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Millionengehälter für Konzernmanager begrenzen

Groll den Grossen

Von Marc Badertscher

Der KMU-Rebell Trybol-Chef Thomas Minder hat genug von den Millionengehältern für Konzernmanager. Nun will er eine Initiative lancieren, die sie begrenzen.

«Guten Tag, Herr Minder! Ich möchte ein Porträt über Sie schreiben.»
«Kostet mich das etwas?»
«Nein.»
«Gut.»

Die Brühe stinkt. Wie alles, was in allzu konzentrierter Form daherkommt. Thomas Minder, Chef und Besitzer von Trybol, drückt auf den Knopf. Irgendetwas setzt die 1800 Liter im 3-Meter-Kessel in Bewegung. Minder sagt: «Mundwasser herstellen ist keine Hexerei.»

Die Hilfe von Hexen gebrauchen könnte aber bald einmal die Economiesuisse, der Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Der Grund: Minder will eine Volksinitiative lancieren, die die Gehälter von Topmanagern nach oben begrenzt. Das wird der Economiesuisse mit ihrer starken Ospel-Vasella-Grübel-etc.-Lobby kaum gefallen. Es droht ein neuer, teurer, schriller Abstimmungskampf mit ungewissem Ausgang.

«Die 100 000 Unterschriften hätten wir wie die Feuerwehr», sagt Minder. Das Anliegen sei brandheiss, und diverse Personen hätten ihm schon Geld für die Kampagne zugesichert. Jetzt würden Leute mit ihm reden, die vorher nie mit ihm gesprochen hätten. Mit ihm, der mit seiner Trybol AG für die Hygiene in den Schweizer Rachen sorgt. Neben Zahn-pasta (und verschiedenen Kosmetika) verkauft der Zwanzigpersonenbetrieb im schaffhausischen Neuhausen vor allem Mundwasser. Unverdünnt eingenommen, haut es den stärksten Menschen um. Es wirkt wie flüssiges Fisherman's Friend.

Umhauen möchte Minder manchmal auch einige seiner Berufskollegen. Manager von Grosskonzernen. Die mit den hohen Gehältern. In Minders Jargon: die mit den Abzockerlöhnen. «Ich bin absolut der Meinung, man dürfe die Zitrone anfassen, auch auspressen. Aber was die Banken gemacht haben - Millionengehälter, Gewinne und gleichzeitig Leute auf die Strasse stellen -, das geht nicht. Das ist volkswirtschaftlich unzulässig.»

Diesen Frühling hatte er genug: Minder trat aus dem Kreis der Leserbriefschreibenden aus und liess landesweit dreissig Inserate in Zeitungen erscheinen: Es war ein offener Brief an den Bundesrat, und Minder forderte darin, den Megalöhnen ein Ende zu setzen. Was steht da auf dem Spiel, dass ein kleines Unternehmen die Banken herausfordert?

Mundwasser herstellen ist harte Arbeit. Minder war um halb zwei Uhr nachts aus seinem Bett gestiegen, um die Maschinen anzuwerfen. Ein stark stromfressender Arbeitsschritt stand an, und Nachtstrom ist billig. Wenn Minder über Geld spricht, dann spricht er über verdientes Geld und davon, wie schwierig es heutzutage sei, Geld zu vernünftigen Konditionen von den Banken zu kriegen. «Das fällt nicht vom Himmel, das Geld.» Minder bezahlte für seine Inserate 50 000 Franken.

Trybol ist ein Familienbetrieb seit der Gründung um 1900. Seit fünfzehn Jahren ist Thomas Minder nun der Chefmischer, eigentlich seit jenem Telefonat mit seinem Vater, als dieser ihm mitteilte, der Prokurist habe gekündigt, und er - Minder junior - müsse sich nun entscheiden, ob er einsteigen wolle. Der Junior war bis dahin Produktmanager beim Kopierapparatehersteller Rank Xerox. Er kriegte einen Tag Bedenkzeit. Das ist ganz nach Familientradition: Sein Vater hatte vierzig Jahre zuvor ein ähnliches Telefon erhalten.

«Meine Präsenz hier ist gefragt.» Aber das sei generell in den KMU, den Kleinen und Mittleren Unternehmen, so. Man könnte auch sagen, man sei mit dem Unternehmen verheiratet. Minder wohnt im gleichen Haus, in dem die Fabrik untergebracht ist - zusammen mit seiner Partnerin. Früher habe er von Zürich aus gependelt, das habe geholfen, abzuschalten. Dafür sei nun die Rentabilität des Fabrikgebäudes grösser, weil die heutige Wohnfläche früher nicht genutzt worden sei.

