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WOZ-Online
13.11.2003

Alternative Wirtschaftsmodelle

Die Arbeitsfalle


Von Urs Hafner

Ulrich Oevermann, 1940 geboren, ist Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er befasste sich mit Fragen der schichtenspezifischen Sozialisation und der Erziehung, betreibt Kultur- und Religionssoziologie und entwickelte die Methode der «objektiven Hermeneutik», ein Interpretationsverfahren, das vor allem für die Analyse von Interviews angewendet wird.


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Warum uns das bedingungslose Grundeinkommen glücklich machen könnte, erklärt der Soziologe Ulrich Oevermann.

Mit wehendem Mantel hastet Ulrich Oevermann die Treppe herauf. Ausser Atem entschuldigt er sich für seine Verspätung, schliesst das Büro auf und schaut schnell die ausgedruckten E-Mails durch, die ihm eine Mitarbeiterin am Abend zuvor auf den Tisch gelegt hat. Der Raum ist voll gestopft mit Ordnern und alter Hardware. Vom sechzehnten Stock des maroden Betonturms der Frankfurter Universität, der die Sozialwissenschaften beherbergt, blickt man auf den protzigen Messeturm, Symbol des Wirtschaftsbooms der achtziger Jahre. Die Fassade gleisst im Sonnenlicht. «Ich liebe dieses ästhetisch gelungene Gebäude», sagt Oevermann und zieht seinen Mantel aus.
«Der Kapitalismus», sagt der Kultursoziologe, der sich in der Tradition der Frankfurter Schule sieht, «produziert zwingend Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist seit Mitte der siebziger Jahre eigentlich nichts Schlimmes, sondern im Gegenteil ein Zeichen der Produktivität und des gesellschaftlichen Wohlstands. Sie ist die Reaktion auf technisch ermöglichte Wertschöpfung ohne den Einsatz lebendiger Arbeitskraft. Fatal hingegen ist das Festhalten am Ideal der Vollbeschäftigung. Das ist Augenwischerei.» Aufgrund der zunehmenden Technisierung und Automatisierung werde sich das Arbeitsvolumen weiter verringern: «Im Bankensektor etwa und in anderen Dienstleistungsbetrieben, also selbst dort, wo nur noch mit Papier geraschelt wird, werden weitere Stellen gestrichen werden.»
Tatsächlich befindet sich die westliche «Arbeitsgesellschaft» in einer Krise. Fast niemand mehr bestreitet das. In Europa nimmt die Zahl der Arbeitslosen seit Mitte der siebziger Jahre zu. Immer mehr Menschen werden in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt und leben am oder unter dem Existenzminimum. Die gängigen politischen Reaktionen auf die Krise gleichen sich in einem Punkt: Sie setzen auf mehr Arbeit. Die Unternehmer wollen die Arbeitskräfte verbilligen, um die Zahl der Arbeitsplätze zu erhöhen. Die Gewerkschaften verlangen eine Reduktion der Arbeitszeit, damit möglichst viele Erwerbstätige in den Genuss von Arbeit kommen; Arbeit sei ein Menschenrecht.
Ulrich Oevermann schwebt eine andere Lösung vor: «Nur die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens für alle Bürger und Bürgerinnen von der Wiege bis zur Bahre führt uns aus dieser Krise heraus.» Neu ist das Modell eines Grundeinkommens nicht. In den sechziger Jahren wurde es in rechten Kreisen, in den achtziger Jahren vor allem von der Linken immer wieder diskutiert, doch eine Mehrheit fand es nie.
Was Oevermanns radikale Forderung nach einem bedingungslosen, mit dem Existenzminimum zusammenfallenden Grundeinkommen von anderen Modellen unterscheidet, ist die soziologische Begründung: «Die menschliche Selbstverwirklichung muss von der Lohnarbeit getrennt werden.» Nur so könne man die psychische Verelendung weiter Kreise der Bevölkerung verhindern. Der Soziologe will nicht das Heer der Arbeitslosen und Ausgesteuerten ruhig stellen, sondern er wünscht sich vielmehr, dass Bedingungen für ein erfülltes Leben geschaffen werden, und zwar auch für diejenigen Menschen, die nur stumpfsinnige und erniedrigende Arbeit leisten, die durch Maschinen verrichtet werden könnte.
