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WOZ-Online
18.12.2003

Lottofieber

Träumen vom Glück


Von Dorothea Wuhrer, Sevilla

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Am Vormittag des 22. Dezember konzentriert sich ganz Spanien auf ein Ereignis: Die Weihnachtssonderziehung der staatlichen Lotteriegesellschaft.

Für die Spanier ist der «Sorteo extraordinario de Navidad» eine Art offizieller Startschuss für die Feiertage und gehört zu Weihnachten wie für NordeuropäerInnen der Christbaum. Egal ob im Baskenland, Katalonien, Galicien oder auf den Inseln – zwei Tage vor Heiligabend schaut oder hört in Spanien praktisch jedeR ein paar Kindern zu, die drei Stunden lang mehr oder weniger gut die Gewinnzahlen der Weihnachtslotterie singen. Die Ziehung findet im Hauptsaal der staatlichen Lotteriegesellschaft in Madrid statt und wird vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen und praktisch jedem Radiosender live übertragen.
Schon in der Nacht zuvor bildet sich vor dem Gebäude eine endlose Schlange von Leuten, die den Madrider Minusgraden trotzen, um bei der Ziehung dabei zu sein und so dem Glück noch mal «einen kleinen Anstoss zu geben», ganz als würde das Glück eine Nacht in der Kälte belohnen. Um 8.30 Uhr wird der Saal geöffnet und um 9 Uhr gehts los: Erst wird eine Losnummer gezogen, dann der entsprechende Gewinn dazu.

380 Millionen für «el Gordo»
Die Weihnachtslotterie gibt es in Spanien schon seit Jahrhunderten. Zum ersten Mal fand sie 1763 auf Geheiss von Carlos III. statt. Damals wurden aus insgesamt 90 Nummern 5 Gewinnerzahlen gezogen, die ausschliesslich gemeinnützigen Einrichtungen wie Hospitälern oder Waisenhäusern zugute kamen. Seit 1812 wird der «Sorteo de Navidad» jedes Jahr in derselben Form vorgenommen. Zwei Trommeln werden mit Holzkugeln gefüllt, in der einen befinden sich die Losnummern, in der anderen die Nummern der Gewinne. Sobald die Zahlen gezogen sind, singen jeweils zwei Schüler oder Schülerinnen der 500 Jahre alten Madrider Schule San Ildefonso – ehemals ein Heim für Waisenkinder – die Zahlen. Höhepunkt des Tages ist die Ziehung des fettesten Gewinns, «el Gordo», für den 380 Millionen Euro ausgeschüttet werden.
In diesem Jahr werden 1540 Gewinne auf 66 000 Lose verteilt. Ein ganzes Los inklusive 190 Serien kostet 38000 Euro. Das kann sich kaum jemand leisten, darum werden die Lose wiederum in Zehntelsanteile aufgeteilt, die jeweils 20 Euro kosten. 20 Euro für nur eine Zahl ist auch noch ziemlich viel, und so ist es bei der Weihnachtslotterie erlaubt, die Zehntelslose weiter aufzuteilen: Vereine und Vereinigungen, Genossenschaften und Kirchgemeinden können Beteiligungen an den «Décimos» verkaufen, für die sie wiederum einen Zuschlag von jeweils maximal zwanzig Prozent erheben dürfen. Der Zuschlag kommt dann dem jeweiligen Verein zugute. Durch die weitere Aufteilung der Zehntelslose ist es unmöglich, zu sagen, wie viele Leute an der Weihnachtslotterie teilnehmen, ich habe jedenfalls noch niemanden getroffen, der nicht wenigstens eine «papeleta», eine Beteiligung, gekauft hatte.
Die SpanierInnen sind an sich schon ein spielfreudiges Volk: kaum eine Bar, in der nicht wenigstens ein Spielautomat steht, kaum eine Strasse ohne Verkäufer der Once, der Lose der spanischen Blindenvereinigung. Absoluter Renner ist jedoch die Weihnachtslotterie, bei der so mancher sein Haus zum Fenster rausschmeisst und einen kompletten Monatslohn (durchschnittlich 750 Euro) für Zehntelslose und Beteiligungen einsetzt. Im Durchschnitt gibt jedeR EinwohnerIn Spaniens 90 Euro für die «Königin aller Lotterieziehungen» aus.

