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Gerhard Scheit; Shulamit Volkov
Dramaturgie des Antisemitismus
Rezensiert von Manfred Züfle
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Kultur - gerade auch hohe - macht keineswegs immun gegen Antisemitismus, sondern überträgt ihn häufig unbemerkt. Das zeigen auf bestürzende Weise zwei neue Arbeiten.
Walter Benjamins Diktum in der VII. seiner geschichtsphilosophischen Thesen: «Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein», steht zu Recht als Motto vor Gerhard Scheits Arbeit. Der Autor nennt sein Werk eine «Kulturgeschichte der Barbarei»; sie führt das, was Benjamin kurz vor seinem Tod geschichtsphilosophisch festgehalten hatte, in einer grandiosen, immer unglaublich detailkundigen, aber nie den spannungsreichen Blick aufs Ganze verlierenden Darstellung aus. JedeR LeserIn wird dabei wohl mit all den verinnerlichten Kulturgütern und der abendländisch-christlichen Bildungslast, die man/frau so mitschleppt im Leben, vor die Frage gestellt, wie war und wie ist das möglich?
Gerhard Scheits Antwort ist in einem äusserst präzisen Sinn geschichtlich, mit feinsten Methoden der Text- und Kontextanalysen arbeitend, ebenso versiert in theologiegeschichtlicher, theatergeschichtlicher, musikologischer, politökonomischer und psychoanalytischer Fragestellung und darin im besten Sinne lesbar und spannend. Gleichzeitig zeichnet sich dabei ein, wie man es nennen muss, Ethos des Darstellens ab, das Scheit schon im Vorwort folgendermassen formuliert: «…darin wäre so etwas wie ein kategorischer Imperativ zu sehen: Das Ungeheuerliche sollte, wenn irgend möglich, noch ungeheuerlicher werden, als es auf den ersten Blick erscheint. Es soll zu Bewusstsein kommen, ohne rationalisiert zu werden.» Solches Ethos des Darstellens kommt dann nach dem Durchgang durch die ganze Kulturgeschichte der Barbarei zu einer «Erkenntnis», die die ökonomischen und anderen Bedingungen des Antisemitismus keineswegs ausser Acht gelassen hat, aber das Entsetzliche damit nicht weg-«erklärt», sondern immer weiss, dass und wie anders es auch hätte sein können.
Kryptogeschichte der Barbarei
Denn auch nach der Shoah scheint die Geschichte immer von Neuem unbelehrt, wenn auch im Darstellungsengagement Scheits nicht grundsätzlich unbelehrbar. Scheit denkt viel zu dialektisch, um zynisch sein zu können! Die Situation nach dem Holocaust beschreibt er folgendermassen: «…die Erkenntnis, dass der Reichtum, der dieser Kultur zugrunde liegt (und in der ein Stück wie eben z. B. Fassbinders ‘Der Müll, die Stadt und der Tod’ wieder möglich wird, MZ), der Reichtum des Wirtschaftswunders in toto auf dem Massenmord gegründet ist … Denn die allseitige Vernichtung bereinigte die grosse Krise, beseitigte den durchs Kapital nicht verwertbaren Überschuss an Arbeitskräften und Produktionskapazitäten; und ohne das totale Feindbild der ‘Weltverschwörung des Judentums’, das - in den Vernichtungslagern in die Tat umgesetzt - die Volksgemeinschaft bis zuletzt zusammenschweissen konnte, wäre dieser Krieg nicht zum ‘totalen Krieg’ geworden, nicht bis zur letzten Konsequenz vom Dritten Reich führbar gewesen. Die Erkenntnis liegt sogar in dem zu Recht umstrittenen Wort Holocaust - Ganzbrandopfer - bereit: Nur wer sich fragt, ob sich nach diesem ‘Opfer’ überhaupt noch leben lasse, könnte vielleicht den unsichtbaren Gott, dem hier geopfert wurde, stürzen.» Dieser Gott, mindestens seine «unsichtbare Hand» (der Ausdruck, mit dem schon Adam Smith den Markt heiligte), ist bekanntlich heute weniger denn je erledigt!
