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WOZ-Online
2.10.2003

Weltwoche

Das Klumpenrisiko


Von Constantin Seibt

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Innert zwei Jahren hat Roger Köppel bei der «Weltwoche» die Macht auf seine Person konzentriert. Nun geht das Personal.

Ist es Masche? Oder Überzeugung? Der Charakter? Die Rolle? Der Master-Plan? Nur Zufall? Ist er so? Tut er nur so? - JournalistInnen haben normalerweise zwei Berufskrankheiten. Die erste heisst Klatsch, die zweite vorschnelle Urteile (wenig Fakten, donnernde These).
Ziemlich selten aber wird auf Journalistenpartys derart irritiert im Kreis philosophiert wie im Fall des «Weltwoche»-Chefredaktors Roger Köppel. - Ist er übergeschnappt? Oder superclever? Das Konfirmandengesicht der SVP? Ein Hors-Sol-Rechter? Ein Mann am Abgrund? Oder der Erfolgreichste von uns allen? Solche Fragen - gestellt von im Prinzip gelassenen, gut angezogenen Männern und Frauen mit eigentlich scharfer Zunge - deuten auf eines hin: auf Macht. Es sind Gespräche eines tatsächlichen und möglichen Personals über den heutigen oder morgigen Chef. Dieses intensive Rätseln über Absichten und Charakter – so sprechen Küchendiener über die Herrschaft, Minister über den Duodezfürsten, Parteikader über ihren Diktator.
Dass solche Küchenpersonalgespräche über einen 38-jährigen, bebrillten, netten Mann geführt werden, der in seinen Anzügen ein wenig wie ein Gymnasiast aussieht, dass sie in der demokratischen Schweiz und von respektierten Haudegen der Branche geführt werden – das ist allerdings überraschend.
Grund dafür sind drei Dinge:
1. Die grösste Pressekrise seit Jahren. Freie und fest angestellte JournalistInnen, bis vor kurzem noch gefragt und gehätschelt, sind nun plötzlich erpressbar. 2. Die Konsequenz, das Tempo und die Brutalität, mit welcher der nette junge Mann seine Postion auf- und ausbaute und die «Weltwoche» nach rechts führte. 3. Sein Erfolg.
Tatsächlich stand wie bei jeder gelungenen Machtübernahme am Anfang die Krise. Eine Krise, wie sie nicht schlimmer denkbar gewesen wäre. Die «Weltwoche», ein humanistisches Blatt, 1933 gegründet und mit antifaschistischer Tradition, geriet in den achtziger Jahren in den Besitz von Spekulanten, dann in die zittrigen Hände der Basler Mediengruppe BMG. Diese machte in Zürich über hundert Millionen Franken Defizit, holte in einem wirren halben Jahr Roger Köppel, unterschrieb erst bei Ringier und verkaufte dann Anfang 2002 völlig überraschend an eine zunächst unbekannte, diffuse Gruppe von reichen, alten Rechtsbürgerlichen um den Financier Tito Tettamanti.
In dem Chaos gaben die wenigsten Profis der «Weltwoche» eine Überlebenschance: sieben Millionen Defizit pro Jahr, das Projekt, aus dem ehrwürdigen Blatt ein Magazin zu machen, die reaktionären Investoren ohne Ahnung vom Medienbusiness – keine Chance.
Die Profis (und mit ihnen die WOZ) irrten. Die «Weltwoche» verkaufte sich als Magazin besser, die Reichweite stieg letztes Jahr um vierzig Prozent, das Blatt bekam ein klares Profil, ein Erfolg, den niemand erwartet hatte. (Allerdings mit weit versprengten Gratisabonnements und einer horrend teuren Werbekampagne. Und gesicherte Zahlen über Ausgaben und Gewinne gibt es auch keine.)
Unerwartet war auch, wie entschlossen die «Weltwoche» politisch nach rechts schwenkte. In ziemlich horrendem Tempo folgten das Prädikat «Staatsmann» für den SVP-Präsidenten, nette Artikel, in dem die Klimaerwärmung als nicht existent dargestellt wurde, eine um ungefähr den Faktor zwanzig aufgeblasene Rechnung, wie teuer uns ein Flüchtling komme (angeblich eine Million), neoliberale Traktate gegen den Sozialstaat, Kriegsbegeisterung im Irak (mit einem Chefredaktor, der vergeblich versucht, in die Kampfzone einzureisen) und schliesslich zum Wahlkampf das Bashing liberaler FDP-Leute.