Geteilte Freude
Das Besondere der spanischen Weihnachtslotterie besteht jedoch nicht nur in der Höhe des Einsatzes und der Gewinne, auch nicht im Aufwand, der um die Ziehung gemacht wird. Ganze Dörfer und Stadtviertel können gemeinsam gewinnen: Durch die mehrfache Aufteilung der Lose und den Verkauf der Beteiligungen in Bars, beim Bäcker, im Tabakladen gewinnt zwar niemand Millionen, dafür sind die GewinnerInnen mit ihrer Freude nicht alleine. Und die Orte, die den Hauptgewinn (2 Mio. Euro pro Serie) ziehen, feiern dann mitunter auch mal tagelang Party: Bars schenken gratis Getränke aus, Tante-Emma-Läden verteilen Geschenke, der Bäcker spendiert Brot, der Friseur schneidet Haare umsonst (ein Angebot, von dem allerdings abzuraten ist, schliesslich sind die SpanierInnen nicht nur spiel-, sondern auch recht trinkfreudig).
Neben grösseren Vereinigungen oder Vereinen dürfen auch «peñas» Beteiligungen an Losen drucken und verkaufen. Eine Peña, das ist ein Freundeskreis oder Stammtisch verschiedenster Art: Fussballklubs, Schachvereine, Karnevalsgruppen. Und davon gibt es endlos viele. In der Provinz von Sevilla zum Beispiel hat jedes auch noch so kleine Dorf auf jeden Fall zwei Peñas: eine Peña Bética (Freunde vom Fussballklub Real Betis Balompie Sevilla) und eine Peña Sevillista (Fans des Erzrivalen Sevilla F. C.).
Und alle, alle verkaufen vor Weihnachten Beteiligungen an Spaniens Lieblingslotterie.

Illegale Glücksritter
Das reizt natürlich manche, mit der Lotterie unlautere Geschäfte zu treiben. Wie 1952 in Sevilla, woran sich heute noch jeder ältere Sevillano erinnert. Damals verkaufte Señor Escanez mehr als 5000 Beteiligungen auf ein Zehntelslos. Die Nummer wurde gezogen, und Herr Escanez landete im Gefängnis, weil er nicht genug Geld gewann, um alle Beteiligten auszahlen zu können. Im Gefängnis sitzt seit Mitte November dieses Jahres auch ein 53-jähriger Frührentner und ehemaliger Minenarbeiter aus Asturien. Celestino F.S. hatte im Namen der inexistenten Alzheimer-Vereinigung La Esperanza Beteiligungen für je 5 Euro an der Losnummer 70999 in Umlauf gebracht. Da es aber nur 66000 Losnummern gibt, kann 70999 auf keinen Fall gezogen werden.
Manche Nummern sind jedes Jahr in Mode, andere wiederum werden durch aktuelle Geschehnisse beliebt. Absolute Renner in diesem Jahr sind die Losnummern 11103 und 22504 – beide waren innerhalb von 24 Stunden ausverkauft. Am 1. November (11103) gab der spanische Kronprinz Felipe bekannt, dass er heiraten wird. Die königliche Hochzeit findet am 22. Mai nächstes Jahr statt (22504). Die MonarchistInnen, die weder 11103 noch 22504 ergattern konnten, suchen jetzt nach 30168, dem Geburtsdatum von Felipe, und 15972, dem Geburtsdatum der Braut und zukünftigen Königin Spaniens.

