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WoZ-Online
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15.5.2003
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Widerstand gegen AKW |
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Die Saboteure
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Schweizer Anti-AKW-AktivistInnen wollten in den siebziger Jahren den Bau des schnellen Brüters im französichen Malville vereiteln. Dafür suchten sie den Kontakt mit bewaffneten Gruppen.
Über 50'000 DemonstrantInnen versuchten bei einer Grosskundgebung im Juli 1977 den Bauplatz des Superphénix zu besetzen. Die Verhinderung des Plutoniumbrüters war ein vordringliches Ziel der europäischen Anti-AKW-Bewegung. Frankreich hatte ein riesiges Kontingent der nationalen Polizeitruppe CRS nach Malville geschickt. Durch die Detonation einer Offensivgranate erlitt der Demonstrant Vital Michalon einen Lungenriss und starb auf dem Demonstrationsgelände. 1982 war der Bau des Superphénix trotz der anhaltenden Mobilisierung der AKW-GegnerInnen und Protesten des Kantons Genf weit fortgeschritten. Das Reaktorgebäude war durch eine Stahlkuppel verschlossen und diese von einer massiven Betonschicht bedeckt. Nur eine Fläche von zehn auf zehn Metern war noch offen. Diese Öffnung versuchte Chaïm Nissim mit einem Raketenwerfer RPG-7 zu treffen (vgl. Artikel nebenan). Eine Beschädigung der Kuppel hätte die Fertigstellung um Jahre verzögert, aber Nissim verfehlte das Ziel, und es entstand nur geringer Sachschaden. Der Plutoniumreaktor in Malville nahm Ende 1984 den Betrieb auf, funktionierte aber nie und wurde 1997 stillgelegt. Zum Anschlag auf den Superphénix hat sich in diesem Frühjahr gegenüber der WoZ schon ein anderer Genfer Aktivist bekannt, nämlich Olivier de Marcellus (siehe WoZ Nr. 9/03). Er erzählte, wie die Genfer Sabotagegruppe auf der Suche nach einer RPG-7 über verschiedene Stationen und Länder des damaligen Ostblocks mit Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt unter dem Namen Carlos, in Kontakt gekommen war. Carlos war der Kopf einer paläs-tinensischen Splittergruppe, die 1976 die Konferenz der Opec-Ölminister in Wien überfallen hatte. «Man versuchte, uns zu manipulieren und so tief wie möglich hineinzuziehen», schilderte de Marcellus den Kontakt mit der Carlos-Gruppe. Sie hätten diese Beziehung abgebrochen und seien dann über andere Kanäle zu einem Raketenwerfer gekommen. Nissim nennt nun als Lieferanten die belgische Gruppe Cellules Communistes Combattantes und bringt als Vermittler des Kontaktes einen «Chef» der Schweizer Autonomen ins Spiel. Nachdem Carlos 1994 vom französischen Geheimdienst im Sudan gefangen genommen worden war, verhaftete die damalige Schweizer Bundesanwältin Carla Del Ponte vier Schweizer AktivistInnen, darunter de Marcellus und Giorgio Bellini. Sie wurden beschuldigt, Carlos Hilfsdienste geleistet zu haben. Die Verhafteten wurden nach vier Monaten freigelassen, gegen niemanden wurde Anklage erhoben. Wegen Beteiligung am Anschlag auf den Superphénix verlangte Frankreich die Auslieferung von de Marcellus, der US-Bürger ist. Weil die Tat verjährt war, wurde das Gesuch von der Schweiz abgelehnt. Sowohl de Marcellus wie Bellini hatten nach ihrer Entlassung aus der Haft Kontakte zur Carlos-Gruppe bestätigt (siehe WoZ Nr. 51/52, 94 und 1/95). Beide stellten diese Kontakte in den Kontext der politischen Bewegungen in den siebziger Jahren. Mit der Roten Armee Fraktion (RAF) und den Brigate Rosse (BR) hatten sich bewaffnete Untergrundgruppen gebildet, gleichzeitig war aber auch ein Netz von Gruppen entstanden, deren Mitglieder legal lebend in unterschiedlichsten Bereichen Sabotageaktionen durchführten: gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Verkehr, gegen