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WoZ-Online
6.2.2003

Übersetzung als Instrument im Nahostkonflikt

Dokumente des Hasses


Armin Köhli

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Der Internetdienst Memri beliefert internationale Medien gratis mit Übersetzungen aus der arabischen Presse. Doch der Hintergrund Memris ist dubios.

Endlich würden die sprachlichen Barrieren zwischen der arabischen Welt und dem Westen überwunden, verheisst das Middle East Media and Research Institute (Memri). Memri bietet auf seiner Website umfangreiche Übersetzungen aus arabischen Medien an. Memri arbeitet mit Erfolg: Der elektronische Memri-Newsletter erreicht JournalistInnen wie PolitikerInnen zu tausenden. Und auf der Memri-Website steht auch eine laufend aktualisierte, eindrückliche Liste der englischsprachigen Medien, die aus Memri-Übersetzungen zitieren: CNN, «New Statesman», «Newsweek», «Pakistan Today», «New York Times» und so weiter.
Doch Memri ist nicht ein neutrales Übersetzungsbüro oder, wie der Name suggeriert, ein universitäres Institut. Brian Whitaker vom britischen «Guardian» untersuchte die Organisation genauer: 1998 gründete Yigal Carmon (vgl. Kasten) den Dienst. Memri, mit Sitz in Washington, habe den Status einer «unabhängigen, überparteilichen und gemeinnützigen» Organisation – Spenden an Memri seien in den USA also von der Steuer absetzbar. Memri erwähnt im Internet aber nur eine Postfachadresse, und Namen von MitarbeiterInnen werden nicht genannt, angeblich aus Sicherheitsgründen. Doch der «Guardian» hat auf einer gelöschten Seite von Memris Internetauftritt eine Mitarbeiterliste ausfindig gemacht: «Zu drei von den sechs dort aufgeführten Personen – einschliesslich Oberst Carmon – wird angegeben, dass sie für den israelischen Geheimdienst gearbeitet haben. Von den übrigen drei Mitarbeitern hat einer im Material- und Logistikcorps des Oberkommandos Nord der israelischen Armee Dienst getan, ein weiterer hat einen akademischen Hintergrund, und der sechste ist Alleinunterhalter und Kabarettist.» Mitbegründerin vom Memri ist Meyrav Wurmser. Sie gehört zum Umfeld von Richard Perle, einem der schärfsten Kriegstreiber der US-Politik.

Auslassungen lösen Fehler ab
Zum ersten Mal stiess ich im Februar 2001 auf Memri. Im deutschen Monatsblatt «Konkret», das zur antiarabischen, deutschzentristischen «antideutschen» Linken gehört, tauchten plötzlich Zitate aus arabischen Quellen auf. Weil die «antideutschen» Medien bis dahin nicht mit Arabischkenntnissen brillierten, begann ich mich für die Herkunft der Zitate zu interessieren. Ein, zwei Clicks bei Google, und da war die Seite memri.org mit der englischen Originalübersetzung der Zitate. «Konkret» zitierte aus einem Interview der ägyptischen Zeitung «al-Ahram al-arabi» mit «dem Mufti von Jerusalem und Palästina». Dieses Interview liess sich überprüfen, denn «Al-Ahram al-arabi» stellt seine Artikel ins Internet. Die Memri-Übersetzung war in einem Punkt grob sinnentstellend: «How do you feel about the Jews?» («Was halten Sie von den Juden?»), sei der Mufti gefragt worden, und seine Antwort fällt zutiefst rassistisch aus. Tatsächlich lautete die Frage in Arabisch: «Wie begegnen Sie den Juden, die die Al-Aksa-Moschee belagern und dort herumstehen?» Die Frage galt also den israelischen Grenzpolizisten im besetzten Ostjerusalem, deren Kontrolle der Mufti beim Gang zur Moschee passieren muss, und nicht «den Juden».
Die Qualität der Übersetzungen scheint sich seither gebessert zu haben, auch wenn Whitaker weitere Fehler nachweist. Solch plumpe, überprüfbare Fälschungen beziehungsweise Übersetzungsfehler gefährden die Glaubwürdigkeit Memris. Dabei lässt sich die öffentliche Meinung durch die Auswahl der übersetzten Texte viel wirkungsvoller beeinflussen (wobei sich viele Quellen vom Westen aus nicht überprüfen lassen). Memris Selektion zielt offensichtlich darauf, einen tiefen arabischen Hass auf Juden und Jüdinnen zu dokumentieren. Keine Frage: Solche Stimmen existieren in der arabischen Welt in nicht geringer Zahl, viele AraberInnen verrennen sich ob ihrer Verzweiflung an der politischen und wirtschaftlichen Lage im Nahen Osten in rassistische Ideologie. Doch das selektive Zitieren nur solcher Stimmen ergibt ein verfälschtes Bild. Etwa so verzerrt, wie wenn aus der Schweiz nur Zeitungen mit dem ideologischen Horizont von «Weltwoche», «Schweizerzeit» und «NZZ am Sonntag» zitiert würden.

Kritische Schweizer Medien
An ein Beispiel von Memris Erfolgen mögen sich wohl auch Schweizer LeserInnen erinnern: Der saudische Botschafter in London schrieb ein Gedicht über eine junge Selbstmordattentäterin. Memri übersetzte Auszüge des Textes als «Loblied auf Selbstmordattentäter». So ging das Gedicht durch die westliche Welt. Brian Whitaker hingegen interpretiert den Text eher als Protest gegen die Ineffizienz führender arabischer Politiker.
Inzwischen hat Memri auch einen deutschsprachigen Dienst aufgebaut, die Resonanz scheint allerdings noch bescheiden. In der Schweiz beschränken sich die Spuren Memris, soweit überblickbar, auf Leserbriefe und einige Zitate in Westschweizer Zeitungen wie «Le Temps», die offensichtlich aus englischsprachigen Medien übernommen wurden. Schweizer JournalistInnen scheinen der Arbeit Memris skeptisch gegenüberzustehen. Die NZZ warnte sogar ziemlich unverhohlen vor Memri: Für einen repräsentativen Überblick seien zusätzliche Dienste unerlässlich.

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