Pilgerort Sort
Neben bestimmten Nummern gibt es auch Verkaufsstellen, die sehr beliebt sind, wie der kleine Ort Sort. Vor dem Zeitalter des Internets pilgerten im Herbst tausende SpanierInnen aus allen Regionen in das Dorf in Katalonien, um in «Glück» (so lautet der Ortsname auf Deutsch) ihre Lose oder Beteiligungen zu kaufen und nebenbei glückheischend das Bild der Goldhexe, der Bruixa d’Or, anzufassen.
Und tatsächlich wurden in dem Dorf überdurchschnittlich viele Treffer verkauft. Allerdings ist das angesichts der Menge an Beteiligungen, die in Sort erworben werden, nur logisch. Vergangenes Jahr hat die Lottostelle des Dorfes allein für die Weihnachtslotterie über eine Million Zehntelslose verkauft, in diesem Jahr gingen über das Internet täglich 200 Bestellungen ein, Mitte November waren bereits alle Weihnachtslose verkauft. Reich geworden mit dem Aberglauben ist inzwischen der Besitzer der Lottostelle in Sort, Xavier Gabriel, der im kommenden Jahr seinen 25 Quadratmeter grossen Lottoladen durch eine zwanzigmal grössere Mega-Lottostelle mit Unterhaltungsshows (für die Schlangestehenden) ersetzen wird.
Viele, die sich bis zum 21. Dezember dem Lottofieber entziehen konnten und noch keine «papeleta» haben, rennen spätestens dann los, um doch noch in irgendeiner Form teilzunehmen. Das ist der Tag, an dem in allen TV-Nachrichten die Überprüfung der Kugeln und Trommeln gezeigt wird und an dem sich direkt danach endlose Schlangen vor den Lottostellen bilden.
Ich für meinen Teil hoffe, dass «el Gordo» an die Nummer 00190 geht, meine bisher einzige Beteiligung vom Daimieler Karnevalsverein Der Hintern von Manola. Und wenns bei der«Sorteo extraordinario de Navidad» nicht klappt mit dem grossen Gewinn, dann gibts am 6. Januar mit der «Ziehung des Kindes» eine zweite Chance. «El niño» verläuft ähnlich wie die Weihnachtslotterie, wird allerdings nicht mehr live übertragen, hat keinen so schönen Werbespot und schüttet auch nicht so viel Gewinn aus. Und, na ja, nach Weihnachten ist das auch alles nicht mehr so spannend.

«Ich bleibe zuhause», sagt Lyle, «ich kann nicht hingehen und einfach zusehen, das halte ich nicht aus. Aber mitmachen ist zu gefährlich, dafür bin ich zu alt.» Lyle ist Anfang sechzig und der Landlord unseres Bed and Breakfast in Kirkwall, dem Hauptort der Orkney-Inseln vor der schottischen Nordküste. In jüngeren Jahren hat er regelmässig am Ba’ Game teilgenommen und dabei einmal den Ball (the Ba’) auch als Trophäe nach Hause nehmen dürfen. Als er ihn uns zusammen mit jenem fast schon antiken Stück präsentiert, das sein verstorbener Vater 1954 gewonnen hat, schlägt nicht nur sein Herz höher. Wir sind gute drei Tage gereist, um das Ba’ Game vor Ort zu erleben, und kaum angekommen, halten wir zwei echte Ba’ in den Händen.

