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David Foster Wallace

Kleines Mädchen mit komischen Haaren

Rezensiert von Volker Hummel

Erinnert sich noch jemand an die Sendung «Riskant!» mit Hans-Jürgen Bäumler? Vor ein paar Jahren, als die Renaissance der Quizshow noch ein frommer Wunsch der Sendeanstalten war, versüsste das muntere Ratespiel den Vorabend einiger weniger Fernsehzuschauer. Wer zwischen Nachtessen und «Tagesschau» nichts Besseres zu tun hatte, erprobte sein Allgemeinwissen, indem er seltsamerweise nicht richtige Antworten, sondern dazugehörige Fragen formulieren musste. In Umkehrung der gewohnten Reihenfolge erblickten die drei StudiokandidatInnen in ihren Kabinen zuerst Sätze wie diesen: «Er schrieb den ‘Zauberberg’», um dann möglichst schnell zu fragen: «Wer war Thomas Mann?»

Solche Fakten gehören zu den wenigen Berührungspunkten zwischen zwei Medien, die immer noch als gegensätzliche gedacht werden. Fernsehen und Literatur stehen für die meisten Menschen an den entgegengesetzten Polen eines Spektrums, das von der niederen Kultur televisueller Berieselung bis zur erbaulichen Hochkultur des geschriebenen Wortes reicht. Auch die fortschreitende Kommerzialisierung des Buchmarkts und gelegentliche Fernsehexperimente haben nichts an der gegenseitigen Missachtung beider Medien geändert. Ein RTL-Mehrteiler, der versucht, für die formale Struktur von James Joyce’ «Ulysses» die adäquate Bildsprache zu finden? Ein literarisch anspruchsvolles Werk, dass sich mit «Riskant!» beschäftigt?

Täglich sechs Stunden TV

Wie die TV-Scouts, die auf der Suche nach neuen Sendeformaten sind, muss man dafür schon in die USA gehen. In seinem Erzählband «Kleines Mädchen mit komischen Haaren» versucht sich der amerikanische Autor David Foster Wallace in mehreren Variationen an einer literarischen Reflexion der Tatsache, dass wir in einer medial zugerichteten Welt leben. Wallace, der in Amerika längst als sprachgewaltiger Nachfolger postmoderner Klassiker wie Thomas Pynchon, William Gaddis und John Barth gilt, bezeichnet seine frühen Erzählungen (die Originalausgabe «Girl with Curious Hair» erschien 1989) als «Image-Fiction». Der 1962 geborene Wallace versteht sich als Teil einer Generation, die mit dem Fernsehen aufgewachen ist, in einer Gesellschaft, in der im Durchschnitt sechs Stunden täglich vor der Glotze gesessen wird, in einer kulturellen Atmosphäre, die in allen Aspekten televisuell geprägt ist. Eine so beschaffene Wirklichkeit muss sich seiner Meinung nach in der Literatur jüngerer Autoren niederschlagen.

Das Verständnis von David Foster Wallace als einem Schreiber von Image-Fiction prägte auch die Auswahl von Herausgeber Denis Scheck, der immerhin fünf Geschichten zum Opfer fielen, eine Auslassung, die Scheck in seinem Nachwort mit keinem Wort erwähnt. Wer also die gesamte, keineswegs leicht zu kategorisierende Bandbreite dieses vielseitigen Schriftstellers kennen lernen will, muss auf zukünftige Übersetzungen warten oder die Originale bemühen. Die fünf nun vorliegenden Geschichten, die von Marcus Ingendaay gewohnt sorgfältig übersetzt worden sind, zeigen in ihrer stilistischen Bandbreite und verbalen Kapriolen allerdings schon an, dass wir es mit einem Autor zu tun haben, «der ins Risiko und aufs Ganze geht», wie Scheck schreibt, «der den unendlichen John-Updike-Imitatoren und ihren Geschichten von Unglück und Herzeleid am Swimmingpool, von funktionsgestörten Familien und dem Vati-Mutti-Kasperltheater in Neuengland [...] eine Absage erteilt.»

Schon die erste Erzählung «Tiere sehen dich an» kann als wunderbares Beispiel dafür gelten, was es mit Image-Fiction auf sich hat. In ihr versucht sich Wallace an einer Rekonstruktion der Wirklichkeit hinter «Jeopardy!», einer der berühmtesten US-Shows aller Zeiten und Vorbild für «Riskant!». Der Leser begegnet darin allen jenen Figuren, mit denen er von der Mattscheibe her vertraut ist, auf eine neue Weise. Mit ihrer poetischen Sprache und der komplexen, zwischen den Zeitebenen hin- und herspringenden Struktur verfremdet die Erzählung die Wahrnehmung des Allzubekannten, an das normalerweise nicht ein Gedanke verschwendet wird. Die Geschichte der «Jeopardy!»-Kandidatin Julie Smith, die drei Jahre lang Ratekönigin der Show ist, bis sie aus taktischen Gründen gegen ihren eigenen Bruder verliert, präsentiert die Sendung nicht als fertiges, leicht konsumierbares Produkt, sondern als komplexen Prozess.

