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31.10.2002
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Weitere Artikel zum Thema: Angriff auf die Gesellschaft Die Alternative des Präsidenten und die Rolle des Westens |
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Tschetschenien: Kein Ende des Konflikts in Sicht |
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Verhandlungen? Njet!
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* Anne Nivat ist Moskau-Korrespondentin der französischen Tageszeitung «Libération». Sie besuchte Tschetschenien in den letzten Jahren wiederholt, letztmals im vergangenen Sommer, und versucht, auf den vergessenen Konflikt aufmerksam zu machen so auch in der WoZ Nr. 31/01 mit ihrer Reportage «Überleben im Niemandsland».
Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt hat sie ein Buch veröffentlicht, das auch auf Deutsch erschienen ist: «Mitten durch den Krieg ein Winter in Tschetschenien». Rotpunktverlag. Zürich 2001. 264 Seiten. 36 Franken. Verwenden Sie zum Ausdrucken unserer Artikel bitte Opera oder den Internet Explorer, ältere Netscape-Versionen unter Windows legen sich quer. |
Was trieb die Moskauer Theater-Kidnapper zu ihrer Tat? Die französische Autorin Anne Nivat* beschäftigt sich seit Jahren mit der unverändert dramatischen Situation in Tschetschenien.
WoZ: Was war das Ziel der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater? Anne Nivat: Die Forderungen der Geiselnehmer hätten klarer kaum sein können: Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien und Beendigung des Kriegs in diesem Land. Es gab hingegen keine Forderungen nach Geld oder logistischen Rückzugsmöglichkeiten wie etwa nach der Bereitstellung eines Flugzeugs. Dies lässt einen klaren Rückschluss auf die Autorenschaft zu: Es hat sich offensichtlich um ein Selbstmordkommando gehandelt, bestehend aus Leuten, die bereit waren, bei diesem Einsatz den Märtyrertod zu sterben. Die Täter scheinen aus dem Umkreis einer extrem islamistischen Bewegung zu stammen, die in Tschetschenien eine winzige Minderheit darstellt. Sie werden Wahhabiten genannt, weil sie die Rückkehr zu einem «reinen» Islam fordern. Sie haben sich jedoch an die lokale tschetschenische Umgebung, in der althergebrachte Bräuche viel Gewicht haben, angepasst. Diese Bewegung entstand erst in den letzten zehn Jahren, seit der Trennung von Inguschetien im Jahre 1992. Welche Bedeutung hat diese Bewegung im Konflikt um Tschetschenien? In der jetzigen Situation ist es sehr wichtig, dass wir nicht drei völlig verschiedene Dinge miteinander vermischen: Da gibt es einerseits die tschetschenische Bevölkerung, die seit dem letzten Krieg zwischen zwei Fronten geraten ist, zwischen die Rebellen und die russische Armee. Dann gibt es eben diese Kämpfer und Kämpferinnen, die für ihre Provinz die Unabhängigkeit erlangen wollen. Ihr politischer Führer ist der im Jahr 1997 in demokratischen, von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) überwachten Wahlen gewählte Präsident Aslan Maschadow. Seit Ausbruch des Krieges von 1999 wird Maschadow von Russland nicht mehr anerkannt. Allerdings existieren in dieser Unabhängigkeitsbewegung verschiedene Tendenzen und Fraktionen, es handelt sich nicht um eine einheitliche Bewegung. Und als Drittes gibt es schliesslich noch die extremen islamistischen Fundamentalisten. Sie erhalten wegen ihrer Aktionen wie der Geiselnahme in einem Spital von Budjonnowsk im Jahr 1995 weltweit eine grosse Aufmerksamkeit. Innerhalb von Tschetschenien sind sie jedoch kaum von Bedeutung. Von solchen Extremisten wurde Aslan Maschadow überrollt, er hatte keine