Die moderne Leistungsethik, deren Entstehung Max Weber in «Die protestantische Ethik und der &Mac220;Geist&Mac221; des Kapitalismus» eindrücklich geschildert hat, bildet nach Oevermann die Grundlage der westlichen Zivilisation. «Sie ist wirkungsmächtiger, als man glaubt», sagt Oevermann und pocht mit seinem Kugelschreiber auf den Tisch. «Sie ist ein säkularisierter Bewährungsmythos, den wir benötigen, um den Gedanken an den Tod ertragen zu können. Denn im Unterschied zu den Tieren stehen wir ein Leben lang vor der Frage, was mit uns nach dem Tod geschieht und wie unser Nachruf ausfallen wird.» Da wir uns nie sicher sein könnten, ob wir uns in unserem Leben bewährt hätten, müssten wir diese Bewährung immer wieder von neuem anstreben.
Die Leistungsethik gilt nach Oevermann für alle Menschen, sowohl für die Unternehmer als auch für die Lohnarbeitenden. «Wir alle haben sie so stark verinnerlicht, dass sie uns den Sinn unseres Lebens verbürgt. Mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit aber funktioniert sie nur noch für diejenigen, die qualifizierte Arbeit haben.» Doch auch wer nicht arbeite, müsse seinem Leben einen Sinn geben können. Die Arbeitslosen fühlten sich wertlos und unglücklich, könnten aber die Leistungsethik nicht einfach entsorgen.
Angesichts der strukturellen Arbeitslosigkeit, die der Kapitalismus zwangsläufig produziert, muss nun der Bewährungsmythos von der Arbeitsleistung getrennt werden: «Wir brauchen einen neuen Mythos», sagt Oevermann, «und zwar in Form der Selbstverwirklichung. Sie darf aber nicht mit Lifestyle oder einer esoterischen Heilssuche verwechselt werden. Das Ziel wird sein, ein Leben so zu gestalten, dass es in sich schlüssig ist.» Dank der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens könnten Selbstverwirklichung und Arbeitsleistung entkoppelt werden. Wer nicht arbeiten will oder kann, bezieht ein existenzsicherndes Einkommen und widmet sich der Gestaltung seines Lebens; er oder sie beobachtet Vögel, vertieft sich in kleinteilige Puzzles, schreibt Bücher, malt Bilder, pflanzt Blumen, zieht Kinder gross, hört sich Musik an oder geht spazieren.
Weil die Lohnarbeit nicht mehr dominierte, gälten diese Tätigkeiten nicht mehr als Freizeitbeschäftigung, weil die moderne Trennung zwischen Arbeit einerseits und Freizeit andererseits hinfällig würde. Vor allem aber, ist der Soziologe überzeugt, entfiele dann die Stigmatisierung der Arbeitslosen. «Es gäbe eine zunehmende Zahl von Leuten, die aus dem Arbeitsleistungssystem ausscheiden oder ihm den Rücken zuwenden. Das wären dann nicht mehr nur die angeblich Kleinen, Faulen, Gebrechlichen oder was uns sonst an Stigmatisierungsbegriffen zur Verfügung steht, sondern das wäre schlicht normal.» Die Grenze zwischen Arbeitenden und Nichtarbeitenden würde fliessend.
Einwände gegen dieses Modell sind schnell zur Hand. Wäre es nicht besser, das schrumpfende Arbeitsvolumen gerecht zu verteilen, wie das die Gewerkschaften fordern? Oevermann schüttelt resolut den Kopf, während er ein Diagramm vor sich hin kritzelt. «Wenn man die Arbeit verteilt, macht man sie zu einem begehrten Gut. Wer mehr Arbeit als die anderen besitzt, gilt plötzlich als privilegiert. Doch Arbeit ist eine Widerstandsüberwindung, kein Genuss. Wenn sie zum Luxusartikel wird, untergräbt sie dadurch unsere Leistungsethik und gefährdet die gesellschaftliche Ordnung.» Wirtschaft und Wissenschaft seien darauf angewiesen, dass hochqualifizierte Angestellte einer Leistungsethik folgten, die sie zu ihrem Einsatz anstachle.
