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WoZ-Online
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7.8.2003
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Beduinen in Israel: Verslumte Städte, nicht anerkannte Dörfer |
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Die Wüste kennt keine Strassen
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Armin Köhli |
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Die beduinischen Familien der Negev-Wüste leben heute in jungen Städten wie Rahat. Die Moderne führt sie in Armut, Sittenstrenge und Religion.
Staub liegt über dem Städtchen Rahat. Die Beduinensiedlung ist eine ungeordnete Ansammlung von überkandidelten Villen, Wellblechhütten und Zelten. Allerorten hängen grosse Teppiche über Balkonbrüstungen und aus den Fenstern. Schafe und Ziegen weiden zwischen den Häusern, Hühner und Truthähne rennen umher. Müll bedeckt das Brachland. Manche asphaltierte Strasse gleicht längst wieder einem Feldweg, sandig, kiesig, mehr Schlagloch als intakter Asphalt. «Die Menschen der Negev kannten keine Strassen», erklärt Salah Abu Hani, der sich bei der Gemeindeverwaltung um die Eingliederung von Behinderten kümmert. «Darum reinigen sie sie nicht. Strassen kümmern sie nicht.» Rahat liegt am Rande der Negev-Wüste, der trockensten Gegend Israels. Im Sommer ist es hier vierzig Grad warm. Abu Hani hat in Marburg von 1987 bis 1995 Sozialpädagogik studiert und danach einige Jahre in Frankfurt am Main als Sozialarbeiter mit ausländischen Familien gearbeitet. Nach der Scheidung von seiner deutschen Ehefrau kehrte der 37-Jährige nach Rahat zurück auch aus Heimweh. Er wollte zurück zur beduinischen Gesellschaft. Sie sei weniger individualistisch, aber spontan und gastfreundlich. «Man ist nie alleine, und die Familie lässt einen nie im Stich, weder bei psychischen noch bei finanziellen Problemen.» Ausser, fügt er an, die Familie verstosse jemanden, etwa wegen Drogensucht. Leben im Vorgarten Rahat, beduinisch-arabisch für Versammlungsort und Kameltränke, ist eine junge Stadt. Der Staat Israel wollte sich die raumgreifende nomadisierende Lebensweise der arabischen Beduinen nicht mehr leisten, und so wurden sie mehr oder weniger zur Sesshaftigkeit gezwungen. Ein erster Versuch zur Ansiedlung in Tel Scheba Ende der sechziger Jahre scheiterte, denn ausgerechnet Reihenhäuser für Beduinenfamilien zu bauen, war keine sehr gute Idee. Bei der Gründung Rahats im Jahre 1972 erhielt dann jede Familie tausend Quadratmeter Land und konnte selber darüber verfügen. «Als ich hier die Primarschule besuchte, gab es noch gar keine Häuser. Wir wohnten in Zelten», erzählt Abu Hani. Heute leben gut 30 000 Menschen in Rahat. Doch viele der älteren Generation zogen nie in die Häuser, sie wohnen weiterhin in Hütten und Zelten in den Vorgärten. Rahat ist jung: Sechzig Prozent der Bevölkerung sind weniger als 25 Jahre alt. Jede Nacht werden in der Kleinstadt vier, fünf Frauen entbunden. Entsprechend gross sind die Familien. Abu Hani etwa hat elf Geschwister. Zwölf Grundschulen stehen in Rahat mittlerweile, jedes Jahr muss eine neue gebaut werden. Familienplanung gilt als unislamisch. «Wir Sozialarbeiter versuchen zu vermitteln, dass viele Kinder auch grosse Armut bedeuten. Aber das ist schwierig zu verkaufen.» In Rahat arbeiten siebzehn Sozialarbeiter, dabei wäre laut Gesetz pro tausend EinwohnerInnen ein Sozialarbeiter