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WoZ-Online
17.7.2003

Kulturgeschichte der lockeren Fussbekleidung

Die Renaissance der Flip-Flops


Elke Wittich

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Wie die Badelatschen bis in die Teppichetagen gelangen konnten.

Woher wussten die Menschen eigentlich damals, als ihnen noch nicht Jörg Kachelmann und Thomas Bucheli das Wetter voraussagten, wann es endlich Sommer werden würde? Nun, auch das meteorologisch uninteressierteste Kind hatte ein Gespür dafür, wann der Sommer anfangen würde. Schliesslich gab es schon ein paar Wochen vorher klare Anzeichen. Es wurde eindeutig Sommer, wenn der örtliche Pelzhandel seine Türen schloss und das genutzte Ladenlokal dem italienischen Glaceverkäufer übergab. Und es wurde Sommer, wenn es in den Läden plötzlich Flip-Flops gab.
Die Badelatschen mit dem Steg zwischen dem ersten und dem zweiten Zeh hiessen damals allerdings nicht so, meist wurden sie kurz und knapp Latschies genannt. In Grün, Gelb, Rot und Blau vorkommend, gehörten sie definitiv zu den absoluten Sommerindikatoren. Wer wirklich cool war, ging auch in Flip-Flops zur Schule. Im Gegensatz zu den Loosern, deren Eltern sich wahrscheinlich viele Gedanken über die korrekte Fussbekleidung machten und daher auf der Anschaffung brauner, robuster Leder- oder gar Holzsandalen bestanden.
Klappern waren das definitiv unangesagteste Schuhwerk überhaupt. Holzpantinen mit roter oder weisser Lederhalterung, die absolut unsympathische Geräusche machten und nach längerem Gebrauch sehr scheisse aussahen. Der von den TrägerInnen ins Holz verströmte Fussschweiss hinterliess dunkle Ränder, von denen selbst Heuschnupfengeplagte ahnen konnten, wie sie riechen würden. Latschies dagegen waren leicht, konnten im Schwimmbad zur Not sogar neben ihren Besitzerinnen herschwimmen, ohne grossen Aufwand in Taschen transportiert und, sehr wichtig, anlässlich drohender Mathe- oder Chemieprüfungen einfach beschriftet werden. Auf die weisse Innenseite der Flip-Flops passen, je nach Schuhgrösse, ein komplettes Periodensystem der Elemente oder sämtliche binomischen Formeln.
Nagelneue Flip-Flops kündeten vom nahenden Beginn der grossen Sommerfreiheit. Bald würden die für SchülerInnen kostenlosen Dauerkarten fürs Freibad im Schulamt ausgegeben, und dann würden die Sommerferien beginnen. In der benachbarten Grossstadt konnte man dann das komplette Taschengeld für echt angesagte T-Shirts ausgeben und jede Menge Bücher für den Strand kaufen und neue Platten und das schöne Armband mit den indisch bemalten Kugeln dran, und insgesamt, so viel war klar, wartete ein Sommer voller Abenteuer und Überraschungen. Dass auf jeden Sommer unweigerlich ein Herbst folgt, ahnte man damals noch nicht. Dass irgendwann wieder Schluss sein würde mit den Badelatschen und die Füsse wieder ohne jede Chance auf Zehengewackel in schwere Boots eingesperrt würden, erschien völlig unvorstellbar.

Dabei bereiteten einen die Flip-Flops doch in vielen anderen Punkten auf die Mühen und Gefahren des Erwachsenenlebens vor. Man lernte mit ihnen, dass das Tragen zweckmässiger Kleidung zwar vielleicht vor Erkältungen und gebrochenen Zehen schützen kann, aber gleichzeitig zu einem freudlosen Leben verurteilt. Die Besitzerinnen brauner Ledersandalen wurden niemals vom begehrtesten Jungen aus der Parallelklasse ins Kino eingeladen und konnten sich im Freibad nicht aussuchen, mit wem sie ihre Liegedecke teilen wollten. Sie mussten zusammen mit den ganzen anderen Langeweilerinnen in geschmacklos geringelten Badeanzügen am Kinderplanschbecken liegen und sich über Sachen wie Reformkost, Konfirmationskleider und die Bay City Rollers unterhalten, während die Flip-Flopperinnen schon wussten, wie Zungenküsse gehen, bereits eine tränenreiche Trennung hinter sich hatten und ohne zu husten filterlose Zigaretten rauchen konnten.
Nun gut, ganz so heil war die flippige Badelatschenwelt dann doch nicht. Flip-Flops zu tragen und nicht paranoid zu werden, ist eine bisher noch niemals ausreichend gewürdigte menschliche Glanzleistung. Denn auf die ungeschützten Zehen lauern draussen in der Welt viele Feinde: Glasscherben etwa, die nur darauf warten, sie zu zerschneiden, Hundehaufen, die es sich gern in den Plastiklatschen gemütlich machen, und Springerstiefel, die mit Vorliebe dort landen, wo es richtig wehtut.
Eine weitere grosse Bedrohung für Latschenträger ist das Wasser. Während die Plastiksandalen, im Meer getragen, schon ganze Fussgenerationen vor eklig-spitzen Muscheln, bösartigen Krabbenangriffen und den Attacken gemeiner Giftviecher gerettet haben, sollten sie an Land besser nicht mit Flüssigkeiten in Berührung kommen. Eine Apfelsaftlache im Einkaufszentrum, ein bisschen Motoröl auf dem Asphalt, und schon verlieren die Flip-Flops den Grip und lassen ihre Trägerin extrem dämlich aussehend dahinschlittern.

