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WoZ-Online
7.8.2003

Harald Schmidt und sein interessiertes Massenpublikum

Der Bertolt Brecht von Sat.1


Tan Wälchli

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Eine Million AbonnentInnen, jede Menge Laufpublikum und Abend für Abend ein neues Stück. Die «Harald Schmidt Show» ist reif für den Titel «Theater des Jahres».

Keine Zweifel, Harald Schmidt hatte schon immer viele KritikerInnen. Als der im staatlichen Fernsehen etablierte Unterhalter («Verstehen Sie Spass?», «Schmidteinander») sich vor gut sieben Jahren daran machte, für den Privatsender Sat.1 das amerikanische Format der Late-Night-Show zu importieren, galt er manchen als Anzeichen einer voranschreitenden Amerikanisierung Europas. Denn Schmidt imitierte ganz direkt: Das Studiointerieur und die Liveband kopierte er ebenso wie das Programm, das vom Stand-up-Comedy-Solo zu Beginn über die ab Band eingespielten Sketches bis zu den Studiogästen führte. Ende der neunziger Jahre aber wurde klar, dass Schmidt in mancher Hinsicht eine Vorreiterrolle gespielt hatte. Die amerikanische Comedy setzte sich in Deutschland auf derart breiter Front durch, dass bald die Rede von der «Spassgesellschaft» die Runde machte. Überhaupt ahmte das Fernsehen neue Programmformate aus den USA jetzt sofort nach, sobald sie dort ihre Erfolgstauglichkeit bewiesen hatten. Und sogar ein «Medienkanzler» trat auf den Plan. Er brachte die aus der Friedensbewegung hervorgegangenen Grünen an die Macht, die mit ihm gemeinsam die deutsche Armee in lange Zeit undenkbare Kampfeinsätze auf fremdes Territorium schickten. Kurz: Deutschland war so amerikanisch wie noch nie, und Harald Schmidt, so schien es, drohte das Schicksal, am Erfolg zu scheitern.

Mit deutscher Bildung ...
Der Schein trügte. Während die Spassgesellschaft, die jetzt über Alternativen verfügte, immer öfter wegzappte, hatte Schmidt fast unbemerkt damit begonnen, sein Format zu modifizieren. Die als zynisch verschrienen Witze wurden seltener, die Anzahl der vorproduzierten Beiträge nahm ab, und auch Gäste kamen weniger. Dass hier konsequent in eine Richtung gedacht wurde, war nicht mehr zu übersehen, als vor zweieinhalb Jahren plötzlich der Leiter der Redaktion, Manuel Andrack, neben Schmidt im Studio Platz nahm. Jetzt wurde auch noch das Comedy-Solo zum Beginn gekürzt, damit der Chef anschliessend genügend Zeit hatte, mit seinem obersten Angestellten über Berlusconis Kaschmirpullover zu diskutieren. Oder man sprach über italienische Malerei, über Shakespeare und Nietzsche, las Zeitung (vornehmlich natürlich die «FAZ») und kaute genüsslich die schweren Brocken deutschen Allgemeinbildungsgutes so lange durch, bis auch die letzten grossen Fragen mithilfe handlicher Nachschlagewerke geklärt werden konnten.
Als Schmidt und Andrack eines Abends mit Benjamin von Stuckrad-Barre dessen Text über den gescheiterten Hosenkauf des Berliner-Ensemble-Intendanten Claus Peymann aufführten (mit dem Text in der Hand natürlich und ohne Probe), war das neue Prinzip der Show offenkundig geworden: Seither ist sie Theater. Und auf der Bühne steht der deutsche Bildungsbürger, in dessen Brust, wie schon Goethes Faust wusste, zwei Seelen schlagen. Er ist den irdischen Gelüsten so zugetan wie dem ewigen Streben des Geistes, neigt zur dekadenten Versöhnung mit dem Schein des Daseins ebenso wie zum verbissenen Bestreben, die weltliche Ordnung auf höhere Werte zu gründen. Kurz: Er liebt italienisches Essen und möchte doch ganz Europa mit der deutschen Kultur beglücken.

