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Ursula Brunner
Bananenfrauen
Rezensiert von Al Imfeld
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Das Buch der Gründerin der Bananenfrauen - bekannt geworden unter dem Namen «gebana» - in Frauenfeld hat wie jeder Rückblick mehrere Bedeutungen. Für die Beteiligten ist es ein Text- und Fotoband über eine lange und beschwerliche Zeit, ist es Erinnerung, die immer und weltüberall bei den Beteiligten im Nachhinein auch Stolz auslöst. Selbst für die später Eingestiegenen oder diejenigen, die hinterher stets weiser sind, ist es ein trauriges Buch: über den Untergang einer einzigartigen Spontangruppe, die weltweit bekannt geworden war - von Frauenfeld, in der Schweiz, bis nach Brüssel und in den mittelamerikanischen Raum, sogar bei den Grossen im Bananengeschäft.
Das Buch ist eine für die LeserInnen fast erschreckend ungeschminkte Ausleuchtung eines längeren historischen Vorgangs: vom Spontanen zum Organisierten, von einem Agieren aus dem Bauch heraus bis zur Zuhilfenahme eines Computers, der eben binär strukturiert ist. Dabei findet eine zuerst langsame und dann sich beschleunigende, verschlingende Veränderung einer Gruppenarbeit statt, die gnadenlos und grausam nach der Entscheidung ruft: entweder spontan stehen bleiben oder professionell weiterkommen - dazwischen gibt es ausser Selbsttäuschung nichts.
Wir geraten dabei mitten in eine bedeutende historische Fragestellung hinein, die nicht nur Bananen, sondern auch Kriege betrifft. Was etwa sahen die Beteiligten im Moment des Kampfes, und wie sehen es nun im Nachhinein Analytiker oder Historiker? Beide Seiten stossen an Grenzen. Beide Seiten verfügen bloss über Aspekte. Beide Seiten kommen nie ganz an eine Wahrheit oder gar die Wahrheit heran. Alle Ansichten und Folgerungen sind zeitbedingt und vom Kulturraum abhängig. Alle Handlungen erfolgen zu jeder Zeit aufgrund einer Ausbildung einerseits und einer Einbildung andererseits. Nichts bleibt gleich, selbst die Gerechtigkeit nicht. Konstellationen ändern sich dauernd. Es gibt nicht einfach eine gute und eine böse Seite: auch die Armen können böse sein und die bösen Kapitalisten bemühen sich auch - wenigstens ab und zu.
Bei Brunner und ihrer Gruppe war es die Verknüpfung Migros und Genossenschaft, Zentralamerika (besonders Nicaragua) und Banane: vier Faktoren und eine Konstellation. Diese vier Sachen in den Kreislauf der Gerechtigkeit zu bringen, das war von Anfang an eine unmögliche Aufgabe.
Die Bananenfrauen (später nannten sie sich formell «gebana») von Frauenfeld sammelten sich um die Pfarrerin Ursula Brunner. Zu Beginn fand alles bei ihr zu Hause statt. Es waren bloss wenige, sehr vielseitig begabte Frauen. Nichts war aufgeschrieben; sie wussten es einfach. Sie waren ein Teil der in den siebziger Jahren regen schweizerischen Gruppenbildungen zum Kampf um Gerechtigkeit in der Dritten Welt. Die Pfarrerin kam in die Politik hinein und wurde im Thurgau Kantonsrätin. Die Bananen hatten für sie einen Bezug zum schweizerischen Grossverteiler Migros, die von der Geschichte her eine Genossenschaft war. Alle waren auch Mitglied dieser Genossenschaft und wollten sie erneuern.
Traum vom gerechten Preis
Da lagen die Bananen völlig richtig. Die Migros konnte leicht, so dachten die Genossenschaftsfrauen aus Frauenfeld, mithelfen und den Bananenbauern Zentralamerikas einen gerechten Preis bezahlen, indem sie in der Schweiz 10 oder später 15 Rappen auf den Verkaufspreis schlug. Zusammen mit Hans A. Pestalozzi, dem ehemaligen Sekretär des Gründers Gottlieb Duttweiler, wollten sie wieder eine echte Genossenschaft, glaubten sie, einen gerechteren Bananenpreis für Zentralamerika erzielen und sich an den grossen Bananenmultis vorbeischleichen zu können. Sie träumten und sahen die wirtschaftlichen Kräfte nicht. Erst im Laufe des harten Kampfes lernten sie verstehen, und mit dem Verstehen wurde es immer schwerer, so vieles oder gar alles zusammen zu wollen. Die Erneuerung der Migros fand nicht statt; die Macht siegte; Ideale der Gründerzeit waren bloss noch für Werbezwecke gut. Dass in einem solchen Geflecht jemand in Zorn gerät und wütend ist, das ist begreiflich. Aber ob Wut und Zorn in einem Kampf gegen ein System stets nützlich sind?