WohnbauspekulantInnen, gegen sexistische Filme, gegen die Ausweisung von AusländerInnen und nach der Grosskundgebung in Malville 1977 gegen die Atomlobby. Die beiden Tendenzen innerhalb der radikalen Linken bildeten sich nicht völlig getrennt voneinander heraus, erst nach dem Angriff der RAF auf die Botschaft der BRD in Stockholm 1975 kam es in der BRD zum Bruch, nach der Ermordung Aldo Moros durch die BR 1978 dann auch in Italien. Dass die Genfer Sabotagegruppe einige Jahre später trotzdem den Kontakt zu Gruppen des bewaffneten Widerstandes suchte, lässt sich nur damit erklären, dass der Angriff auf den Superphénix zu einer Obsession geworden war. Die Suche nach einer geeigneten Waffe bezeichnet Nissin heute denn auch als «notre quête du Graal» (unsere Gralssuche). So pathetisch dies tönt, so naiv ist Nissims Überzeugung, sie hätten für den Raketenwerfer keine Gegenleistung erbringen müssen. Da die Genfer Gruppe über Mittelsleute an die Waffe herankam, kann er nicht wissen, ob Absprachen hinter der Lieferung standen. Die Anti-AKW-Saboteur-Innen in der Schweiz, die von 1974 bis 1984 über vierzig Anschläge verübten, haben die Aktion gegen Malville in ihren zahlreichen Dokumentationen nie aufgelistet. Dies ist bei einer Gruppe, die sich ironisch auf den Heimwerkerslogan «Do it yourself» berief, sicher kein Zufall. Die Chronologie der Anschläge Die Bedeutung der Aktionen von «Do it yourself» und anderen SaboteurInnen lag vor allem darin, dass sie der Anti-AKW-Bewegung nach jeder von der Polizei vereitelten Besetzung und jeder verlorenen Abstimmung zeigten, dass es Möglichkeiten gab, weiterzumachen, durchzuhalten, nicht zu resignieren. Ein Nebeneffekt war, dass gerade jene ExponentInnen der Bewegung, die jegliche Gewalt ablehnten, sich herausgefordert sahen, ihre friedlichen Anstrengungen zur Verhinderung weiterer AKWs zu vervielfachen. Ein weiterer Nebeneffekt war, dass besonnene Leute im Lager der AKW-BefürworterInnen vor einer Eskalation zu warnen und einen Kaiseraugst-Verzicht zu erwägen begannen. Nach der Anschlagserie im Frühjahr 1979 reichte der spätere CVP-Bundesrat Alphons Egli im Ständerat die erste Kaiseraugst-Verzicht-Motion bürgerlicherseits ein. Januar 74: Brandanschlag auf die Planbaracke des projektierten AKW in Verbois (GE) August 77. Die «Entkommenen von Malville» verüben einen Brandanschlag auf die Empfangshalle der Sulzer AG in Winterthur. August 77: Gefälschte Aushangplakate des «Tages-Anzeigers» melden: «AKW-Unfall bei Lyon - 150 Tote.» Dezember 77: Zwischen Dulliken und Olten werden die Fahrleitungen der SBB kurzgeschlossen. Ein Communiqué macht auf die bevorstehende Anlieferung der Brennstäbe für das AKW Gösgen aufmerksam. Dezember 77. Zweiter Kurzschluss der SBB-Fahrleitung in der Nähe von Olten. Februar 78: Die Basler AKW-Gegnerlnnen blockieren an der Grenze einen Brennstofftransport aus Hanau (BRD) für das AKW Gösgen. Juli 78: «Do it yourself» zerstört den für das AKW Leibstadt bestimmten Transformer der Séchéron in Genf. Juli 78: Das Modell des AKW Gösgen im Besucherpavillon innerhalb der Sicherheitszone wird durch Brandstiftung zerstört. Februar 79: «Do it yourself» sprengt den Informationspavillon des AKW Kaiseraugst in die Luft, nachdem am gleichen Wochenende die Initiative «Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen» abgelehnt worden ist. Februar 79: Drei Sprengkörper zerstören ein Materiallager innerhalb der Umzäunung des in Bau befindlichen AKW Leibstadt. Mai 79: Der Chevrolet Camaro von Atompapst Michael Kohn brennt in der Garage seines Wohnsitzes aus. Am gleichen Wochenende findet die Abstimmung über das revidierte Atomgesetz statt; die Vorlage wird angenommen. Mai 79: Brandsätze zerstören und beschädigen die Autos