Das Buch Scheits hat neben dem scheinbar sofort verständlichen Untertitel «Zur Dramaturgie des Antisemitismus» einen Haupttitel, «Verborgener Staat, lebendiges Geld», der sich nur durch die Lektüre der nahezu sechshundert Seiten in seiner ganzen Konkretheit erschliesst. Dabei nimmt man/frau als LeserIn in immer neuen Spannungsbögen Interpretationen des bildungsbürgerlichen Kulturguts zur Kenntnis, die am «Gut» gerade auch die bewusst oder unbewusst inszenierten oder in den verschiedenen Dramaturgien «unterlaufenen» Verteufelungen des Sündenbocks schlechthin für die abendländisch christliche und nachchristliche Geschichte radikal deutlich machen, deutlich machen vor allem die je geschichtlich geortete Motivation zu dieser unheimlichen Mimikry, die in Gestalten, Figuren des Juden, des Jüdischen sich auslebt, sie körperlich auf Bühnen bringt, sie schon früh einem tödlichen Gelächter, einem Totlachen preisgibt, das von den mittelalterlichen Passionsspielen bis zum Nationalsozialismus, der sich mit Grund auf Richard Wagner beruft, in die blutige Verwirklichung der Verfolgung, der Pogrome, der endgültigen Vernichtung übergeht - alle Kultur hinter sich lassend, weil die Wirklichkeit diese nicht mehr braucht, endgültig im Dritten Reich, das sich als der total inszenierte Volksstaat anstelle aller Kultur, auch noch der wagnerschen, setzt.
Scheits Lektüre der Dramaturgien des Antisemitismus hebt aus dem Riesenmaterial, das da während Jahrhunderten auf Bühnen kam, Musik, Text und schliesslich auch Comic wurde, stets mit äusserster interpretatorischer Sorgfalt die jeweilige geschichtliche Konkretion heraus, die immer auch Station ist auf dem Weg der Fetischierungen des Geldes, des Kapitals, der Ware. Marx sagt im Fetischismuskapitel im 1. Band des Kapitals lapidar: «Sie wissen das nicht, aber sie tun es.» Die immer noch viel zu wenig durchdachte marxsche politökonomische Fassung des Unbewussten! Was «sie» je neu geschichtlich nicht wissen, aber «es tun», schlägt sich auch und genau nieder in den unheimlichen Verkörperungen des Sündenbocks schlechthin.
Scheit hat als Erster, soweit ich sehe, diese Kryptogeschichte der Barbarei «ausgeführt», aus den imaginären «Schächten der Innerlichkeiten» aller Jahrhunderte heraufgeholt (um auf hegelsche Formulierungen und vielleicht schon Ahnungen anzuspielen). Dabei gelingen ihm nicht nur grosse Einzelinterpretationen von geradezu atemberaubender Präzision, etwa zu Shakespeares Shylock oder zu dem einzigen Lessing, der nicht in die sehr deutschen Fallen der Projektion gefallen ist. Grossartig da aber gerade die Wahrnehmung zugleich der radikalen Kritik Lessings an einer «bürgerlich verbesserten Welt» und die Feststellung einer «Müdigkeit und Skepsis des alten Lessing», die Nathan am Ende des Stücks verstummen lässt. So wird gerade kein beruhigender Kanon des klassisch Humanen restituiert!
Nichts muss gerettet werden, aber alles wahrgenommen. So ist es denn klar, dass insbesondere gegenüber Wagner gilt, dass er nicht als Kulturgut gereinigt werden kann vom rabiaten, auch schon durchaus mit Vernichtungsfantasien schwangeren Antisemitismus. In den Wagner-Analysen in mehreren Kapiteln bewährt sich Scheits musikwissenschaftlich gestütztes, präzises Hinhören, Nicht-Überhören-Wollen, das sich in den Mahler- und Schönberg-Interpretationen in anderem Sinne bewahrheitet. Gerade in diesen Analysen vertieft, verfeinert für mich Scheit und führt vor allem (sehr nötig) fort und aus, was ein Adorno etwa in seinem Versuch über Wagner als Pamphlet angelegt hatte.
