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Combino-Tram

Prager Tramdachsturz

Von Winfried Wolf

Das Dach eines Niederflurtrams stürzt ein, man testet nach falschen Normen. Was läuft falsch bei Siemens?

Der Begriff «Global Player» war noch nicht erdacht, da verstand sich der Siemens-Konzern längst als Weltkonzern. Als solcher führt er sich nun auch in der Weltpolitik auf. Diesen Donnerstag spricht Siemens-Chef Heinrich von Pierer vor der Uno im Weltsicherheitsrat. Er wird dort «aus der Sicht eines Global Players» über die «Rolle von Unternehmen beim Wiederaufbau nach Kriegen» sprechen. Tatsache ist, dass Siemens im Nordirak die Lizenz zum Aufbau eines Mobilfunknetzes erhalten hat.

Heinrich von Pierer will vor dem Uno-Sicherheitsrat darlegen, dass Global Players «nicht nur in Schönwetterperioden, sondern auch über schwierige Zeiten hinweg» nach dem Grundsatz handeln müssten: «We are here to stay.»

Auf einem wichtigen Gebiet des Unternehmens, dem Strassenbahnbau, sieht es derzeit so aus, als würde der Konzern wenig Wert auf diese Devise legen: In der Schönwetterperiode, als es hier einen Boom gab, stieg Siemens gross in dieses Geschäft ein - unter anderem durch den Aufkauf des renommierten deutschen Schienenfahrzeugherstellers DUEWAG und mit der Bildung des Geschäftsbereichs Siemens Transportation Systems (STS).

Inzwischen kam es allerdings zum Combino-Desaster. Die Geschichte: 1996/1997 brachte Siemens eine Strassenbahn mit der Bezeichnung «Combino» auf den Markt, eine hundertprozentige Niederflurkonstruktion mit geschraubtem Aluminium-Wagenkasten. Obgleich es sich um eine völlig neue, unerprobte Technologie handelt, wurde der Tramtyp binnen weniger Jahre mit mehr als 500 verkauften Exemplaren zum Renner. Er prägt seither das Stadtbild unter anderem in Amsterdam, Basel, Bern, Freiburg im Breisgau, Hiroshima und Melbourne. Am 12. März dieses Jahres kam es zum flächendeckenden Rückruf aller Combinos, die mehr als 120 000 Kilometer Laufleistung haben. Vor allem die Städte Potsdam und Basel waren davon betroffen (siehe WOZ Nr. 14/04). Nun scheint sich die Combino-Misere zum völligen Desaster zu entwickeln. Der Weltmarktführer bei Niederflur-Strassenbahnen steht schwer mit dem Rücken zur Wand. Hier die jüngsten Combino-Episoden:

Überraschung Nr. 1: Die Entlassung.

Vor einer Woche wurde der Technische Leiter der Potsdamer Verkehrsbetriebe (ViP), Georg Dukiewicz, fristlos entlassen. Diese Personalie ist für die Schweiz insofern von Bedeutung, als es Siemens als Erstes gelang, in Potsdam im öffentlichen Verkehr einen Grossauftrag an Land zu ziehen. Potsdam war die Stätte, zu der viele Stadtwerkechefs pilgerten, um von den Vorteilen des Combino überzeugt zu werden. Die Potsdamer Verkehrsbetriebe und ihr damaliger Chef Dukiewicz traten dabei immer als Combino-Fanklub auf. Als die Combino-Mängel offensichtlicher wurden, war es meist das Dreigestirn der Verkehrsbetriebechefs von Potsdam, Basel und Freiburg, die eine Combino-Tramburg-Mentalität verbreiteten und in Treue fest zu Siemens standen. Dukiewicz stolperte nun auch wegen Ungereimtheiten beim Vertragsabschluss 1996 aus dem Amt. Vor allem aber ist davon auszugehen, dass er und seine Kollegen in Basel, Freiburg und anderswo weit früher darüber Bescheid wussten, dass das Combino-Tram nicht nur irgendwelche Mängel hat, sondern dass diese derart gravierend sind, dass die Sicherheit der Fahrgäste ernsthaft gefährdet ist. Aus diesem Grund dürften auch die Stühle anderer Verkehrsbetriebechefs in Combino-Städten wackeln.

Überraschung Nr. 2: Der Konstruktionsfehler.

Am Donnerstag, dem 8. April, fand in Basel eine Pressekonferenz statt. Die Verantwortlichen der Basler Verkehrsbetriebe (BVB) und Siemens-Vertreter wollten kundtun, wie es im städtischen öffentlichen Nahverkehr weitergehen sollte. Zur Überraschung vieler BeobachterInnen teilte dort laut «Basler Zeitung» Ulrich Ritter, Leiter der neu geschaffenen Siemens-Abteilung zur Rettung der Schweizer Combinos, mit, dass die Wagenkästen der Niederflur-Strassenbahnen vom Typ Combino nach einer falschen Norm berechnet worden waren. Geprüft worden sei nach deutscher VDV-Norm 152, die für Strassenbahnen mit Drehgestellen konzipiert wurde, aber nicht bei Bahnen mit festen Fahrgestellen angewendet werden darf. Bei Letzteren wirken die Kräfte, denen der Tramwagenkasten bei Kurvenfahrten ausgesetzt ist, rund doppelt so stark wie bei Strassenbahnen mit Drehgestellen.

