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WOZ-Online
22.1.2004

Tito Tettamanti

Geld ist geil


Von Gian Trepp

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Der 74-jährige Altkapitalist eilt als Buchautor, Nachwuchsförderer und neuerdings Ascom-Investor von Erfolg zu Erfolg. Sein frühester Geschäftspartner Giangiorgio Spiess bleibt im Dunstkreis der Wirtschaftskriminalität. Was macht Tettamanti besser als Spiess?

«Wenn ich falle, dann auf die Füsse»: Diesen viel zitierten Schwur tat CVP-Mann und heutiger «Weltwoche»-Mitbesitzer Tito Tettamanti 1960 im Tessiner Grossrat, als die Freisinnigen den jüngsten Tessiner Justiz- und Polizeidirektor aller Zeiten zum Rücktritt zwangen wegen einer kleinen Gefälligkeit für einen Bekannten bei einer Baubewilligung.
Zusammen mit seinem Freund, Rechtsanwalt und Treuhänder Giangiorgio Spiess, gründete der schmählich Geschasste im Sommer 1960 zwei Firmen, die Anwaltskanzlei Tettamanti & Spiess und die Treuhand-, Beratungs- und Revisionsgesellschaft Fidinam. Seither arbeiten Tettamanti und Spiess mehr oder weniger eng zusammen, in der Kanzlei bis 1995, bei Fidinam bis heute.
Vergangene Woche produzierten die beiden Männer wieder einmal Schlagzeilen. Tettamanti kaufte zehn Prozent der Telecomgesellschaft Ascom durch seine Investitionsgesellschaft Sterling Investment Group (Domizil: British Virgin Islands), was den Kurs der Ascom-Aktien in die Höhe schnellen liess.
Spiess seinerseits machte auf sich aufmerksam mit seinem Verwaltungsratsmandat bei der Parmalat International Lugano, einer Schweizer Tochter der bankrotten italienischen Skandalgesellschaft Parmalat. Nachdem Mitverwaltungsrat und Parmalat-Finanzchef Fausto Tonna wegen Verdachtes auf schwere Wirtschaftsdelikte in Italien verhaftet worden war, delegierte die Firmenzentrale in der italienischen Schinkenmetropole Parma Ersatzmann Luciano Del Soldato nach Lugano. Nur Tage später verhaftete die Guardia di Finanza prompt auch Del Soldato, die Ermittlungen laufen.
Tettamanti investiert, Spiess hat dubiose Kunden. Nach ähnlichem Muster war bereits der Weisskreditskandal des Jahres 1977 gestrickt, in den Spiess verwickelt war. Der Fall endete mit einem Schuldspruch gegen Weisskreditgründer Elvio Zoppi und drei seiner Direktoren und führte zu mehrjährigen Zuchthausstrafen wegen gewerbsmässigen Betruges zulasten der Anlagekunden in der Höhe von 223 Millionen Franken. Auch Treuhänder Spiess von der Fidinam wurde verurteilt, nämlich wegen Verstössen gegen das Ban-kengesetz zu einer Busse von 12 000 Franken.
Die Weisskreditgeschichte füllt ein ganzes Buch. Hier nur so viel: Zoppi, ursprünglich Gemüsehändler und Geldwechsler in Chiasso, hatte die Bank zusammen mit dem Italiener Emilio Weiss 1949 gegründet. Die internationalen Verbindungen von Weiss liessen das Institut rasch expandieren, Weisskredit eröffnete Büros in Mailand, Köln, Montevideo, Buenos Aires und Santiago de Chile. Weisskreditvertreter in Köln war kein Geringerer als Exreichsbankdirektor Hans Joachim Caesar, der bei Hitlers Reichsbank für die Verwaltung von Feindvermögen zuständig gewesen war, also beispielsweise für die deutschen Filialen von IBM, Ford oder Coca-Cola. 1965 beauftragte Zoppi das Treuhandbüro Fidinam von Tettamanti und Spiess mit der Gründung einer Liechtensteiner Anstalt, eines Vehikels des fürstlichen Gesellschaftsrechtes, mit dem damals ausländisches Vermögen wasserdicht anonymisiert werden konnte. Apotheker Alfred Hasler, der umtriebige Liechtensteiner Fidinam-Vertrauensmann, gründete in Schaan die Finanz- und Vertrauensanstalt FVA, wo neben ihm und Zoppi auch Spiess Einsitz nahm.
