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Anthrax - Philipp Sarasin interpretiert ein Phantasma
Politik als Seuchenkontrolle
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Die Milzbrand-Anschläge nach dem 11. September 2001 kamen für die US-Regierung wie gerufen.
«Dieses Buch kommt spät»: Es ist für einen Historiker ein eigenartiger Satz, mit dem Philipp Sarasin sein Buch «'Anthrax'. Bioterror als Phantasma» beginnt. Der Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich interpretiert die Serie von Briefattentaten mit Anthrax-Sporen (Milzbranderregern) im Herbst 2001 sowie die dadurch ausgelösten Reaktionen. Er habe seine Zeilen «fortwährend, jeweils nur wenige Tage nach den laufenden Ereignissen» schreiben können. Was veranlasst einen Historiker zu so schneller Deutung?
In den ersten Minuten nach dem Einschlag der Flugzeuge in die beiden WTC-Türme schickte die US-Armee (und das war ihre einzige Massnahme) eine Spezialeinheit für biologische Kampfstoffe an den Unglücksort. Im Weissen Haus schluckte man Cipro, ein Anthrax-Antibiotikum. «Darauf muss man erst kommen», bemerkt Sarasin: «Von Flugzeugen, die in Hochhäuser rasen, auf Biowaffen schliessen.» Biowaffen waren am 11. September nicht im Spiel. Doch wenige Tage später war das Anthrax da: in Form einer Serie von Briefen an Politiker und Medienvertreter.
Sarasin zeigt, wie diese Briefserie das Sprechen des Präsidenten beeinflussten. Lieferte der 11. September 2001 den Anlass für die Kriege gegen Afghanistan und Irak, so half «Anthrax», dass 9/11 im «richtigen» Sinne interpretiert wurde. «Anthrax» half, die Politik des Patriot Act (Einschränkung der BürgerInnenrechte) gegen innen, die Politik der «Achse des Bösen» gegen aussen zu etablieren.
Sarasin setzt «Anthrax» in Anführungszeichen, denn er unterscheidet zwischen Anthrax, das Milzbrand auslöst (und in mehreren Ländern endemisch ist), und «Anthrax», einer «Metapher für die Bedrohung der USA, ja des Westens, durch Üdie' Terroristen.» «Während Anthrax fünf Menschen tötete, vergiftete 'Anthrax' das Imaginäre von Millionen.» Dass sich schon bald zeigte, dass das Anthrax der Briefe aus einem US-Labor stammen musste, änderte wenig an der Bedeutung von «Anthrax».
Science und Fiction
1997 erschien der Thriller «The Cobra Event» des Journalisten Richard Preston. Ein unbekanntes Virus verbreitet in New York Angst und Schrecken. Die Spuren weisen in Biotechlabors im Irak, in Russland, in der Schweiz. Der damalige Präsident Bill Clinton las den Roman und liess sich von ihm mit einer Idée fixe infizieren: Die Angst vor einem Bioterroranschlag. Clinton verordnete seinen wichtigsten MitarbeiterInnen «Cobra» als Pflichtlektüre. Diese, wenngleich irritiert, hüteten sich, des Präsidenten Angst zu beschwichtigen, erhofften sie sich doch, daraus für eigene Anliegen Kapital schlagen zu können: Mehr Subventionen versprach sich der Bioforscher, neue Aufträge der Inhaber einer Impfstofffirma, eine Verbesserung der desolaten Arbeitsbedingungen die Leiter der Gesundheitsämter.
Die Ironie dabei: Clinton war von dem Roman vor allem deshalb so beeindruckt, weil Preston offensichtlich über so gute Quellen verfügte. Diese Quellen waren MitarbeiterInnen der Geheimdienste - also jener Dienste, deren Aufgabe es wäre, den Präsidenten vor realen Gefahren zu warnen. Dass ihnen das via Romanautor gelang, lag an dessen Freiheit: Er konnte gut recherchierte Fakten den Ängsten und Erwartungen seines angepeilten Publikums anpassen. Seit 1998 sprach Clinton in all seinen aussenpolitischen Reden von «Bioterrorismus», das Bedrohungsszenario fand Eingang ins «Schurkenstaaten-Konzept» und wurde von George W. Bush übernommen. Als 2001 die Anthrax-Briefe auftauchten, passten sie wie der Schlüssel in ein Schloss. Während des Irakkriegs wurde mehrmals gemeldet, es seien mobile irakische Biolabors gefunden worden - solche Labors spielten im «Cobra Event» eine zentrale Rolle. Die Meldungen erwiesen sich alle als falsch.
