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Novartis

Eigene Chemie zu teuer

Von Heinz Roland

Der Pharmariese fordert von seinen Angestellten in den USA, auf billigere Medikamente umzusteigen.

Die rund 7000 MitarbeiterInnen am US-Hauptsitz von Novartis in East Hanover im Bundesstaat New Jersey sollen auch im Krankheitsfall vermehrt Sparsamkeit üben: Um die «Kosten-Eskalation» in der betrieblichen Krankenkasse einzudämmen, rief die Direktion die Belegschaft Ende September in einem Rundschreiben eindringlich dazu auf, künftig mehr preisgünstige Generika zu schlucken; die seien genauso gut und sicher wie die teuren Originalpräparate.

Des Weiteren wurde den MitarbeiterInnen nahe gelegt, sich die nötigen Medikamente im Discountfernversand zu besorgen oder auf die generell preisgünstigeren, rezeptfreien Medikamente umzusteigen. Sollten die Sparbemühungen keine Früchte tragen, warnte Paulo Costa, der Chef von Novartis USA, drohe ein Abbau der Leistungen bei der betrieblichen Krankenkasse - so wie er in andern grossen Unternehmen in den USA bereits eingesetzt habe. Das kann selbst Gutverdienende empfindlich treffen.

Zwar gelten die USA in Bezug auf die soziale Sicherheit in vielen Bereichen als Entwicklungsland: 45 Millionen AmerikanerInnen leben ohne Krankenversicherung, und mindestens noch einmal so viele sind dramatisch unterversichert. Ein Teil der Erwerbstätigen hingegen ist dank einem festen Arbeitsvertrag mit der ganzen Familie über den betrieblichen Group Health Plan bestens versichert.

Sparen, wo es möglich ist

Obwohl dafür keine gesetzliche Pflicht besteht, bieten viele US-amerikanischen Grossunternehmen ihrer Belegschaft die Leistungen einer betrieblichen Kollektivkrankenversicherung an. Die Prämien bewegen sich zwar in ähnlich exorbitanten Dimensionen wie in der Schweiz und schlagen auch Jahr für Jahr zweistellig auf; anders als bei uns wird aber in den USA der grösste Teil der Prämienlast von den Arbeitgebern getragen.

Nach aktuellen Berechnungen der privaten Stiftung Kaiser Family Foundation, die das betriebliche Krankenkassenwesen in den USA alle vier Jahre einer minutiösen Erhebung unterzieht, liegt der durchschnittliche Arbeitgeberanteil an den Krankenkassenprämien für Alleinstehende zurzeit bei 84 Prozent; bei den Familienversicherung sind es 72 Prozent. Mit andern Worten: Von den rund 300 US-Dollar monatlich, die eine Health-Plan-Mitgliedschaft für einen Single im Durchschnitt kostet, werden über 250 Dollar vom Arbeitgeber übernommen. Bei den Familienversicherungen liegt die monatliche Durchschnittsprämie bei 830 Dollar, 600 Dollar davon gehen zulasten der Firma.

Wie die Verhältnisse bei Novartis liegen, will Konzernsprecher Bruno Hofer nicht preisgeben: «Darüber geben wir in der Öffentlichkeit keine Auskunft.» Dass aber gespart werden müsse, ist laut Hofer ein völlig normaler betriebswirtschaftlicher Vorgang. «Warum soll man nicht zu sparen versuchen, wenn das möglich ist? Kostenkontrolle ohne Qualitätseinbusse der Versorgung ist für Novartis eine Selbstverständlichkeit; Generika spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle in der Versorgung der Bevölkerung.»

Dass nun aber ausgerechnet ein Pharmamulti wie Novartis in aller Öffentlichkeit über die hohen Kosten jammert, die er mit seinen teuren Medikamenten - zum Beispiel Lamisil, Diovan oder Glivec - selbst mit verursacht, halten viele für ausgesprochen heuchlerisch. Dabei sind es längst nicht mehr nur PatientInnenorganisationen und Selbsthilfegruppen, die die Wucherpreise vieler patentgeschützter Medikamente kritisieren. So haben sich diesen Sommer fünfzig Grossunternehmen in den USA in einem Buyers Club zusammengetan, der künftig - unter Ausschaltung des Zwischenhandels - direkt mit den einzelnen Pharmaunternehmen tiefere Preise aushandeln will. Hinter dem Buyers Club steht die Nachfragemacht von fünf Millionen Kollektivversicherten, die letztes Jahr verschreibungspflichtige Medikamente im Wert von vier Milliarden Dollar bezogen haben.

Mit ihrem Sparappell an die eigenen MitarbeiterInnen liefert Novartis den KundInnen aus der Grossindustrie nun schlagende Argumente für ihre Preisverhandlungen. Beim Branchenverband der amerikanischen Pharmaindustrie (PhRMA) wurde der Vorgang denn auch mit Verärgerung zur Kenntnis genommen. Mit ihrer Empfehlung an die Belegschaft, künftig mehr Generika zu konsumieren, unterläuft Novartis die von der Branche hartnäckig verteidigte Position, wonach Markenmedikamente die absolute Spitze der pharmakologischen Forschung darstellen und damit jedem Generikum überlegen sind. Die hohen Preise seien dabei notwendig, um die weitere Forschung zu finanzieren, argumentiert die Pharmabranche.

Nummer zwei der Branche

Bei Novartis wird man dem wohl nicht widersprechen. Jedenfalls führte der Basler Arzneimittelmulti noch bis vor kurzem langwierige und teure Prozesse gegen mehrere Generikaproduzenten in Indien, die eine preisgünstigere Kopie des Leukämiemedikamentes Glivec auf den Markt gebracht hatten - sie alle mussten die Produktion inzwischen wieder einstellen.

Freilich: Statt die Generikaplage weiter auf gerichtlichem Wege zu bekämpfen, ist Novartis inzwischen selbst ins boomende Geschäft eingestiegen. Der erst vor zwei Jahren ins Leben gerufene Generikazweig Sandoz ist mit einem Jahresumsatz von drei Milliarden Dollar bereits die Nummer zwei der Branche.

Dass sich Novartis mit seiner Generikatochter selber Konkurrenz macht, glaubt Novartis-Sprecher Hofer dabei nicht. Im Gegenteil, die beiden Bereiche würden sich aufs Beste ergänzen, sagt Hofer und zitiert dabei seinen Chef Daniel Vasella, der im jüngsten Jahresbericht die tieferen Absichten enthüllte, die hinter der Gründung der Sandoz standen: «Die mit Generika erzielten Einsparungen können und sollen Patienten den Zugang zu innovativen, noch patentgeschützten Medikamenten erlauben, die über ein besseres Wirkungs- und Nebenwirkungsspektrum verfügen.»



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