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Mauretanien

Vollkommen normal

Von Beat Stauffer, Nuakschott

Die Sklaverei wurde offiziell schon dreimal abgeschafft. Tatsächlich aber wird sie stillschweigend geduldet. Zu gross sind die Interessen, die im Spiel sind.

Über Sklaverei reden? Nein, das wolle sie nicht, sagt die europäische Mitarbeiterin eines Hilfswerks. Sie könnte sonst ernsthafte Probleme bekommen, lässt sie durchblicken. Denn seit Amnesty International vor zwei Jahren eine Kampagne gegen Sklaverei führte und dabei Mauretanien scharf kritisierte, sehen die Behörden rot, wenn es um Sklaverei geht. In den Medien wird darüber bestenfalls nach offizieller Lesart berichtet. Und die lautet zusammengefasst etwa so: Sklaverei existiert nicht mehr, es gibt bloss so genannte Haratin, «freigelassene» Sklaven, die aber zum Teil noch bei ihren ehemaligen Herren leben - aus Gewohnheit oder weil gegenseitig starke, fast familiäre Bindungen existieren.

Vollkommen anders sehen dies die Menschen, die sich in Mauretanien für die Abschaffung der Sklaverei im Land engagieren. Sie weisen darauf hin, dass in der Praxis der Unterschied zwischen einem «Haratin» und einem «richtigen» Sklaven klein bis inexistent ist. Gleichzeitig halten sie unmissverständlich fest, dass Sklaverei im engeren Sinn bis heute existiert.

Tatsächlich weist alles darauf hin, dass es in Mauretanien auch im Jahr 2005 weiter Sklaverei gibt, wenn auch zum Teil in adaptierter und etwas «getarnter» Form. Die Untersuchungen, die SOS Esclave, die landesweit wichtigste Antisklavereigruppierung, angestellt hat, erscheinen auf jeden Fall wesentlich glaubwürdiger als die Verlautbarungen der mauretanischen Regierung.

Das Thema Sklaverei ist allerdings sehr komplex. Mauretanien ist ein Patchwork vier verschiedener Ethnien, und die hellhäutigen MaurInnen sind ihrerseits ein arabisch-berberisches Mischvolk, das sich aber stark der arabischen Kultur zugehörig fühlt. Die MaurInnen halten die politische und wirtschaftliche Macht weitgehend in ihren Händen und diskriminieren die negro-mauretanischen Ethnien.

Doch auch die drei schwarzen Ethnien haben sich früher am Sklavenhandel beteiligt und halten bis heute Sklaven. Noch vor wenigen Jahren sei ihr in ihrem Geburtsort ein Mädchen als Haussklavin angeboten worden, berichtete die dunkelhäutige Hebamme Si Lalla Aischa, die auch als Dozentin an der Universität Nuakschott unterrichtet. Als sie den DorfbewohnerInnen erklärte, dass dies für sie keinesfalls in Frage komme, sei sie anfänglich auf viel Unverständnis gestossen. Sklaverei sei eben tief verwurzelt in ganz Mauretanien, sagt Si Lalla Aischa, und dies sowohl bei den (ehemaligen) Sklavenhaltern wie bei den (ehemaligen) Sklaven selber.

Gründer und Präsident von SOS Esclave ist Bubakar Uld Messaud. Der Architekt, der vor dreizehn Jahren wegen seines Engagements für die Abschaffung der Sklaverei seine staatliche Stelle verlor, muss mit einer minimalen Pension auskommen. Messaud, selber Sohn einer Sklavin, hat sein Leben dem Kampf für die Abschaffung der Sklaverei verschrieben. Seine Organisation ist die einzige Anlauf- und Informationsstelle im Land, an die sich versklavte Menschen wenden können. Für die meisten ist dies ein fast unüberwindbar schwieriger Schritt; denn Sklaverei bedeute, so erklärt Messaud, die Menschen in Unwissenheit zu halten. Wie aber soll ein junger Mann, der von seinem Herrn irgendwo auf dem Land als Arbeitssklave gehalten wird, wissen, dass es in der fernen Hauptstadt eine Auskunftsstelle gibt, und wie soll er dorthin gelangen? Denn SOS Esclave ist es verboten, in Radio oder Fernsehen - die einzigen Medien, mit denen diese Menschen allenfalls erreicht werden könnten - auf sich aufmerksam zu machen. Es klingt fast wie ein Wunder, dass dennoch regelmässig SklavInnen und Haratin an das Tor von Messauds Wohnhaus in Nuakschott klopfen, um Hilfe und Beratung zu erhalten.

Bubakar Uld Messaud erzählt atemlos. Von den Geschichten der Menschen, die ihn um Hilfe angehen. Von seinem Kampf mit den Behörden, die ihn jahrelang schikaniert und mehrmals ins Gefängnis gesteckt haben. Von seinen Versuchen, Prozesse gegen Sklavenhalter zu führen, um damit beweisen zu können, dass Sklaverei auch heute noch gängige Praxis ist. In einem Punkt bleibt Messaud kategorisch: Sklaverei existiert in Mauretanien immer noch in grossem Massstab. Die Behörden, sagt Messaud, duldeten sie stillschweigend.



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