Daran, so Siemens-Mann Ulrich Ritter, hätten weder die Siemens-Ingenieure gedacht noch hätten es die Prüfstellen bemerkt. Die Aufsichtsbehörden in Deutschland wie auch in der Schweiz müssen sich schwere Vorwürfe gefallen lassen.

Die Prüfung nach der falschen Norm hat beim Combino schwerwiegende Auswirkungen, weil Niederflurbahnen völlig anders aufgebaut sind als traditionelle Trams. Bei ihnen muss ein grosser Teil der mehr als eine Tonne schweren Technik auf dem Dach anstatt unter dem Fahrzeugboden untergebracht werden. Damit aber wirken bei Kurvenfahrten, beim Bremsen und Anfahren starke Kräfte auf die senkrechten Stützen zwischen Türen und Fenstern, welche die Bodenplatte und das Dach miteinander verbinden.

Überraschung Nr. 3: Der Dachschaden.

Bisher gab es hinsichtlich der Gefahr, die bei den Combino-Trams drohe, Formulierungen, die an Radio Eriwan erinnerten (Frage: «Ist der Combino-Wagenkasten stabil?» Antwort: «Im Prinzip ja, insoweit er nicht instabil ist.»). Marcel Kuttler, Technik-Chef der BVB in Basel, erklärte, dass «Teile des Dachs auf die Fahrgäste stürzen können». Können. Aus zuverlässigen Unternehmenskreisen heisst es jetzt: «Das Dach ist bereits eingestürzt.»

Bei einem Combino, das Ende des letzten Jahres mit einem Kilometerstand von 216 000 von Freiburg nach Prag in ein Siemens-Prüfzentrum überführt wurde, beschleunigten die Techniker auf künstliche Weise den Alterungsprozess. Sie versprödeten in einer Klimakammer das Material. Nach der Fahrt auf einer Teststrecke wurde bei Kilometerstand 230 000 der Versuch abgebrochen, weil das Tramdach teilweise einstürzte. Informationen über den Prager Tramdachsturz kursierten auch in Kreisen einiger Verkehrsbetriebe.

In Abwandlung eines Spruchs, den der US-amerikanische Verbraucheranwalt Ralph Nader in den siebziger Jahren über den VW-Käfer sagte, muss für das Combino-Tram gelten: «Unsafe at any speed - unsicher bei jeder Geschwindigkeit.» Stattdessen galt in der Combino-Wagenburg die Parole: Schweigen, mauern, flicken.

Überraschung Nr. 4: Siemens weiss keine Lösung.

Auch vier Wochen nach der «Tramplosion», der Rückrufaktion von Combino-Trams, kann der Weltkonzern Siemens den fünfzehn betroffenen Verkehrsbetrieben immer noch nicht mitteilen, wie das «umfassende Sanierungskonzept» genau aussehen soll. Nach den bisherigen Vorstellungen von STS müssten sukzessive alle Combinos in eine spezielle Siemens-Werkstatt transferiert, dort zerlegt und in einem Prozess von mindestens drei Wochen mit nicht näher definierten Verstärkungen zur Stabilisierung neu zusammengesetzt werden - auch jene aus Australien. Dieses Sanierungskonzept wurde bislang von allen betroffenen Stadtwerken als nicht realistisch abgelehnt. Derweil reduziert sich die Kreativität des STS-Managements auf die Ankündigung, es werde ein «spezieller Geschäftszweig zur Combino-Sanierung» gebildet. Man sagt, die Sanierung des Combino stehe auf der Tagesordnung. Geht es nicht eigentlich um die Brutalsanierung der Siemens-Sparte Transportation Systems?

Warum aber passiert all das einem Weltkonzern wie Siemens? Siemens nahm 1998 eine weitreichende Änderung der Unternehmensphilosophie vor und beschloss, sich ab sofort ausschliesslich am Shareholder-Value, am maximal zu steigernden Börsenwert, zu orientieren. Seither wurde allen Unternehmensbereichen das Ziel verordnet, mindestens Gewinne in Höhe von «zehn Prozent nach Steuern» zu erzielen. Das lief auch im Bereich STS darauf hinaus, auf Teufel komm raus die Kosten zu reduzieren. Ausdrücklich wurde in einer Siemens-Fachschrift die Combino-Bauweise mit geschraubtem Alukasten als eine «design-to-cost»-Konstruktion ausgewiesen, als eine auf Kostenminimierung ausgerichtete Fertigungsweise. Sicherheit, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit, von denen Heinrich von Pierer im Uno-Sicherheitsrat sprechen wird, waren offensichtlich nicht Teil dieser Philosophie.


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