Spiel ohne Regeln
Es war irgendwann vor zwei Jahren, als wir beim Zappen kurz vor Mitternacht auf Bilder eines dampfenden Menschenknäuels stiessen, der sich zäh durch die engen Gassen eines Küstenortes bewegt. Ein Kamerateam eines deutschen Regionalsenders hatte sich aufgemacht, die archaische Vorform des heutigen Fussballs zu dokumentieren, hatte ältere und jüngere Teilnehmer befragt und das Spiel von Anfang bis Ende verfolgt. Die Bilder übten eine derartige Faszination aus, dass die Reise zur nächsten Austragung schnell beschlossen war.
Beim Ba’ Game wie bei vergleichbaren Urformen des Fussballs in anderen britischen Kleinstädten geht es für jedes Team im Wesentlichen darum, den Spielball vom Ausgangspunkt in sein eigenes Territorium zu befördern. Regeln gibt es keine, genauso wenig wie festgeschriebene Teilnehmerzahlen. Die Spiele dauern bis zum Sieg eines Teams, was wenige Minuten, meist aber mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann. Um die Ursprünge des Spiels ranken sich verschiedene Sagen, die sich im Kern jedoch gleichen: Der Vorläufer des heutigen Ba’ war der abgeschnittene Kopf eines Tyrannen. Die populärste aller Überlieferungen ist die Geschichte um den gefürchteten schottischen Herrscher Tusker (tusk = Stosszahn), die auf die Zeit der Besetzung der Orkneys durch die Wikinger zurückgeht. Ein junger Orcadian soll Tusker, der seinen Namen einem hervorstehenden Eckzahn verdankt, auf dem Festland getötet haben. Auf dem Rückritt, den abgeschnittenen Kopf des Tyrannen am Sattel festgemacht, wurde der Junge von Tuskers langem Zahn ins Bein gebissen. Er schaffte es gerade noch nach Kirkwall, bevor er an einer Infektion starb. Aus Trauer über den Tod des Jungen und aus Wut auf den Tyrannen kickten darauf die Leute Kirkwalls Tuskers Kopf durch die Strassen.
Etwas wahrscheinlicher als die zweifellos spektakulären folkloristischen Überlieferungen sind die Erklärungen, die auf heidnische Rituale zurückgehen. Im Winter sind die Tage auf den Orkneys kurz – bei gutem Wetter ist die Sonne von 9 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags am Horizont zu sehen –, weshalb die Wintersonnenwende als die «Rückkehr des Lichts» rituell gefeiert wurde. Aus einer während des Festes veranstalteten Spielform, so wird vermutet, ist das Ba’ Game hervorgegangen. Gestützt wird die Theorie vom Austragungsdatum: Soweit die Quellen zurückgehen, wurde das Ba’ Game immer um die Weihnachtszeit gespielt. Das Spiel am Neujahrstag wird seit über 200 Jahren ausgetragen, im späten 19. Jahrhundert kam der 24. Dezember als weiterer Spieltag hinzu, was bis heute Gültigkeit hat. Die zunehmende Popularität des Ba’ Games sowie die Verschiebung des Spielortes vom offenen Gelände in die Stadt um 1800 wirkte sich bald auf die Spielform aus: Hatten die Spieler lange Zeit genügend Raum, dem Ball hinterherzulaufen und ihn zu treten, verunmöglichte das Gedränge in den Gassen weitgehend ein Spiel mit dem Fuss. Dieser Entwicklung wurde bei der Herstellung des Spielgeräts Rechnung getragen: Anstelle eines leichten Lederballs wird seit etwa 1850 mit einem schwereren, solideren Korkball mit Lederhülle gespielt, den herzustellen noch heute wenigen Handwerkern vorbehalten ist.