In den folgenden zwölf Jahren avancierte die FVA zur schwarzen Bank innerhalb der Bank Weisskredit und diente gemäss dem Urteil des Tessiner Kriminalgerichtes dazu, italienisches Schwarzgeld anonym zu reinvestieren. 1977 war die FVA bankrott, das fürstliche Landesgericht Vaduz verhängte den Konkurs. Zoppi machte die damalige Wirtschaftskrise für die Verluste verantwortlich, das Gericht hingegen kam zum Schluss, die FVA-Anleger seien um 223 Millionen Franken betrogen worden. FVA-Mitverwaltungsrat Spiess gab unter Eid zu Protokoll, er habe nichts von den betrügerischen Machenschaften Zoppis und seiner Crew gewusst. Da die Fidinam über hundert in Liechtenstein domizilierte Anstalten betreue, mittels deren Schweizer Banken und Finanzinstitute gewisse Geschäfte legal ausserhalb der Schweiz tätigten, sei dies auch gar nicht möglich. Obschon Fidinam-Präsident Tettamanti als Entlastungszeuge aussagte, wurde Spiess wegen Verstosses gegen das Bankengesetz verurteilt.
Im Nachgang zum Weisskreditskandal haben Tettamanti und Spiess die Fidinam in zwei juristisch getrennte Holdings in Lugano und Monte Carlo mit einigen angehängten Tochtergesellschaften aufgetrennt. Spiess blieb in Lugano, Tettamanti hingegen verschob seine Operationsbasis nach Cap Ferrat an der französischen Riviera (später nach London) und verkaufte seinen Kunden vermehrt nicht bloss die juristischen Konstruktionen, sondern begann deren Gelder auch in seinem Namen in Immobilien und an der Börse zu investieren.
Heute bietet die Fidinam Buchführung, Buchprüfung und Beratung an. Diese in der Schweiz noch tolerierte Kombination von Finanzdienstleistungen widerspricht den Corporate-Governance-Regeln der OECD und wurde in den USA im Nachgang der grossen Skandale bei Enron, Worldcom, Tyco verboten. Auch bei Parmalat sitzen die Buchprüfer wieder mit auf der Anklagebank, was aufs Neue demonstriert, dass Buchhaltung und Revision voneinander unabhängig sein müssen. Die vier grossen Revisionsgesellschaften PricewaterhouseCoopers, Ernst & Young, KPMG und Deloitte & Touche mussten sich inzwischen von ihren Beratungsabteilungen trennen.
Ihre beiden Gründerväter sind der Fidinam bis heute erhalten geblieben, Spiess als Präsident, Tettamanti als Vizepräsident. Mit dem Unterschied allerdings, dass Spiess als Rechtsanwalt und Treuhänder weitermachte wie zuvor, seine gut betuchte Kundschaft beriet, Offshore-Gesellschaften gründete und administrierte. Tettamanti schlüpfte indessen mehr und mehr in die Rolle des Investors, der das Geld der Kundschaft auf deren Risiko gewinnbringend investiert. Auf dem Bau würde man sagen, Spiess blieb Handlanger des Profits, Tettamanti avancierte zum Architekten des Profits.