Kontrolle über sie. Könnte die religiöse Ausrichtung dieser Gruppen ein Hinweis auf mögliche Verbindungen zum weltweiten Al-Kaida-Netzwerk sein? Niemand hat einen Beweis für solche Verbindungen. Ich selber habe keinen, und Präsident Wladimir Putin hat bisher auch noch keinen präsentiert. Was wir in Moskau erlebten, war nicht internationaler Terrorimus dieses Schlagwort kommt Putin nur jetzt gerade gelegen. Das ist vielmehr nationaler Terrorismus, den es auszumerzen gilt. Offenbar hat Mowsar Berajew ja Familienmitglieder, unter anderen eine Tante, für die Aktion mobilisiert und Clan-Mitglieder sowie Leute aus seinem Dorf Achan-Kala. Sie haben sich entsprechend ungeschickt und wirklich selbstmörderisch angestellt. Sie sind unbeholfen mit den Medien umgegangen und haben viel zu viele Leute als mögliche Unterhändler in das Gebäude gelassen, deren Informationen den Einsatz der Spezialtruppen erleichterten. War die Besetzung des Theaters in Moskau eine naive Operation? Oder stand eine Strategie dahinter? Sei es, die Weltöffentlichkeit aufzurütteln oder eine neue russische Militäroffensive zu provozieren? Militärisch steckt der Konflikt seit über zwei Jahren in der Sackgasse. Keine der beiden Parteien ist in der Lage, militärisch noch etwas herauszuholen. Russland behauptet zwar, es kontrolliere drei Viertel der Republik, doch die hat man sich als Schweizer Käse vorzustellen: Die Russen kontrollieren vor allem die zahlreichen Checkpoints auf dem Strassennetz des Landes und in der Hauptstadt Grosnyj sozusagen die Löcher. Tatsächlich ist es einfach, diese Kontrollen zu passieren, indem man den Dienst habenden Soldaten besticht. Eigentlich schreit die militärische Sackgasse nach Verhandlungen, doch die sind nicht in Sicht. Dagegen war sicherlich auch ein Ziel der Aktion, die Öffentlichkeit auf den tschetschenischen Unabhängigkeitskampf aufmerksam zu machen. Die Kidnapper haben offensichtlich ihre Lehren gezogen aus dem 11. September 2001 und hofften, auf diese Weise Beachtung zu finden. Gleichzeitig war es jedoch auch eine Verzweiflungstat. Restlos alle, denen ich in Tschetschenien begegnet bin, haben mindestens ein Familienmitglied, einen Enkel, einen Neffen oder einen Sohn, verloren, und niemand sieht ein Ende des Konflikts. Wie sind denn die Reaktionen in Tschetschenien selber auf die Geiselnahme von Moskau? Alle, mit denen ich in Kontakt war, haben die Tat verurteilt, weil niemand noch mehr unschuldige Tote in diesem Konflikt will. Gleichzeitig bezeichnen sich die TschetschenInnen als Opfer eines seit drei Jahren andauernden Terrors der russischen Streitkräfte, ohne dass die Weltöffentlichkeit dies wirklich zur Kenntnis nähme. Gibt es eine Lösung in diesem Konflikt? Lediglich wenn beide Seiten einsehen, dass nur politische Verhandlungen aus dieser militärischen Sackgasse führen. Als vermittelnde Persönlichkeit käme wohl der tschetschenische Abgeordnete im russischen Parlament Aslanbek Aslachanow infrage, der schon während des Geiseldramas zu verhandeln versuchte. Doch derzeit sieht es schlecht aus für den Erfolg solcher Bemühungen. Seit letzten Samstag gingen hunderte von Klagen tschetschenischer Bürgerinnen und Bürger aus ganz Russland wegen rassistischer Übergriffe ein: Sie wurden von der Polizei zwecks Identifikation und zur Registrierung ihrer Fingerabdrücke auf den Posten geholt. Nein, die Aussichten für Verhandlungen stehen schlecht. Nach dem ersten Krieg in Tschetschenien hat es unter Boris Jelzin noch einen Friedensplan gegeben. Doch unter Putin gibt es seit drei Jahren nur ein ganz klares Njet zu Verhandlungen. |
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