ausreichend sichere Arbeitsplätze gibt, kann die Internationalisierung der Wirtschaft für die Lohnabhängigen sogar attraktiv sein. |
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| Weiterführende Literatur: Arvanitis Spyros et al.: «Die Internationalisierung der Schweizer Wirtschaft», ETH Zürich, 2001. ILO Annecy Symposion 2001: «The future of work, employment and social protection». Zusammenfassung der Ergebnisse in «Inter-national Labour Review», Genf, 2001, Nr. 4. |
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