... gegen die Spassgesellschaft
Das also war Schmidts Antwort auf die amerikanisierte Spassgesellschaft: Nicht etwa die Rehabilitierung der alteuropäischen Vorstellung vom «ewigen Frieden», sondern ein knallhartes Weder-noch. Denn, so hatte die Analyse der Situation aus dem Blickwinkel von zweihundert Jahren Bildungsbürgertum ergeben, die beiden Haltungen stützen sich gegenseitig. Folglich müssen sie auch gemeinsam bekämpft werden. Und das gelingt am besten, indem man auf der Bühne die symptomatischen Kompromissbildungen vorführt, die sie im zerrissenen Gemüt der Deutschen produzieren.
So testete Schmidt fortan freundliche Klingeltöne fürs abgeriegelte Eigenheim, in dem man doch niemals gestört werden möchte, mimte den ermatteten Manager, der sich in der Kneippkur eine Rauchpause gönnt, oder präsentierte Wein mit Hitler-Etiketten, die Andrack aus dem Italienurlaub mitgebracht hatte. Und je länger das Theater dauerte, umso mehr Rollen gab es zu besetzen. Unterdessen gelangen Bandleader Helmut Zerlett und die Souffleuse Suzana, der Wasserträger Sven und Nathalie, die Stimme der Show, zu regelmässigen Einsätzen. Sie spielen mit Schmidt und Andrack das Kasperletheater, zum dem der wohl künftige CDU-Kanzlerkandidat Roland Koch die Politik degradiert, sie spielen alte Fernsehsendungen von Frank Elstner, das superhippe Video-Theater vom «Volksbühne»-Chef Frank Castorf und das zeitlose bayrische Volksstück um den «Kaiser» Franz Beckenbauer. Regelmässig werden auch ZuschauerInnen gebeten, für einige Minuten in eine Rolle zu schlüpfen. Sie dürfen sich zum Beispiel von Andrack einen Christbaum abpacken lassen, auf dem Parteitag der «Harald Schmidt Show» Anträge vorbringen oder mit dem ehemaligen Kirchenorganisten Schmidt am Piano ein Friedenslied komponieren und es zum Schluss gemeinsam singen.
Hat Schmidt damit seine KritikerInnen überzeugt? Nun, logischerweise sind es eher noch mehr geworden. Grob gesagt: Sie kommen jetzt nicht mehr wie früher eindeutig aus dem linken, sondern auch aus dem rechten Feuilleton. Plötzlich bemängelt das «NZZ Folio», dass die Show nicht spontan, sondern drehbuchartig geplant sei. Die «FAZ» empörte sich, dass Schmidt – notabene gelegentlicher Gastautor der Zeitung – die Wirtschaftskrise in Deutschland nicht ernst nehme. Und sogar Mariam Lau, die früher auf der «taz»-Filmredaktion wacker gegen die political correctness kämpfte und folglich Schmidt-Fan war, hat sich gegen ihr ehemaliges Idol bekannt. In ihrer (unautorisierten) Schmidt-Biografie wirft sie ihm vor, anstatt wie früher gegen die Lichterketten anzutreten, schwimme er unterdessen im antiamerikanischen Mainstream der Deutschen mit. Alles das zeigt eines deutlich: Wer sich noch immer im Gegensatz liberal-konservativ versus links-alternativ situiert, kommt mit Schmidt, der beide Positionen gemeinsam ablehnt, nicht mehr klar.
Sehr gut gelingt das heute dagegen wieder jener Masse deutscher Bildungsbürger, die mit zerrissenem Gemüt hemmungslos zwischen beiden Haltungen hin und her schwanken. Sie erkennen sich in Schmidts Theaterstücken unmittelbar wieder – mit dem Ergebnis, dass die Show erfolgreicher ist denn je. Und das mag erst mal rätselhaft scheinen: Wie schafft es Schmidt, von einem Publikum geliebt zu werden, das er auf der Bühne beständig vorführt? Die schlagende Erklärung dafür stammt aus der Abteilung Dramaturgie. Schmidt hält sich nämlich eisern an die berühmte Regel aus Bertolt Brechts «epischem Theater», wonach der Schauspieler «eine Sache zeigen und sich zeigen» muss. Das heisst, er zeigt während des Spiels immer, dass er spielt, und geht so auf Distanz zu der dargestellten Figur. In den Worten aus Walter Benjamins Brecht-Aufsatz: Schmidt behält sich die Möglichkeit vor, «mit Kunst aus der Rolle zu fallen».