«Ich bin stolz darauf, Schweizer zu sein», sagte Tettamanti kürzlich im Interview mit dem Nachrichtenmagazin «Facts», und anscheinend ist der Tessiner Emigrant nach seinen längst gescheiterten Plänen mit Sulzer und Saurer auch wieder bereit, das Geld seiner Kundschaft vermehrt in der alten Heimat zu investieren. Der Einstieg bei der bös gebeutelten Ascom, wo er für zehn Prozent der Aktien ungefähr 75 Millionen Franken investierte, brachte ihn ins Boot der Witwe Carolina Müller-Möhl (fünfzehn Prozent). Ob Tettamanti die Ascom als reine Finanzinvestition betrachtet und nur am Profit interessiert ist oder ob er auch die zukünftige reale Entwicklung dieses Unternehmens im Blick hat, etwa die Schaffung von Arbeitsplätzen, wird sich noch weisen müssen.
Das zweite publik gewordene Grossinvestment Tettamantis ist sein 25-Prozent-Anteil am Jean-Frey-Verlag, das ihn vor zwei Jahren etwa 25 Millionen Franken gekostet und zum grössten Aktionär der Jean Frey AG mit ihrer «Weltwoche» gemacht hat. Mittlerweile dürften Sanierungskosten und die Deckung des laufenden Defizits dieses Verlages einen schönen Teil seines Investments verbrannt haben. Doch als leidenschaftlicher anarcholiberaler Freizeitphilosoph und erfahrener Architekt des Profits weiss Tettamanti um das intime Zusammenspiel von Macht und Profit im Kapitalismus. Das Jean-Frey-Investment mag keinen finanziellen Ertrag bringen, dafür kaufte Tettamanti publizistischen Einfluss.
Sein neustes Buch «Die sieben Todsünden des Kapitalismus» konnte Tettamanti im Bilanz-Verlag veröffentlichen, früher wurde er in den Spalten der «Bilanz» wegen seiner Geschäftspraktiken attackiert, und die Journalistin Barbara Lukesch durfte seine panische Angst vor dem Älterwerden enthüllen – lang ists her. Auch in der «Weltwoche» fliegen heute keine spitzen Pfeile mehr gegen ihn. Das letzte Tettamanti-Porträt war kreuzbrav, es fehlten die entscheidenden Fragen.
Wie zum Beispiel: Warum demissionierte Tettamanti im Dezember 2001 aus dem Verwaltungsrat der Luxemburger Beteiligungsgesellschaft CIPAF des irakstämmigen Briten Nadhmi Auchi? Zum Hintergrund dieser Frage muss man wissen, dass Auchi und die CIPAF seit 1985 geschäftlich mit Tettamanti verbunden waren. Milliardär Auchi wurde wegen seiner Rolle im grossen Korruptionsskandal um die französische Ölgesellschaft Elf im letzten November in Paris zu fünfzehn Monaten Gefängnis bedingt und zu einer Busse von zwei Millionen Euro verurteilt. Auchi unterstützt den Kriegskurs der Blair-Regierung, und sein Orascom-Konsortium hat von den Amerikanern den Zuschlag für den Aufbau eines Handy-Netzes im Irak bekommen.
Tettamanti sagt, es sei reiner Zufall, dass er das Heu politisch auf der gleichen Bühne habe wie Jean-Frey-Geschäftsleiter Filippo Leutenegger und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel. Fakt ist, dass Leutenegger den darniederliegenden Zürcher Wirtschaftsfreisinn neu aufmischt und gegen jene Garde antritt, gegen die auch Tettamanti gekämpft hatte. Zum Beispiel, als er vergeblich versuchte, Sulzer zu übernehmen. Und Köppel propagiert die in Tettamantis Konzept passende «echt liberale freie Marktwirtschaft».
«Der Profit bleibt der einzige Massstab, der zeigt, ob ich ein Geschäft mit Erfolg tätige oder nicht», sagt Tettamanti und bekennt sich damit zum zentralen Grundsatz des angloamerikanischen Neoliberalismus. Mit seiner Investition bei Ascom verfolgt er dieses Ziel unmittelbar. Bei Jean Frey hat der Tessiner überdies gezeigt, dass er bereit ist, sein Geld dort zu investieren, wo dieser Weltschau publizistisch neues Leben eingehaucht wird.

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