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HMAS Sydney - HSK Kormoran - Zweiter Weltkrieg - David Mearns

Australien

Der verschwundene Mister Grossmann

Von Max Watts, Sydney

Seit Jahrzehnten beschäftigt eine mysteriöse Seeschlacht aus dem Zweiten Weltkrieg die australische Öffentlichkeit. Jetzt könnte Licht ins Dunkel kommen.

Am 19. November 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, verschwanden zwei Schiffe vor der Westküste Australiens spurlos von der Bildfläche: Das australische Kriegsschiff HMAS Sydney und der deutsche Hilfskreuzer HSK Kormoran. Offenbar hatten sie einander bekämpft und gegenseitig versenkt. Bis heute ranken sich in Australien um diese Seeschlacht eine Vielzahl von Geschichten und Gerüchten. Denn die Schiffswracks wurden nie gefunden. Die 645 Mann starke Besatzung der «Sydney» blieb trotz grosser Suchaktion spurlos verschwunden; es gab keine Überlebenden, und es konnten auch keine Leichen geborgen werden.

Der britische Unterwasserforscher David Mearns will nun kommenden Juli einen neuen, aufwendigen Versuch starten, die verschwundenen Wracks zu finden. Dazu versucht er momentan bei öffentlichen und privaten Geldgebern die notwendigen vier Millionen australische Dollar aufzutreiben. Werden die Wracks geortet und untersucht, so könnte eine zentrale Frage beantwortet werden: Wie gelang es der «Kormoran» - einem für den Krieg aufgemotzten Handelsschiff -, das gepanzerte Kriegsschiff Sydney - den Stolz der australischen Flotte - spurlos zu vernichten?

Bisher gibt es von der Seeschlacht nur die deutsche Version. Denn 320 der 400 Mann starken Besatzung des deutschen Schiffes haben die Auseinandersetzung überlebt. Manche erreichten die australische Küste in ihren Rettungsbooten, andere wurden zur See von australischen Suchschiffen aufgenommen. Gemäss diesen Überlebenden hat sich die «Sydney» geradezu selbstmörderisch exponiert. Das weit überlegene Kriegsschiff habe breitseitig 900 Meter vor der «Kormoran» gestoppt. Die Deutschen hätten dann mit ihren bis dahin getarnten Kanonen die «Sydney» angegriffen und zerstört. Die total überraschten Australier hätten gerade mal zwei Schüsse abgeben können, einer davon setzte die «Kormoran» in Brand.

Diese Fassung - obwohl für die Königliche Australische Flotte keineswegs schmeichelhaft - wurde von der hiesigen Regierung schon 1941 offiziell akzeptiert. Andere Erklärungsversuche gelten seither als verpönt. So wurde immer wieder spekuliert, dass ein japanisches U-Boot in die Auseinandersetzung eingegriffen und die «Sydney» mit einem Torpedoschuss zerstört habe. Allerdings war Japan zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Krieg gegen die Alliierten eingetreten. Die Schlacht ereignete sich drei Wochen vor dem japanischen Überraschungsangriff auf die US-Flotte in Pearl Harbor.

In den neunziger Jahren waren die ganzen Umstände der Schlacht Gegenstand einer parlamentarischen Untersuchung. Daraus resultierte 1999 ein zwanzigbändiger Bericht, der jedoch zu keinen neuen Ergebnissen führte.

Der Schreibende selber ist in den vergangenen Jahren einer Geschichte nachgegangen, welche die offizielle Version der Schiffsschlacht infrage stellt. So gab es unter den Überlebenden der deutschen «Kormoran» einen Gerhardt Grossmann, der den Rest des Kriegs in australischer Gefangenschaft verbrachte und 1947 zurück nach Oelsnitz, in die zukünftige DDR, verschifft wurde.

