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Hans Boesch
Schweben
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Mit seinem neuen Roman «Schweben» zeigt der 77-jährige Hans Boesch einmal mehr, dass er farbig, wuchtig und fein erzählen kann wie kaum ein anderer. Nur wird das viel zu wenig wahrgenommen.
Katrin tastet über seinen ganzen Körper. Sie fährt mit der Hand über die Füsse, greift hinters Knie, ertastet mit der rechten Hand die Hüfte, die Brust, die Rippen. Sie steht auf den Zehenspitzen, kann kaum das Gleichgewicht halten. «Sie hat zu wenig Hände, Arme, denkt sie, um sich festzuhalten. Und doch ist da eine zittrige Hand, die über die Brustwarze weitertastet, die über der Brustwarze aus Stein das Schlüsselbein ertastet, die erst dem Schlüsselbein seitwärts folgt und dann unter der Schulterkuppe die kleine, trockene Höhle findet. Mit dem Mittelfinger, den sie sich trocken gehalten hat, während sie den Leib absuchte von unten nach oben, mit dem rechten Mittelfinger prüft sie nach, Katrin. Und tatsächlich: Die Achselhöhle ist trocken.»
Hans Boesch lässt in seinem neuen Roman «Schweben» die Hebamme Katrin um den Beginn des 20. Jahrhunderts im Dunkeln und im dichten Schneetreiben irgendwo im Riet des St. Galler Rheintals an einer Wegkreuzung stehen und das grosse Kruzifix neben dem Strassengraben absuchen. Sie hat ein Neugeborenes bei sich, das draussen in einem Schopf oder Verschlag zur Welt gekommen ist. Unzählige dieser Kinder hat Katrin mit ihren siebzig Jahren schon aus dem Riet geholt: Kinder von bettelarmen Mädchen aus dem Vorarlberg und dem Bündnerland, Mädchen, die für wenig arbeiten und sich den Besitzern und Werkmeistern der Spinnereien nicht zu widersetzen wagen. Katrin sucht eine trockene Stelle, um ihr Schwefelholz anreissen und den Kerzenstummel ihrer Laterne anzünden zu können. Franz, der Gutmütige, manchmal Tobsüchtige, soll sie im Finstern sehen und mit dem Fuhrwerk nach Hause fahren. Ihren Kerzenstummel hat Katrin aufgespart. Sie ist durch die Dunkelheit gestolpert mit dem Kind unter der Pelerine, ist fast in den Graben gefallen, aber den Wachsstummel hat sie behalten - genau so, wie die klugen Jungfrauen im biblischen Gleichnis bei Matthäus: Anders als die törichten, die kein Öl mehr in ihren Lampen hatten, konnten die klugen Jungfrauen dem Bräutigam mit ihrem Licht entgegengehen. Kein Zufall also, dass Katrin ausgerechnet an einem Kruzifix eine trockene Stelle findet, um ihr Streichholz anzuzünden. Kein Zufall auch, dass es die linke Achselhöhle des Gekreuzigten ist, die linke Seite, die Herzseite, zu der beim Jüngsten Gericht die Auserwählten sitzen werden.
Ingenieur seiner Texte
Hans Boesch ist ein Autor, der seine Stoffe genauestens plant, der oft komplexe und detaillierte Konzepte entwirft, Tabellen und Pläne zeichnet, bevor er zu schreiben beginnt. Trotzdem wirken seine Texte ganz und gar nicht durchkalkuliert, sondern sinnlich, lebendig und farbig. Das Spiel von «Raster und Ranke» nennt es Boesch, das Spiel von exakter Planung und wucherndem Erzählen, das sein Schreiben prägt. In seinem Essayband «Die sinnliche Stadt» hält Boesch unter dem Titel «Raster und Ranke. Notizen zu Form und Rausch» fest: «Der Rausch: Ich fürchte ihn. Seit meiner Kindheit. Und drohe ihm doch immer wieder zu verfallen. So suchte ich nach Mitteln, um ihm widerstehen zu können, um Halt zu finden, in ihm, unter ihm. Eines dieser Mittel ist die Form. Ich finde sie durch das Segmentieren, auch mit Hilfe der Symmetrie, der Geometrie.»
Kontrolle: Nichts scheine ihm erbärmlicher, als die Kontrolle zu verlieren, führt Boesch - von Beruf auch Ingenieur und Umweltplaner - weiter unten an, fährt aber fort: «Und trotzdem liebe ich den Rausch. Ich brauche ihn, unbedingt. Ohne das Rauschhafte, ohne eine dionysische Aufwallung - sie kann gering und unterschwellig bleiben, sie kann zur Orgie werden - erscheint mir ein Werk verloren; es bleibt (mir) matt, leblos.»
Der Rausch, genauer das Berauschen an den Wörtern, brachte Boesch zum Schreiben. Er füllte Notizbücher mit Wortschwällen, schrieb freie Verse. Doch schon 1946, als Boesch im Alter von 20 Jahren mit damals noch lebensgefährlicher Tuberkulose im Sanatorium Walenstadtberg lag, suchte er Mittel gegen diesen Rausch: «Die Frage war: Was vermag dem Rausch - im Schreiben, in der Literatur - zu widerstehen? Was bannt die Flut, wer bietet dem Überwältigt- und Mitgerissenwerden Halt?» Sein Dichten disziplinierte er mit der Form des Sonetts, mit Rhythmisierungen und Reimen. Mit «Der junge Os» (1956) löste sich Boesch von der Lyrik und wandte sich fast ausschliesslich der Prosa zu. Hielt Boesch in seinem Prosaerstling das Rauschhafte des Schreibens mit kurzen Sätzen und Motivwiederholungen im Zaum, so erprobte er mit seinen folgenden Romanen «Das Gerüst» (1960), «Die Fliegenfalle» (1968) und «Der Kiosk» (1978) den Raster als Ordnungsmuster.
