Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]
Teilen



Swiss Finance Institute

Die unheimlichen Lehrer der zukünftigen Banker

Von Gian Trepp

Eine Strukturreform des Schweizer Finanzsystems ist dringend geboten. Auf die Hilfe marktradikaler Kräfte kann die Wirtschaftspolitik dabei nicht zählen.

Hans Geiger sei «nie durch überragendes wissenschaftlich-theoretisches Rüstzeug aufgefallen», kommentierte kürzlich die «Neue Zürcher Zeitung» den Einstand des emeritierten Zürcher Finanzprofessors in einer Kommission, die das Versagen der Finanzmarktaufsicht Finma bei der Überwachung der UBS untersucht.

Mit diesem sarkastischen Kommentar hat die NZZ nicht nur einen alten Professor gedemütigt, sondern auch die Krise der neoliberalen Finanztheorie insgesamt angesprochen – jene akademische Disziplin, auf deren theoretischen Konzepten und mathematischen Modellen die zusammengekrachten globalisierten Finanzmärkte fussen. Nach dreissig Jahren Vorherrschaft des Marktfundamentalismus an den Hochschulen ist die Finanztheorie in einer sterilen Monokultur erstarrt. Alles dreht sich nur noch im Kreis. Richtige Fragen – geschweige denn Antworten – fehlen. Es dominiert der mathematische Bluff. Die vierte Jahresversammlung des Swiss Finance Institute (SFI), des Schweizer Dachverbandes der Finanztheorie (vgl. Text «Einäugig an die Weltspitze» weiter unten), am vergangenen Montag bestätigte diese Misere. Zwei Referate an dieser Veranstaltung zeigten dies exemplarisch. Das eine mit dem Titel «Braucht die Schweiz Grossbanken?» von Hans-Ulrich Meister, dem CEO der Credit Suisse Schweiz, zeugt von der geis­tigen Monokultur des Neo­liberalismus. Das andere mit dem Titel «Zur Regulation systemischer Ins­titutionen» von Professor Jean-Charles Rochet von der Universität Toulouse bewies, wie weit der Marktfundamentalismus von den realen Problemen der Wirtschaftspolitik entfernt ist.

Ist das Wissenschaft?

Die Schweizer Realwirtschaft sei existenziell auf die Grossbanken angewiesen, weshalb das Wachstum von UBS und Credit Suisse nicht mit schärferen staatlichen Regulationen behindert werden dürfe, sagt Hans-Ulrich Meister. Staatliche Eingrenzungen des Geschäftsfeldes und damit des Profitpotenzials der Grossbanken wären ein Eigentor für die Schweizer Volkswirtschaft. Der Chef der Credit Suisse­ Schweiz darf das sagen – muss er wohl auch in seiner­ Position. Mal abgesehen vom­ triumphalistischen Unterton seiner Lobeshymne auf seine Brötchengeberin als «eine der besten Banken der Welt».

Völlig verfehlt und nicht nachvollziehbar ist hingegen, dass niemand an der SFI-Tagung vertreten war, der eine Schrumpfung der Grossbanken befürwortet. Eine Position also, die – mehr oder weniger differenziert – von Persönlichkeiten wie dem Uhrenindustriellen Nicolas Hayek, den Politikern Christoph Blocher und Christian Levrat oder dem designierten Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand vertreten wird. Die Problematik der Schrumpfung über­grosser Banken steht seit der Finanzkrise weltweit im Fokus der Wirtschaftspolitik und ist für die kleine Schweiz mit ihren Grossbanken von allergrösster Aktualität.

Dass Schrumpfungsbefürworter­Innen an der als wissenschaftliche Veranstaltung daherkommenden Tagung fehlten, ist nicht nur ein kleiner Schönheitsfehler, sondern ein prinzipielles Defizit. Wissenschaft lebt vom Widerspruch, der Ausschluss von Debatten verhindert Wissenschaft. Das SFI ist stolz auf sein Doktorandenprogramm, das in Zusammenarbeit mit den Schweizer Universitäten angeboten wird und das laut Eigenwerbung Weltklasse haben soll. Die Frage ist nur, ob als Wissenschaft oder als Banken-PR.

Verantwortlich für die Amputation der sogenannten Too-big-to-fail-Problematik an dieser Veranstaltung ist SFI-Direktor und Tagungsleiter Jean-Pierre Danthine, Finanzprofessor an der Uni Lausanne. Danthine wechselt Anfang kommenden Jahres ins Direktorium der Nationalbank – also in eine Institution, deren designierter Präsident Philipp Hildebrand kürzlich erklärte, man dürfe nicht vor Massnahmen zurückschrecken, die sich direkt und indirekt mit der Grösse der Banken befassen, und der sich besorgt über den nachlassenden Schwung bei den Finanzmarktreformen zeigte.

Statt diesen Ball seines zukünftigen Direktionskollegen aufzunehmen und eine wissenschaftliche Debatte zur Finanzmarktreform zu veranstalten, gab Danthine an seiner Veranstaltung ausschliesslich den neoliberalen Schrumpfungsgegnern eine Propagandaplattform. Die Grossbanken können sich freuen: Künftig wirkt im Nationalbank­direktorium ein Gegengift gegen die hildebrandschen Schrumpfungspläne. Ob allerdings der Bundesrat mit Danthines Berufung ins Nationalbankdirektorium der Schweizer Volkswirtschaft insgesamt einen Dienst getan hat, muss bezweifelt werden.

Mehr Markt solls bringen

Jean-Charles Rochet von der Universität Toulouse referierte zur Regulation systemischer Institutionen – also jener Finanzgesellschaften, deren Funktion und Bedeutung für eine Volkswirtschaft von derart grosser Bedeutung sind, dass ihr Konkurs eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang setzen könnte. Nach Ansicht Rochets ist die heutige Finanzkrise eine Krise der unzulänglichen Marktorganisation. Demnach können zukünftige Krisen durch eine Reorganisation der globalisierten Finanzmärkte verhindert werden. Mit anderen Worten: Der Staat – und nicht einzelne Grossbanken – müsse, so Rochet, das reibungslose Funktionieren der Kernmärkte für Geld und Derivate garantieren.

Rochets rein marktbasierter Vorschlag ignoriert sowohl die Geopolitik als auch die damit verbundene Währungsfrage. Nach Definition der G20 gibt es heute weltweit dreissig Banken und Versicherungen, deren Zusammenbruch ein systemisches Risiko für das Weltfinanzsystem birgt. Davon acht in der EU, je fünf in den USA und Britannien, je vier in der Schweiz und Japan, drei in Frankreich und eine in Kanada. In China, Russland, Indien oder Brasilien existieren keine systemrelevanten Institute. Wie Rochat nun davon auszugehen, dass die betroffenen Regierungen den Crash einer relevanten Institution ohne Rücksicht auf nationale Wirtschaftsinteressen rein marktmässig auf international gesicherten Märkten abwickeln würden, ist völlig unrealistisch. In der Krise versuchen die Nationalstaaten, durch Währungsmanipulationen und Kapitalverkehrskontrollen ihre Exportwirtschaft zu schützen und ihre Auslandschulden auf andere Staaten abzuwälzen.

Der Dienst am Dogma des Marktes hat die Finanztheorie in die Sackgasse der sozial destruktiven Trennung von Finanzwesen und Realwirtschaft geführt. Der Ausweg liegt im Rückbau des Finanzsektors und der Spekula­tion – bei gleichzeitiger Förderung einer sozial- und ökoverträglichen Realwirtschaft.






TopTop