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Paco Ignacio Taibo II

Erzengel. Geschichten von 12 Häretikern der Revolution im 20. Jahrhundert

Rezensiert von Erich Hackl

Wer alle Bücher des mexikanisch-spanischen Schriftstellers und Historikers Paco Ignacio Taibo II. lesen will, muss ein Höllentempo vorlegen, um mit dem Autor Schritt zu halten, der, während er gleichzeitig an mehreren Romanen und Biografien arbeitet, auch noch Zeit findet, angehenden Dichtern Ratschläge zu erteilen, Manuskripte zu beurteilen, die ihm von seiner literarischen Fangemeinde vorgelegt werden, und die «Semana Negra» zu organisieren, die Woche des Kriminalromans, die jedes Jahr im Juli in seiner Geburtsstadt Gijón stattfindet - eine wüste Mischung aus Jahrmarktstreiben und Literaturspektakel, mit einem Massenauftrieb von linken Autoren aus aller Herren Ländern.

In Mexiko, im Kollegenkreis, gilt Taibo II. nicht eben als ernst zu nehmender Autor; man misstraut seinem populistischen Eifer, man belächelt die Eile, mit der er ein Buch nach dem andern auf den Markt wirft, man verachtet den dürftigen Gehalt seiner Rhetorik, die Phrasen nicht scheut. Aber es fällt schwer, ihm Prinzipienlosigkeit zu unterstellen - Taibo II. hat, schreibend, immer die Sache der Revolution verfochten, er ist im Gegensatz zu so vielen Intellektuellen unter seinen Landsleuten der Staatsmacht immer feind geblieben, er hat die Hand, die ihn füttern wollte, gebissen und das Futter verschmäht. Das ist, ich weiss, kein Kriterium der Literaturkritik, aber es wäre auch unfair, sein Werk an Merkmalen einer Instanz zu messen, die dem Anspruch des Kritisierten nicht gerecht wird. Dies gilt auch für sein jüngstes Buch, das sich «12 Häretikern der Revolution im 20. Jahrhundert» widmet. Manchen von ihnen - Juan R. Escudero etwa, dem rebellischen Bürgermeister von Acapulco, oder dem geheimnisumwitterten Anarchisten Sebastián San Vicente - hat Taibo II. schon früher ein Denkmal gesetzt, jetzt stellt er sie in eine Reihe mit Zeitgenossen, von denen er weniger den Einsatz für die Sache der Armen und Entrechteten, vielmehr den unbändigen Willen zur Veränderung würdigt: mit den Kommunisten Max Hölz und P’eng P’ai, dem Sozialisten Friedrich Adler, den Bolschewisten Larissa Reissner und Adolf Abramowitsch Joffes, den Anarchisten Buenaventura Durruti und Librado Rivera, dem Guevaristen Raúl Díaz Argüelles und dem Spanienkämpfer Piero Malaboca, der vielleicht nie existiert hat. Ebenfalls dabei: die mexikanischen Muralistas - Rivera, Siqueiros, Orozco usw. -, deren Besessenheit, sich und anderen ein gültiges Bild von der Geschichte zu malen, für den Autor nicht weniger bedeutsam ist als Aufruhr, Widerstand, direkte Aktion.

Fiebrige Beweglichkeit

Es ist etwas Fieberhaftes in diesem Buch, nicht nur wegen der Hast, die seine Helden umtreibt, auch nicht wegen der sprunghaft wechselnden Schauplätze - von der mexikanischen Pazifikküste gehts in ein Wiener Hotel, von Lublin nach Tampico, von Sachsen nach Moskau, von Haifeng über Guadalajara nach Havanna und weiter nach Angola; es schwindelt einen beim Lesen, weil Taibo II. die Gestalten antaucht, einem Ziel entgegen, das vielleicht nur Chimäre ist, und reell erscheint ihm nur der Weg dorthin, und er biegt sich seine Protagonisten zurecht, bis sie einander gleichen: «Diese Typen, die einen Engel verschluckt zu haben scheinen und deren Geradheit und Sturheit zur Charaktereigenschaft geworden sind. Persönlichkeiten, die selbst mitten im Sturm nicht ins Wanken geraten, die sich nicht beugen. Personen, die vom Gestus leben und auf dem Terrain des Symbolischen agieren, von dem höchst reale Botschaften ausgesandt werden.»

Die Idee, ja die Notwendigkeit der sozialen Revolution stellt der Autor nicht in Frage. Das ist sympathisch, aber ebenso sympathisch wäre es, wenn er wenigstens den Versuch unternommen hätte, über den Zusammenhang von idealistischem Kampf und repressiver Herrschaft nachzudenken. Von den «Monstrositäten des Stalinismus, der heute einen Beiklang von Menschenfresserei hat», sind auch die nicht frei, die ihm als Revolutionäre zum Opfer gefallen sind, und der Anarchismus, mit dem Taibo II. liebäugelt, bewahrt nicht seine Unschuld, nur weil er nirgendwo gesiegt hat. Der Typus des Rebellen, wie er dem Autor vorschwebt, ist am ehesten durch «Che» Guevara verkörpert: Es ist der rastlose, unbeirrbare, kraft seines eigenen Vorbilds mitreissende Führer (kein Wunder, dass bis auf Larissa Reissner Frauen in diesen Biografien keine Rolle spielen), der - wie Max Hölz - «die schwierigen Aufträge immer selbst ausführt» und keine Bleibe kennt: «Beweglichkeit, immer wieder Beweglichkeit». Taibo II. suggeriert, weniger durch die Auswahl als durch die Darstellung und Kommentierung seiner Helden, dass die Bestimmung des Aufrührers darin besteht, im Kampf zu fallen. Sein Unglück ist zu überleben, also mitansehen zu müssen, wie Revolution zur Herrschaft verkommt. Das ist eine düstere, ja defätistische Vision der Geschichte, paradox, weil sie von einem trotzigen, dem Leben zugewandten Menschen stammt.

Viele Perspektiven

Erstaunlich ist die gestalterische Vielfalt der zwölf Geschichten; nur wenige halten sich an die Chronologie der Ereignisse, eine wird durch die Perspektive eines falsch informierten Polizeireporters gebrochen, eine ist als Drehbuch von Selbstmord und Begräbnis eines Revolutionärs gehalten, in der Erzählung vom mysteriösen Spanienkämpfer mischen sich Dokument, Erfindung und Familiengeschichte des Verfassers. Am meisten hat mich die «apokryphe Autobiographie» eines chinesischen Kommunisten beeindruckt; P’eng P’ai berichtet lakonisch über die eigene Ermordung hinaus: «Mein Leichnam wurde zusammen mit denen meiner Genossen in ein Massengrab geworfen. Bessere Gesellschaft hätte ich mir nicht wünschen können.»


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«Erzengel. Geschichten von 12 Häretikern der Revolution im 20. Jahrhundert»

Taibo II, Paco Ignacio

Verlag Libertäre Assoziation. Hamburg 1999

308 Seiten. 38 Franken