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Ahmadou Kourouma

Die Nächte des grossen Jägers

Rezensiert von Raphael Zehnder

Ein Held, Koyaga, verwandelt sich in den flüssigen Zustand, um den Buschbrand zu löschen, den der Monsterbüffel gegen ihn entfacht hat. Der zukünftige Präsident eines unabhängig werdenden afrikanischen Staates wird unsichtbar, um der Kolonialpolizei zu entgehen. Die Nein-Wahlzettel des Unabhängigkeitsreferendums mutieren mittels Geheimwissen zu Ja-Zetteln. Es ist eine wundersame Welt, die der 1927 in der Elfenbeinküste geborene Ahmadou Kourouma seinen LeserInnen vorstellt. «Die Nächte des grossen Jägers», Kouroumas dritter Roman, ist ein hervorragendes, ein packendes Buch, das sofort Furore machte, als das Original in französischer Sprache erschien (Editions du Seuil, Paris 1999). Kourouma knüpft an die mündliche Erzähltradition an, er lässt im Wechselspiel einen Griot und Musiker sowie einen Antworter in der Rolle des Hofnarren während sechs Nächten das Leben des nicht ganz fiktiven Präsidenten und Diktators Koyaga besingen. Ein klassischer Stoff, der alle Elemente eines Epos enthält: Herkunft und wundersame Geburt des Helden, seine Jugend, seine Taten, nur sein Ende fehlt, doch dieses zeichnet sich ab. Doch schon bald schwenken der Griot und sein Antworter vom Herrscherlob auf die Schandtaten Koyagas - Mord, Raub, Vergewaltigung -, auf sein Ränkespiel und seine knallhart kalkulierte Machtpolitik. Feine Ironie durchzieht den Roman, etwa als Koyaga wiederholt mit Ramses II, Alexander dem Grossen und Sundiata Keita verglichen wird. Beissend ist Kouroumas Spott, wenn er zum Beispiel von der Hand voll Diktatoren erzählt, die sich auf Staatskosten im Luxusjet gegenseitig besuchen und sich dabei ständig Sorgen machen, ob ihnen die Herrschaft bei der Heimkehr noch gehören wird.

Kouroumas zwei Erzähler lehren, wie Diktaturen funktionieren, in Afrika und anderswo: Mit dem Spinnen von Beziehungsnetzen, mit Rücksichtslosigkeit und Brutalität, Terror und Einschüchterung gegenüber tatsächlichen, vermeintlichen und potenziellen Feinden, mit Privilegien für eine kleine Schicht von Günstlingen, die in der Gewissheit leben, dass die Schreckensherrschaft jederzeit auch sie treffen kann. Sprachlich erweist sich Kourouma als höchst innovativ: Sein Französisch ist durchwoben von Strukturen seiner Muttersprache Malinke. Dass der gelernte Versicherungsmathematiker Ahmadou Kourouma, Autor eines ebenso schmalen wie substanziellen Werks, wegen seiner spitzen Feder zwei Jahrzehnte in Kamerun und in Togo im Exil leben musste, spricht eine deutliche Sprache: Seine Texte trafen (und treffen) den wunden Punkt. «Die Nächte des grossen Jägers» ist ein auch literarisch grossartiges Plädoyer für die Demokratie.


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«Die Nächte des grossen Jägers»

Kourouma, Ahmadou.

Unionsverlag. Zürich 2002

380 Seiten. 21 Franken