Im Jahr 1951 tauchte in Australien ein Karl Heinz Grossmann auf: Er war einer von 600 Deutschen, die in den australischen Snowy Mountains als Fachleute für Wasserkraftwerke arbeiteten. Grossmann erlangte dabei eine gewisse Bekanntheit, weil er die Arbeiter zu organisieren versuchte, um bessere Arbeitsbedingungen zu erlangen. Schon bald galt er als Unruhestifter und Querulant. Dieser Grossmann behauptete im Mai 1951 zuerst im Rausch, später aber auch nüchtern, dem lutheranischen Pfarrer Iwan Wittwer gegenüber, er sei 1941 Offizier auf der «Kormoran» gewesen. Sein eigentlicher Vorname sei Gerhardt. Die offizielle Version der Schiffsschlacht sei falsch. Bei der Versenkung der «Sydney» sei ein japanisches U-Boot beteiligt gewesen. Pfarrer Iwan Wittwer bestätigte mir gegenüber, dass ihm Grossmann dies gesagt habe. Dass Grossmann damals von vielen der deutschen Snowy-Mountains-Arbeiter als eine Art Anführer anerkannt war, stellte ich in mehreren Interviews mit alten Arbeitern fest. Über die «Sydney» wussten diese hingegen nicht viel zu berichten.

Pfarrer Wittwer ging damals sofort zur Polizei, welche wiederum den australischen Geheimdienst ASIO benachrichtigte. Charles Spry, damals Oberst der ASIO und später General, verhörte zuerst Pfarrer Wittwer und dann - zusammen mit Funktionären der australischen Flotte - Grossmann. Ein zweistündiges Verhör in Canberra vom Juni 1951 wurde auf Tonband aufgenommen. Spry verlangte von Pfarrer Wittwer die Unterzeichnung einer Erklärung, über diesen Vorfall dreissig Jahre Stillschweigen zu bewahren.

Kurz danach verschwand Grossmann, und auch - wie mir die alten Snowy-Mountains-Arbeiter sagten - vier seiner Gesinnungsgenossen. Trotz intensiven Nachforschungen fand sich nirgends in den offiziellen Akten (zum Beispiel der Immigrationsbehörden und des Arbeitgebers) auch nur das geringste Zeichen von Grossmanns Existenz. Nur in den privaten Briefen der lutheranischen Kirchenverwaltung in Adelaide (an die, so Pfarrer Wittwer, seien «sie» nicht rangekommen) fand ich Grossmann dreimal erwähnt.

Auf die Nachfragen der parlamentarischen Untersuchungskommission antwortete der Geheimdienst ASIO mit einem kurzen Brief: «Wir finden keine Spur eines Interviews mit diesem Grossmann. Hätte es ein solches einmal gegeben, so ist es verschollen oder zerstört worden.»

Sollte es David Mearns also gelingen, die Wracks der beiden Schiffe zu bergen, so könnte endlich geklärt werden, was zum Untergang der «Sydney» führte. Dass die australische Regierung wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg kein Interesse an der Version mit dem japanischen U-Boot hatte, liegt auf der Hand. Schliesslich setzte zu Beginn des Kalten Krieges die damalige Regierung unter Bob Menzies alles daran, den neuen Verbündeten Japan wieder salonfähig zu machen. Allerdings sind auch erhebliche Zweifel an der Version mit dem japanischen U-Boot angebracht. Der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Oelsnitz verschiffte Gerhardt Grossmann blieb nämlich zeit seines weiteren Lebens in der Stadt sesshaft, wie mir mehrere Verwandte von ihm glaubhaft versicherten. Er verstarb 1986. So könnte unter Umständen sogar an der These etwas dran sein, dass derjenige, der 1951 unter dem Namen Grossmann in Australien auftauchte, ein Agent eines fremden Staates war, der den Auftrag hatte, die neue Partnerschaft zwischen Australien und Japan zu hintertreiben. Nicht beantworten lässt sich dabei jedoch, weshalb der australische Geheimdienst alles unternahm, um Grossmanns Spuren zu tilgen.


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