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Russell Banks
John Brown, mein Vater
Rezensiert von Volker Hummel
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Ein Riss zieht sich durch die amerikanische Geschichte. Am Anfang war er nur eine abstrakte Linie, die den Grundbesitz der Penns in Pennsylvania von dem der Baltimores in Maryland trennte. Da gedachte Linien keinen rechtlichen Status haben, wurde eine Ost-West-Schneise durch die amerikanische Wildnis geschlagen, die schliesslich als Grenze zwischen den Kolonien Pennsylvania im Norden und Maryland im Süden diente. Dass der berühmten Mason-und-Dixon-Linie ein Jahrhundert später eine so grosse Bedeutung zukam, liegt daran, dass sie einem anderen Riss eine äussere Form gab, der sich quer durch die politische, ökonomische und soziale Landschaft der USA zog: In Maryland und in den anderen Plantagenstaaten des Südens wurden Menschen versklavt, während man in Pennsylvania und den Nordstaaten dank anderer Produktionsweisen ohne Sklaven auskam. Nach Thomas Pynchons Roman «Mason und Dixon», der dem Riss in seinen Ursprüngen nachforscht, liegt nun mit Russell Banks’ «John Brown, mein Vater» (Originaltitel: «Cloudsplitter») ein Roman in deutscher Übersetzung vor, der sich der gewaltigen Spannungen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg annimmt. Es ist die fiktive Biografie eines Mannes, der wie kein zweiter die damalige Öffentlichkeit polarisierte.
Mit dem Missouri Compromise von 1820, der die Territorien und Bundesstaaten nördlich von Missouri zum sklavenfreien Gebiet deklarierte, kam es ab den dreissiger Jahren zu immer stärkeren Auseinandersetzungen um die Frage der Sklaverei: Als 1854 der Missouri Compromise mit dem Kansas-Nebraska-Act unterwandert wurde, der die Klärung der Sklavereifrage in die Hände der dortigen Siedler legte und somit eine nördliche Ausdehnung der Sklaverei möglich machte, wurden die Auseinandersetzungen akut.
Zwischen Fakten und Fiktion
In den Krieg zwischen den so genannten «Border Ruffians» aus dem Süden und den «Free Settlers» aus dem Norden, die um jeden Preis die Einführung der Sklaverei in Kansas und Nebraska verhindern wollten, griff auch ein Mann ein, der bis heute wie kein Zweiter die blutigen Widersprüche des Landes verkörpert. Der bedingungslose Sklavereigegner John Brown schloss sich 1855 einigen seiner Söhne an, die bereits in Kansas waren, und avancierte bald zu einem der Anführer der Anti-Sklaverei-Guerilla. Die amerikanischen Geschichtsbücher verzeichnen seinen ersten Auftritt in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 1856, als er mit acht Männern fünf Sklavereibefürworter überfiel und regelrecht abschlachtete. Doch seinen eigentlichen, bis heute umstrittenen Ruhm erlangte er vier Jahre später, als er mit 21 Männern die in Maryland, knapp unterhalb der Mason-Dixon-Linie gelegene Stadt Harpers Ferry überfiel. Sein Plan war es, durch die Eroberung des dort befindlichen Waffenarsenals einen Aufstand von Sklaven zu entfachen und sie zu bewaffnen, um mit einer immer grösser werdenden Revolutionsarmee letztlich den gesamten Süden zu befreien. Doch der Plan scheiterte: Nicht ein einziger Sklave schloss sich an, insgesamt starben 17 Männer, darunter zehn von Browns Anhängern und zwei seiner Söhne. Brown selbst wurde verwundet und festgenommen und zwei Monate später, am 2. Dezember, wegen Mordes, Anzettelung eines Sklavenaufstandes und Landesverrats gehenkt.
Wenn Russell Banks’ Roman «John Brown, mein Vater» auf seinen letzten siebzig Seiten schliesslich bei den Vorfällen in Harpers Ferry anlangt, ist vor dem staunenden Leser bereits eine gewaltige Erzählung ausgebreitet worden. Was für die Geschichtsbücher so zentral ist, erscheint hier nur als ein Nachtrag, berichtet aus einer distanzierten Perspektive, denn der Erzähler sitzt in einem Baumwipfel auf der anderen Seite des Potomac River. John Browns Sohn Owen, der bisher kaum von der Seite seines Vaters gewichen ist, wurde zurückgelassen, um die von Norden eintreffenden Sklaven in Empfang zu nehmen und zu bewaffnen. Dadurch entgeht er dem Tod und der Gefangennahme und kann vierzig Jahre später Zeugnis ablegen. Gelang dem historischen Owen Brown tatsächlich die Flucht nach Kalifornien, wo er allerdings 1891 starb, so lässt Banks seinen Erzähler noch ein paar Jahre länger leben, um ihn schliesslich als Jahrhundertzeuge berichten zu lassen. Im Jahre 1899 spürt ihn in den Bergen von Pasadena Katherine Mayo auf, eine Mitarbeiterin von Oswald Garrison Villard, dessen 1910 erschienene Biografie John Browns bis heute ein Standardwerk ist. Seine fiktiven Antwortschreiben auf die Anfrage nach Details aus dem Leben des Vaters wachsen immer weiter an und bilden schliesslich den Roman.