1185 in Japan ...
Eine Erfahrung, die Menschen ganz sicher schon vor vielen Jahrhunderten machen mussten: Die Vorgänger der Flip-Flops kommen nämlich aus Japan und heissen Zori. Gemeint sind damit nicht die aus Geishareportagen hinlänglich bekannten hölzernen und extrem fussunfreundlichen Plateau-Latschies, die aus einem flachen Holzbrett mit Vierkanten untendrunter bestehen – die heissen Geta und werden heute nur noch zu ganz besonderen Gelegenheiten getragen.
Zoris dagegen kommen unseren heutigen Flip-Flops ziemlich nahe. Sie sind ganz leicht, flach, und zwischen dem dicken Zeh und dem daneben liegenden befindet sich ein Steg, Thong genannt.
In der Enzyklopädie «Nihon fuuzokushi jiten», die sich mit Alltagsgebräuchen und -moden im antiken Japan beschäftigt, widmet sich ein ganzes Kapitel nur den Zoris, die landesweit sehr früh sehr populär wurden: In der Heian-Periode von 794 bis 1185 galten die hölzernen Flip-Flops als Dernier Cri. Getragen wurden diese Sandalen offenkundig bei jedem Wetter, denn zeitgleich wurden Tabis erfunden, so eine Art Fäustlinge für die Füsse.
Während des Zweiten Weltkrieges entwickelten japanische Behörden übrigens eine eigene Methode, anhand der Zehenlage ihre eigenen Leute von den verhassten Koreanern zu unterscheiden. Die von Kindheit an an das Tragen von Zoris gewöhnten Japaner, so ihre Theorie, hätten zwischen dickem und zweitem Zeh viel mehr Platz als koreanische Nicht-Zori-Träger, sodass jeder mit viel Zehenfreiraum sich auch ohne einen Ausweis zu zeigen als japanischer Bürger legitimieren konnte.
Im englischsprachigen Ausland, wo die Zehensandalen hauptsächlich durch US-GIs, die sie als Präsente verschickten, nach 1945 langsam ebenfalls in Mode kamen, hiessen die Schuhmodelle jahrzehntelang nach dem Steg Thong – erst in den siebziger Jahren setzte sich in den USA die Bezeichnung Flip-Flops durch. Sogar in einem Popsong kamen die Zehenriemensandalen damals vor. «I blew out my flip-flop / stepped on a pop-top ...» beginnt Jimmy Buffetts «Margaritaville». Dafür, dass das Stück von 1977 heute weitgehend unbekannt ist, können die Latschen nichts.

