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Frauen im Islam
«Völlige Verschleierung ist unannehmbar»
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Die Soziologin Valentine Moghadam über den Kopftuchstreit und den lebendigen Feminismus im Nahen Osten.
WOZ: Der Streit um das Tragen des Kopftuchs an öffentlichen Schulen in Frankreich und Deutschland hat in den letzten Wochen hohe Wellen geschlagen. Sind Sie für oder gegen ein Verbot?
Valentine Moghadam: Für mich ist die Vorstellung, dass Frauen - und nur Frauen - ihren Kopf und ihren Körper verhüllen müssen, unannehmbar. In London, wo ich zurzeit lehre, sind sehr oft stark verschleierte Frauen zu sehen, die sogar das Gesicht verhüllt haben. Ihre Männer tragen sehr bequeme, westliche Kleidung. Damit habe ich ein Problem. Aus einer feministischen, säkularen Position heraus, die der Moderne verpflichtet ist, bin ich gegen Verschleierung. Gleichzeitig bin ich bis zu einem gewissen Grad für die freie Wahl. Aber was ist mit Mädchen von fünf, sechs, sieben Jahren, die bereits verschleiert sind? Bei ihnen kann keine Rede von freier Wahl sein.
Es geht bei der Debatte auch darum, wie junge Frauen am besten vor Extremismus geschützt und in ihrer Entwicklung gefördert werden können. Wie kann das Ihrer Meinung nach geschehen?
Ich möchte vorausschicken, dass es in einigen europäischen Städten mehr verschleierte Frauen gibt als in einigen Städten des Nahen Ostens. Ausserdem gibt es verschiedene Arten der Verschleierung. Ein einfaches Kopftuch sollte nicht als Problem betrachtet werden. Aber eine völlige Verschleierung, bei der das Gesicht bedeckt ist und manchmal sogar Handschuhe getragen werden, ist unzulässig und unannehmbar. Ich denke, dass die Behörden in Fällen von Extremismus das Recht haben, einzuschreiten.
Sie denken also, bei der schweren Verschleierung sollte die Toleranz aufhören.
Ja. Sogar im Iran, wo der Tschador vorgeschrieben ist, gibt es diese schwere Art der Verschleierung nicht. Niemand bedeckt das eigene Gesicht. Die meisten Frauen tragen ein Kopftuch und einen Mantel. Die völlige Verschleierung kommt aus Saudi-Arabien.
Warum sind in europäischen Städten so viele Schleier zu sehen?
Das kann etwas zu tun haben mit dem Erstarken des Islam bei den ImmigrantInnen in Europa und mit dem Import fundamentalistischer Imame nach Europa in den letzten Jahren. Die früheren ImmigrantInnen verhielten sich anders, sie trugen ihre Zeichen und Symbole der Religiosität nicht so zur Schau. Es kann auch eine Reaktion auf Rassismus, Vorurteile und Diskriminierung sein. Und es kann ein Weg sein, mit dem sich die Mädchen vor den Knaben und Männern in ihrem Umfeld schützen.
Ist Verschleierung mit der Unterdrückung der Frau gleichzusetzen, oder kann sie auch noch eine andere Bedeutung haben?
Es gibt natürlich gläubige Frauen, die davon überzeugt sind, dass es zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten gehört, ihren Kopf zu bedecken und sich sittsam zu kleiden. Dasselbe kennen wir aus dem Christentum und Judentum. In Bezug auf den Islam hat die Verschleierung zurzeit aber eine stark politische Dimension. Viele der Polemiken um das Kopftuch haben mit dem politischen Islam zu tun: mit der Idee, dass man in Nahost, in Süd- und Südostasien zu den islamischen Gesetzen und zu einer islamischen Regierung zurückkehren sollte. Natürlich geht die Verschleierung der Frau Hand in Hand damit. Dazu kommt ein weiterer Aspekt: die Frage, wie sich Muslime in den Ländern der «Ungläubigen» verhalten sollen. Dieses alte Thema stellt sich in der heutigen Ära der Globalisierung verschärft, in der Menschen aus verschiedenen Gründen ihr muslimisches Herkunftsland verlassen, nach Europa kommen und als muslimische Minderheit in einem nichtmuslimischen Land leben. Hier kommen auch wieder die fundamentalistischen Imame ins Spiel, die in Fatwas (religiöse Rechtsgutachten) verkünden, wie sich Muslime in Europa zu verhalten haben: dass Frauen den Schleier tragen müssen zum Beispiel. Plötzlich wird es zum Thema, wie sich richtige Muslime und Musliminnen zu benehmen haben.
Wie können sich Frauen in islamischen Ländern feministisch engagieren?
Im Nahen Osten gibt es heute einen lebendigen Feminismus und starke Frauenbewegungen. Sie berufen sich in Sprache und Argumentation auf internationale Standards und Debatten über Menschenrechte und auf den klassischen feministischen Diskurs über Frauenrechte und Autonomie, stützen sich aber auch auf ihre eigene Kultur und Religion. Das ist insbesondere beim muslimischen und beim islamischen Feminismus der Fall.
