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Martin Schouten:

Marinus van der Lubbe

Rezensiert von Wolfgang Bortlik

Flaman-Zündwürfel, Brennpaste, Brennsprit, Grillanzünder, Lampenöl - ein ganzes Regal im Supermarkt ist mit solchen Dingen bestückt. Was kann man mit derlei Hilfsmitteln nicht alles anzünden: das Fonduerechaud, die Grillholzkohle, Gartenabfälle, Kaufhäuser (1968), ja sogar ein richtiges Parlamentsgebäude. Den Reichstag in Berlin nämlich, der deswegen eine neue, überdimensionierte Glaskuppel besitzt, die ein bisschen aussieht wie eine riesige Brandblase.

1933 gab es als pyrotechnische Hilfsmittel Würfel aus Sägespänen und Rohöl, Kohleanzünder genannt. Von diesen besorgte sich der holländische Rätekommunist Marinus van der Lubbe mehrere Päckchen. Seit einer Woche war er in Berlin, und nichts war passiert. Dabei war Rinus hierher gekommen, weil er in den kommunistischen Blättern seiner Heimat gelesen hatte, dass sich die Arbeiter und die Nazis zum letzten Gefecht gegenüberstehen würden.

Am 30. Januar war Adolf Hitler Reichskanzler geworden, seither hatte der Naziterror höchste staatliche Weihen erhalten. De facto war die Weimarer Demokratie schon seit drei Jahren abgeschafft, Sozialdemokraten und Kommunisten staunten, wie der Flachmaler aus dem österreichischen Braunau mit immer grösserer Unterstützung der Bevölkerung, der wirtschaftlichen und militärischen Eliten die Macht an sich riss.

Die SPD hatte die schnell wechselnden, konservativen Regierungen toleriert, weil Hitler so wenigstens nicht Regierungschef wurde. Doch nun hatte Reichspräsident Hindenburg den «böh- mischen Gefreiten» - der alte Depp verwechselte Hitlers Geburtsort - ganz oben hin gesetzt.

Die KPD wartete wie immer auf Moskauer Direktiven. Die lauteten in dem Falle, dass nicht die Nazis, sondern die «Sozialfaschisten» der Hauptfeind seien. Der Schriftsteller Georg K. Glaser beklagt in seiner Jahrhundertbiografie «Geheimnis und Gewalt» die katastrophale KPD-Politik so: «Die Partei legte uns den Gehorsam auf wie ein Schulterjoch, an dem wir schwer trugen.»

Zeichen zum Feuermachen

Van der Lubbe hatte schon bei seinem ersten Berlinbesuch 1931 an einen Freund geschrieben, «dass die Arbeiter sich nicht durch Worte der Führer gegen den Faschismus erheben werden, sondern überall in Deutschland spontan als Klasse ...» Man musste der Klasse bloss ein Zeichen geben, mit den «Feuermachern», wie Rinus die Kohleanzünder nannte. Jetzt, Ende Februar 1933, war es allerhöchste Zeit dazu. Aber in Wirklichkeit ist es schon viel zu spät!

Nach ziellosen Märschen und Fahrten durch Berlin und dem Besuch einer von der Polizei verhinderten KPD-Kundgebung versucht van der Lubbe, mehrere öffentliche Gebäude anzuzünden. Am 27. Februar hat seine Brandstiftung Erfolg. Um 21.27 Uhr lässt er sich noch im brennenden Reichstag verhaften.

Marinus wurde am 13. Januar 1909 geboren. Seine Eltern lebten in äusserst kargen Verhältnissen in Leiden/Hol-land. Nach dem Tod der Mutter kam der zwölfjährige Rinus in die Familie seiner ältesten Schwester. Dann ging er auf den Bau. «Dempsey» nannten ihn seine Kollegen, nach dem Boxweltmeister. Rinus war stark, aber er hatte ein weiches Herz. Mit sechzehn war er Mitglied des kommunistischen Jugendbundes. Bei Unfällen auf Baustellen verlor er fast seine gesamte Sehkraft. Seine Einkünfte von 25 Gulden wöchentlich verminderten sich auf 7,44 Gulden Invalidenrente. Rinus schlug sich als Gelegenheitsarbeiter und kommunistischer Agitator durch. Seine aufrührerischen Aktionen und Zeitschriften erregten allerdings den Unwillen der kommunistischen Parteizentrale.

Die Zeiten waren schlecht, die Schlangen waren lang vor den Arbeitsämtern.

Schwimmen und Wandern

Eine Wochenzeitung setzte 5000 Gulden Prämie aus für den, der über den Ärmelkanal schwamm. Das war etwas für Rinus. In einem Schwimmanzug mit Hammer und Sichel würde er nach England kraulen. Doch das Wetter in jenem Sommer 1931 war zu stürmisch. So machte sich van der Lubbe auf seine zweite grosse Reise. Nach China sollte es gehen, immerhin bis Jugoslawien kam der geografische Gegebenheiten fröhlich ignorierende Wandervogel.

Er war kein Theoretiker, kein Geistesarbeiter, sondern ein Aktionist, einer, der sofort etwas machte, statt darüber zu reden. «Er war gutmütig und nicht nachtragend, aber gegen alle Autorität lehnte er sich auf. Diese grundsätzlich aufrührerische Tendenz war wohl seine bedenklichste Eigenschaft, die ihn am ehesten auf den verhängnisvollen Weg wies, den er gegangen ist», sollte es 1934 in einem psychiatrischen Gutachten «über den Geisteszustand von Marinus van der Lubbe» heissen.

