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8.1.2004
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Bildung |
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«Unwissen marginalisiert»
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Die Schule bereitet die Jugendlichen falsch auf das Leben vor, findet der Philosoph Oskar Negt.
WOZ: Herr Negt, was missfällt Ihnen an den öffentlichen Schulen? Oskar Negt: Ihr eindimensionaler Leistungsbegriff ist auf die Dauer katastrophal. Die kognitive, also erkenntnismässige Leistungsdimension ist sicher wichtig, aber der emotionale Aufbau und die soziale Kontaktfähigkeit der Kinder sind es nicht weniger. Die öffentlichen Schulen vernachlässigen diese beiden Punkte und anerkennen sie nicht als Leistungsebenen. Die Persönlichkeitsbildung müsste auch deshalb umfassender geschehen, weil die Schulen immer mehr Funktionen übernehmen, welche die Familien nicht mehr leisten. Man muss diese drei Dimensionen unbedingt neu gewichten. Jetzt hängt es mehr oder weniger zufällig vom Lehrer ab, ob der gut mit den Kindern umgeht oder nicht. Sie gründeten 1972 in Hannover die Reformschule Glocksee. Warum engagierten Sie sich als Hochschullehrer auf der Ebene der Primarschule? Ich hatte damals zwei kleine Kinder, welche die antiautoritären Kinderläden besuchten, die ich mit aufgebaut hatte. Und ich hatte für eine Gewerkschaft in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Ich wollte eine Schule mitgestalten, die meinen eigenen Vorstellungen von Lernen entsprach. Die politischen Voraussetzungen für eine Reformschule waren damals in Hannover günstig. Ich sagte aber: Das darf keine Privatschule sein. Die Glocksee ist heute die einzige öffentliche Alternativschule Deutschlands. Alle meine vier Kinder haben sie besucht. Worin unterscheidet sich Ihre Reformschule von einer gewöhnlichen Schule? Primär geht es uns darum, dass die Kinder lernen, Aggressionshandlungen sprachlich auszudrücken und zu neutralisieren, Konflikte öffentlich zu machen und auszutragen. Natürlich gibt es auch in der Glocksee Probleme, aber die Kinder gehen in der Regel gerne zur Schule. Sie haben keine Schulangst. Wenn die Schüler Angst haben, ist das tödlich für das Lernen. Die Glocksee ist eine Ganztagesschule. Die Kinder finden hier einen Lebensraum, den sie daheim oft nicht mehr haben. Die Schule ist klein: Hier kennen sich alle Kinder mit Namen, sie kennen zum Teil auch die Eltern und Geschwister der anderen Schüler. Das ergibt eine ganz andere Kommunikationsdichte. Die Eltern müssen intensiv mitarbeiten, alle zwei Wochen findet ein Elternabend statt. Bis in die neunte Klasse gibts keine Noten, sondern Berichtsbogen. Dort kann man Defizite eingehender beschreiben, zum Beispiel wenn ein Kind keine Freundschaften hat. Doch die Eltern besserer Schüler und die Kinder der höheren Klassen drängen gegenwärtig auf Noten. Gegenüber den Nachbarkindern fehlen ihnen die Vergleichsmöglichkeiten. Die soziale Kompetenz der Kinder wird auch in den Zeugnissen der öffentlichen Schulen berücksichtigt. Na ja, da steht doch meist nur «verhält sich ruhig» oder «stört nicht». Wenn der Schüler stört, schreibt vielleicht ein freundlicher Lehrer rein: «könnte etwas besser sein», oder so. Verhaltensnoten werden ja generell wieder eingeführt. Das läuft eher auf Disziplinierung hinaus. Ihre Schule wird wohl vor allem von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht besucht? Anfänglich legten wir fest, dass wir zur Hälfte Mittelschichtkinder und zur Hälfte Arbeiterkinder wollten, aber das hat nie funktioniert. Wir haben heute allerdings eine breite Mischung von Berufen, etwa Zoowärter und auch Handwerker, aber weit über fünfzig Prozent sind Mittelschichtkinder, der Rest stammt vorwiegend aus der Oberschicht. Werden die Schüler und Schülerinnen heute auf mehr Leistung getrimmt? Der Trend geht ganz klar dahin. Die meisten Politiker sind im festen Glauben, dass wir die gegenwärtigen Probleme lösen können, wenn wir das Schulsystem straffen und die Selektion erhöhen. Das ist ein ausgesprochenes Ohnmachtsverhalten. Ohnmacht? Die Politiker wollen die wirklichen Probleme nicht sehen. Sie trommeln für Evaluation, Leitbilder, Straffung und Monitoring. Das ist eine Realitätsverleugnung und Realitätsverdrängung. Alle diese Bildungsevaluationen erwecken den Anschein, dass wir besser qualifizierte Arbeitskräfte bekommen, wenn wir unsere Schulen rationalisieren. Aber wenn Evaluationen die einzige Grundlage für ein Ranking bilden, ist das Unsinn. Das ist das Problem der quantitativen Bewertung: Bestimmte emotionale Entwicklungen von Kindern, also wo sie stehen, was die Kommunikation und ihr Selbstwertgefühl betrifft, welche Ausdrucksmöglichkeiten sie für Wut und Aggression haben und so weiter, kann man nur durch intensive Beobachtung und sehr ausführliche Beschreibung festhalten. Aber