Was ist der Unterschied zwischen muslimischem und islamischem Feminismus?
Ich unterscheide zwischen weltlichem, muslimischem und islamischem Feminismus. Weltliche Feministinnen verwenden selbstverständlich keine religiöse Sprache. Sie berufen sich auf internationale Abkommen, sprechen von natürlichen Rechten, von Menschenrechten und weltweiten Normen. Weltliche Feministinnen können zwar selber religiös sein, benützen die religiöse Sprache aber nicht. Muslimische Feministinnen sind gläubige Frauen, denen ihre muslimische Identität wichtig ist. Aber sie kennen sich mit internationalen Standards gut aus und verwenden diese in ihrer Argumentation. Ein gutes Beispiel einer muslimischen Feministin ist Schirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin 2003.
Das Projekt der islamischen Feministinnen ist anders. Islamische Feministinnen bewegen sich innerhalb des Rahmens der islamischen Geschichte. Sie sind sehr viel religiöser, und auch ihr feministisches Projekt ist religiös ausgerichtet. Sie lesen und interpretieren den Koran aus feministischer Sicht neu. Damit wollen sie ihre Religion aus der Umklammerung der patriarchalen, konservativen Interpretationen befreien. Alle drei feministischen Strömungen haben ein gemeinsames Ziel: die Frauenrechte zu stärken und dem Patriarchat und der Diskriminierung von Frauen ein Ende zu setzen.
In welchen Ländern sind diese feministischen Bewegungen stark?
Es gibt sie überall: in der Türkei, in Algerien, Tunesien, Marokko und auch im Iran. In der Türkei und in Algerien sind die weltlichen Feministinnen besonders stark; Tunesien hat sehr starke weltliche und muslimische Feministinnen, die eng und ziemlich erfolgreich mit der Regierung zusammenarbeiten. In Marokko haben sich die Feministinnen erfolgreich für die Reform des patriarchalen Familienrechts eingesetzt.
Im Iran gibt es alle drei Spielarten des Feminismus und ausserdem eine sehr dynamische feministische Presse, die hauptsächlich von islamischen und weltlichen Feministinnen produziert wird. Vor zwanzig Jahren hätten die beiden Lager nicht miteinander geredet. Damals gab es riesige ideologische Gräben und eine enorme Feindschaft zwischen ihnen. Aber heute arbeiten sie zusammen: Weltliche Feministinnen geben Interviews und schreiben Artikel in der islamisch-feministischen Presse und umgekehrt.
Sind Islam und Feminismus überhaupt miteinander vereinbar?
Es kommt auf die Interpretation des Islam an. Feminismus und religiöse Traditionen, insbesondere konservative und patriarchale religiöse Traditionen, sind nicht miteinander vereinbar. Aber eine emanzipatorische Interpretation der Religion ist sicher nicht inkompatibel mit Feminismus. Wir kennen die Projekte christlicher Feministinnen, die versucht haben, ihre Religion von der - ihrer Ansicht nach - männlich dominierten und patriarchalen Interpretation zurückzuholen. Jüdische Frauen haben das ebenfalls getan, und nun tun es Musliminnen.
Einer der aufregendsten Orte, wo Feministinnen den Islam neu interpretieren, ist Malaysia. Ich denke da vor allem an die Gruppe Sisters of Islam. Sie sind fest davon überzeugt, dass Islam und Feminismus miteinander vereinbar sind und der Islam von patriarchalen und konservativen Männern zur Geisel genommen wurde - zum Schaden der Frauen. Ich denke, wir erleben heute eine islamische Reformation, die historisch so wichtig und bedeutsam ist, aber auch so traumatisch, wie es die christliche Reformation war. Aber es gibt einen interessanten Unterschied: Bei der christlichen Reformation waren die meisten der Führer und Intellektuellen Männer. Bei der islamischen Reformation sind auffallend viele Führungsfiguren und Intellektuelle Frauen.
Welche Art des Feminismus könnte in einem so patriarchal geprägten Land wie Afghanistan am meisten zur Verbesserung der Situation beitragen? Der islamische Feminismus vielleicht?
Ich denke, der islamische Feminismus ist sehr wertvoll und wichtig, aber limitiert. Denn er ist ein theologisches Projekt und deshalb beschränkt auf eine hochgebildete Elite. Diese beschäftigt sich nicht gross mit Themen wie Analphabetismus, Arbeitslosigkeit oder mit fehlender Sicherheit. Dieser Themen nehmen sich vielmehr die weltlichen und muslimischen Feministinnen an. Sie kümmern sich um die realen Probleme, vor denen die Frauen stehen. Was die Frauen in Afghanistan brauchen, sind grundlegende und universelle Frauenrechte, wie etwa das Recht auf Bildung. Sie brauchen dringend eine obligatorische und gute Schulbildung im ganzen Land.
Weitere Texte im Dossier: «Afghanistan»
WOZ vom 04.03.2004
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