Wider die Ironie-Langeweile

Die Verfremdung eines allzu bekannten Objekts oder Vorgangs vermittels poetischer Sprache ist spätestens seit Viktor Sklovskijs «Theorie der Prosa» ein wichtiges Stilmittel moderner Literatur, doch in Wallace’ Image-Fiction kommt ihr eine zentrale Bedeutung zu. Für ihn ist die rezeptive Arbeit, die ein Leser in eine Lektüre investieren muss, die entscheidende Differenz zum rein passiven Konsumverhalten vor der Mattscheibe. In einem Interview erläuterte Wallace den Unterschied zwischen einer Geschichte wie «Tiere sehen dich an» und Fernsehen: «Im Gegensatz zu TV versucht die Story den Leser daran zu erinnern, dass er die Begebenheiten nicht direkt erfährt, dass der Prozess des Lesens eine Beziehung zwischen dem Bewusstsein des Autors und des Lesers herstellt, die, um zu einer vollständigen menschlichen Beziehung zu werden, seine aktive linguistische Mitarbeit erfordert.»

Mag Wallace’ theoretische Konzeption des Lesens auch leicht puritanisch anmuten, setzt sie doch die Früchte der Lektüre ernsthafter Literatur mit der jeweils in sie investierten Arbeit ins Verhältnis, in ihrer Umsetzung kann sie verdammt viel Spass machen. Ob er sich nun hinter die Kulissen der TV-Branche begibt, in der Manier von Bret Easton Ellis die haarsträubenden Erlebnisse eines unter die Punks geratenen Yuppies wiedergibt («Kleines Mädchen mit komischen Haaren») oder in der uramerikanischen Tradition der Tall Tales, der zwischen Grenzmythos und Bericht schwankenden Lagerfeuererzählungen der Cowboys, die Versuchung Christi durch den Teufel nach Oklahoma verlegt («John Billy»): Wallace’ Hauptaugenmerk gilt immer der Sprache. Sie ist die Leidenschaft dieses Autors, «der ein Oxford English Dictionary gefressen zu haben scheint und immer noch nicht satt ist» (Denis Scheck).

Die Wahrheit hinter dem Schirm

Was Wallace trotz aller Sprachleidenschaft und metafiktionaler Reflexion von den postmodernen Autoren unterscheidet, ist sein erklärter Wille, die Wirklichkeit hinter den medialen Konstrukten wieder sichtbar zu machen. In seinem Essay «E Unibus Pluram» wendet sich Wallace gegen postmoderne Stilmittel, allen voran die Ironie, die mittlerweile der Hauptpräsentationsmodus des Fernsehens sei und somit jedes innovative Potenzial eingebüsst habe. Das Lächerlichmachen von Autorität, eines der Hauptanliegen von Wallace’ literarischen Vorgängern, sei inzwischen das tägliche Brot des televisuellen Entertainments, diene aber nur noch zur Erhöhung der Einschaltquoten statt zur Hinterfragung der Verhältnisse. Eine These, zu deren Überprüfung man sich nur «TV Total» oder «Die Harald Schmidt Show» ansehen muss, bei denen sich die Leute mundgerechte Häppchen des Aufbegehrens abholen.

Ein schönes Beispiel für die absurden Effekte der alles erodierenden TV-Ironie ist die Erzählung «Mein Auftritt». Sie handelt von der zweitklassigen TV-Schauspielerin Edilyn, die eine Einladung zur «Late Night Show» von David Letterman erhält, dem Vorbild von Harald Schmidt. Die vorbereitenden Gespräche zwischen Edilyn, ihrem Mann Rudy und dem Fernsehproduzenten Ron kreisen um die Frage, wie der Blossstellung durch den gefürchteten Letterman zu entgehen ist. Die beiden Männer empfehlen die Vorwärtsverteidigung, Edilyn soll sich quasi selbst lächerlich machen und so Letterman zuvorkommen. Deutlich wird in allen Überlegungen, dass es keinesfalls um so etwas wie die Wahrheit gehen darf, um emotionale Spitzfindigkeiten, sondern um eine durchgehende Ironisierung der eigenen Person. Erst dann erscheint sie dem Zuschauer als authentisch.

Wie David Foster Wallace im Gespräch zwischen Letterman und Edilyn aber doch noch eine Epiphanie der Wahrheit aufblitzen lässt, das ist eines der Geheimnisse dieses grossen Autors. Vielleicht ist es einfach seine Erkenntnis, dass sich auch im anscheinend so banalen Medium Fernsehen alles um eines dreht: menschliche Sehnsüchte. Von «Spielarten der Liebe» handeln Denis Scheck zufolge alle Erzählungen, doch die Orte, an denen Wallace diese Spielarten aufsucht, sind literarisches Neuland. In Zeiten, in denen 15 Fragen, drei Joker, zwei Stühle und ein Glas Wasser reichen, um Millionen von Menschen vor dem flimmernden Kasten zu versammeln, kommt die Image-Fiction von David Foster Wallace zur rechten Zeit.


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«Kleines Mädchen mit komischen Haaren»

Wallace, David Foster

Kiepenheuer & Witsch. Köln 2001

256 Seiten. Fr. 35.10