Doch wer wird überhaupt noch arbeiten wollen, wenn sie oder er nicht mehr arbeiten muss? Werden sich nicht Verwahrlosung und Schlamperei ausbreiten? «Der Anreiz, ein Einkommen zu erzielen, das über das Existenzminimum hinausreicht, bleibt bestehen. Die Verankerung der Leistungsethik ist sehr stark. Viele Menschen schämen sich, Sozialhilfe zu beziehen», sagt Oevermann. Und ausserdem müsse man den Menschen nicht gleich das Schlechteste unterstellen, wie es die Unternehmer machen, die befürchteten, dass nicht disziplinierte Personen nur habgierige, hedonistische Triebwesen wären. «Ich traue den Menschen Mündigkeit zu.»
Aber würde eine, die Geld bezieht, ohne einer Lohnarbeit nachzugehen, nicht als Schmarotzerin gelten? Oevermann räumt ein, dass die Legitimation seines Modells heikel sei. «Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der Wohlstand eines Landes eigentlich der Wohlstand aller Bürger und Bürgerinnen ist. Unsere Gesellschaft ist eine Erbengesellschaft. Das gewaltige Bauwerk der Metro von Paris beispielsweise ist dank der mühevollen Arbeit einiger weniger entstanden, von der noch heute fast alle profitieren. Von den damaligen Arbeitern haben einige ihren Lohn auf die Seite gelegt und dann weiter vererbt. Andere hingegen haben ihre Einkommen verloren, vertrunken oder sind krank geworden. Wenn man deren Nachfahren nun vom gesellschaftlich kumulierten Reichtum ausschlösse, wäre dies eine Bestrafung alttestamentarischen Ausmasses.»
Wie man allerdings die gesellschaftliche Wertschöpfung berechnen und verteilen könne, die durch ursprüngliche Arbeitskraft geschehen sei, die heute in Maschinen und Software geronnen sei, das sei eine schwierige Frage, gesteht Oevermann. Die klassische bürgerliche Ökonomie liefere hierfür keine Werkzeuge. Er denke allerdings, dass das bedingungslose Einkommen finanzierbar sei.
Vor allem aber: Wird das Grundeinkommen, das an die Staatsbürgerschaft geknüpft ist, nicht zum Ausschluss der arbeitslosen MigrantInnen führen? «Diese Gefahr besteht tatsächlich», gibt Oevermann zu, «solange die MigrantInnen keine Staatsbürgerschaft erhalten. Das ist ein anderes Problem.» Die Regelung der internationalen Ungleichheit sei eine schwierige Frage und müsse über internationale Verträge erfolgen. «Dieser Punkt müsste jedoch genauer durchdacht werden.»
Oevermanns Modell erinnert an die berühmte utopische Passage in der «Deutschen Ideologie», in der Marx sich das Leben in der «kommunistischen Gesellschaft» ausmalte, «wo jeder nicht einen ausschliesslichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweig ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und es mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, je nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden». Oevermann kennt die Stelle beinahe auswendig. «Marx hatte nicht in allem Unrecht», lächelt der Soziologe und schaut auf seine Uhr, «aber die Linke hat diese Gedanken nie ernst genommen. Natürlich ist mein Modell utopisch, aber ich würde die Trennung zwischen Utopie und Realität nicht apodiktisch ziehen. Das Utopische, die auf eine offene Zukunft gerichtete Konzeption des guten Lebens, ist notwendigerweise Bestandteil jeden Lebens.» Er greift nach seinem Mantel. Der nächste Termin steht an.

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