Das Herzblut ist es, was er bei den grossen Firmen vermisst. Bei diesen Löhnen. Da erwarte er, dass man mindestens mittrage am unternehmerischen Risiko. Zum Beispiel in Form von Aktienpaketen, die die Manager selber in die Firma einbringen müssten. Doch das reicht Minder noch nicht. Von den Verwaltungsräten sollte man einzeln und nicht wie bis anhin in corpore wissen, was sie Gutes, was sie Schlechtes bewirkt hätten.

Verrat am Unternehmertum! Kein Stolz! Keine Identifizierung mit der Firma! Das sind die Vorwürfe an die hohen Kader. Minder streift sich die Uhr vom Handgelenk, legt sie auf den Tisch. «Verantwortung. Das ist noch wichtiger als Leistung. Es muss das Ziel von jedem Topshot sein, die Anzahl der Mitarbeiter zu erhalten oder gar zu erhöhen.» Minders Rezept: den Personalbestand am 31.12. ausdrucken. Ist er niedriger als im Vorjahr, «dann gibts keinen Stutz Bonus. Amen.»

Warum rebelliert ein Unternehmer gegen Manager? «Nichts Ungewöhnliches», sagt Peter Schallberger, Soziologe an der Universität Bern. «Besitzer von KMU nehmen häufig eine paternalistische Haltung gegenüber ihren Angestellten ein. Sie ist begründet im traditionellen Familienbetrieb. Da spielt ÜVerantwortungÝ eine zentrale Rolle.» Dieses Alltagsmuster eines Patron-Kleinunternehmers werde dann häufig übertragen, zum Beispiel prägten sie die Erwartungen an Konzernmanager. Die Kritik an diesen stütze sich dann weniger auf progressive Ideale als vielmehr auf traditionalistische Moralvorstellungen.

Wenn Minder über die Betriebskultur bei Trybol zu reden beginnt, dann redet durchaus einer, der einen MBA-Wirtschaftsabschluss hinter sich hat: Bei Trybol herrsche heute Teamspirit, sagt Minder. Wie auch die Open-Door-Policy. Jeder dürfe reinkommen, ob Untergebener oder nicht. Er pflege ein Management by Walking Around, und seine Aufgabe sei zu fünfzig Prozent controlling. Noch Fragen?

Ja. Weshalb ein KMU am Rhein die Sprache derer annimmt, die es bekämpft. Schallberger sagt dazu: «Die Managementsprache kommt unglaublich gebildet daher und transportiert gleichzeitig einfache Weisheiten, wie sie gerade im Kleingewerbe gebraucht werden. Den englischen Ausdrücken haftet zudem eine Aura der Fortschrittlichkeit an.»

Den grossen Schritt weiterkommen möchte auch Minder. Zum Beispiel einmal den Dreischichtbetrieb erleben. Vollauslastung. Man solle seine Dreams haben, sagt er. Die Probleme der KMU lägen nicht primär im Produktionsbereich, sondern im Umsatz.

Wenn Minder von Zahlen und Kosten spricht, dann dauerts keine zwei Atemzüge, bis die Verbindung zu den Abzo-ckermanagern steht: «Sie und ich, wir füttern die Arbeitslosen aus dem Ban-kensektor. Ihnen gehts am Lohn ab, mir auch. Und jeder, der arbeitslos ist, trägt nicht mehr zum Wachstum bei. Die konsumieren nichts mehr, sie machen nur Lämpen, vielleicht beziehen sie IV, sind sogar kriminell oder sonst mit dem Leben nicht mehr zufrieden.» Kurz: Arbeitsplatzsicherheit sei das zentrale Thema, wenn man Wachstum fördern wolle. Das gelte vor allem für die grossen Konzerne. Wenn er bei Trybol einen auf die Strasse stelle, dann habe das volkswirtschaftlich keine Bedeutung.

Minder hatte auch schon Leute entlassen. Nicht aus konjunkturellen Gründen, sondern weil ihm deren Leistungen nicht genügten. Bei der Gewerkschaft GBI in Schaffhausen heisst es, sie hätten noch nie jemanden von der Trybol AG am Schalter gehabt. Und der Smuv hält sich bedeckt: «Wenn du nichts Anständiges zu sagen hast, dann sollst du schweigen.» Fakt ist, in Neuhausen gab es zwei Gerichtsfälle gegen Arbeitgeber Minder. Sein Kommentar: Zweimal sei er eingeklagt worden, zweimal habe er gewonnen. In anderem Zusammenhang erwähnt er: Manchmal frage er sich, ob er zu viel Leistung fordere. Vielleicht sei auch sein eigenes Engagement etwas gross.