Aber Scheits Werk wäre in seiner Gesamtanlage als «Geschichte der Barbarei» weniger überzeugend, wenn es sich auf die Höhepunkte konzentrierte. Das tut der bürgerliche und nachbürgerliche Kulturmarkt bis heute. Scheit durchforstet durch alle Jahrhunderte auch gleichsam den ästhetischen Schrott, wo sich noch unverdeckter das zeigte (und durchaus zeitgenössischen Erfolg hatte), was Hochkultur mit schönem Schein zu überblenden versucht. Mir kam bei der Lektüre von Scheits Buch manchmal die andere geschichtsphilosophische These Walter Benjamins, die berühmte IX., in den Sinn, wo der «Engel der Geschichte» eine «einzige Katastrophe wahrnehmen muss», wo eine «Kette von Begebenheiten vor uns erscheint».
Scheits «Geschichte der Barbarei» hebt an, genauer, setzt als Vorgeschichte die Geschichte des christlichen Antijudaismus, der schon in die Redaktionsgeschichte des Neuen Testaments sich zurückverfolgen lässt. Das ist nicht neu, und es waren gerade auch jüdische Historiker wie etwa Jules Isaac, die christlicher Theologie wesentliche Anstösse zum Umdenken gaben. Sehr spannend finde ich allerdings, wie Scheit im Bilderstreit und einer entscheidenden Weichenstellung in diesem Streit den gleichsam geschichtlichen Ermöglichungsort aufdeckt, wo sich das «Spannungsfeld zwischen der Abbildbarkeit des Gekreuzigten und seiner ‘Mörder’» auftut. Scheit macht für mich theologiegeschichtlich absolut einleuchtend klar, dass der «Kompromiss» der Westkirche im Bilderstreit unabsehbare Folgen gerade in Bezug auf die Juden und ihre antisemitische Darstellbarkeit hatte.
Der «Kompromiss» aber lässt sich auf den einen Satz verkürzen: «Wenn Christus wirklich anwesend ist in der heiligen Messe, dann ist er auch abbildbar; doch ist Jesus darum in der Abbildung selbst nicht gegenwärtig.» Die dogmengeschichtlichen Festmachungen etwa im Laterankonzil zur so genannten Transsubstantiationslehre (die Lehre von Anwesenheit Christi im Sakrament) haben unmittelbare Folgen für die Juden. Dasselbe Konzil hat die «Bestimmung erlassen, dass Juden einen gelben Fleck zu tragen haben». Diese Sichtbarmachung der Juden ermöglicht mittelbar ihre spätere Darstellbarkeit auf einer Bühne. Aber was für eine! Scheit referiert einen «erweiterten Konzilerlass», der den Juden verbot, sich während der Osterzeit auf den Strassen und auf dem Markt zu zeigen - man wollte die wirklichen Juden offenbar nicht sehen, während man auf sie anspielte, sie imitierte, «sich ein Bild von ihnen machte»!
Wie gesagt, Scheit verzeichnet hier, sorgfältig präzis wie immer, vorerst nichts als den geschichtlichen Ort einer Möglichkeit und hält bis zum entsetzlichen Ende der Shoah den Gedanken durch, dass es immer auch hätte anders sein können und dass jede ästhetische Verkörperung des Antisemitismus immer auch die Kulturtat eines bestimmten Kulturtäters für ein bestimmtes Publikum mit seinen latenten Empfänglichkeiten zur Projektion war. Die Projektionen betrafen allerdings immer das «lebendige Geld», dessen ‘Wachstum’ man zunächst den Juden zugeschoben hatte, den Händlern, die doch Christus schon aus dem Tempel vertrieben hatte und die deshalb von anderer Abkunft sein mussten als man selbst.
Dabei wird schon in der Überschrift des ersten grossen Abschnittes erkennbar: die Verteufelung des Geldes und die Verhimmelung eines anfänglich noch himmlisch gedachten Staats, der dafür zu sorgen hatte, dass die Verteufelten ausgeschlossen sowohl als auch phantasmagorisch vor- und darstellbar blieben. Wie diese abendländisch-christliche Geschichte sich auch und vor allem zu einer deutschen spezifizierte, welche Rolle dabei Luther, Fichte, Romantiker wie Achim von Armin spielten, alle gleichsam das Gesamtkunstwerk Richard Wagners präludierend - und dieses beerbbar durch einen Staat, der keine Kunst mehr benötigte, um den totalen Vernichtungsstaat zu realisieren -, ist das «Ungeheuerliche», das Scheits Werk noch «ungeheuerlicher» «bewusst» machen kann.
