Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]
Teilen


Jeffrey Eugenides

Middlesex

Rezensiert von Daniela Janser

«Middlesex» stellt einen Hermaphroditen ins Zentrum einer Einwanderergeschichte. Das ethnische Fremdsein einer Familie schreibt sich im sexuellen Anderssein fort.

«Brauchen wir wirklich ein wahres Geschlecht?» Das ist die Frage, die Michel Foucault zu Beginn seiner kurzen Einleitung zum Fall Barbin - den traurigen Memoiren eines Hermaphroditen aus dem 19. Jahrhundert, der sich mangels Lebensgrundlage den Tod gab - stellt. «Ich wurde zweimal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974.» So umreisst der amerikanische Autor Jeffrey Eugenides im ersten Satz seines Romans «Middlesex» das ausserordentliche Schicksal seiner Hauptfigur Calliope/Cal: Genaue Zeit- und Ortskoordinaten umrahmen ein körperliches Ereignis, das die gängigen Geschlechterzuschreibungen aushebelt, in Fleisch und Blut.

Unentscheidbare Symptomkörper?

Hermaphroditen existieren realiter in verschwindend kleiner Zahl, auf hunderttausend geschlechtlich eindeutig entwickelte Menschen kommt eineR, dessen beziehungsweise deren Identität nicht klar ist. Umgekehrt proportional dazu ist das Erregungs- und Erkenntnispotenzial, das nicht nur von wissenschaftlichen Kreisen auf sie projiziert wird, sondern seit je Faszination und Abwehr zu gleichen Teilen provoziert hat. Hermaphroditen funktionieren gleichsam als monströse Symptomkörper (Foucault) zwecks Stützung und gleichzeitiger Störung von allerlei Diskursen über die Sexualität. Wie kommt das?

Da es heute in der theoretisch verfahrenen Geschlechterdebatte weder um eine simple Rückkehr zum biologischen Geschlecht noch um eine Feier der Aufhebung des «kleinen Unterschieds» beziehungsweise eine theoretisch letztlich unbefriedigende Ersetzung von «sex» durch «gender» gehen kann, ist ein Umdenken angesagt - abseits von naiv-kruden Biologismen, normativer Einfalt und zu kurz greifenden Konstruktionstheorien. Der Begriff Gender leitet sich von einem politisch-kritisch motivierten Versuch her, das biologische Geschlecht - Sex - zu verflüssigen und zu dekonstruieren, das sich dann in einem von Machteinflüssen und Performanz geprägten so genannten «sozialen Geschlecht» wieder mehr oder minder verfestigt. Diese «neue» Gender-Identität beinhaltet Männliches und Weibliches, in ganz unterschiedlichen und (beschränkt) wandelbaren Mischverhältnissen.

Im Hermaphroditen, so könnte man nun den Faden weiterspinnen, materialisiert sich dieses von Judith Butler Anfang der neunziger Jahre in ihrem wegweisenden Buch «Gender Trouble» propagierte theoretische Konstrukt in einer konkret körperlichen Ausformung. Gleichzeitig verweist der Hermaphrodit aber auch auf entscheidende Schwachstellen dieser Theorie: Zum einen, weil sich eben weder Geschlecht noch Geschlechterdifferenz wunschgerecht dekonstruieren lassen. Dem widersetzt sich die materielle Gegebenheit eines wie auch immer gearteten Körpers, der hinter all den möglichen karnevalesken Gender-(Ge-)Schichten an seinem Platz bleibt, grundsätzlich.

Zum andern - und das ist wichtiger -, weil dieser Körper, wie unklar er auch sein mag, von einer intimen Wahrheit des Begehrens getrieben ist, die als Kraftfeld seine Identität im Innersten steuert. Es gibt auf Dauer keine Beliebigkeit der Liebe, der Lust oder des Begehrens und - diese Portion Biologie muss sein - auch nicht des Körpers. «Bodies That Matter» heisst denn auch Butlers Nachfolgeband zu «Gender Trouble». Oder in den Worten der Romanfigur Cal/lie aus «Middlesex» heisst das: «... meine Genitalien [sind] das Bedeutsamste, was mir je widerfahren ist». Das passt ganz in den Sinn der gewitzten Umkehrbehauptung des Historikers Thomas Laqueur: «Schicksal ist Anatomie.»

