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Samuel Mumenthaler

BeatPopProtest - Der Sound der Schweizer Sixties

Rezensiert von Raphael Zehnder

«BeatPopProtest», den Titel seines Buches über den Schweizer Pop der sechziger Jahre, hat der Berner Jurist und Journalist Samuel Mumenthaler einem Flugblatt entliehen, das zu einer Demonstration am 29. Juni 1968 beim Globus-Provisorium bei der Zürcher Bahnhofbrücke aufrief. Verkürzt gesehen ist somit der «Globus-Krawall» eine Reaktion der Jugend auf das gesellschaftliche Unverständnis und auf die Brutalität der Zürcher Polizei im Anschluss ans zweite Konzert von Jimi Hendrix im Hallenstadion von Anfang Juni. «Sadisten in Uniform», nannte die Basler «National-Zeitung» die Ordnungshüter. Die Popmusik hatte, so Mumenthaler, definitiv «ihre Unschuld verloren».

«Haar abhaue!»

Vorausgegangen war ein bewegtes Jahrzehnt. Als in den Sechzigern Geborener kennt man ja fast nur die Sauterelles und Krokodil, deren drei erste Alben unlängst als CDs wieder aufgelegt worden sind (siehe WoZ Nr. 40). Was, wer, wann, wo und wie es da aber genau war, erzählt dieses Buch. Es erzählt vom späteren Wundergitarristen Walty Anselmo (Hellfire, Hepp/Anselmo, Krokodil), der 1958 als 12-Jähriger beim Beizenbesuch in Thalwil die Kühnheit besass, auf der Musicbox «Buona Sera» von Louis Prima zu drücken. «Negermusik», schimpfte ein Gast, worauf die Kellnerin den Stecker herauszog. Es erzählt vom Existenzialistenjazz in den Altstadtkellern der Fünfziger, von den «muskelunruhigen Lederjackenträgern» («Der Spiegel»), den Halbstarken der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, von Szene-Treffs wie dem Zürcher Espresso-Café Schwarzer Ring und Beatlokalen wie dem ebenfalls alkoholfreien «Pony» an der Rämistrasse. Es schildert die Abenteuer von Toni und Ruth Vescoli und ihrem Manager Hans-Ruedi Jaggi und dessen Frau Marlies, bei deren Erscheinen im Festzelt in Oberengstringen schlagartig Totenstille einkehrte, bald unterbrochen vom vielstimmigen Ruf «Haar abhaue!». Als zu diesem Zweck die ersten Dorfbewohner das Taschenmesser zückten, floh man in Jaggis Jaguar E stadtwärts.

Das Buch erzählt von den Sauterelles, die mittellos an einem Strassenrand in Süditalien zurückblieben und lediglich erfolgreich gegen Norden Autostopp machten, weil Toni Vescoli als Blondine verkleidet den Daumen in die Luft streckte. Es erzählt von der einzigen Schweizer Girlgroup jener Jahre (The Ladys), von geplatzten Profiträumen, mörderischen Tourneen, konkursiten Veranstaltern, von Bentleys und dem langen Weg der ersten Fender Stratocaster in die Schweiz. Es war die von Walty Anselmo. «Das Geld für die elektrischen Gitarren oder das Mini-Schlagzeug» mussten sich die finanziell darbenden Lehrlinge vom Mund absparen, die schnittigen Sonnenbrillen vor den Eltern und ihr Doppelleben vor dem Lehrmeister verstecken: Es gab das brave Leben unter der Woche und das wilde am Wochenende auf Jahrmärkten und an Volksfesten. Die Gruppe von Gleichgesinnten wurde zur Wahlfamilie, der Enthusiasmus für den neuen Sound aus Übersee war der Katalysator zur Identitätsfindung.

«Die Musik und die Mode der Schweizer Sixties waren eine Kopie, besser: ein Nachempfinden von dem, was mit Urgewalt und von allen Seiten her über unser kleines Land hereinbrach», schreibt Mumenthaler. Die hiesige Popkultur begann mit Coverversionen internationaler Hits und liess erst nach der Mitte des Jahrzehnts Raum für Eigenkompositionen. Die zahlreichen Beat- und Rhythm ’n’ Blues-Bands konkurrenzierten sich, wurden bisweilen gar gemein, indem sie sich gegenseitig Bandmitglieder abwarben. Lokal hätten sie gehandelt, doch global seien sie inspiriert gewesen, musikalische Eigenständigkeit «wäre tödlich gewesen» bis zum Ende des Beat in der Schweiz, der ab 1966 allmählich ausgebootet wurde, einerseits von Tanzduos, anderseits von psychedelischen Sounds.

