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Silvia Bovenschen
Über-Empfindlichkeit.
Rezensiert von Andrea Roedig
Es sträuben sich die Haare, man schüttelt sich, ein Ziehen in der Magengrube, der Atem stockt - es ist weniger als Ekel und mehr als Gleichgültigkeit, ausgelöst durch Beliebiges, ein Wort wie «lecker» kann es sein, die Physiognomie eines Menschen oder eine bestimmte Art von Musik. «Idiosynkrasie» ist eine eigenartige Reaktion. Und ein eigenartiges Wort. Man könnte es mit «Abneigung» übersetzen oder mit «Widerwillen», man könnte es, nach Marcel Proust, umschreiben als «Spezialneigung oder -abneigung, die irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängt». Doch damit ist nicht viel gewonnen - Idiosynkrasie: Das neueste Buch der Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen mit dem Titel «Über-Empfindlichkeit» kreist nur um diesen einen Begriff.
«Eigene oder eigentümliche Mischung», wäre die korrekte Übersetzung des griechischen Wortes. Eine Mischung ist die Idiosynkrasie als Begriff, denn sie ist nicht zu definieren. «Vagabund» nennt Bovenschen sie, «Bastard» oder «Wechselbalg». Eine Mischung ist auch das Gefühl, das der Begriff beschreibt, denn die Idiosynkrasie ist zwar unabweisbar, aber keineswegs so eindeutig wie der Ekel, wie die Angst oder der Schmerz. Grundlos ist sie, nichts am Gegenstand rechtfertigt ihre Wirkung, sie ist hoffnungslos individuell, flüchtig und nicht zu beeinflussen. Auch die Phänomene, die idiosynkratische Reaktionen hervorrufen, scheinen Mischungen zu sein: Schlieren von Butter in der Marmelade, klebrige Zuckerkrümel am Kaffeelöffel oder, wers abstrakter will, Synthesen. «Idiosynkrasie sträubt sich, das Wort Synthese in den Mund zu nehmen», donnerte schon Adorno in seiner «Negativen Dialektik». Idiosynkrasie, so will uns scheinen, ist ein ambivalentes Gefühl, mit dem man auf Ambivalenz reagiert. Mit einem solchen Begriff lässt sich eine Menge anfangen, und Bovenschen hat viel mit ihm vor. Sie setzt ihn ein als eine Art ethischer Kategorie, wenn sie behauptet, «wer Idiosynkrasie aushält, der wird vor Vorurteilen einigermassen sicher sein». Ein Vorurteil, ein Ressentiment sei eine zur Regel erstarrte Idiosynkrasie. Die «Idiosynkrasie», schreibt Bovenschen, «steht an der Schwelle zu beidem: sie steht für den bis ins Körperliche verhärteten Dogmatismus und in ihren offenen, seismografischen Formen für eine beinahe körperliche Aversion gegen jedwede dogmatische Verfestigung.» So liesse sich dieses eigentlich intolerante Gefühl, richtig eingesetzt, als Widerstandspotenzial gegen Krieg, Rassismus und Intoleranz geltend machen.
In einem der schönsten Kapitel ihres Buches schliesslich schlägt Bovenschen den idioynkratischen Spleen zur Rettung des Exzentrischen vor. In einer Welt ohne feste Werte ist der Exzentriker alten Typs ortlos geworden. Ohne Zentrum kann auch er sich nicht mehr randständig platzieren. «Gespür für Nuancen», nennt Bovenschen eine flexible Haltung «punktueller Exzentrität», die überdies nichts mit dem Spiessertum der beständigen Andersartigkeit zu tun habe. «Die Hymne auf den Verrat als Tugend ist die hohle Umkehrvariante des Dogmatismus», schreibt sie, die idiosynkratische Treue zur Nuance dagegen bleibe jenseits der gängigen Aus- und Eingrenzungen, sie ist «permanenter Argwohn gegen die eigene Anfälligkeit».
Das alles ist erbaulich, doch wozu die begriffliche Anstrengung? Bovenschen will die flüchtige Aversion in ihrer Potenz aufwerten. Idiosynkrasie, so zeigt sie uns, ist als Affekt das, was uns die Postmoderne als Konzept schon immer nahe legt. Als permanente Variation lässt die Idiosynkrasie keine Eindeutigkeit und keine Dialektik zu, sie ist als Widerwille den kleinen Negationen ähnlich, dem Riss, der Abweichung, der Différence. Und in ihrer Selbstbezüglichkeit eignet sie sich fast zum neuen Reflexionsbegriff. Denn «Idiosynkrasie», so wird die Autorin nicht müde zu betonen, «reagiert idiosynkratisch auf sich selbst.» Das alles mag ein wenig konstruiert klingen, doch dass Bovenschen den postmodernen Geist mit einem sehr wenig postmodernen Gefühl belegt, dass sie ihn um eine - unzeitgemässe - Affektenlehre bereichtert, macht eine der Stärken ihres Buches aus. Idiosynkrasie ist alles andere als der Trend zum «positive thinking». Eine zweite Stärke ist die Fülle der Phänomene, die Bovenschen fassen kann. Da gibt es schöne Fundstücke, Betrachtungen über die Freundschaft, die Flucht, das Leiden und das Vergessen. Damit ist das Buch, wie soll es anders sein, selber idiosynkratisch. Eine Kompilation aus Verschiedenstem führt Bovenschen vor und gerät damit zuweilen hart an den Rand der Geschwätzigkeit. Was nämlich Kapitel über «Leid und Zahl» oder über die Schweiz und Heidi mit der Idiosynkrasie zu tun haben sollen, können wir nur verstehen, wenn wir alles für irgendwie idiosynkratisch halten und gutmütig über den Unterschied zwischen einer Aufsatzsammlung und einer Monografie hinwegsehen.
Und einer weiteren Gefahr geht Bovenschen in die Falle: Sie überdehnt ihren Begriff. Nicht nur, dass er für jeden Inhalt herhalten muss, er muss auch als Konzept alles tragen. Dass Idiosynkrasie, wie die Autorin feststellt, sich «mehr als jeder andere Begriff und in besonderem Masse der Eindeutigkeit» entziehe, grenzt an Mystifizierung. Das Wort ist bis zum Ende des Buches so sperrig und verquast wie zu Beginn. Begriffsklärung findet nicht statt und soll nicht stattfinden. Fast. Denn zum Schluss stellt Bovenschen dem «Wechselbalg» dann doch etwas entgegen, das ihn begrenzt und schärfer macht. Als das Andere der Idiosynkrasie gilt ihr der körperliche Schmerz. Er ist keine Mischung, sondern in grausamer Weise eindeutig. «Schmerz schafft eine Idiosynkrasie aufs Ganze, die zugleich das Ende aller Idiosynkrasien ist.» Das Kapitel über den Schmerz wühlt auf, und Bovenschen ziert sich nicht, selbst die Mystiker zu zitieren. Der Schmerz ist der Beweis gegen die Beliebigkeit der Idiosynkrasie, und Bovenschen vermag - auch das ist eine Stärke ihres Buches - das eigentlich fadenscheinige Gefühl nachdrücklich mit Tiefe und Leidenschaft zu belegen, mit einem Pathos des Minimalen. Der Schmerz überdies, heisst es, sei an der Grenze des Todes, die Idiosynkrasie dagegen «ein Phänomen der Immanenz». Solange wir diesen feinen Widerwillen spüren, wollen wir noch etwas vom Leben.
WOZ 40/00
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«Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie»
Bovenschen, Silvia
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Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2000
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265 Seiten. 37 Franken



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