Eine kleine Kulturgeschichte

Der Hermaphrodit, das faszinierend-bedrohliche Mischwesen im Neutrum, ist auf den ersten Blick näher bei alten Mythen - man denke an den blinden Seher Tiresias im «König Ödipus» oder an Platos Kugelmenschen - denn bei einer klar vorstellbaren Biologie. Auch die moderne Mythologie, die nach dem Tod Gottes Sexualität mit Wahrheit gleichsetzt, weil hier nun quasi in Eigenregie die Grenzen von Leben und Tod überschritten werden, hakt sich an diesem monströsen Körper fest. Durch sein Fleisch gewordenes Wissen vom Männlichen und Weiblichen scheint der Hermaphrodit ein Träger oder zumindest ein Versprechen von schier übermenschlichen Einsichten zu sein.

Nicht umsonst müssen schon in Platos kleiner «Symposion»-Genesis die multifunktionalen Kugelmenschen - die zumindest zu einem Drittel mit männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen ausgestattet sind - von Zeus entzweigehauen werden, weil sie den Göttern zu gefährlich werden. Zur Strafe gibts komplizierte Sexualität, ein lebenslang suchendes Begehren nach der verloren gegangenen zweiten Hälfte und die zweigeschlechtliche Fortpflanzung. Darüber hinaus haben wir in dieser kulturellen Basisgeschichte nichts weniger als die mythologisch hergeleitete Geburt der heterosexuellen Norm aus einem fabelhaften Hermaphroditenwesen.

Szenenwechsel. Wir sind im genfixierten ausgehenden 20. Jahrhundert und damit wieder bei Calliope/Cal, einem Hermaphroditen, Hauptfigur und irgendwie allwissende Ich-ErzählerIn aus Eugenides’ Roman «Middlesex». In guter postmoderner Manier werden verschiedenerlei Geschichten, mythische, historische, zeitgenössische, aber auch medizinische und gendertheoretische, ange-zapft und mit der Fiktion vermengt. So wird Literatur zu einer hybriden Assoziationsmaschine, die immer schon (selbst)reflexiv verspiegelt ist.

Gleichzeitig gehört «Middlesex» aber in die Tradition der klassischen Familienromane, als episch ausufernd angelegte, poetisch versponnene Genealogie einer griechischen Einwandererfamilie mit Inzuchtproblem. Letzteres ist von einiger Sprengkraft. Nur so viel: Callies Grosseltern sind Geschwister. In den Kriegswirren sind sie von der griechischen Halbinsel geflüchtet; auf dem Schiff, diesem Zwischenreich zwischen einer neuen und einer alten Welt, hat man sich dann ganz offiziell den Hof gemacht, für die Augen der andern. Angekommen in Detroit werden wir Zeuge davon, was die Rede vom Schmelztiegel konkret bedeutet. Aus den Stephanides werden Amerikaner, entlang kurioser kleiner Details, inklusive Hausbesuch von Abgesandten des Ford-Managements mit der Frage, wie oft man denn bade und sich die Zähne putze. Spätestens in der zweiten Generation sind die ImmigrantInnen fast schon unheimlich überangepasst. Callies Vater ist unbekehrbarer Nixon-Anhänger, aufrechter Republikaner im Geiste und mit seiner Bilderbuchkarriere dank Hot-Dog-Fastfood-Kette dem amerikanischen Traum in allen Fasern verpflichtet.

Für die Nachkommen der dritten Generation sind Griechenland und die traumatische Vergangenheit noch weiter weggerückt. Sie sind US-AmerikanerInnen geworden: Der Bub ist ein fauler Student und Hippie im Kampf gegen die bürgerlichen Werte seines Vaters, das Mädchen sieht sich konfrontiert mit einem etwas spezielleren Problem. Dieses hat zwar auch mit ihrer Herkunft zu tun, aber das ethnische Fremdsein ist hier eindeutig abgelöst worden von einem Anderssein im Sexuellen. Zutage tritt dies im Identitätsstrudel der Pubertät, diesem Brodeln im privaten Schmelztiegel aus Zu- und Einschreibungen von Körper, Genen, gesellschaftlichen Normen und Erziehung. Und es bäumt sich auch auf, was man auf gut Amerikanisch «free will» nennt, so scheint es zumindest auf den ersten Blick. All dies aus verständlichen Gründen in übersteigerter Form. Callie/Cal kommt zum Schluss:

«Aber so einfach ist es nicht. Ich passe in keine dieser Theorien. Weder in die der Evolutionsbiologen noch in die von Luce. Auch dem von der Intersex-Bewegung verbreiteten Essentialismus entspricht meine Psyche nicht. Anders als so genannte männliche Pseudohermaphroditen, über die in der Presse geschrieben worden ist, bin ich als Mädchen nie aus dem Rahmen gefallen. Noch heute fühle ich mich unter Männern nicht richtig wohl. Das Begehren hat mich auf die andere Seite getrieben, das Begehren, aber auch die Faktizität meines Körpers.»