Wieder zu Hause drohte Rinus, der dortigen «Gesellschaftlichen Hilfsstelle» die Fenster mit Steinen einzuwerfen, wenn sie ihm nicht einen kleinen Kredit gäbe. Die Unterstützung wurde abgelehnt. Der erzürnte van der Lubbe warf die Steine nicht, aus Angst, jemanden dabei zu verletzen. Er schlug die Scheiben mit einem Stein in der Hand ein und zerschnitt sich dabei schlimm die Finger.

Kommunist oder Nazi-Lustknabe?

Der brennende Reichstag wurde nicht zum Fanal. Natürlich benutzten die Nazis den Brand für eine weitere Drehung der Unterdrückungsschraube. Am Tag danach veranlassten sie Hindenburg, eine neuerliche Notverordnung zu erlassen, die die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung wie Freiheit der Person, Meinungs- und Pressefreiheit ausser Kraft setzte. Eingeführt wurde dafür die Todesstrafe für Hochverrat und Brandstiftung. Und natürlich konstruierten die Nazis eine kommunistische Verschwörung aus dem Reichstagsbrand und setzten eine Reihe mehr oder minder prominenter Kommunisten neben van der Lubbe auf die Anklagebank.

Die KPD reagierte auf ihre Art: Der umtriebige Agitator Willi Münzenberg, rechtzeitig ins Pariser Exil verreist, gab das «Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror» heraus, in dem aus äusserst zweifelhaften Quellen die Nazis als Drahtzieher und Hintermänner van der Lubbes konstruiert wurden. Dabei liess man keine Denunziation aus: Van der Lubbe sei als «Lustknabe» in homophile SA-Kreise geraten und so «Werkzeug» der Nazis geworden.

Nach einem langwierigen Prozess, während dessen van der Lubbes Persönlichkeit immer mehr zerfiel, wurde er zum Tode verurteilt und am 10. Januar 1934 geköpft. Die anderen Angeklagten wurden freigesprochen.

Die lange Nachgeschichte

Die Behauptungen des Braunbuchs über van der Lubbe als Nazi-Torpedo hielten sich hartnäckig. Erst Anfang der sechziger Jahre änderte sich das mit der Untersuchung von Fritz Tobias, die auf «Alleinschuld» plädierte. Doch gleich gründete sich in Luxemburg ein Komitee, welches 1972 und 1978 das zweibändige Werk «Der Reichstagsbrand. Eine wissenschaftliche Dokumentation» veröffentlichte, in dem die Naziverschwörung mit geradezu paranoid detaillierten Interpretationen nachzuweisen versucht wurde. Kein Wort im ganzen Konvolut jedoch über van der Lubbe als politisch bewussten Aktionisten.

Historischer Leiter dieser Unternehmung war der Berner Geschichtsprofessor Walther Hofer, bekannt als Chef der 1974 gegründeten Schweizerischen Fernseh- und Radio-Vereinigung, des so genannten Hofer-Klubs, der jahrelang zur Hatz auf das scheinbar links unterwanderte Schweizer Fernsehen blies. Ausgerechnet der SVP-Nationalrat Hofer übernahm die Positionen des kommunistischen Braunbuchs.

Der Reichstagsbrand-Fall hat Auswirkungen bis heute. Er spielt in jede Kontroverse über den Nationalsozialismus hinein, in den so genannten Historikerstreit und in die Goldhagen-Debatte. Dass die Nazis den eigenen Reichstag ansteckten, passt gut in die reaktionäre Geschichtsauffassung, die Hitler und Co. dämonisiert und «(Wir sind) das Volk» als verführt betrachtet. Das Grüppchen um Hitler hätte sich demnach planmässig an die Macht geputscht, und die zwölf Jahre Naziherrschaft stellten lediglich einen Betriebsunfall in der deutschen Geschichte dar. Wenn man eher zu den Thesen des amerikanischen Historikers Daniel Goldhagen vom deutschen Volk als «Hitlers willige Vollstrecker» neigt, dann brauchten die Nazis zum Zeitpunkt des Reichstagsbrands längst keine derartigen Provokationen mehr, da ihnen die Macht mehr oder weniger in den Schoss gelegt worden war. «Hitlers beste unfreiwillige Verbündete waren wir, die Kommunisten», sagt sehr sarkastisch der Doppelagent Jan Valtin in seinem «Tagebuch der Hölle».

Soeben ist eine Biografie über Marinus van der Lubbe erschienen. Neben seiner Lebensgeschichte enthält das Buch einen grossen Dokumententeil: van der Lubbes Briefwechsel, auch aus der Nazihaft, sein Reisetagebuch, sein Geständnis, Polizeiberichte und die oben erwähnte Untersuchung seines Geisteszustandes. Marinus van der Lubbe war ein «rebel with a cause» und eigentlich müsste er heute eine Ikone sein wie Che Guevara. Aber Georg K. Glaser meint: «Mit der Gestalt van der Lubbes hat man den Begriff des Rebellen verdammt, also des Menschen, der nach eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er für richtig hält.»


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«Marinus van der Lubbe»

Schouten, Martin

Verlag Neue Kritik. Frankfurt a. M. 2000

256 Seiten. 37 Franken