Kultureller Code Antisemitismus
Genau an diesem Punkt wäre es sinnvoll, Shulamit Volkovs zehn äusserst differenzierte historische Essays umfassendes Buch gleichsam parallel zu lesen mit Scheits grossem Geschichtsgemälde. Volkov weiss, dass mit einer Neubewertung deutscher Geschichte im 19. Jahrhundert unter dem Zeichen des Antisemitismus auch eine der jüdischen Geschichte einhergehen muss. Es ist wahrscheinlich dieser doppelte, geschärfte, kritische Blick der Autorin, die in der Gesellschaftsgeschichte immer auch die im weitesten Sinne kulturelle Sprachwerdung der gesellschaftlichen Zwänge sieht und darin die Codierungen, die monokausale Verursachungen hinterfragen lassen.
Wie paradox solche Codierung greifen kann, zeigt der Essay «Das geschriebene und das gesprochene Wort. Über Kontinuität und Diskontinuität im deutschen Antisemitismus» auf: «Die Antisemiten im Wilhelminischen Deutschland waren ein Teil seiner schriftlichen Kultur. Aber dies war eine Kultur der Widersprüche. Zu ihr gehörten der bürokratische Stil Potsdams und die romantische wagnersche Grossartigkeit. Sie brachte - trotz des autoritären Regimes und des Drucks seiner Zensur - Fontanes massvollen Ton und Thomas Manns reflektierende Eleganz hervor. Mehr noch, es war eine Kultur, die ‘zur wahren Heimat der Juden’ geworden war, um Georges Steiners Formulierung zu gebrauchen.»
Arm und Reich zugleich
Auch Shulamit Volkov hält eine Spannung durch, die gesellschaftliche Innendramatiken gleichsam in den verschiedensten Alltäglichkeiten, zum Beispiel der Wilhelminischen Ära, hinter dem, was sich kundtut und -tun wird, aufsucht. Um das analysieren zu können, entwickelt Volkov den Begriff des «kulturellen Codes», als welcher der Antisemitismus funktioniert. Dabei ist Volkov auf einer anderen Ebene genauso präzis und unbestechlich wie Scheit. Sie schreibt. «Der Antisemitismus war also weder identisch mit der umfassenden ‘germanischen Kultur’ des (Wilhelminischen, MZ) Reiches, noch war er bloss ein Element darin. Da er im Wesentlichen verbal blieb und für die Entscheidungen der wichtigeren Tagesfragen wenig praktische Bedeutung hatte, war er umso besser geeignet, symbolischen Wert anzunehmen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war er zum ‘kulturellen Code’ geworden. Das Bekenntnis zum Antisemitismus wurde zu einem Signum kultureller Identität, der Zugehörigkeit zu einem spezifischen kulturellen Lager.» Und die Autorin macht - durch alle zehn Essays hindurch - klar, dass damit Antisemitismus «ein Symbol» wurde, «ein Kürzel für ein ganzes System von Ideen und Einstellungen, die mit der direkten Schätzung oder Nichtschätzung von Juden wenig bis gar nichts zu tun hatten.»
Wie wurde schliesslich daraus die nationalsozialistische Vernichtungskatastrophe? Und Shulamit Volkov gibt eine scheinbar kühl analytische Antwort, die genau dasselbe Ungeheuerliche bezeichnet, dem Scheits Darstellung gilt: «Um das Bindeglied zwischen belastenden Umständen und der besonderen Reaktion der Deutschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf sie herzustellen, müssen wir nicht nur die Umstände der Zeit sondieren, sondern auch den kognitiven Prozess, der diese Umstände interpretiert und sogar erst geschaffen hat, den Prozess der symbolischen Formulierung, der die einzigartige antisemitische Ideologie produzierte und ihr ihre zentrale kulturelle Rolle zuwies.» Eine halbe Seite weiter fasst die Autorin die Situation am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen in die lapidare Feststellung: «Die Juden wurden gehasst, weil sie anders und arm waren und weil sie anders und reich waren.»
WOZ 24/00
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«Verborgener Staat, lebendiges Geld - Zur Dramaturgie des Antisemitismus»
Scheit, Gerhard
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ça ira Verlag. Freiburg i.Br. 1999
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587 Seiten. 58 Franken
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«Antisemitismus als kultureller Code»
Volkov, Shulamit
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becksche reihe 1349, erweiterte Auflage. München 2000
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238 Seiten. 22 Franken



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