nötig. Aber mehr finanziere der Staat nicht. Neue Moscheen 1948, bei der Staatsgründung Israels, lebten etwa 80 000 Beduinen in der Negev. Die meisten wurden vertrieben, geblieben sind nur gut zehntausend. Die Negev machte etwa zwei Drittel des neuen Staates aus und wurde vorab als jüdisch zu besiedelndes Land angesehen, für neue Kibbuzim und Dörfer. Israel errichtete militärische Anlagen und erklärte grosse Gebiete der Negev zu militärischem Sperrgebiet oder zu Naturschutzzonen. Nomadisieren wurde verboten, Tiere wurden beschlagnahmt. Heute verfügen die BeduinInnen gerade noch über zwei Prozent der ganzen Negev. Die Arbeitslosenrate beträgt in Rahat über fünfzehn Prozent. Diese Zahl sage aber wenig aus, sagt Musa Abu Schaiban, der zweite Sekretär der Gemeinde, denn die israelische Statistik erfasse Arbeitslose unter 21 Jahren nicht. Jüdische Israelis leisten zwischen 18 und 21 in der Regel ihren Militärdienst, Beduinen gehen aber weil für sie freiwillig nur selten zur Armee. (Abu Hani: «Diejenigen, die Militär machen, bekommen vom Staat mehr Rechte. Das glauben sie wenigstens.») Die meisten Jungen suchen Arbeit. Arbeitslose Frauen werden in Rahat statistisch ebenfalls nicht erfasst. In der überaus konservativen beduinischen Gesellschaft arbeiten meistens sowieso nur die Männer, anders als in der jüdisch-israelischen Gesellschaft. Immerhin besuchen die Mädchen die Schule, auch höhere Schulen und Unis. «Wenn einer arbeitslos wird, trifft das die Familie doppelt, denn er muss ja alle ernähren», so Abu Schaiban. Gut die Hälfte aller EinwohnerInnen Rahats lebt in Armut. Seit Anfang der achtziger Jahre gilt Rahat als eigenständige Gemeinde. Doch in den ersten Jahren amtierte ein staatlich ernannter jüdischer Gemeindepräsident. Erst 1989 konnten die BewohnerInnen Rahats ihren 17-köpfigen Gemeinderat selber wählen. Die Wahl gewann zur allgemeinen Überraschung ein Vertreter der wertkonservativen Islamischen Bewegung. 1993 wurde ein einheimischer Kandidat der Arbeitspartei zum Bürgermeister gewählt, und 1998 ergab sich eine kuriose Koalition von Arbeitspartei und Islamischer Bewegung. Islamische Politik ist in der beduinischen Gesellschaft ein neues Phänomen. «In der Wüste kannten die Beduinen keine Moscheen. Hier wurden in den letzten zwanzig Jahren aber viele Moscheen gebaut», sagt Abu Hani. «Die Menschen sind religiöser geworden, die islamische Bewegung hat viel Einfluss gewonnen. Sie gibt den Menschen Rückhalt.» Wasser und Strom erhalten die Moscheen vom Staat gratis, ihr Bau wird durch Spenden und religiöse Abgaben finanziert. Rahats protzige Moscheen lassen sich gut fotografieren. Hingegen tauchen beim Versuch, eine rudimentäre Tankstelle ein grosser, überirdischer Tank mit einer Zapfsäule zu fotografieren, sofort einige Männer auf, die das verhindern wollen. «Wir dachten, Sie seien von der Polizei», begründen sie das später. Nicht alle BeduinInnen liessen sich in Städten wie Rahat ansiedeln. Rund 30 000 leben in über vierzig «nicht anerkannten» Dörfern in der Negev. Das heisst, sie leben ohne Anschluss ans Stromnetz und an Wasserleitungen. In diesen Dörfern gibt es weder Strassen noch Schulen. Nicht einmal Moscheen dürfen die DorfbewohnerInnen bauen: Eben wurde eine «illegale» Moschee abgerissen. Der Druck auf die «nicht anerkannten» Dörfer wird unter der Regierung von Ariel Scharon noch verstärkt. Im März und Anfang April dieses