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Nicholson Baker

Double Fold

Rezensiert von Lothar Baier

Platznot, Geldmangel, Ignoranz: In Bibliotheken und Kulturinstituten wütet ein bizarrer Hass auf bedrucktes Papier.

Bibliotheken gelten seit der Verbreitung schriftlicher Aufzeichnung als verehrungs- und schutzwürdige Bastionen geistiger Überlieferung. In der Antike erwarb sich, nach der Athener Bibliothek, die Bibliothek der griechischen Kolonie Alexandria einen ausgezeichneten Ruf als Zentrum hellenischer Gelehrsamkeit. Den wechselnden Machthabern Alexandrias war die im dritten vorchristlichen Jahrhundert gegründete, ihrer Handschriftensammlungen und Homer- und Hesiod-Ausgaben wegen von Schriftkundigen des Mittelmeerraums häufig aufgesuchte Bibliothek jedoch ein Dorn im Auge. Ein halbes Jahrhundert v. u. Z. entging sie nur knapp der Vernichtung durch ein vom römischen Eroberer Julius Caesar gelegtes Feuer. Erfolgreicher ging der Bücherhasser Ptolemäus VIII. im 3. Jahrhundert u. Z. zu Werke; was er bei seinem Zerstörungsakt verschont hatte, vernichteten ein Jahrhundert später vom lokalen Patriarchen Theophilos aufgehetzte brandstiftende Christen.

An den verheerenden Brand der Bibliothek von Alexandria wird gern erinnert, wenn die Vernichtung von Bibliotheken und Büchern als Fall äusserster Kulturbarbarei gebrandmarkt werden soll. Die Ausplünderung der alten Bibliothek im belgischen Loewen durch die Deutschen im Ersten Weltkrieg, die Bücherverbrennung der Nazis 1933, die Bombardierung von Magazinen der British Library durch die deutsche Luftwaffe 1940, die Zerstörung der Bibliothek von Sarajevo durch die bosnisch-serbische Armee 1993, sie alle stehen als abschreckende Beispiele vor Augen. Plündernde kaiserlich-deutsche Armeen und Bücher verbrennende Nazis gibt es zum Glück nicht mehr, und die bosnisch-serbischen Befehlshaber werden mit internationalem Haftbefehl gesucht. Freunde der Bücher und der Bibliotheken dürfen entsprechend aufatmen. Ist uns die Erhaltung der schriftlichen und gedruckten Überlieferung inzwischen nicht fast so heilig wie die Beachtung der Menschenrechte?

Vorsicht, warnt der US-amerikanische Schriftsteller und Bücherliebhaber Nicholson Baker. In den Hochburgen westlicher Zivilisation und Gelehrsamkeit, in den USA und in Grossbritannien, lautet die Diagnose des im Bundesstaat Maine lebenden Romanautors und Reporters, ist öffentlich unbemerkt ein schleichender Prozess der Vernichtung von Büchern, Magazinen und Zeitungen im Gang. Seine jüngst bei Random House unter dem Titel «Double Fold. Libraries and the Assault on Paper» («Doppelknick. Bibliotheken und der Angriff aufs Papier») erschienene Enquęte mündet in einen Alarmruf: Die Barbaren stehen nicht mehr vor den Türen der Bibliotheken, sie führen dort - in der Library of Congress, in der New Yorker Columbia University, in Harvard, sogar in der altehrwürdigen British Library - inzwischen selbst die Geschäfte.

Bücher-Guillotinen

Bakers Titel «Double Fold» bezieht sich auf einen simplen Test, mit dessen Hilfe in den genannten Bibliotheken ermittelt wird, ob ein Buch älteren Datums aufbewahrt oder ausrangiert werden soll: Zeigt das bedruckte Papier beim Hin- und Herfalten Ermüdungserscheinungen, wird es ohne Rücksicht auf den Inhalt aus dem Magazin genommen und entweder verramscht oder vernichtet. Gnädigerweise werden die Seiten der aussortierten Publikationen vor der Vernichtung vielleicht auf Mikrofilm aufgenommen oder in jüngster Zeit eingescannt. Wie auch immer die Qualität und Lesbarkeit der Reproduktionen dann ausfällt, Hauptsache ist, in den Regalen und Gebäuden wird Platz geschaffen und es fallen angesichts wachsender Buchproduktion keine Kosten für die Erweiterung der Bibliotheken oder die Anmietung zusätzlicher Räume an. Da Bücher oder gebundene Bände mit Zeitungen in jedem Fall zum Zweck des Verfilmens oder Scannens aus der Bindung gerissen werden - «guillotinieren» nennt der Autor den Vorgang -, entstehen so oder so nicht mehr benutzbare Bücherwracks. Da Kostenersparnis die oberste Devise der Bibliotheksverwaltungen ist, wird für das Neubinden der auseinander gerissenen Bände kein Geld mehr ausgegeben. Das Votum für die Mikroverfilmung, kann Nicholson Baker an vielen Beispielen zeigen, ist in aller Regel das Todesurteil über die bisher magazinierten Originalpublikationen.

