Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]

Mauretanien

Grenzverkehr mit Komplikationen

Von Beat Stauffer, Nuadhibu

Für die Flüchtlinge aus der Westsahara ist Mauretanien das Tor zu Welt. In der Wüste entstehen dadurch erstaunliche Geschäfte.

Am kleinen Bahnhof von Nuadhibu herrscht hektischer Betrieb. Soeben hat der fast zwei Kilometer lange Zug angehalten, und mehrere dutzend Menschen klettern in die leeren Waggons, mit denen das Eisenerz aus dem 600 Kilometer entfernten Suerat an die Atlantikküste transportiert wird. Zu ihnen gehört der 22-jährige Händler Omar Abdelahi, der alle zwei Wochen nach Suerat fährt, um dort aus Marokko importierte Lebensmittel zu verkaufen. Zwiebeln, Karotten und Kartoffeln, erzählt Abdelahi, finden in der Minenstadt reissenden Absatz. Zu seinen Kunden gehören auch sahrauische Flüchtlinge aus den Lagern von Tinduf, die sich auf dem Markt von Suerat mit Lebensmitteln eindecken.

Sahrauis verspeisen also Gemüse, das in Marokko - im «Feindesland» - angebaut worden ist, so absurd das auch klingt. Doch vieles, was sich in der menschenleeren Wüstenregion zwischen dem Norden Mauretaniens, dem äussersten Südwesten Algeriens und dem nicht von marokkanischen Truppen besetzten Teil der Westsahara abspielt, gehorcht einer besonderen Logik. Und allen Beteiligten in diesem Konflikt scheint es recht zu sein, dass kaum unabhängige Berichte über die mannigfaltigen Aktivitäten in dieser Grenzregion existieren.

Alles, was mit der Westsahara zusammenhängt, ist in mauretanischen Medien weitgehend tabu. Von offizieller Seite, so der Eindruck, möchte man das labile Gleichgewicht zwischen Neutralität und Parteinahme für die eine oder andere Seite auf keinen Fall gefährden. Mauretanien hat nach verlustreichen Kämpfen im August 1979, also vor gut 25 Jahren, mit der sahrauischen Befreiungsbewegung Polisario Frieden geschlossen und den südlichen Teil der Westsahara an die Sahrauis abgetreten (den Marokko sogleich annektierte). Aus diesem Grund blieben die Beziehungen zu Marokko bis in jüngste Zeit spannungsgeladen. In den letzten Jahren hat aber eine Art Tauwetter eingesetzt. Im Herbst 2001 besuchte Mohamed VI. als erster marokkanischer König Mauretanien.

Die Geschichte mit den marokkanischen Rüebli mag nebensächlich erscheinen. Doch sie ist ein Beispiel für den umfangreichen Waren- und Personenverkehr, der in dieser kaum erschlossenen Region herrscht. Ein Verkehr, so erklärt der Anwalt Jussuf Nian, der in den letzten Jahren spürbar zugenommen hat. Dafür verantwortlich sind laut Nian die neue, asphaltierte Strasse, die seit kurzem Nuadhibu mit dem sahrauischen Dachla verbindet, und die weitgehende Öffnung des lange geschlossenen einzigen offiziellen Grenzübergangs zwischen der marokkanisch besetzten Westsahara und Mauretanien. Die BewohnerInnen von Nuadhibu begrüssen die Öffnung in Richtung Norden lebhaft.

Die Grenze in Richtung Norden - zur Westsahara, nach Algerien - sei sowieso durchlässig, sagt der Journalist Ahmed Uld Scheich. Der mauretanischen Armee fehlten zum einen die Mittel, um diese riesigen Gebiete wirkungsvoll zu kontrollieren. Gleichzeitig herrsche ein stiller Konsens, den freien Personen- und Warenverkehr in Richtung des algerischen Tinduf, wo sich die Lager der Sahrauis befinden, zu dulden. Sahrauis, so bestätigt Uld Scheich, könnten denn auch praktisch unbehindert in die mauretanische Minenstadt Suerat fahren und sich dort mit allem Nötigen eindecken.