von acht weiteren Vertretern der Atomlobby in der Deutschschweiz und im Tessin. Juni 79: Auch in der Westschweiz brennen die Autos zweier Vertreter der Atomlobby. Oktober 79: Die Anti-AKW-Bewegung blockiert den Transport des neuen Séchéron- Transformers für das AKW Leibstadt. November 79: Sprengung des Meteomastes beim AKW Gösgen. Der Mast stürzt in die Transformatorenanlage, und das AKW muss abgeschaltet werden. Die Telefonleitung, über welche die Bevölkerung hätte alarmiert werden sollen, fällt aus. November 79: Der Meteomast des geplanten AKW Graben (BE) fällt um. Die Halteseile sind durchgesägt worden. Sprengung eines Hochspannungsmastes der NOK an der liechtensteinischen Grenze bei Fläsch. Dezember 79: Sprengstoffanschlag auf die Trafo-Unterstation «Sarelli» der NOK bei Bad Ragaz. René Moser und Marco Camenisch werden später als Täter zu siebeneinhalb respektive zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Januar 80: Brandanschlag auf den Landsitz eines Basler Atomlobbyisten in Münchenstein. Oktober 81: Der Bundesrat bejaht den Bedarf des AKW Kaiseraugst. 20 000 AKW- GegnerInnen demonstrieren auf dem AKW- Gelände in Kaiseraugst. November 81: Molotowcocktails gegen die NOK und Motor Columbus in Baden. Ein Brandanschlag auf das Ferienhaus des damaligen Nagra-Chefs Rudolf Rometsch in Grindelwald misslingt. November 81: Der NOK-Mast bei Fläsch wird erneut gesprengt. Dezember 81: Im Jura misslingt die Sprengung eines Mastes der Exportleitung Gösgen- Fessenheim. Februar 82: Ein Mast der Exportleitung Mühleberg-Malville wird in der Nähe von Mühleberg gesprengt. August 82: Ein Mast der Exportleitung der Atel wird im Tessin in der Nähe von Quartino gesprengt. Januar 83: Vor dem Ständeratsentscheid zu Kaiseraugst werden zwei Masten der Exportleitung Fessenheim-Kaiseraugst bei Rheinfelden (AG) und Pratteln (BL) angegriffen. Die Sprengung des ersten Mastes misslingt, bei der Sprengung des Mastes in Pratteln stürzt ein kleinerer Mast um, die Kabel zerreißen und beschädigen die Dächer einiger Häuser. Februar 83: Den 25 Ständeräten des atomfreundlichen Schweizerischen Energieforums wird je eine Sprengstoff-Kerze ins Bundeshaus geschickt. Das Bundeshaus wird wegen Bombenalarms geräumt. März 83: Eine Hochspannungsleitung des AKW Gösgen wird kurzgeschlossen. September 83: Missglückter Sprengstoffanschlag auf den Richtstrahlmast der Schweizer Elektrizitätswerke in Wölflinswil (AG). Die AKW-SaboteurInnen schlagen ein Stillhalteabkommen «kein AKW - kein Attentat» vor. August 84: Das Ferienhaus des damaligen Nagra-Chefs Rudolf Rometsch in Grindelwald brennt nieder. Die SaboteurInnen dokumentieren den Anschlag in dem als Computerspiel aufgemachten Video «Atomic-Rometsch». August 84: Mit einem schriftlichen Interview verabschieden sich die AKW-SaboteurInnen: «Es ist an der &Mac226;No-Future-Generation, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen.» September 83: Die Initiative «Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke» und die Energieinitiative werden abgelehnt. April 86: AKW- Katastrophe in Tschernobyl. März 88: Kaiseraugst-Verzicht. September 90: Die Initiative für ein AKW- Moratorium bis zum Jahr 2000 wird angenommen. Die heutigen WoZ-Redaktoren Armin Köhli und Daniel Stern haben im 1998 erschienenen Reader der IG Rote Fabrik «Zwischen-Berichte» mit AktivistInnen der radikalen Linken in der Schweiz und AKW-SaboteurInnen anonymisierte Interviews geführt. Diese vermitteln einen guten Einblick in die Denkweisen der AktivistInnen der siebziger und achtziger Jahre und enthalten auch eine Schilderung des Anschlages in Malville. IG Rote Fabrik (Hg.): «Zwischen-Berichte». ID Verlag. Berlin. 1998. 247 Seiten. Fr. 21.80. |
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