Begehren und Körper als Fixpunkte

Oder à la Foucault: Es geht um die «Realität der Körper» und die «Intensität der Lüste». So weit, so gut. Aber dahinter ist ein Skandal verborgen: Aus Calliope wird Cal, primär deswegen, weil sie/er Frauen begehrt. Das geht vom Händchenhalten und kindlichen Küssen im Whirlpool über den Dampf der Umkleidekabinen bis hin zur eigentlichen Urszene, einer brisanten «Entjungferung» zu viert - zwei Paare auf zwei Betten verteilt. Die Ekstase entspringt für Callie allerdings nicht dem unbeholfenen Gehoppel des Teenies auf ihrem Bauch, sondern einem imaginierten Körperwechsel. Zusammen mit dem anderen Knaben oder besser gleichsam in ihm schläft sie stattdessen in ihrer Fantasie mit einem Mädchen, das der/die IcherzählerIn bewusst das «obskure Objekt» nennt, auf dem anderen Bett, bis sie durch den Schmerz des Eindringens abrupt in den eigenen Körper zurückgeholt wird.

Später kommts zur unmittelbaren körperlichen Annäherung mit dem «Objekt der Begierde» im freundschaftlich geteilten Bett; unter der Voraussetzung allerdings, dass man eigentlich gar nicht wach sei und folglich nicht so recht weiss, was man tut. Behaglichkeit und Lust ist also garantiert, solange die nackten Tatsachen im Verborgenen erkundet werden und unausgesprochen bleiben. Nach diesem lustigen Sommer im Schutz der Nacht und des Duvets kommt unweigerlich die Entdeckung. Das Fazit von Dr. Luce von der «Sexual Disorders and Gender Identity Clinic» ist so erhellend wie kühl: Zwitterkörper, mit eher männlichem Hormonspiegel, XY-Chromosomstruktur, aber weiblichem «Gender» durch die Erziehung als Mädchen.

Und da Callie ihm auch noch erzählt, sie interessiere sich nur für Buben, kommt Dr. Luce zum Schluss, man müsse eine Frau aus ihr machen. Dieser Diagnose springt Callie im letzten Moment von der Klinge: Selbsttechnik statt Chirurgie. Ihre, pardon, seine private Schlussfolgerung: «Ich bin ein Mann, weil ich Frauen begehre», überblendet so das Zweideutige des Geschlechts, ist aber nicht nur ein Sieg nach Punkten für den freien Willen und die Wahrheit des Begehrens, sondern gleichzeitig nichts weniger als eine Bestätigung dessen, was Judith Butler die «heterosexuelle Matrix» nennt.

Hetero- und homosexuelle Matrix

Dies wirft die ungemütliche Frage auf, ob denn das Begehren für die Frau per se männlich codiert sei. Auch «nur» eine über Jahrhunderte zementierte Norm oder vielleicht inhärente Tatsache? Eine Überlegung, die als reaktionäre gebrandmarkt ist und vorschnell überwunden geglaubt war im ersten Genderbender-Taumel, als sich die möglichen Paarungen und Geschlechter wundersam und querbeet zu multiplizieren schienen. Wenn sich die Theoriedebatte aus der Gender-Sackgasse herausbewegen und auf eine dringend notwendige Neustrukturierung des Feldes besinnen will, wird die zentrale Frage nach dem Begehren in einer hetero- respektive homosexuellen Matrix neu gestellt werden müssen - ohne Rücksicht auf Tabus, die uns die politische Korrektheit implantiert hat. Nicht zuletzt, um endlich wieder auf dem Boden einer lebensweltlichen Realität zu landen.

In Bryan Singers aktuellem Mutantenfilm «X-Men 2» übrigens gibts eine fortgeschrittene Lektion in Hermaphrodismus. Und zwar in Form des schillernden Verwandlungswesens Mystique, das selber auch nicht in einer seiner Mutationformen, sondern in seinem gefährlich-reizvollen blau glitzernden Urzustand geliebt werden will. Den Mann, den sie anmacht, fragt sie: «Du weisst, was ich will. Aber weisst du auch, was du willst?» Dies ist und bleibt die entscheidende Frage. Nicht nur in der Fantasiewelt der Fleisch gewordenen Comicfiguren.


TopTop

«Middlesex»

Eugenides, Jeffrey

Rowohlt Verlag. Reinbek 2003.

733 Seiten. 42 Franken.