Für immer ein Doonie
Die Fahrt wird weit weniger beschwerlich als angenommen. In Paris wartet der TGV, in Calais die Fähre, in Dover ein Regionalzug mit Türen aus Holz, in London ein Intercity, in York wegen Streckenunterbruchs ein Autobus, in Darlington wieder ein Intercity und in Edinburgh ein Taxi zum Hotel. Hätten wir jemals einen gültigen Fahrplan zu Gesicht bekommen, wir müssten Britanniens Eisenbahn mit dem Prädikat «fahrplanmässig» versehen. Nach betörend schöner Fahrt an Schottlands Ostküste, während deren sich der Angestellte des «Virgin-Train»-Bordcafés für die defekte Kaffeemaschine über Lautsprecher mit den Worten: «Wir bedauern die Unannehmlichkeiten, die ihrem Durst dadurch entstehen», entschuldigt, erreichen wir Aberdeen. Von da geht es auf die Fähre. Die sechsstündige Fahrt im Dunkeln der Küste entlang entpuppt sich dank heftig trinkenden und sich auf alle erdenklichen Arten unterhaltenden Mitreisenden als ausgesprochen kurzweilige Angelegenheit. Während Alleinreisende sich etwa in Sean Connerys Autobiografie vertiefen, erfindet ein Trio junger Schotten zum Zeitvertreib kurzerhand ein Quiz, dessen Fragen mit jedem Pint absurder werden. Als es auch uns zunehmend schwerer fällt, den schwankenden Gang eindeutig der hohen See zuzuschreiben, sehen wir in der Ferne Kirkwalls Hafenlaternen leuchten.
Die Frage des Taxifahrers, ob dies unser erster Besuch auf der Insel sei, bejahen wir. «Dann seid ihr jetzt Doonies, für den Rest eures Lebens», meint er. Hätten wir für die Anreise den Luftweg gewählt, wären wir Uppies. Downtown, uptown: An wenigen Orten dieser Welt, merken wir, hat die Zugehörigkeit zu einem Ortsteil weitreichendere Bedeutung als in Kirkwall. Schon ganz Doonies, wollen wir wissen, wer denn das «Christmas-Ba’» gewonnen habe. «Tha Ba’ went up», sagt der Fahrer, selber Doonie, mit leichtem Seufzer. Und fügt an: «Wie immer seit fünf Jahren.» Mit dem angenehm trotzigen Gefühl im Bauch, die jüngsten Mitglieder von Kirkwalls Loser-Gemeinde zu sein, werden wir um Mitternacht vor unserem Bed and Breakfast abgeladen und von Lyle – auch er Doonie – und seiner Frau Mary empfangen. «How’s the weather in Sweden?»
Mit den zwei alten Ba’ in den Händen und einem ordentlichen Klumpen aus Blut- und Leberwurst, Speck, Bohnen, Pilzen, Tomaten und Eiern im Bauch sitzen wir am Frühstückstisch und lauschen Lyles Schilderungen. Der Gewinn des Ba’ erfüllt Lyle noch heute mit sichtlichem Stolz, was umso verständlicher wird, als wir dessen Hintergründe erfahren. Das Spiel zu gewinnen, ist das eine, der Kampf um den Gewinn des Ba’ eine andere Geschichte. Hat ein Team gewonnen und den Ball im eigenen Ortsteil an eine bestimmte Hausmauer (Uppies) oder ins Hafenbecken (Doonies) geworfen, folgt ein zweiter, kurzer Kampf um den Ba’ selbst. Diesen, so will es die Tradition, soll ein Spieler aus dem Siegerteam erhalten, der sich durch langjährige, furchtlose Teilnahme am Ba’ Game einen Ruf erarbeitet hat. Um den Richtigen zu begünstigen, wird sein Name schon im Vorfeld eines Spiels gehandelt, damit im entscheidenden Moment die wichtigen Spieler wissen, wem der Rücken freizuhalten ist. Bei ihm, erzählt Lyle, habe es Gerüchte gegeben: «Als mich am Abend vor dem Spiel sogar ein Uppie anrief und mir sagte, bei einem Sieg von uns Doonies solle ich mich bereithalten, da wusste ich, dass ich Chancen hatte.» Und so gesellte sich zum väterlichen Ba’ ein Vierteljahrhundert später der des Sohnes. «It’s a rough game», gibt uns Lyle zum Schluss mit auf den Weg, wir müssten dann schon sehen, dass wir das Spiel aus sicherer Entfernung verfolgen.

Gesicherte Bankomaten
Der Neujahrstag rückt näher. Im kleinen Supermarkt am Ortsrand decken sich die Einheimischen für die Silvesternacht mit Bergen von Alkoholika ein. Eine Stunde vor Mitternacht – es ist schon seit acht Stunden dunkel und beissend kalt – marschieren die nacktbeinigen Dudelsäcke vor der Kathedrale auf. Rundherum stehen Erwachsene, die sich aus den mitgebrachten Flaschen gemächlich betrinken. Unten auf der Strasse versammeln sich ihre Kinder, in T-Shirts und Jeansjacken, und betrinken sich weniger gemächlich. Die ersten sacken noch im alten Jahr zusammen.
Am nächsten Morgen sind die Strassen leer, Schaufenster, Türen und Bankomaten sind mit massiven Kantholzvorrichtungen gesichert. Gegen Mittag strömen langsam die Leute vor die Kathedrale. Kurz vor ein Uhr ist der Platz gefüllt. Dann geht ein Raunen durch die Menge: Aus der Südstadt schreitet der rund 30-köpfige Uppie-Mob heran, wortlos, die Gesichter versteinert. Einzelne Anfeuerungsrufe sind zu hören. Die Uppies formieren sich als Pulk mitten auf dem Kirchplatz. Dann drehen sich die Köpfe nach rechts, und mit Geschrei und Gekrächze werden die ankommenden Doonies begrüsst. Der Underdog, das ist klar, hat die Leute auf seiner Seite. Die rund fünfzig Doonies umkreisen die Uppies und zwängen sich in deren Mitte. Mit dem Glockenschlag um eins wird der Ba’ von einem älteren Herrn in hohem Bogen in die Meute geworfen, und dann ist endgültig Schluss mit der Neujahrsbeschaulichkeit. Der «scrum», wie sie den Menschenknäuel nennen, hat den Ball verschluckt; wir werden ihn bis zum Schluss nicht mehr sehen. Es wird geschrien, gestossen, gezogen, gehalten, Anweisungen werden gebrüllt, Kräfte verlagert. Weil der Ball in der Mitte des Knäuels blockiert ist, muss, wer ihn zum Ziel befördern will, die ganze Menschentraube durch die Stadt schieben. Doch der Knäuel bewegt sich kaum, und wenn, dann um Zentimeter oder plötzlich ruckartig von einer Hausmauer zur nächsten, was die Zuschauer in Panik flüchten lässt.