Doch dieser «kleine Grenzverkehr» wirft zunehmend Probleme auf. Denn da sind zum einen Lebensmittelspenden für die Sahrauis, die auf mauretanischen Märkten verkauft werden. Dies betrifft in erster Linie die europäischen Spenden und könnte für die Sahrauis zu einem Verlust an Glaubwürdigkeit führen. «Es ist ein offenes Geheimnis», sagt Ahmed Uld Scheich, «dass in Nuadhibu, Nuakschott und Suerat enorm viele Lebensmittelspenden auf den Märkten auftauchen.» Dabei handle es sich zum Teil um einen blossen Austausch von Gütern. Zum Teil werde mit diesen Spenden, die meist in den Originalverpackungen verkauft würden, aber auch ein schwungvoller Handel betrieben.

Beim Schweizerischen Unterstützungskomitee der Sahrauis (Suks) werden derartige Geschichten in erster Linie als Gerüchte und als marokkanische Propaganda bezeichnet. Untersuchungen der Unterschlagung von Hilfsgütern hätten ergeben, dass es sich dabei nur um minime Mengen handle, erklärt Suks-Präsidentin Elisabeth Bäschlin. Es gehe um eine Grössenordnung von zwei Promille der gesamten Menge. Dass Sahrauis gelegentlich Hilfsgüter gegen andere Lebensmittel umtauschen, erachtet sie als unproblematisch.

Der zweite Punkt ist wesentlich heikler. Seit Anfang der neunziger Jahre hätten professionelle Banden enorme Mengen von Zigaretten und andere Waren, sogar Waffen, über die Grenze nach Algerien geschmuggelt, berichtet ein Informant in der mauretanischen Hauptstadt Nuakschott. Offiziere der mauretanischen Armee hätten diesen lukrativen Handel nicht nur geduldet, sondern sich dabei auch im grossen Stil bereichert. Doch das habe zu Spannungen mit Algerien geführt, und in der Folge habe die mauretanische Regierung die Grenzkontrollen verschärft und einzelne hohe Offiziere suspendiert. Diese Offiziere, so berichten marokkanische Blätter, seien der Führung der Polisario nahe gestanden.

Aktenkundig ist, dass in der Minenstadt Suerat am 13. April dieses Jahres ein Mann namens Mohammed Uld Bachili wegen Diebstahls und versuchten Schmuggels einer grossen Menge Sprengstoff zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Bachili soll der Polisario angehört haben; zwei Mittäter sollen Mauretanier gewesen sein. Die Polisario dementiert aber kategorisch, dass Bachili Mitglied der Polisario ist. Das sei marokkanische Propaganda. Der Fall Bachili nährt die US-amerikanische Befürchtung, dass in dieser kaum kontrollierbaren Grenzregion Waffen an unbekannte Abnehmer gelangen.

Im Norden Mauretaniens, so berichtet der Anwalt Jussuf Nian weiter, sei schliesslich ein weiteres Phänomen zu beobachten: Immer mehr Sahrauis kauften sich Häuser, vor allem in der Minenstadt Suerat. Wollen sie sich auf diese Weise absichern, falls der Traum eines eigenen Staates auch in den nächsten Jahren nicht in Erfüllung geht?

Mauretanien ist heute für viele Sahrauis eine Art Tor zur Welt. Sie ziehen diesen Weg demjenigen über Algier vor, weil er sehr viel näher ist und weil sie mit den Stämmen im Norden Mauretaniens eng verbunden sind. Viele sahrauische Familien haben dort Verwandte. So spielt sich im Schatten eines ungelösten Konflikts so etwas wie «normales» Leben ab.


TopTop

Artikel gesponsert vom:
Prowoz