Als Kind hatte Thomas Minder zwei Träume. Der erste war, mit Vögeln zu tun zu haben. Der Traum wurde zum Hobby: Minder beringt Sing- und Zugvögel für die Vogelwarte Sempach, manchmal zusammen mit seinem Vater, allerdings nicht mehr so fleissig wie früher. «Ich bin kein Verfechter von Wachstum, das einfach in den Himmel steigt. Es kann ja nicht sein, dass jeder Chinese Auto fährt und in die Malediven in die Ferien fliegt. Da geht unser Planet kaputt. Eine Formel-1-Piste und drei Spuren nach Bern, da bin ich ein vehementer Gegner.»

Arbeitsplatzsicherheit? Umweltschutz? Gegen die Managergarde? Also ... Minder schüttelt den Kopf. Mit den Sozis habe er das Heu gar nicht auf der gleichen Bühne. Immer nur sozial und sozial. Er könne das nicht mehr hören. Und noch mehr Mehrwertsteuerprozente für den Staat. Nein. Dem Staat müsse man weniger Stutz geben. Nur dann werde er haushälterisch. Es sei total verwerflich, wenn man über den Verhältnissen lebe. Er sei auch gegen die Neat-Löcher in den Alpen. Man müsse einfach generell mit dem Geld haushälterisch umgehen, wie in einem KMU auch.

Wie der Betrieb, so die Schweiz. Wie der Unternehmer, so die Manager.

Benimm-Regeln für Manager (Corporate-Governance-Vorschläge) sind zwar auch in der Schweiz nach Enron-, Parmalat- und Swissair-Skandal bereits Staatssache. Gegenwärtig liegen die Vorschläge bei Bundesrat Christoph Blocher. Minder ist skeptisch. «Wenn das in die Mühle hineingeht, dann geht das Jahre.» Er würde eigentlich «gerne eine Audienz bei Blocher erhalten, um ihm ein paar Denkanstösse zu geben».

Es reizt Minder, in die Politik einzusteigen. Nicht heute, und wenn, dann parteilos. Bei seinem Abstimmungsverhalten sei er zwar mehrheitlich auf der SVP-Schiene. Sein Vater sei bei der FDP gewesen, aber ein Grüner. Der habe immer gesagt: «Die grünen Aspekte muss ich in die FDP reinbringen. Weil dort checken sie das nicht. Die Grünen wissen das bereits.»

Minders zweiter persönlicher Dream war, Fussballprofi zu werden. Der FC Schaffhausen ist heute seine Leidenschaft («Manchmal geb ich denen einen Batzen.»), die dortige Veteranenmannschaft sein Team («Wenn mein Körper fit ist, ist auch der Geist und alles andere gut. Ich bin für die Firma nur dann wertvoll, wenn ich auch gesund bin.»). Er sei in seiner Mannschaft noch der einzige Deutschschweizer, die andern seien alles Kroaten. Übrigens wirklich gute Typen. Aber er denke auch, die Überfremdung sei ein Riesenproblem. Er sei überhaupt kein Rassist, aber Neuhausen habe fünfzig Prozent Ausländer. «Die konsumieren meine Produkte nicht. Die haben die Kaufkraft nicht, die arbeiten für 3500 Franken irgendwo. Das bringt die Volkswirtschaft auch nicht weiter. Natürlich übernehmen sie hier und dort Jobs, die andere nicht mehr machten. Aber auch hier ist das Mass voll, absolut voll.»

Der Erfahrungshorizont «Kleinbetrieb» hat laut Dozent Schallberger häufig eine Konsequenz: die Schliessungsfantasie. Was intern produziert werden könne, müsse auch intern geleistet werden. Auf die Schweiz übertragen heisse das: Schotten dicht. Eine Haltung, die bei bäuerlichen Betrieben und KMU gleichermassen anzutreffen sei.

So weit der Soziologe. Der Unternehmer hingegen sagt: «Ich will jetzt nicht noch tiefer in die Politik eintauchen, als ich mit meiner Initiative bereits bin. Ich habe bei Trybol meine Aufgabe, und Politiker haben keine Zeit für ihr Unternehmen.»

«Herr Minder, wie hoch müsste der Preis sein, damit Sie Trybol verkauften?»
«Trybol ist nicht zu verkaufen.»
«Wirklich? Ihre Antwort kam etwas schnell. Zu keinem Preis?»
«Alles ist käuflich, in einem gewissen Sinne. Sicher wird man irgendwo schwach.»


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