Dennoch siegten weder die Bananenmultis, noch siegte einfach das Böse, nein, hier war es der Sachzwang der Organisation, der einen weiteren Sieg davontrug. Seit Bestehen der Menschheit gibt es dieses Unausweichliche im Übergang vom Spontanen zum Organisierten; von der brennenden Idee einer Person zu einer organisierten Form dieser Vision. Sobald nämlich Visionen organisiert werden, werden sie banal und grenzen sich selbst ein.
Dasselbe geschah mit jeder Religion und geschieht noch immer mit jeder Erneuerungsbewegung. Je grösser die Bewegung wurde, desto mehr war eine solide Struktur und Organisation notwendig. Zu Beginn - so schreibt Frau Brunner - war keine Kartei und kein Computer nötig, denn alles war in ihrem Gedächtnis. Hatte schon das ab und zu Probleme zwischen den wenigen Frauen der Gruppe geschaffen, wurde eine Erweiterung über Frauenfeld hinaus unmöglich. In diesem Moment, ob sie wollte oder nicht, wurde Frau Brunner zu einer Sektenmutter.
Die Gefahr aller Bewegungen ist, dass sie an einem kritischen Punkt stehen bleiben und dass sie vergessen, dass der/die «Böse» sich ganz gemein anpassen kann und sich daher - selbst mit den gleichen Leuten - verändert. So geschah es mit der Migros. Sie wurde zwar keine echte Genossenschaft mehr, aber sie begriff, dass sie sich der ökologischen Bewegung anpassen musste. Damit kam etwas von der so genannten Dritten Welt hinzu; selbst Bananen, jedoch nicht die der Gebana. So stand die Konstellation plötzlich anders da. Jahrelang hatte sich die Migros gewehrt, Bananen nach den Forderungen der Frauenfelder Frauen zu vermarkten. Plötzlich kam über die Havelaar-Vermarktung und die Bio-Bewegung vieles von dem, was die Frauen vertraten, bei Migros über die Hintertür hinein. Das verwirrte die Bananenfrauen. Es war nicht genau das, was sie gewollt hatten. Dazu kamen die Bananenkonfusionen, denn sie lernten, dass Bananen viel mehr als bloss Multis sind. Sie hatten sich der Gewerkschaften angenommen, aber kaum bemerkt, dass diese in solchen Systemen keine Heiligen bleiben. Volk und Arbeiter oder Bauern sind nicht einfach gut, weil sie arm sind. Beide werden sich in dem System, in dem sie arbeiten, ziemlich ähnlich. Wenn man ihnen Land und Bananenanbau überlässt, wird es erhebliche Schwierigkeiten geben.
Solidarität oder Handel
Eine Überforderung war die Bananenfrage der EU. Frau Brunner hielt unbedingt zu Zentralamerika. Die Gewerkschaften (ebenfalls Interessenvertreter ohne Solidarität) hielten sie fest. Die Sorge um die Bananenimporte aus anderen ehemaligen und europäischen Kolonien aus Afrika stellte sich ihr nicht; sie hatte sich früh entschieden. Im Grunde war und blieb sie eine alte Nicaraguakämpferin.
Die Bananenfrauen stiessen auf lauter unlösbare Fragen: Was ist Gerechtigkeit, war darunter die härteste. Sie lernten zudem etwas vom Markt kennen und sahen, dass er etwas sehr Kompliziertes und nicht etwas ganz simpel Kapitalistisches ist. Selbst Frau Brunner begann einzusehen, was ihr vorher gesagt worden war: «Entweder macht ihr Solidarität oder dann Handel, und wenn ihr Handel macht, dann müsst ihr ihn auch wollen.» Sie fühlte sich auf der Handelsebene und erst recht auf dem EU-Plateau verloren. Das Kapitel «Die Bananenfrauen auf dem langen Weg zur fairen Banane» (S. 158-167) hätte längst geschrieben werden müssen. Es ist ein trauriger Abgesang. Ähnliches geschieht etwa in Afrika - vom Baobab zum Büro -, und auch dort gelingt der Übergang selten.
Die Frauen ahnten vieles, hatten aber immer Angst vor dem Wissen, denn konkretes Wissen zerstört sehr oft Träume. Störfaktor ist stets der Mensch; nicht einfach der Kapitalismus, sondern Menschen, die nicht verstehen; Menschen, die träge sind; Menschen, die Geld wollen.
Am Schluss, nachdem sie alles abgab und zum Abschluss dieses Buch zusammenstellte, konnte Frau Brunner wirklich wissen, warum die Banane krumm ist. Signifikant ist ein Zwischentitel (S. 149): «Wir hätten es uns auch anders gewünscht.»
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«Bananenfrauen»
Brunner, Ursula
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Verlag Huber. Frauenfeld / Stuttgart / Wien 1999
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206 Seiten. 32 Franken



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