Alles wegen eines Romans, der Science und Fiction durcheinander bringt? Natürlich nicht: Der Roman hätte so erfolgreich nicht sein können, hätte er nicht längst vorhandene Ängste bedient. Sprachliche Bilder verraten solche Ängste. Hier kommt der Historiker zum Zug - und hier liegt der Grund, weshalb dieser mit seinen Interpretationen so schnell war: Genauso, wie Horrorfilme und Videogames das Rammen von Wolkenkratzern mit Flugzeugen vorweggenommen hatten, war auch «Anthrax» schon lange vor 2001 da.
Sarasin argumentiert mit Jacques Lacan, Sprache sei am leistungsfähigsten in ihren Metaphern. Feinde mit Krankheitserregern oder deren Trägern (Ratten, Läusen ...) zu vergleichen oder umgekehrt Krankheitserreger, seit man sie im 19. Jahrhundert entdeckt hat, mit kriegerischen Invasoren: Diese Metaphorik kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Sarasin verweist auf Lenin, dem die Feinde der Revolution Ungeziefer waren; auf die Nazis, die Juden und Jüdinnen wie Ungeziefer ermordeten; er verweist auf Konzepte der Medizin um 1900 (Rudolf Virchow verglich Bakterien mit angreifenden «Sudanesen») und solche der Medizin um 2000: Ein Papier der europäischen Medizinischen Akademien forderte 1997 strenge Immigrationsgesetze mit Hinweis auf Krankheiten, die «speziell die klandestine Immigration» nach Westeuropa brächte. Die Befürchtung ist gewiss nicht unbegründet - doch dürfte die Frage der Legalität oder Klandestinität den Krankheitserregern egal sein und der Tourismus das grössere Risiko darstellen.
Der Traum von der Pest
Michel Foucault hat festgestellt, dass im 17. Jahrhundert Quarantänemassnahmen gegen die Pest am Anfang der modernen Disziplinargesellschaft standen - auch wenn gar keine Pestgefahr bestand: «Die Regierenden träumten vom Pestzustand, um die perfekten Disziplinen funktionieren zu lassen.» Heute, schreibt Sarasin, ist «'Bioterror' der Name jenes Traums, den postmoderne Gesellschaften im selbst gewählten Kriegszustand träumen, und 'Anthrax' ist seine Wunscherfüllung.»
Wer Urheber der Anthrax-Attentate war, muss Sarasin offen lassen. Wenn er darauf hinweist, wie sehr die Briefserie der Regierung Bush ins Konzept passte, so vermeidet er doch den verschwörungstheoretischen Kurzschluss, daraus auf eine Beteligung der Regierung an den Attentaten zu schliessen. Ein Molekularbiologe, den Sarasin befragte, meint zur Frage nach dem Urheber lakonisch: «Vielleicht müsste man Richard Preston fragen» ...
Im Januar 2002 gab die US-Regierung einen «Citizen's Preparedness Guide» («Bürgerhandbuch der Wachsamkeit») heraus - eine Anleitung zur Bespitzelung der NachbarInnen; ein «Handbuch der Angst», wie Sarasin es nennt. Er stellt sein Büchlein dagegen: «Die Aufgabe der Kulturwissenschaft ist es, zu verhindern, dass Politik zu 'Seuchenkontrolle' verkommt.»
WOZ vom 19.05.2004
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«Anthrax - Bioterror als Phantasma»
Sarasin, Philipp
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Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2004.
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196 Seiten. Fr. 14.20.



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