Be a star? Nein, danke!
Dieses brechtsche Prinzip erlaubt es dem Publikum, mitzuspielen. Dass alle, die hinter und vor der Bühne an der Aufführung beteiligt sind, mit auf die Bühne gehören, ist ebenfalls eine dramaturgische Anweisung aus dem Lehrbuch des «epischen Theaters». Und diesbezüglich unterscheidet es sich, wie Benjamin schon in den dreissiger Jahren gezeigt hat, grundsätzlich vom Star-Prinzip, das ihm auf Anhieb ähnlich scheinen könnte. Die «Starsearch» – so der Titel eines anderen Sat.-1-Formats – funktioniert so, dass aus der Masse der gewöhnlichen Menschen mittels demokratischer Auswahl immer neue ausgewählt werden, die den Versuch wagen sollen, den Himmel auf die Erde zu holen. Und dass sie bei diesem Bestreben notwendig scheitern müssen, verhilft den zu Hause sitzenden ZuschauerInnen zur Erkenntnis, dass in der gefallenen Welt alle anderen wie sie selbst auch eine Existenz als traurige Clowns und arme Sünder zu bestreiten haben. Das ist die Lehre der amerikanischen Comedy, die sich darin nicht von der mittelalterlichen Divina commedia unterscheidet.
In der «Harald Schmidt Show» dagegen machen die wechselnden MitspielerInnen nicht als ausgewählte Menschen mit, die mit ihrem Talent vergeblich beim lieben Gott hausieren gehen. Sondern sie treten als Dilettanten auf, bei denen ebenso wie bei Schmidt selbst immer schon klar ist, dass sie eine vorgegebene Rolle spielen. Hat jemand das nicht verstanden, hakt Schmidt sofort ein: «Sie wollen komisch sein? Das kann gefährlich werden.» Und folgen dann alle dieser Grundregel, machen sie sich niemals lächerlich, sondern sie erhalten, genau wie Brecht es geplant hatte, Gelegenheit, sich belehren zu lassen. Denn weil die Stücke, in denen sie mitspielen, unseren Alltag darstellen, tut sich die dramaturgische Distanz genau im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Rollen auf. Aus diesen fallen die Mitspielenden kunstvoll heraus. Und das bewirkt, dass wir, ähnlich wie in «The Matrix», plötzlich den ganzen Apparat der Inszenierung sehen, der unsere gesellschaftliche Realität ansonsten als existenzialistische Divina commedia erscheinen lässt. Lachen wir dann zu Hause mit über jene, die im «epischen Theater» auftreten, werden wir sie ebenso wenig wie uns selbst noch als traurige Clowns wahrnehmen. Vielmehr vermögen wir darüber zu lachen, dass wir bisher in der Comedy überhaupt mitgespielt haben.
Weil sie derart auf die massenhafte Selbsterkenntis des entfremdeten Subjektes abzielt, gilt für die «Harald Schmidt Show» Benjamins Definition von «technisch reproduzierbarer» Kunst: Es ist ihre «Aufgabe, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.» Unterdessen könnte man ja schon mal bedenken, was solche Befriedigung bedeuten würde. Einen Hinweis gibt einer der realpolitischen Vorschläge, die Schmidt gelegentlich äussert, wenn er aus seiner Rolle fällt: Zum Thema Arbeitslosigkeit sagt er sinngemäss, er verstehe nicht, weshalb die Arbeitslosen arbeiten gehen sollten, wenn sie damit doch nur den anderen die Arbeit wegnehmen würden ... – Bis diese Sichtweise auf die gesellschaftlichen Widersprüche sich durchsetzt, bleibt Harald Schmidt vorerst eine Figur von kunsthistorischer Bedeutung.
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