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Viagra

Ein steiler Aufstieg

Interview: Eva Steele-Saccio

Wie die kleine blaue Pille Männlichkeit neu definiert hat - und wie ihr Hersteller sich darüber freuen kann.

Der Mann auf der Viagra-Homepage, ein muskulöser Vierziger, sieht nicht aus, als brauche er viel Unterstützung. «Sei wieder hinterhältig», steht über ihm geschrieben, während das Viagra-Logo so hinter seinem Kopf durchläuft, dass die beiden Spitzen des «V» wie Teufelshörnchen hervorlugen. «Ich bin ein normaler Mann, der einst ein normales Problem hatte», scheint Viagra-Man zu sagen; «jetzt bin ich ein Hengst.»

Alles in Butter? Nicht ganz, sagt Meika Loe, Assistenzprofessorin für Soziologie und Women’s Studies an der Colgate University in Hamilton (New York). Ihr in den USA soeben erschienenes Buch «The Rise of Viagra: How the Little Blue Pill Changed Sex in America» (Der Aufstieg von Viagra: Wie die kleine blaue Pille den Sex in Amerika verändert hat) zeigt, wie Viagra-Hersteller Pfizer aus sexueller Verunsicherung Profit schlägt und mit «erektiler Dysfunktion» ein neues Problem geschaffen hat, das nach teurer Behandlung ruft. Sechzehn Millionen Männer haben seit 1998 Viagra genommen und Pfizer zu einer der profitabelsten Firmen in den USA gemacht.

WOZ: Sie schreiben, Pfizer - und die Pharmaindustrie im Allgemeinen - habe das Problem der «erektilen Dysfunktion» geschaffen, um dafür eine Lösung verkaufen zu können.

Meika Loe: Es begann mit Tests für ein Anginamedikament, dessen Nebenwirkungen die männlichen Testpersonen freute: Ihr Penis wurde besser durchblutet. Plötzlich hatte Pfizer ein Produkt in der Hand, mit dem die Firma nichts anzufangen wusste. Sie lancierte also eine keimfreie, mit Wissenschaft und Statistik voll gestopfte Kampagne und deutete «sexuelle Unzufriedenheit» zu «sexueller Dysfunktion» um. Dabei war der Arzt als Medikamentenverkäufer sehr wichtig. Die Ärzte und Ärztinnen, die als Berater für die Pharmaindustrie arbeiten oder als deren Vertreter Geld erhalten, gaben den Medien Interviews, als Viagra auf den Markt kam. Pfizer rückte männliche Sexualprobleme erfolgreich ins Rampenlicht. Dabei wandelten sich die Werbeträger vom erfolgreichen älteren Herrn, der beruflichen Erfolg, aber gesundheitliche Probleme hat, zum kraftstrotzenden Baseballer. Heute werden vermehrt junge Männer angesprochen. Diese Kampagnen verbinden sexuelle Leistung und Leistung in der Sportarena.

Wie geht die Pharmaindustrie männliche Sexualprobleme an?

Sie simplifiziert diese. Solche PR-Kampagnen propagieren eine sehr enge Vorstellung von Normalität. Der Mann wird auf sein erektiles Potenzial reduziert. Sexprobleme zu haben, ist abnormal. Junge Männer wie meine Studenten, die Versagerängste haben, im Bett aber perfekt sein wollen und sich als leistungsstarke sexuelle Wesen sehen, greifen zum Pillenschrank - statt im Gespräch mit der Sexualpartnerin, dem Sexualpartner oder im Experimentieren mit sich selbst ihre Probleme ohne Medizin anzugehen. Viele Männer sind so glücklich über die einfache Lösung, die die blaue Pille verspricht, dass sie nicht nur ihre sexuelle, sondern überhaupt ihre Identität als Mann von ihr abhängig machen. Es wäre schön, wenn es Raum gäbe für menschliche Fehler und Verletzlichkeit.

Welche Rolle spielte die Industrie in der Karriere von Viagra?

Die Pharmaindustrie ist die profitabelste Industrie in den USA. Einige Wissenschaftler sprechen von der «Pharma-Ära». Die Industrie übt eine nie da gewesene Kontrolle über alle Aspekte der Medizin aus, von der Gesundheitserziehung über die Forschung bis zur Beratung. Mit der Pille lassen sich viele Probleme einfach beiseite schieben, sodass andere Lösungen vergessen gehen. Die meisten erfolgreichen Medikamente seit Prozac wurden für wohlhabende und gesunde Patienten entwickelt. Die Industrie hat ein Interesse an gesunder Kundschaft, weil diese länger lebt und so ein Produkt länger konsumieren kann.

Es sieht so aus, als ob sich Marketing und Forschung immer mehr durchdringen würden.

Mir scheint, wir erleben die Fusion von Wissenschaft und Kapitalismus. Die meisten Leute glauben, Wissenschaft sei neutral und unabhängig. Was sie nicht wissen: Wenn sie ihre bevorzugten Medizin-Homepages besuchen oder eine Medizinsendung im Fernsehen schauen, dann sind die auftretenden «Experten» meist mit der Industrie verbunden und von ihr bezahlt. Wir müssen uns dieser unscharfen Trennlinie zwischen Wissenschaft und Werbung bewusst sein. Viele Patienten wissen nicht, dass ihr Hausarzt oder ihr Urologe von Pfizer Geld erhält. Natürlich gibt es viele Ärzte, die keine Geschenke der Industrie annehmen und nicht Teil der Pharmawelt sein wollen. Aber vielen sind die Hände gebunden, und die Öffentlichkeit sollte das wissen.