Shock and Awe
Verblüffend an der Energie des Rechtsschwenks war, dass die «Weltwoche» als Magazin und eher linksliberales Autorenblatt als amorph und praktisch unsteuerbar galt. Und trotzdem ist nach zwei Jahren Chefredaktion praktisch nur ein Gesicht, eine Handschrift in dem Blatt erkennbar: diejenige des netten jungen Roger Köppel.
Wie landet man einen Coup dieser Grössenordnung? Die Antwort ist ziemlich einfach, wenn man die richtige Position und genügend Energie hat. Das Wichtigste: sämtliche Dialoge nur bilateral führen. Was ins Blatt kommt und wie es ins Blatt kommt, entscheidet in der «Weltwoche» nicht der Ressortchef, sondern nur einer: Roger Köppel. (So lief die gesamte Irak-Berichterstattung über den Kopf des Auslandchefs hinweg. Der rechnerisch falsche, aber eminent politische Eine-Million-pro-Flüchtling-Artikel vier Wochen vor der Asyl-Abstimmung war ein komplettes Überraschungsgeschenk an die Inlandredaktion. Die Begeisterung eines Ressortchefs bedeutet, dass ein Artikel bezahlt wird, aber nicht, dass er erscheint – die Halde an nicht publizierten Geschichten ist riesig.) Ebenso wird wild in Storys hineinkorrigiert: Eine Geschichte über den betrügerischen Geheimdienstbuchhalter Dino Bellasi wurde etwa im zweitletzen Absatz unvermittelt zum «GAU des Journalismus» erklärt – gegenläufig zum Artikel, passend zum Editorial.
Das Raffinierte an bilateralen Verhandlungen ist, dass die Mitarbeiter entweder im Zustand der Gnade sind – Köppel redet mit ihnen, ihre Artikel erscheinen – oder im Zustand der Dunkelheit – er redet nicht, ihre Artikel erscheinen nicht. Und dies nach keinem wirklich sichtbaren System. Mit Willkür und Unsicherheit erzieht man Vasallen.
Und mit Taten macht man sich überlebende MitarbeiterInnen restlos gefügig: «Bad News für dich. Du bist gefeuert.» In dieser Kürze und Herzlichkeit verliefen dutzende MitarbeiterInnengespräche in der «Weltwoche». Im Oktober 2001 traf es Synes Ernst, den Inlandchef, Arthur K. Vogel, den Auslandchef, Christa Mutter, Westschweiz-Korrespondentin, Willi Wottreng, Inland, Georg Blume, Ostasien-Chef, Hanspeter Bundi, Reporter, Rudolf Trefzer, Gastro, Susanne Hegglin, Reisen. Im Herbst 2002 waren vor allem Auslandkorrespondenten an der Reihe: Johannes von Dohnanyi, Jürgen Gottschlich, Bartholomäus Grill, Stephan Hille, dazu von Layout und Foto Alexandra Kojic, Jacqueline Aubry und als Geschenk zum 25. Dienstjubiläum Doris Burkhalter. Im Januar darauf kündigte Köppel an, zehn Prozent seiner RedaktorInnen zu entlassen, liess die Redaktion vier Wochen im Ungewissen und kündigte dann der Reporterin Jacqueline Schärli, dem Wirtschaftsredaktor René Staubli, dem Medienredaktor Christian Mensch, dem Kulturredaktor Thorsten Stecher. Danach kündigte Köppel «weitere budgetneutrale Einwechslungen» an.

Der Jungsklub
Der Terror griff umso mehr, als er auch Leute erfasste, die hart gearbeitet und Köppels Linie vertreten hatten (etwa bei der Attacke gegen das Schauspielhaus). Und weil die Entlassungen in bester Laune erfolgten: «Du bist doch auch ein Winner!», sagte Köppel etwa jemandem, den er Wochen zuvor entlassen hatte und nun doch brauchte, «du warst doch noch nie ein Loser. Wir sind das Winning Team. Du gehörst doch zu uns!»
Was an Machtstruktur übrig blieb, war ein kleiner wechselnd besetzter (manchmal in Gnade, manchmal in Ungnade stehender) Klub von Prätorianern. Es sind Jungs vom gleichen Typ wie Köppel: aus eher bescheidenen Verhältnissen, nun hoch bezahlt, an Partys wird ihnen von anderen wichtigen Leuten auf eine Schulter geklopft, die in Designkleidung steckt. Seltsam an diesem Typ des Köppel-Statthalters sind die Ressentiments: Kaum sitzt man mit ihnen am Tisch, hört man endlose Monologe gegen Neider, Feministinnen, Linke, die nur noch in der Vergangenheit und der Fantasie existierten – Hodenbader, Latzhosenträger, SP-Grössen, die einst Glückwunschtelegramme an Nicolae Ceausescu schickten.
Köppel und seine Prätorianergarde verbreiten eine seltsame Mischung aus Rebellentum und Jammern. Einerseits beharren sie darauf, sich stolz gegen den Mainstream zu stemmen – in einer Schweiz, die zu zwei Dritteln bürgerlich ist. Andererseits klönen sie über die Macht von Gutmenschen, Linken und immer wieder Feministinnen. Es ist nichts Entspanntes an ihrem Erfolg. Und nicht an ihrem Flirt mit dem Bürgertum: Wenn ein dandyhaft gekleideter Mensch dir plötzlich mit leisem Glimmen erzählt, dass das Höchste in der Schweiz Grillpartys sind ... Verdammt, will man sagen, dann iss doch in Ruhe deinen Cervelat wie alle anderen auch, na und?
So ist die «Weltwoche» unter anderem beliebt für die Safari auf Papiertiger: Köppel erklärt die Linke zum «Machtzentrum», sein Chefreporter Eugen Sorg schreibt alle vier Monate einen Jammerartikel, was Männer wie er für Unglück mit Frauen gehabt hätten, Blochers Antiparasitenkampagne gegen «Scheininvalide» wurde drei Wochen zuvor in der «Weltwoche» gestartet ...
Wie in jedem guten Jungsklub (von Pfadfindern bis zur Armee) werden die Feinde kräftig aufgeblasen. Mittlerweile arbeiten nur noch zwei Frauen auf der Redaktion der «Weltwoche».