Ein Skandal nur für Nostalgiker alter Bücher und Fetischisten der Aura vergilbten Papiers? Keineswegs, zeigt Bakers Untersuchung. Auch Liebhaber des blossen Informationsgehalts werden betrogen. Mikrofilme oder Mikrofichen reproduzieren ihre Vorlagen technisch unzureichend, lassen Illustrationen, was bei Zeitungen und Magazinen ins Gewicht fällt, bis zur Unerkennbarkeit versuppen. Am Lesegerät kann sich ein Zeitungshistoriker so kaum mehr ein Bild machen vom Aussehen und Layout einer illustrierten Ausgabe etwa der New Yorker Zeitung «World» aus dem Jahr 1912. Die das Verfilmen allmählich ablösende Digitalisierung gleicht die Mängel der Verfilmung nicht aus, sondern fügt der Reproduktion gedruckter Vorlagen neue Handicaps hinzu. Die fürs Scannen zur Verfügung stehende OCR-Software kann zwar in modernen Standardschriften gesetzte Texte einigermassen erkennen, versagt aber bei älteren Schrifttypen wie bei Fraktur und bei Zitaten aus anderen Sprachen. Philologischen Ansprüchen können auf diese Weise digital reproduzierte Texte vielfach nicht genügen. Um lesbar zu sein, müssten sie manuell nachgearbeitet werden, aber das würde eben das Geld kosten, das die Bibliotheksbuchhalter durch Ausrangieren der Originale einsparen wollen, wenn die zum Korrigieren unabdingbaren Originale dann nicht bereits beim Teufel sind. Also lässt man es bleiben und archiviert, modern digital, statt Texte Textfetzen.

Bücher rettender Raketentreibstoff

Wer ist für den ganzen Wahnsinn verantwortlich? Die Entwicklung neuer Techniken der Reproduktion allein ist es nicht, meint Nicholson Baker, der in seinem Buch keinerlei antitechnischen Affekt bedient. Seine Kritik gilt den die Technik verwaltenden Gruppen und Individuen. Bei seinen Recherchen ist er einer im Hintergrund agierenden Lobby von Fanatikern der Mikroverfilmung auf die Spur gekommen, der es im Lauf der Zeit gelang, die Verantwortlichen der grossen amerikanischen Bibliotheken von den Wohltaten der Mikroreproduktion von Druckwerken zu überzeugen und bei der US-Regierung Millionensubventionen für die entsprechenden Programme lockerzumachen. Parallel dazu setzte sie eine regelrechte Angstkampagne in Gang: Wenn jetzt nicht gehandelt wird, lautet die Botschaft des von der Mikrofilmlobby in Auftrag gegebenen und anschliessend weltweit verbreiteten Fernsehfilms «Slow Fire», werden Millionen älterer Bücher binnen kurzem «turn to dust» - «zu Staub zerfallen» -, und der Menschheit wird unersetzbares Wissen verloren gehen. Vorausgegangen war die Entdeckung, dass das seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend aus Holzzellulose und nicht mehr aus Textilfasern (einschliesslich jener, die der Stoffumhüllung schiffsladungsweise aus Ägypten bezogener Mumien entstammten) hergestellte Papier einen Säuregehalt aufwies, der zu der Befürchtung Anlass gab, die den fraglichen Jahrgängen entstammenden Bücher würden von innen zerfressen.

Subventionierte Vernichtung

Der Bücher- und Zeitungsfreund und auch Kenner der Papierchemie Baker leugnet zwar nicht, dass säurehaltiges Papier eine Gefahr für die Langlebigkeit von Büchern darstellen kann, stuft das Risiko aufgrund seiner Recherchen und eigener Erfahrungen aber bedeutend herunter. In seinem Besitz befindliche ältere Bücher, deren Papier einen verdächtig niedrigen, damit hohen Säuregehalt anzeigenden pH-Wert aufweist und entsprechend den alarmierenden Prognosen der Mikrofilmlobby bereits «zu Staub zerfallen» sein müsste, sind nach seinen Angaben immer noch in gutem, auch in Zukunft benutzbarem Zustand. Mit spürbarer Lust am Sarkasmus berichtet Baker von einem bei der NASA angestellten Versuch der Entsäuerung von Büchern mithilfe des Raketentreibstoffs Zink-Diäthyl, der kläglich in der Explosion des mit Büchern angefüllten Labors endete. «Leave the books alone, I say, leave them alone, leave them alone», lautet Nicholson Bakers nachvollziehbarer Aufschrei angesichts solch katastrophal verlaufener Unternehmungen zur angeblichen Rettung der Bücher.