Die Verwendung von Owen Brown als Erzählerfigur ist der zentrale Kunstgriff von Russell Banks. Er erlaubt es ihm, dicht an einen Mann heranzukommen, der die Historiker bis heute vor Fragen stellt und dessen Deutung radikalsten Schwankungen unterliegt. Erstmals in Berührung kam Russell Banks mit John Brown in den sechziger Jahren, als er noch eine Symbolfigur für die Linke war, als Mann der Tat und des zivilen Ungehorsams galt, der Philosophen wie Emerson und Thoreau in ihrem Denken beeinflusste. Heutzutage hat sich die radikale Rechte Browns angenommen, Abtreibungsgegner, Waffenfanatiker und andere Moralterroristen, die in ihm vor allem eine religiöse Leitfigur sehen. Diese Ambivalenz vor allem war es, die Banks faszinierte: «Mir kam es so vor, als stünde er genau auf dem Punkt in der amerikanischen Kultur, auf dem Rasse, Gewalt und Religion am heftigsten aufeinander prallen», sagte Banks in einem Interview.
Der Bericht des Sohnes über den Vater, den er schreibt, um das ans Licht zu bringen, was nicht in den Geschichtsbüchern steht, schafft nicht die letzte Klarheit, sondern legt die uramerikanische Sünde, den Riss, der sich bis heute quer durch das Land zieht, mitten hinein in die Figur und seine Familie. Anstatt Brown für eine Seite zu vereinnahmen, zeigt ihn Banks aus der Perspektive des Sohnes vor allem als eines, nämlich als unerbittlichen Vater und Familienpatriarchen. Der am 9. Mai 1800 geborene John Brown war zweimal in seinem Leben verheiratet und war der Vater von insgesamt zwanzig Kindern, von denen allerdings viele schon jung starben. Das Leben der grossen Brown-Familie war immer von ökonomischen Entbehrungen und häufigen Ortswechseln gekennzeichnet, denn John Brown vermochte nicht hauszuhalten und hatte meist Schulden.
Der 1824 geborene Owen Brown ist für Russell Banks «der perfekte Erzähler», weil er an allen entscheidenden Momenten im Leben seines Vaters dabei war - und doch niemals seine Geschichte erzählt hat. Keine Memoiren oder Briefe hinderten Banks daran, seine Erzählerfigur mit einem komplexen Innenleben auszustatten und Owen immer wieder verzweifeln zu lassen am unbedingten Anspruch seines Vaters. Im Bericht des Sohnes erscheint der Vater als puritanisch-gottesfürchtiger Mensch, den kaum einmal Zweifel plagen. John Browns radikale Ablehnung der Sklaverei entspringt direkt aus seinem Glauben an Gott und daran, dass dieser alle Menschen gleich geschaffen habe. Dass ausgerechnet in den USA, die dieses Gleichheitsgebot in der Verfassung stehen haben und für Brown als gelobtes Land gelten, ein grosser Teil der Bevölkerung brutal unterdrückt, ausgebeutet und umgebracht wird, ist für John Brown eine unerträgliche Sünde.
Gehört John Brown mit seinem unbedingten Glauben der Vormoderne und den puritanischen Gründungszeiten an, ist sein Sohn Owen eine äusserst moderne, von Zweifeln geplagte Figur. Er glaubt nicht an Gott, und ihm fehlt damit das moralische Fundament, um die Sklavenfrage mit letzter Gewissheit für sich zu beantworten. Owens Ringen um Eindeutigkeit und Aufrichtigkeit seinem Vater und seinem Kampf gegenüber bilden das Zentrum des Romans, denn Banks gelingt es, den Riss bis in seine Verästelungen hinein in den inneren Auseinandersetzungen eines Erzählers nachzuzeichnen. Gerade vor dem Hintergrund der oftmals abstossenden und brutalen Unbedingtheit des Vaters erscheinen Owens Zweifel und seine ambivalenten Gefühle Schwarzen gegenüber plausibel.
Owens Bericht, so viel Aufschluss er auch gibt über Ereignisse, die schliesslich zum Bürgerkrieg führten, so genaue Porträts er zeichnet von historischen Figuren und so episch er auch das Leben der Browns an den unwegsamen Rändern der amerikanischen Zivilisation nachzeichnet, ist doch vor allem eines: die manchmal unerträgliche genaue psychologische Biografie eines Vater-Sohn-Konflikts. An ihr offenbart sich die Misere einer Nation, die bis heute nicht das ihrer Verfassung eingeschriebene Glücksversprechen und Gleichheitsgebot eingelöst hat.
WOZ 31/00
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«John Brown, mein Vater»
Banks, Russell
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Luchterhand Verlag. München 2000
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859 Seiten. Fr. 55.20



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