Braindrain
Der Erfolg der «Weltwoche» beruht neben dem Talent – die Jungs können schreiben, Köppel kann Themen setzen – unter anderem auf dem schillernden Image: rechte Botschaften aus einem superseriösen, liberalen Blatt.
Notwendig für diese Dramaturgie ist der Widerspruch: Christoph Mörgeli wird durch Peter Bodenmann, die Kriegsbegeisterung durch die skeptischen Artikel des Amerika-Korrespondenten Martin Killian begleitet – im souveränen Bewusstsein, dass nicht wichtig ist, wohin die Passagiere laufen, sondern wohin der Zug fährt. Doch nun scheint der Kurs absichtlich und zwangsweise noch schärfer nach rechts zu kippen: In den letzten Wochen und Tagen kündigten die letzten Liberalen des Blattes: der Auslandchef Armin Guhl, die Gerichtsreporterin Marianne Fehr, die Produzenten Esther Schmid und David Schnapp, der Amerika-Korrespondent Martin Killian – und weitere SchreiberInnen sind auf dem Absprung, bis sie etwas finden.
Mitauslöser der Flucht soll Köppels Statement gewesen sein «Kein Wischiwaschi mehr – jetzt gehen wir voll auf Kurs» und last, not least das letzte Opfer der Säuberungen, die jahrzehntelange Chefsekretärin Regina Bösel. Sie hatte sieben Chefredaktoren überlebt, bis Roger Köppel (wie man erzählt) sie vor zwei Wochen ins Chefbüro rief: «Regina, kannst du mal kommen … Also, zwei schlechte Nachrichten. Erstens: Wir müssen uns trennen. Zweitens: Sofort.» Es wurden keine fachlichen Gründe angegeben. Das Problem sei: Herr Köppel brauche jemand Jüngeren, die besser repräsentiert. (Köppel selbst will nichts sagen, ausser: Er habe gern mit allen ehemaligen Kollegen und Kolleginnen zusammengearbeitet. Und: Personalpolitische Details gehörten nicht in die Öffentlichkeit.)
Die Gefahr, die auf das Machtsystem Köppel zwei Jahre nach Beginn lauert, kommt von der intellektuell ausgebrannten Tamedia. Sowohl der «Tages-Anzeiger» wie auch «Facts» streichen um die verbliebenen JournalistInnen herum: Sobald das Budget steht (bei Tamedia tummeln sich im Moment die Sanierer), wird gekauft werden, was gut ist und weg will.
Köppel und die «Weltwoche» deshalb abzuschreiben, hiesse einer Illusion aufzusitzen. Zum Ersten hat er finanzkräftige Unterstützung des Rechtsbürgertums: Allein Christoph Blochers Ems-Chemie subventioniert die «Weltwoche» mit einer bezahlten Kreuzworträtselseite mit rund 500 000 Franken pro Jahr.
Trotzdem hat ein rechter Unternehmensberater wahrscheinlich Recht, als er gegenüber der WOZ Roger Köppel als «Erfolgsgaranten beim Wiederaufstieg und Klumpenrisiko bei der Konsolidierung» bezeichnet. Andererseits warteten auf Köppel noch weit grössere Aufgaben: So sei der konservative Bankier und Freund Tettamantis, der NZZ-Verwaltungsrat Konrad Hummler, begeistert von der Person und Politik Roger Köppels und besessen, diesen als Nachfolger des schwachen Hugo Büttler als Chefredaktor einzusetzen.
Kein Wunder, dass im Fall Roger Köppel der respektvolle Dienstboten-Ton auf den Journalistenpartys bleibt: Ist Roger übergeschnappt? Oder superclever? Das Konfirmandengesicht der SVP? Ein Opportunist? Ein Mann am Abgrund? Der zukünftige Chef?

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Die Alternative

Der Vorschlag ist Geschichte. Am 7. März machte die WOZ den unbekannten neuen Investoren der «Weltwoche» ein Angebot: Für fünfzig Millionen Franken hätten wir den schwer defizitären Titel übernommen, nach unseren publizistischen und geschäftlichen Grundsätzen saniert und nach fünf Jahren wieder auf den Markt entlassen – als Freundin, als Konkurrentin. Wären uns die (zum Teil bis heute) anonymen Partner bekannt gewesen, hätten wir uns den Vorschlag sparen können. Andererseits hätten sie mit uns wohl eine Stange Geld gespart. MedienhistorikerInnen finden im Online-Dossier die Details zum geplatzten «WOZ-rettet-Weltwoche»-Coup.


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