Jahres wurde Ackerland dieser Dörfer aus Flugzeugen mit Unkrautvertilgern besprüht und die Pflanzungen wurden zerstört. Staatlich angeordnete Hauszerstörungen werden zahlreicher. Und eine Gesetzesänderung sieht vor, dass sich strafbar macht, wer ohne von Israel anerkannten Rechtstitel in einem solchen Dorf lebt. Es droht eine Gefängnisstrafe. Die Menschen sollen ihr Land verlassen und umsiedeln. Nach Rahat, zum Beispiel. Beduinen und Linke «Verpflichtung zu Frieden und einer gerechten Gesellschaft» nennt sich eine linke Gruppe von vorab jüdischen Intellektuellen. Etwa zehn von ihnen, alle um die fünfzig Jahre alt, treffen sich in Rahat mit Beduinen zu einer Diskussion über Arbeitslosigkeit und die von der israelischen Regierung vorgesehenen Budgetkürzungen. Aus Rahat nehmen etwa 25 Männer an der Versammlung teil, vorab die «Elite» der Stadt: Schulleiter, Sozialarbeiter, der Vizegemeindepräsident, der Finanzvorstand. Man trifft sich im Stadthaus, im niedrigen, kargen und etwas beengenden Sitzungszimmer des Gemeinderates. Mineralwasser und Fanta stehen auf dem langen Tisch, dazu Salzgebäck. Neonlicht. Der Finanzvorstand Salame Abu Daabas hält eine Begrüssungsrede in Hebräisch: «Wir leben in harten Zeiten, überall werden Gelder gekürzt, und jeder bekommt es zu spüren. Doch wir werden weiter gegen die Arbeitslosigkeit kämpfen und noch mehr kämpfen, um Geld verdienen zu können.» Dann spricht ein jüdischer Professor zum Krieg im Irak und über Thatcherismus. «Es gibt in Israel keinen Wechsel, ausser Juden und Araber arbeiten zusammen», betont er. Es gebe keine schnelle Lösung für die Wirtschaftskrise. Eine Lösung für Israel müsse auch das Palästinaproblem umfassen. Dennoch: «Die letzte Wahl wurde aufgrund der Haltung gegenüber den palästinensischen Gebieten entschieden. Links und rechts unterscheidet aber einiges mehr als die Palästinafrage.» Dann erläutern die Gäste aus Jerusalem die Budgetkürzungen im Detail. Man solle die Kürzungen ablehnen, Gemeinden sollten vor Gericht gehen. Der Sozialvorstand erläutert die Lage in Rahat. «Früher hatten wir Tiere und Land. Heute müssten wir arbeiten, um uns ernähren zu können. Viele brechen die Schule ab, um Arbeit zu suchen.» Rahat erhalte nur die Hälfte des Geldes, das vergleichbare jüdische Städte bekommen. «Nach sechs Monaten geht uns das Geld aus. Wir sind nicht in der Lage, Familien, deren Vater plötzlich arbeitslos wird, zu helfen.» Die Jerusalemer betonen hingegen, dass der ganze Süden leide. Der zweite Sekretär Abu Schaiban gibt «ein Beispiel für die wirtschaftliche Misere bei uns: Ich war heute Mittag in einem Restaurant als einziger Gast!» «Verpflichtung zu Frieden und einer gerechten Gesellschaft» betreibt in Jerusalem ein kleines Büro zur Beratung von Arbeitslosen. Monatlich etwa 200 bis 300 Beratungen leisten die AktivistInnen dort. Auch in Rahat wollen sie eine Beratungsstelle eröffnen. «Dann wären wir endlich besser verankert hier, und unsere Arbeit hätte mehr Bestand», meint ein Aktivist. Es ärgert ihn, dass offensichtlich nur ausgewählte Männer von der Versammlung überhaupt erfahren haben. Ein Bewohner Rahats zeigt sich nicht zufrieden mit der abendlichen Diskussion: «Wir reden die ganze Zeit über Fakten, aber nicht über Lösungen. Dabei kennen die Leute die Fakten längst auswendig. Sie haben die Versprechungen satt, sie brauchen Taten.» |
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