die Politik diskutiert doch die Probleme, welche beispielsweise die Pisa-Studie aufwirft? Man sagt, die Leute könnten nicht richtig lesen. Die Politik müsste jedoch vor allem qualitative Untersuchungen zu den Strukturproblemen der Schule zur Kenntnis nehmen. Ganze Bibliotheken stehen voll mit solchen Untersuchungen, aber die Politiker lesen sie nicht. Wenn Sie mit einem Politiker über «kulturelle Erosionskrise» reden, dann sagt der: «Da ist doch alles stabil, wo ist das Problem?» Was meinen Sie denn mit Erosionskrise? Da ist etwas am Nagen, was nicht auf die strenge Kausalität von Ursache und Wirkung zu reduzieren ist, da löst sich etwas ab, löst sich etwas auf. Bestimmte Werte wie die Familie existieren noch, aber ihre Glaubwürdigkeit zersetzt sich, die Institution löst sich auf. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass die Krise des Schulsystems mit der heutigen Form des Kapitalismus zu tun hat. Wenn man sich wie die meisten Politiker damit zufrieden gibt, zu sagen: «Das ist nun mal so», dann kann man ja nur bestimmte Rationalisierungsmassnahmen im Kopf haben, statt das System zu ändern. Wie schlägt sich die Krise der Arbeitsgesellschaft im Bildungssystem nieder? Die Krise des Bildungssystems ist ein Ausdruck der Krise dieser Gesellschaft, die strukturelle Arbeitslosigkeit produziert. Wenn Sie eine Offensive starten und sagen, wir müssen die Menschen besser qualifizieren, dann haben Sie natürlich mehr Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Nicht nur Unqualifizierte werden arbeitslos. Wir befinden uns also in einem Teufelskreis? So ist es. Man bildet die Jugendlichen für Berufe aus, die es nicht mehr gibt, und man bildet sie obendrein falsch aus. Die einseitige Ausrichtung der Bildung am Kognitiven und an aktueller Verwertung ist nicht mehr tragfähig. Auf universitärer Ebene favorisiert man Kurzstudiengänge, doch in drei Semestern können Sie sich kein Bildungsfundament aneignen. Man könnte nun den zynischen Schluss ziehen: Wozu überhaupt Bildung, wo doch die Arbeit ausgeht? Das fragen sich heute viele Leute, das ist gar nicht so zynisch. Ich meine: Auch für Menschen, die arbeitslos werden, ist Bildung so etwas wie Identitätsvorratsbildung und Lebenserhaltung. Ohne sie kann man keine Persönlichkeit und kein Selbstwertgefühl ausbilden. Bildung ist Orientierungswissen fürs Leben. Sie ermöglicht den Menschen, sich auch in Situationen bedrohter Identität zurechtzufinden, also quasi die Arbeitslosigkeit zu verarbeiten. Menschen, die sich bilden, haben einen anderen Weltblick. Das Schlimme der gegenwärtigen Gesellschaft ist die Entwertung der Arbeitslosen. Wenn Sie arbeitslos sind, brechen die Raum- und Zeitkoordinaten zusammen. Die Erträglichkeit von Arbeitslosenschicksalen nimmt in dem Masse zu, in dem Bildungsprozesse nicht einfach verneint, sondern als gesellschaftliche anerkannt werden. Der Stellenwert der Schule müsste also zunehmen? Auf jeden Fall. Zum einen verschieben sich die Erziehungs- und Lernorte von der Familie zur Schule, zum anderen wachsen in der so genannten Wissensgesellschaft die Anforderungen an den Einzelnen, sich wissend zu bewegen. Die Abkoppelung durch Unwissen und Analphabetisierung führt in die Marginalisierung. Der Umbau des Bildungssystems zielt darauf ab, dass die Schüler bessere Leistungen erbringen. Macht das für diejenigen, die keine Arbeit finden, die Lage nicht schlimmer? Was ich eine drohende «Bildungskatastrophe» nenne, ist die Ausrichtung des Schulsystems an Werten, für die es keine Basis mehr gibt. Die Jugendlichen werden nicht auf die Realität vorbereitet. Die Krise ist gesellschaftlich, die Lösung aber sollen die Individuen alleine finden. Wers nicht schafft, ist selber schuld, heisst es. Leider gibt es keinen Bildungswert des Elends: Bei denen, die von dieser Gesellschaft schlecht behandelt werden, wachsen weder das Protestpotenzial noch die Wut. Die Abgekoppelten sind depressiv. Die Hoffnung, dass es eines Tages besser geht, ist immer individuell. Es fehlt an kollektiver Organisation. Die Gewerkschaften müssten die ausgegliederten Menschen organisieren. |
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Oskar Negt wurde 1934 geboren und studierte in Göttingen und Frankfurt am Main Philosophie und Soziologie. 1971 erhielt er einen Lehrstuhl für Soziologie in Hannover, 2002 verabschiedete er sich vom Universitätsbetrieb. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen «Geschichte und Eigensinn» (zusammen mit Alexander Kluge, 1981), «Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche» (1997) sowie «Arbeit und menschliche Würde» (2001). Negt hat sich vor allem einen Namen als Analytiker des Bildungs- und Arbeitsbereichs gemacht. Sein jüngstes Buch heisst «Kant und Marx. Ein Epochengespräch» (Steidl Verlag. Göttingen 2003). |
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