Was halten die von Ihnen untersuchten Männer von Viagra?

Nicht alle jubilieren. Für die Männer, mit denen ich sprach, konnte es ein Segen für ihr Sexleben und ihre Männlichkeit sein, aber auch etwas Angsteinflössendes. Einige Männer lehnten Viagra und das, was Viagra für unsere Gesellschaft bedeutet, ab.

Wie sind Junge betroffen?

Ich sprach mit Männern Anfang zwanzig und mit Studenten. Das ist gewissermassen die Ritalin-Generation. Viele dieser Kinder haben eine medikalisierte Kindheit erlebt. Sie benützen Medikamente anders. Sie konstruieren mit ihrer Hilfe neue Formen des Selbst. Nicht alle, aber ein Teil der Studenten und Studentinnen findet nichts dabei, Psychopharmaka für Prüfungen und Aufputscher für Partys zu verwenden. Das ist das neue Drogenproblem auf den Universitäten, und Viagra ist Teil davon. Ich weiss von vielen Fällen, die Viagra in Kombination mit anderen Medikamenten einnehmen - eine neue Welt pharmazeutischer Cocktails. Meine Sorge ist, dass wir uns mehr den pharmazeutischen Produkten zuwenden als unseren Mitmenschen.

Was denken die Frauen über Viagra?

Sie nehmen Viagra so unterschiedlich wahr wie Männer. Etwa die Hälfte der Frauen, deren Partner Viagra nehmen, ist damit nicht glücklich und würde die sexuellen Probleme lieber im Gespräch angehen. Dann gibt es die andern, die ihre Freude daran haben und sich beklagen, dass sich die Forschung nicht mehr Mühe gibt, ein Viagra für Frauen zu finden. Und dann gibt es die Männer und Frauen, die aus politischer Überzeugung sagen «Das ist ein Symbol unserer Kultur, die ich ablehne».

Wie sind die Aussichten auf ein Frauen-Viagra?

Die Industrie glaubt, Viagra für Frauen werde der nächste Kassenschlager sein. Seit Jahren besuche ich Konferenzen über «weibliche sexuelle Dysfunktion» - auch so eine Diagnose, die aus dem Nichts kam. Wie die «erektile Dysfunktion» umfasst auch diese Diagnose eine grosse Bandbreite, von Orgasmusproblemen über Lustlosigkeit bis zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Zuerst dachte man, Viagra funktioniere auch bei Frauen. Pfizer war daran interessiert, auch die weibliche Hälfte des Marktes anzusprechen, und machte viele Tests. Die Frauen, die daran teilnahmen, erlebten zwar tatsächlich eine bessere Durchblutung ihrer Genitalien - doch damit war keine Erregung oder Lust verbunden. An den wissenschaftlichen Konferenzen werden Männer oft mit Maschinen verglichen, bei denen man bloss auf einen Knopf zu drücken braucht, während Frauen viel komplexer seien. Die Fortschritte sind bescheiden auf diesem Gebiet. Doch die Sexualmedizin steht noch ganz am Anfang. Mehr Medikamente werden kommen - und mehr neuartige Diagnosen.

Sie sprechen von einer «McDonaldisierung» des Sex.

Die Verhaltensweisen, die dem Fast Food zugrunde liegen, haben unsere Kultur durchdrungen und nun auch den Sex erreicht: Wir wollen «es» sofort, effizient und heiss. Aber wenn wir alles auf Leistung reduzieren, geht etwas verloren, und was einst normal war, gilt jetzt als fad. Wir sind ständig hinter dem nächsten Kick her. Einige Pharmainserate, insbesondere die für Levitra, den Erektionsförderer von Bayer, spielen mit dem «Supersize»-Anreiz: Die «Qualität der Erektion», das heisst deren Härte und Dauer, zählt. Sex wird obligatorisch, zum einzigen Weg, die ganze Persönlichkeit zu erleben.

Wie wirkt sich Viagra auf die soziale Hierarchie unter Männern aus?

Es existiert in unserer Kultur eine Verunsicherung, was Männlichkeit sei. Viagra trifft diesen Punkt. Die Geschlechterrollen haben sich verändert, es herrscht Verwirrung in den Beziehungen, in Familien, am Arbeitsplatz - Verwirrung darüber, was die Rollen der Männer, was die der Frauen sind, was im Sex erlaubt ist, über die Machtverteilung in der Gesellschaft. Einige Männer sagten: «Wissen Sie, wenn ich nach Hause komme und meine Frau verdient mehr als ich - dann ist es tröstlich, etwas wie Viagra zu haben und im Schlafzimmer die traditionelle Rolle spielen zu können.» Doch es geht um viel mehr. Viagra trifft auch unsere kulturellen Verunsicherungen über Alter, über Sex, über alle Aspekte der Identität, die sich wandeln. Wir leben in einer Zeit, in der all diese postmodernen Identitäten mit der Hilfe von Medikamenten errichtet werden können. Es ist interessant, darüber nachzudenken, wie Pharma und Identität zusammenkommen, vor allem bei jüngeren Generationen.


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