In dieser Trilogie über einen Ingenieur zeigt sich der Raster ambivalent: «Er stemmt sich zwar gegen den Rausch, gegen das Ungeformt-Schäumende, das uns zu überwältigen droht; aber gerade weil er gegen das Rauschhaft-Dionysische ist, muss er auch gegen das Lebendige, Sinnenhafte, gegen das Gefühl sein, gegen Natur, Poesie und Liebe, also gegen uns.» Diese Erkenntnis schlug sich in den drei Romanen in zunehmender Technologieskepsis nieder. Vehement und mit einer grotesk übersteigerten Technologieutopie forderte er im letzten Band der Trilogie das Lebendige, das «Vital-Wachsende», «Vegetativ-Sinnliche» ein.
Der sture Raster, das war Boesch sowohl als Autor wie auch als Stadt- und Verkehrsplaner mittlerweile klar geworden, führte im Kampf gegen das Rauschhafte und Wuchernde allein nicht weiter: «Für mich heisst das: Weder die Dynamik des Wildwuchernden noch das Statisch-Sture der Reglementierung darf einseitig überhand nehmen, vielmehr ist ein Ausgleich anzustreben.» Für sein Schreiben bedeutet dies, dass er sich nach der minuziösen Planung an einem bestimmten Punkt von seinen Konzepten löst, damit die Figuren lebendig werden und ihren eigenen Platz bekommen.
Die Hebamme Katrin erhält in «Schweben» reichlich Platz. Sie ist die zentrale Figur in dieser Binnenerzählung, dem wuchtigsten, vielleicht wütendsten Teil von Boeschs neuem Roman. Mit ihr schaut Boeschs Hauptfigur Simon Mittler zurück an den Anfang des Jahrhunderts, geht hinter den Anfang der grossen Jahrhunderttrilogie zurück.
Fehlende Selbstinszenierung?
Mit «Der Sog» hatte Boesch seine zweite Trilogie 1988 begonnen. Der Roman über die Kindheit Simons im St. Galler Rheintal der dreissiger Jahre rief Boesch als einen der grossen Schweizer Erzähler wieder in Erinnerung. Fast war er nach dem visionären Roman «Der Kiosk» etwas in Vergessenheit geraten. Einer aus der Schweizer Literaturprominenz war er nie, kein grosser Zampano in Sachen Selbstmarketing. Dafür ist er zum einen viel zu bescheiden, zum andern fehlte ihm vor seiner Pensionierung 1989 für Selbstinszenierung und umtriebiges Networking im Literaturbetrieb die Zeit. Boesch arbeitete nach dem Krieg als junger Ingenieur am Wiederaufbau von Kaliminen im Elsass, danach arbeitete er im Tiefbau in der Schweiz, versuchte als Adjunkt des Aargauer Kantonsingenieurs die Siedlungsexplosion der sechziger Jahre zu bändigen, forschte und lehrte am Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung an der ETH Zürich, wo er sich für den Langsam- und Fussverkehr stark machte.
Zur Verkehrsplanung kam Boesch nicht zuletzt wegen seiner Faszination für die Geometrie. Formen, so erklärte er einmal in einem Interview, würden auch in seinen Sprachbildern eine grosse Rolle spielen. Der 75-jährige Boesch bezog sich damals - vor zwei Jahren - auf seine Jahrhunderttrilogie, die er nach den geometrischen Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis geordnet hatte. Die Form des Quadrats dominiert Boeschs eindrücklichsten Roman «Der Sog», in dem er die Kindheit seiner Hauptfigur Simon Mittler im kleinbäuerlich geprägten Milieu am Rhein, an der Grenze schildert. Das Quadrat steht hier für das Ganze, die Geborgenheit, in seiner lädierten Form für Versehrtheit, als auf der Seite stehendes für das harte und unverrückbar Rechthaberische und als auf der Spitze stehendes für das Labile, Spielerische. «Der Bann» ist geprägt von der Form des Dreiecks, das mit seinem Zickzackmuster für abrupte Richtungsänderungen steht, wie sie nicht nur Simon Mittler in den sechziger Jahren erlebt hat. Der Kreis schliesslich ist zentral im gleichnamigen Abschluss der Trilogie. Hier stellt Boesch das Wiederkehrende dar, indem er Familiengeschichten rund um Simon Mittler über das ganze Jahrhundert miteinander verknüpft und zu einem grossen Ganzen gemacht hat.
«Schweben» liest sich nun wie ein Nachhall auf diese Jahrhunderttrilogie. Eine geometrische Figur liegt dem kurzen Roman nicht mehr zugrunde. Doch auch er ist wieder geprägt von Boeschs wucherndem und farbigem Erzählen, in dem keine dominante, aber eine erahnbare Ordnung herrscht. Das Stützende und Ordnende einerseits, das Vital-Wachsende und Sinnliche andererseits oder, wie Boesch es auch nennt: «Begeisterung und Zähmung - Tiger und Dompteur».
WOZ 20/03
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«Schweben»
Boesch, Hans
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Verlag Nagel & Kimche.
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137 Seiten. Fr. 29.60.
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«Die sinnliche Stadt. Essays zur modernen Urbanistik»
Boesch, Hans
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Verlag Nagel & Kimche.
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205 Seiten. Fr. 26.20.



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