Flop-Flip? Unmöglich!
Warum aber heissen Flip-Flops mittlerweile weltweit Flip-Flops?
Wahrscheinlich wurden sie nach den platschenden Geräuschen genannt, die entstehen, wenn sich eine Latschenträgerin auf festem Untergrund fortbewegt. Wer genau hinhört, stellt fest, dass die eine Latsche Flip macht und die andere eben Flop. Was damit zu tun haben könnte, dass Füsse niemals gleich sind und das eine Fussgewölbe entsprechend immer einen besseren Resonanzboden darstellt als das andere. Könnte – denn leider ist die Sache weit schwieriger. Egal, mit welchem Fuss man anfängt, er macht immer Flip. Und der zweite flopt. Ein Flop-Flip erzeugen zu wollen, ist aussichtslos. Ob billige Latsche oder teures Designer-Stück macht soundtechnisch kaum einen Unterschied.
Woher aber kommt die jetzt wieder ausgebrochene Thong-Begeisterung? Jahrelang waren Flip-Flops nur unter grossen Mühen zu beschaffen. Man latschte notgedrungen und unerschütterlich gegenüber den Anfeindungen der anders beschuhten Umwelt in uralten Modellen herum, immer besorgt, dass am Ende unweigerlich doch die schon lange befürchtete Katastrophe eintreten werde: Die kostbaren Schuhe würden sich einfach und irreparabel auflösen. Und dann müsste man wieder von Drogerie zu Drogerie laufen und verächtlich grinsende Verkäuferinnen nach «diesen Badelatschen aus Plastik, Sie wissen schon, die mit dem Dings zwischen den Zehen» fragen, und die würden höhnisch antworten, dass diese Dinger aber so was von aus der Mode seien, «die trägt ja heutzutage kein Mensch mehr».
Nur mit viel Glück würde man dann am Ende an einem dieser Kramläden vorbeikommen, in deren Auslage neben toten Fliegen und einem verstaubten Klosterfrau-Melissengeist-Plakat ein Paar Flip-Flops liegen. Der greise, gebeugte Inhaber freut sich, dass ihm endlich jemand die Platz wegnehmenden Latschen abkaufen will, präsentiert nach einigem Herumkramen Modelle in allen vier Farben und vielen unterschiedlichen Grössen und kann es kaum fassen, wie gross die Wiedersehensfreude ist, die sich da plötzlich vor seiner Ladentheke abspielt. Sicherheitshalber kauft man gleich drei, vier, fünf Paar, denn man weiss ja nicht, wie lange der Parfümerist noch zu leben hat.
Viele Badelatschen-Zufallsfunde später ist es dann aber plötzlich so weit: Überall stehen Flip-Flops herum, in allen nur denkbaren Farben, mit allen möglichen Verzierungen, und selbst die eklige Drogerieverkäuferin schlappt heute fröhlich mit bunten Latschies durchs Geschäft. Was ist passiert? Die Dinger sind modern geworden, auch Männer, die sonst noch im heissesten Sommer hartnäckig in ihren geliebten Springerstiefeln schwitzen, tragen plötzlich Thongs zwischen ihren schwarz behaarten Zehen, was kein wirklich schöner Anblick ist. Aber wer sich nun schon im zweiten Sommer hintereinander keine Sorgen mehr um den Flip-Flop-Nachschub machen muss, wird sehr, sehr gelassen. Und kann sogar käsige Männerfüsse auf hellblau geblümtem Untergrund verzeihen.

Bodenhaftung in der Wirtschaftskrise
Solange alles bitte so bleibt, wie es ist. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht – für die weitere Stabilisierung der Latschie-Lage könnte auch der allgemeine wirtschaftliche Niedergang sorgen: Wirtschaftsanalysten überrascht die Renaissance der Flip-Flops nämlich absolut nicht. Wer täglich ökonomische Horrormeldungen hört, ist auch modisch nicht zu Experimenten bereit und möchte keinesfalls die Bodenhaftung verlieren. Sharon Haver, Chefredaktorin des New Yorker Online-Modemagazins «focusonstyle.com» erklärte kürzlich: «Die Menschen sind verunsichert, niemand weiss, was als Nächstes passiert. Sie suchen daher in allen Bereichen instinktiv nach einfachem Komfort, und Flip-Flops bieten diese bequeme Gemütlichkeit. Flip-Flops sind der Kartoffelstock der Mode!»
Die Generation Y, so Haver weiter, sei viel kompromissloser als ihre Eltern. «Flip-Flops im Büro zu tragen, kommt uns lässig vor, wir drücken damit aus: ‘Hey, ich bin so cool, dass ich selbst in Plastiklatschen noch umwerfend aussehe.’ Noch für unsere Mütter wäre es eine ähnliche Todsünde gewesen, wie mit Lockenwicklern am Arbeitsplatz zu erscheinen.»
Ganz so billig sind die heutigen Flip-Flops nicht mehr. Jeder US-Designer, der auf sich hält, bietet mittlerweile die Plastiksandalen an, verziert mit dem Namenszug und mit allen möglichen Accessoires versehen. Bis zu 150 Euro kosten diese Modelle, vor deren Erwerb Fachfrauen jedoch ausdrücklich warnen. Die Modejournalistin Gina Pia Cooper erklärte vor kurzem: «Wer kein idiotisches Fashion Victim sein möchte, der sollte die Finger von diesen lächerlichen Latschen lassen.» Viel Geld für etwas so Einfaches wie Flip-Flops zu bezahlen, sei völlig konträr zu dem, wofür die Plastiksandalen eigentlich stehen. «Es ist viel cooler, selbst mit Klebstoff, künstlichen Blumen und Glitzersteinen zu experimentieren!»
Dass auf den Sommer unweigerlich ein Herbst folgen wird, ist in diesem Jahr übrigens kein Problem. Erste Strumpfläden bieten bereits die zweigeteilten weissen japanischen Spezialbaumwollsocken an, so dass Flip-Flops bald bei jedem Wetter getragen werden können.


(Mit freundlicher Genehmigung von «jungle world»)

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