«Sali mitenand»

Die Sixties waren kein homogener Block, sie waren lebhaft und noch stärker von einander widersprechenden Strömungen bestimmt als die Gegenwart. Mumenthaler skizziert die Abfolge der sich ablösenden Stile und Strömungen: US-amerikanische (New Orleans Jazz, Dixieland), italienische («Italorock») und französische («yé-yé», Chanson) Einflüsse wurden sukzessive von US-amerikanischen (Rock ’n’ Roll), britischen (Rhythm ’n’ Blues, Beat, Soul) und wiederum US-amerikanischen (Rhythm ’n’ Blues, Blues, Folk, Psychedelik) übertrumpft. Mumenthaler beschreibt die Schweizer Sixties flächendeckend: die Westschweiz, das Tessin, die Deutschschweiz. Er behandelt Entwicklungen, Gruppen, Szenelokale, die Mediensituation: Für Radio Beromünster war die Jugendmusik bis Mitte des Jahrzehnts kein Thema, für die meisten Zeitungen höchstens zur Illustration des neuen Phänomens «Teenager-Ekstase», als etwa im April 1962 Johnny Halliday in Biel auftrat, oder im Zusammenhang mit der sich ab Ende 1963 abzeichnenden «Beatlemania». Radio Beromünster gab der neuen Musik erst 1965 ein Gefäss, in der Sendung mit dem vom französischen Vorbild abgeguckten Titel «Salut les copains», bald in «Sali mitenand» umgetauft, die bis 1974 jede Woche ausgestrahlt wurde. Das Schweizer Fernsehen unternahm Ende 1965 einen Versuch mit «Hits à gogo», ab 1968 gab es eine Radiohitparade, zuerst mit Christoph Schwegler, dann mit «Mister Pop» Jürg Marquardt, der im November 1965 in einer Auflage von 2000 Exemplaren die erste Ausgabe der Zeitschrift «Pop» herausgegeben hatte.

Mumenthaler übergeht auch die Anlässe nicht, die internationale Grössen ins Land brachten: Die Yardbirds mit Eric Clapton spielten 1964 in der Spielwarenabteilung eines Warenhauses in Locarno; das erste grosse Popkonzert in der Schweiz fand am 14. August 1965 im Hallenstadion mit Cliff Richard und den Shadows statt und wurde zum Flop; die Rolling Stones 1967 in Zürich und - siehe oben - Jimi Hendrix’ Auftritte in Oerlikon.

Mehr als vier Jahre hat Samuel Mumenthaler recherchiert. Damals reiste die Ausstellung «A Walk on the Wild Side» durch die Schweiz. Sie beleuchtete Jugendkulturen in der Schweiz seit den dreissiger Jahren. Er hat eine Unmenge von Material zusammengetragen und in eine gut lesbare Form gebracht. Er stilisiert die Schweizer Sechziger nicht zu einem Mythos empor, er gräbt aus und stellt fest. Manchmal hätte er durchaus ein bisschen mehr Kommentator als nur Chronist sein dürfen. Ausser einer üppigen Bebilderung und der Dokumentation von 50 Bandbiografien liefert er mit dem Buch auch eine CD mit seltenen und unveröffentlichten Titeln der Dynamites aus Basel, der Jetmen mit Polo Hofer am Schlagzeug, von Hellfire, von den Sauterelles und anderen. Ein besonderes Zeitdokument ist auch die viertelstündige «Schlachtbeschreibung» von Radio Beromünster anlässlich des Rolling-Stones-Konzerts in Zürich im April 1967.

«Alles über die Schweizer Sechziger steht in diesem Buch», schreibt im Vorwort Beat Hirt, der erste Schweizer Popjournalist. «Nie in der ganzen Musikgeschichte geschah in so kurzer Zeit so viel wie zwischen 1965 und 1968», stellt Mumenthaler fest. Sein tolles Buch beweist, dass er damit Recht hat.


TopTop

«BeatPopProtest. Der Sound der Schweizer Sixties»

Mumenthaler, Samuel

Editions Plus. Lausanne 2001

287 Seiten. 300 Fotos. 50 Bandbiografien. CD mit dem Sound der Schweizer Sixties. 89 Franken