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Neuübersetzungen von Jean-Patrick Manchettes Romanen

Krimis für die Revolution

Rezensiert von Hans Schill

«Ein guter Roman noir ist ein gesellschaftskritischer Roman»: Jean-Patrick Manchette verbindet Engagement mit Unterhaltung.

Was kann der Kriminalroman im Jahr 2001 noch leisten? Seit dem Boom in den achtziger und frühen neunziger Jahren ist das Angebot unüberblickbar, unglaublich diversifiziert - und grösstenteils langweilig. Für jedeN ist etwas dabei: Sozialdemokratinnen finden, was sie unter Italianità verstehen, bei Donna Leon, Englandreisende bedienen sich bei Martha Grimes oder Ruth Rendell, Köche bei Manuel Vázquez Montalbán. Bevor der Kriminalroman aber zur Lieblingsliteraturform eines halbgebildeten Mittelstandes avancierte, galt er einmal als trivial, roh, vulgär. Antiliteratur. Und genau dies machte ihn für AutorInnen interessant, die in der Nachfolge von 1968 versuchten, das Publikum mit gleichzeitig realistischen, sozialkritischen und unterhaltenden Texten zu erreichen und zu politisieren.

Der Franzose Jean-Patrick Manchette war einer von ihnen, ein emphatischer Streiter, überzeugt von der Relevanz politisch engagierten Schreibens. 1942 in Marseille geboren, bewegt er sich in den sechziger Jahren in linksradikalen Kreisen unterschiedlich marxistischer Couleur, ist nahe an der Militanz, schreibt für die Zeitung «La Voie communiste». Anfang der siebziger Jahre beginnt Manchette, nachdem er das Scheitern der Revolution zur Kenntnis nehmen muss, Krimis zu schreiben. Der kleine Distel-Literatur-Verlag aus Heilbronn veröffentlicht nun seit einem Jahr in schöner Regelmässigkeit und sehr sorgfältig übersetzt die Romane von Manchette neu auf Deutsch. Manchettes Bücher entstehen in einem Klima der verlorenen Utopie: Manchette formuliert seinen Hass auf das kapitalistische Bürgertum in seinen Krimis zwar in brutaler Unversöhnlichkeit - einen Ausweg, eine Perspektive aufzuzeigen, ist ihm aber nicht länger möglich. Oft sind seine ProtagonistInnen selbst die MörderInnen, fast immer sind sie zum Scheitern verurteilt.

So etwa die Killerin in «Fatal» aus dem Jahr 1977: Aimée Joubert zieht in der französischen Provinz von Ort zu Ort, bleibt jeweils, bis sich ihr die Verlogenheiten und kleinen Verbrechen des Bürgertums erschliessen, und bietet schliesslich als Ausweg den Mord gegen Bezahlung an: «Man findet schliesslich immer was. Es gibt immer irgendeinen oder irgendeine, die ein anderes dummes Arschloch umbringen möchten. Zuletzt bietet man seine Dienste an ...» Obwohl die Killerin ausschliesslich Männer tötet, und nur solche, die der herrschenden Klasse angehören, ist sie völlig illusionslos, sie kämpft aus einer dunklen Wut heraus und vor allem für ihren eigenen pekuniären Vorteil, keineswegs für die Revolution. Am Ende ist sie tot.

Hinter den Linien des Feindes

Nichts ist Manchette mehr zuwider als literarischer Dünkel. Er bezeichnet seine Romane als «bouquins», also als «Schmöker». Sein Anliegen ist es, die tatsächliche Monstrosität der Welt abzubilden, und dies in einem radikal reduzierten, hyperrealistischen Erzählton, der den klassischen Romanen der hard-boiled-Tradition eines Raymond Chandler oder Dashiell Hammett verpflichtet ist. Diese kalte, objektivistische Erzählperspektive, die Manchette selbst als «behavioristisch» bezeichnet, scheint ihm die überhaupt letztmögliche: Kunst ist für Manchette längst tot, die Welt sieht er am ausweglosen Abgrund. In schneller Folge schreibt Manchette von 1971 bis 1981 zehn Romane, kalte, gewalttätige, grausame Bücher, die eine ebenso grausame Welt zu beschreiben versuchen, «eine Welt, in der die Schweine und die Konterrevolution an der Macht sind», wie Manchette in einem Interview 1982 sagt. Alle seine Bücher sind sofort ungemein erfolgreich, zahlreiche Verfilmungen (unter anderem von Godard und Delon) folgen, Manchette gilt als unangefochtener Star des neuen französischen Krimis.

Dann, 1981, hört er plötzlich auf zu schreiben. In seinem letzten Roman «La Position du Tireur couché» hat er die Reduktion der Mittel bis zum Äussersten getrieben. Manchette steckt in einem Dilemma: So brutal und grausam seine Romane auch sind, der gesellschaftlichen Anerkennung, und das heisst für ihn Vereinnahmung, entkommt er nicht. «Als ich sah, dass ich nicht mehr fähig war, mit dem Roman noir hinter den Linien des Feindes zu operieren, habe ich es aufgegeben», sagt Manchette 1993 rückblickend. Er fällt in jahrelanges Schweigen und sein Ruhm wächst in Frankreich kontinuierlich. 1989 beginnt er dennoch wieder zu schreiben.

Der soeben auf Deutsch erschienene Roman «Blutprinzessin» soll den ersten Teil einer geplanten Serie mit dem Titel «Les Gens des Mauvais Temps» bilden. Manchette will darin nichts weniger als die Geschichte der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre erzählen. Erstmals siedelt er dafür die Handlung nicht in Frankreich an und bezieht Ereignisse der Weltgeschichte mit ein: Algerienkrieg, Revolution in Kuba, Chruschtschows Bericht über die Verbrechen Stalins. Manchette kann das Projekt aber nicht zu Ende führen. Er erkrankt an Krebs und stirbt 1995. - Was bleibt von Manchette? Heute vermag uns die tapfere Idee, den Krimi als kommunistisches Kampfmittel zu betrachten, wohl nur noch ein mildes Lächeln zu entlocken. Schlagen wir aber ein Buch von Manchette auf, tritt das Anliegen des Autors eher in den Hintergrund: Die Texte sind schlicht bestechend, von einer Wut, Schnelligkeit und Präzision, die deutlich macht, dass heute kaum jemand auszumachen ist, der den Kriminalroman mit solcher Leidenschaft pflegt.


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Manchette, Jean-Patrick