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Schnüffelnasen

Bis auf die Badehose

Von Andreas Kneubühler

Der FC St. Gallen wurde für den Big Brother Award nominiert, den Preis für die unverschämtesten Datensammler.

Das Stadion Espenmoos ist gerammelt voll, die Mannschaften betreten mit dem üblichen martialischen Soundtrack den Rasen. Im Sektor der Gästefans explodieren Petarden, die FCSG-Anhänger antworten mit einem wütenden Pfeifkonzert - das übliche Brimborium vor einem Fussballspiel halt. Weniger üblich ist allerdings, dass sich einige der Fans der Gastmannschaft vor dem Eintritt ins Stadion eine entwürdigende Behandlung gefallen lassen müssen, die es so bei keinem anderen Klub der Nationalliga gibt.

Vor dem Eingang zum Gästesektor wählen Securitas-MitarbeiterInnen willkürlich einzelne Personen aus, die sich in einer Extraschlange anstellen müssen. Sie erhalten ein Formular in die Hand gedrückt. Auf der so genannten Einwilligungserklärung müssen sie Name und Vorname eintragen und mit der Unterschrift bestätigen, dass sie mit einer Leibesvisitation einverstanden sind. Freiwillig ist das nur bedingt: Wer den Zettel nicht unterschreibt, erhält keinen Zutritt ins Stadion.

Einzeln werden die BesucherInnen in einen Container geführt. Vorher werden die Personalien überprüft, und es wird festgestellt, ob ein Stadionverbot vorliegt. Im Container gibt es einzelne Abteile. Darin werden die Fans von den Securitas-Angestellten gefilzt, sie müssen die Taschen ausleeren. Bei einigen geht die Inspektion noch weiter, sie werden aufgefordert, sich bis auf die Unterhosen auszuziehen, und werden von den Securitas-MitarbeiterInnen mit Handschuhen abgetastet. Aus den Schuhen müssen die Sohlen herausgenommen werden, die Kleider auf dem schmutzigen Boden werden durchsucht. Wer die Untersuchung überstanden hat, sei spürbar aggressiv, erzählen Fans, die den Container von innen erlebt haben.

Auf dem Formular steht, dass die Einwilligungserklärung «ohne Datenverarbeitung» dem FC St. Gallen übergeben und das Ergebnis der Durchsuchung nicht festgehalten werde. «Spätestens nach einem Monat werden die Erklärungen vernichtet», heisst es weiter. «Die Zettel liegen im Büro und werden dann weggeschmissen», sagt Ivo Sulzberger, Sicherheitschef beim FCSG. Die Formulare würden bloss behalten, damit man beweisen könne, dass die Leute mit der Leibesvisitation einverstanden gewesen seien.

Formalrechtlich bietet das Vorgehen des FC St. Gallen kaum Angriffsflächen. Nach der geharnischten Kritik bei der Einführung vor drei Jahren haben sich die Verantwortlichen beim Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten erkundigt und das Vorgehen angepasst. Für Kritik gebe es da «kein Fleisch mehr am Knochen», bestätigt Kosmas Tsiraktsopoulos, Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Doch den InitiantInnen des Big Brother Award geht es um etwas anderes: «Wir kritisieren unverhältnismässiges Datensammeln und Bespitzeln selbst dann, wenn die betroffenen Personen ihre Einwilligung erteilt haben.» Es gehe darum, auf unnötige Überwachung und Kontrollen aufmerksam zu machen.

Fragwürdig sind die Praktiken des FC St.Gallen ohnehin. Vor jedem Anpfiff ist es offensichtlich, dass die Leibesvisitationen das Abfeuern von Petarden nicht verhindern. «Die wurden schon vorher ins Stadion geschmuggelt», begründet Daniel Wirth, Mediensprecher des FCSG. «Das Espenmoos ist, im Gegensatz etwa zum Hardturm, immer offen.» Das gilt allerdings auch für andere Stadien. Was bringen also die Kontrollen? Wirth verweist auf das Ergebnis der Durchsuchungen: Immer wieder würden Feuerwerk, Wurfgegenstände sowie Waffen gefunden.

Bei diesem Resultat ist es umso erstaunlicher, dass nur die Fans der Gästemannschaft, nicht aber jene des FC St. Gallen Leibesvisitationen über sich ergehen lassen müssen. Dabei haben sie bei den Heimspielen gegen den Kantonsrivalen FC Wil ihr Gewaltpotenzial mehrfach unter Beweis gestellt. Der Grund für die Zurückhaltung: Dem Fan-Kodex verpflichtet, brennen die St. Galler Ultras auf dem heimischen Espenmoos keine Petarden ab. Das machen sie dann im Hardtum, St.-Jakob-Park, Letzigrund oder Neufeld.



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