Fünf Stunden Krampf
Nach einer Stunde sitzt der Pulk an der Rathauswand fest, keine zehn Meter vom Anspielort entfernt. Erste Schläge werden ausgeteilt, doch die Übeltäter werden von den erfahrenen Spielern sofort am Kragen gepackt und abgemahnt. Für uns Aussenstehende ist schwer zu verstehen, was die älteren Akteure mit ihren zahlreichen taktischen Anweisungen bezwecken. Dass sie mehr als blosses Geschrei sind, beweisen die Warnungen, die regelmässig an die ZuschauerInnen gerichtet werden und die sich meist bewahrheiten: «Weg von dieser Wand, da kommen wir gleich hin», schreit einer, und ehe man sich versieht, rollt der Mob auf einen zu. Mit der Dämmerung verschiebt sich das Spiel in eine enge Gasse, spätestens jetzt wird die Funktion der Kanthölzer offensichtlich. Spieler am Rand des Geschehens, die von der Bewegung der Meute plötzlich an eine Wand gedrückt werden, holen gequält Luft. Ihre Wangen leuchten rot, ihr Schweiss hängt als Dampf über den Köpfen. Nach zwei Stunden gerät der «scrum» an ein ungesichertes Garagentor, das unter der Belastung sofort einknickt. Schnell lösen die Spieler den Druck, bis die Gefahr gebannt ist, um wenige Meter daneben wieder loszuwürgen. Nach drei Stunden, der «scrum» drückt gegen die Post, zeichnet sich noch immer keine Entscheidung ab, ein gutes Zeichen für die Doonies. Einige Spieler klettern auf umliegende Dächer, um sich einen Überblick zu verschaffen, andere torkeln wie Lehmsäcke und mit blauem Auge aus dem Mob und in die Arme der Sanität. «Come on Doonies», hallt es wieder und wieder durch die einbrechende Nacht. Vergebens. Das Hafenbecken schon in Sichtweite, schwinden die Kräfte der Underdogs. Die Uppies drängen, nach einem Zwischenhalt in einem Vorgarten, unbarmherzig in ihr Gebiet. Kurz nach sechs, nach über fünf Stunden Krampf, knallt der Ba’ an besagte Hauswand in der Südstadt.
Nach kurzem Gerangel um die Trophäe löst sich die Spannung, die Spieler schütteln sich die Hände. Innert Sekunden ist aus einem Pulk sich aufs Heftigste bekämpfender Männer eine Ansammlung erschöpfter, zufriedener Dorfbewohner geworden. «Not bad, we made it to the post office», grinst ein junger Doonie. Und freut sich auf nächste Weihnachten.
Zuhause wartet Lyle auf die Nachricht. «Post office, that’s quite good», lächelt er. Dann führt er uns ins Wohnzimmer. Am Ersten empfangen sie jeweils Gäste auf einen kleinen Schluck. Ein pensionierter Landwirt sitzt im Lehnstuhl, ein Paar aus Guernsey trinkt Rum. Später stösst Kirkwalls Lehrer dazu, die Flasche in der Jackentasche. Er erzählt, sein Sohn sei in den Morgenstunden kurz nach ihm völlig betrunken nach Hause gekommen. «Ich wollte ihn tadeln», sagt der Lehrer, «doch dann hab ich gemerkt, dass ich selber betrunken bin.»

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