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WoZ-Online
31.10.2002


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Boris Kagarlitzkij*, Moskau

*Der linke Politologe Boris Kagarlitzkij schreibt seit Jahren für die WoZ. Zuletzt (WoZ Nr. 21/01) porträtierte er die russische Opposition.


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Gegen wen richtete sich der tödliche Sturm auf das Theater? Sollten die Kidnapper ausser Gefecht gesetzt werden – oder die wachsende Antikriegsstimmung im Land?

Nachdem Spezialtruppen am Samstagmorgen das Moskauer Na-Dubrowke-Theater gestürmt hatten, erklärten die Behörden die Operation zum vollen Erfolg. Der Feind sei besiegt, die Geiseln und ihre Befreier hätten keinen Schaden genommen. Kurz danach war von 30 Toten die Rede. Bis Samstagmittag stieg die Zahl der Opfer auf 67; am Abend gab das Gesundheitsministerium zu, dass «über 90 Menschen» gestorben seien. Danach wurde den ÄrztInnen verboten, mit den Medien zu sprechen. Am Sonntag erhöhte sich schliesslich die offizielle Zahl der Toten auf 117.
Während der Krise ging die Regierung mit beispielloser Härte gegen die Medien vor. Die TV-Station Moskovia musste die Sendungen einstellen, nachdem sie ein Interview mit einer Geisel ausgestrahlt hatte, die für ein Ende des Krieges in Tschetschenien plädierte. Nach scharfen Warnungen von den Behörden schwenkte die sonst eher der Opposition nahe stehende Radioanstalt Echo Moskwy in ihrer Berichterstattung über die Geiselkrise auf Regierungskurs ein. Die tschetschenische Website kavkaz.org wurde geschlossen.
Die Behörden haben in Moskau getan, was sie in Tschetschenien seit drei Jahren tun: Sie unterbinden den Informationsfluss, lügen und machen aus jeder Niederlage einen Sieg. Aber was ihnen im fernen Tschetschenien fast mühelos gelingt, konnte in Moskau mit den dutzenden von JournalistInnen und der riesigen Zahl von AugenzeugInnen nicht klappen.
Der Öffentlichkeit wurde erzählt, dass der Angriff erst unternommen worden sei, nachdem die KidnapperInnen Geiseln erschossen hätten. Aber selbst die Befehlsgewaltigen gaben zu, dass die Stürmung des Theaters im Voraus geplant war und dass sie die Bewaffneten im Theater absichtlich gereizt hatten, indem sie Informationen über eine bevorstehende Offensive durchsickern liessen. Sie wollten die Geiselnehmer verunsichern und sie dazu verleiten, den Kampf zu beginnen. Es scheint, als hätten die Krieger das Feuer auf die Geiseln eröffnet, aber erst, nachdem der Überfall begonnen hatte, die Menschen in Panik versetzt waren und einige zu fliehen versuchten.
Besonders stolz waren die Behörden auf ihren Plan, Gas in einem geschlossenen Gebäude einzusetzen. Sie weigern sich bis heute, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, welches Gas sie verwendeten. Ihre Weigerung, selbst die behandelnden ÄrztInnen in Kenntnis zu setzen, kostete Menschenleben und hat einen einfachen Grund: Sie haben, so wird hier in Moskau vermutet, giftige Substanzen benutzt, die nach internationalen Konventionen verboten sind – möglicherweise sogar Substanzen, die die Vereinigten Staaten immer wieder zitieren, um den geplanten Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen. Die meisten GeiselnehmerInnen wurden damit ausser Gefecht gesetzt, aber offensichtlich nicht alle. Einige von ihnen befanden sich zufälligerweise in anderen Gebäudeteilen und widersetzten sich rund vierzig Minuten lang. Während dieser Zeit hätte einer oder mehrere Tschetschenen wohl in den Hauptsaal gelangen und das Gebäude sprengen, zumindest aber auf Geiseln schiessen können. Doch das ist nicht geschehen.
Die tschetschenischen Krieger haben vor Samstagmorgen niemanden exekutiert, erst der Sturm auf das Theater führte zu den hohen Opferzahlen. War er also wirklich nötig? Ja, er war nötig – politisch. Die Behörden brauchten den Sturm und die Opfer, um den Krieg in Tschetschenien fortsetzen zu können, um die wachsende Antikriegsstimmung in der Gesellschaft einzudämmen und um Wladimir Putins Entschlossenheit und Willensstärke zu demonstrieren.
Am Abend zuvor hatten die Krieger wissen lassen, dass sie die Geiseln freilassen würden, wenn sich die Regierung zu Verhandlungen verpflichte. Wäre eine solche Zusicherung erfolgt, könnten alle Geiseln noch leben. Für Putin aber hätte eine solche Erklärung den politischen Selbstmord bedeutet. Er hat seine politischen Ziele über das Leben der Geiseln gesetzt – eine selbstverständliche Entscheidung für einen professionellen Politiker.
Der Prozentsatz jener RussInnen, die den Krieg in Tschetschenien unterstützen, ist in letzter Zeit von Monat zu Monat gesunken, auch wenn sich der Wunsch nach einer politischen Lösung des Konflikts nicht in Form einer breiten Antikriegsbewegung entfaltete. Die Geiselkrise änderte dies. Viele Menschen, die bisher den Krieg nur hinter vorgehaltener Hand kritisiert hatten, traten plötzlich an die Öffentlichkeit und gaben ihre Meinung bekannt. Angehörige der Geiseln schlossen sich zu einem Antikriegskomitee zusammen. Das war keine selbstschützerische Identifikation mit dem Aggressor, das war auch kein Versuch, den KidnapperInnen zu gefallen. Am Morgen nach dem Sturm erklärten die VertreterInnen des Antikriegskomitees ihre Absicht, auch künftig gegen den Krieg zu protestieren.
Die Regierung witterte eine Gefahr, die nicht von den KidnapperInnen ausging, sondern von der Gesellschaft. Damit die Antikriegsstimmung sich nicht zu einem ernsthaften Problem für Putin entwickeln konnte, musste gehandelt werden. Und es wurde gehandelt. Die Krise machte klar, dass unter diesem Regime ein Friede nicht möglich sein wird. Solange Putin herrscht, befindet sich Russland im Krieg.

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