Unter den von Baker namhaft gemachten Vorreitern der unter der Devise «Büchererhaltung» ins Werk gesetzten und staatlich subventionierten Druckwerkvernichtung findet sich pikanterweise die Chefbibliothekarin der Columbia University, Patricia Battin, der Bill Clinton 1999 für ihre Verdienste um die Verbreitung der Büchertodhysterie die «National Medal for the Humanities» verlieh. Unter der Ägide der Ausgezeichneten wurden bei Columbia massenweise Bücher und Zeitungssammlungen ausrangiert, nachdem sie zum Zweck der Mikroverfilmung «guillotiniert» worden waren, obgleich bereits eine Technik zur Verfügung stand, die es erlaubte, die Bände beim Verfilmen intakt zu lassen. «Der Drang, die Druckwerke aus dem Leim zu reissen», folgert Baker, «war unabhängig von dem, was technologisch möglich war.» Ein heftiger Widersacher der Chefbibliothekarin Battin, der Melville-Herausgeber und Columbia-Professor für Bibliografie Thomas Tanselle, schrieb 1993 unter der Überschrift «The Latest Forms of Book-Burning» («Die jüngsten Formen von Bücherverbrennung): «In Zukunft wird unsere Zeit als ein Zeitalter der Büchervernichtung betrachtet werden.»

Das Fieber des Bücher-Guillotinierens hat, berichtet Baker am Schluss seiner Recherchen, inzwischen den Atlantik überquert und in der British Library erste Verheerungen angerichtet. Bei dem einer Zeitungsmacherfamilie entstammenden Autor schrillten im Sommer 1999 die Alarmglocken, als er Wind davon bekam, dass Britanniens ehrwürdigste Bibliothek ihre einmalige, vom 19. Jahrhundert an aufgebaute Sammlung ausländischer Zeitungen zum Zweck der Platzgewinnung zu verhökern sich anschickte. Nachdem Appelle an die Bibliotheksleitung nichts nutzten, kratzte der freie Autor Baker alle im Familienkreis verfügbaren Dollars zusammen und kaufte dem amerikanischen Aufkäufer die Sammlungen «The New York Times» 1915-1958, viele Jahrgänge der «Chicago Tribune» und Joseph Pulitzers «World» ab. Bakers Hoffnung ist, dass irgendeine noch nicht vom Papiervernichtungsfuror erfasste Forschungsbibliothek sich eines Tages der in mehreren Schiffscontainern angelieferten und bei ihm in Maine lagernden Zeitungsbände annimmt.

Goethe-Bücher auf den Müll

Bibliotheken sind etwas sehr Schönes, nur eines stört darin: die Bücher - nach dieser in den USA bereits folgenreich umgesetzten Devise verfährt nun auch, in entsprechend verkleinertem Massstab, Amerikas gelehrigster Schüler, die Bundesrepublik Deutschland. Ihr Kulturinstitut, das sich mit dem Namen Goethe schmückt, wurde von der rot-grünen Regierung verdonnert, Kosten einzusparen. Ganze Institute zu schliessen, wie die in Neapel, Marseille, Vancouver, Reykjavik usw., reichte noch nicht, also verfiel man in der Münchner Goethe-Zentrale auf die Idee, weniger auffällig die Bibliotheken der Auslandsinstitute zuzumachen. So wurde die Bibliothek des Goethe-Instituts in San Francisco inzwischen abgeschafft, und es wurden, zur Freude der rot-grünen Buchhalter, die dort frei gewordenen Räume weitervermietet. Im August dieses Jahres erwischte es die Bibliothek des Instituts im kanadischen Montréal.

Die Münchner Goethe-Bürokraten schreckten nicht einmal vor dem Zynismus zurück, die kurz vor der Pensionierung stehende Bibliotheksleiterin Elisabeth Morf, die die Bibliothek seit 1966 aufgebaut und geleitet und sich daneben als Übersetzerin einen Namen gemacht hat (dank ihr gibt es eine französische Neuübersetzung von Lessings «Nathan»), ihre Regale eigenhändig ausräumen und Bücherkisten packen zu lassen. Die Bücher wurden dann den örtlichen Universitäten angeboten - was dort nicht gebraucht wurde, wanderte auf den Müll.

Sich an Inhalten stossen, wie es die Bücher verbrennenden Nazis taten, die Jüdisches, Marxistisches, Demokratisches vernichten wollten, ist für die zeitgenössischen Bücherliquidierer ein längst überwundener Atavismus. Inhalte sind ihnen gleichgültig. Das Papier muss weg, säurehaltig oder nicht, egal womit bedruckt, das ist alles. Amerikanische Bibliotheken und deutsche Goethe-Institute kennen elegantere Methoden als das Anzünden von Büchereien. Es genügt, eine Meute sparsüchtiger Analcharaktere von der Leine zu lassen, die dann Störendes wie Bücher zufrieden knurrend wegbeissen.


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«Double Fold. Libraries and the Assault on Paper»

Baker, Nicholson

Random House, New York 2001

370 Seiten. $ 25.95