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Haitis Seelen-Wächterin
Madame und ihre Geister
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Wer bei Voodoo an schwarze Magie und Hexerei denkt, hat keine Ahnung, sagt Marianne Lehmann. Die auf Haiti lebende Schweizerin verfügt über eine der grössten Sammlungen von Kultgegenständen weltweit. Und erklärt, weshalb es auf Haiti ohne Voodoo keine Revolution gegeben hätte.
Es funkte sofort. Marianne Lehmann sass in ihrem klimatisierten Büro im Zentrum von Port-au-Prince. Plötzlich stand dieser Unbekannte vor ihr. Ein Gebrauchtwarenhändler mit einem alten, schon reichlich verschlissenen Jutesack in der Hand. «Ich habe was für Sie. Vielleicht wollen Sie es», sagte der Mann zur damaligen Angestellten des Schweizer Generalkonsulats. Die Faszination und der Zauber der Situation sind noch heute zu spüren, wenn die inzwischen 68-Jährige von jenem Moment berichtet. Es muss geblitzt haben - wie während eines Gewitters in den Berner Bergen, wo Madame Lehmann, wie sie in Haiti respektvoll gerufen wird, geboren wurde. «Es durchzuckte mich. Ich wusste sofort: Das ist etwas Spezielles.» Aus seinem Sack wickelte der Gebrauchtwarenhändler eine kleine, bunt bemalte Statue. «Sie war aus Beton, aber sie hatte eine unglaubliche, ihr innewohnende Anziehungskraft. Ich kaufte dem Mann die Figur ab.»
Aus der Liebe auf den ersten Blick wurde eine nicht enden wollende Leidenschaft. Marianne Lehmann zeigt auf ihre erste Errungenschaft. Die etwa vierzig Zentimeter grosse Gestalt aus gegossenem Beton krönen drei unebene, schwarz gefärbte Hörner. Zwischen die Zähne hat die Statue eine dieser typischen Pfeifen geklemmt, mit denen auch heute noch einige haitianische Männer ihren Krümeltabak rauchen. Über die rote Lackfarbe des Mantels hat sich eine feine Staubpatina gelegt. «Papa Bosou ist einer der Geister aus dem Voodoo-Pantheon», erklärt Marianne Lehmann. Ein störrischer Gesell mit einem feurigen Temperament, der von den Voodoo-Gläubigen mit der Fruchtbarkeit des Bodens assoziiert wird. «Bosou symbolisiert die Erde und die Saat. Er steht für männliche Fruchtbarkeit.»
Es riecht nach Katze
Jetzt steht die bullig wirkende Betonfigur von Papa Bosou im ersten Stockwerk eines in kräftigem Lila gestrichenen Hauses in der Rue Grégoire im Zentrum von Petionville. Die Kleinstadt liegt in den Anhöhen, die Port-au-Prince, die Hauptstadt von Haiti, umgeben. «Ich konnte einfach nicht 'Nein' sagen. Mir war sofort klar, dass ich diese Figuren vor der Zerstörung bewahren muss», sagt Lehmann. Papa Bosou ist auf seiner Holzstellage längst nicht mehr allein. Hinter und neben ihm haben weitere Betonmännchen Platz gefunden, eng gedrängt stehen sie nebeneinander, als müssten sie sich gegenseitig wärmen und stützen.
Auch in den anderen Räumen finden sich Figuren, manche in Lebensgrösse, aus einem Holzstamm gehauen. Andere aus Ton geformt oder mit Eisen armiert und mit Beton beschichtet. Die einen zierlich oder gar abgemagert wirkend, die andern klobig und brutal. Regale biegen sich unter dutzenden von leeren Rumflaschen, die mit Stoff überzogen und mit winzigen Glitzerpailletten bestickt sind. So genannte Voodoo-Fahnen, auf denen die Symbole der einzelnen Gottheiten abgebildet sind, liegen neben Totenschädeln, die in allen Ecken des Hauses zu finden sind. Auf manchen befinden sich noch Kerzenstummel. Zwischen all dem kleine Särge, die mit Spiegeln besetzt sind, grell bemalte Puppenköpfe und mit Ketten umschlungene Kreuze.
Um eine Flasche mit Puppenkopf windet sich eine Schlange. Danbala, der oberste Schlangengeist, umgarnt seine Gemahlin Ayida Wèdo, die Herrscherin der Himmelsschlange. In ihrem Hof hat Marianne Lehmann eine ganze Geisterarmee versammelt. Überall riecht es streng nach Katze.
Die vom afrikanischen Kontinent verschleppten Zwangsarbeiter haben Voodoo auf die zweitgrösste Antilleninsel gebracht. Aber nur in «Ayiti», dem «Land der Berge», das sich mit der Dominikanischen Republik die Karibikinsel teilt, hat sich der Kult über die Jahrhunderte nach der spanischen Conquista halten können. Seine Wurzeln finden sich in den afrikanischen Naturreligionen des 14. Jahrhunderts, in einer Götterwelt, aus der sich Naturphänomene ableiteten und erklärten. 401 verschiedene Lwas, wie die Gottheiten in der haitianischen Landessprache Kreyňl genannt werden, gibt es im Voodoo-Pantheon. Sie werden einundzwanzig so genannten Nationen zugeordnet - Obergottheiten und Geister, die die Geschicke der Menschen bestimmen und beeinflussen können. Auf Laien wirkt das alles eher wild und undurchschaubar denn vertrauenerweckend. «Aber wer die Kraft der Gottheiten kennt», sagt Madame Lehmann, «kann sich ihrer Fähigkeiten bedienen und Einfluss nehmen.»
Anerkennung durch Aristide
Im Voodoo, so die Kennerin aus der Schweiz, gerinne das historische Bewusstsein der aus Afrika Verschleppten, er sei Tradition und Vergangenes, Schutz und Kraftspender zugleich. «Es ist Geschichte und das, was die Menschen aus Afrika mitgebracht haben und wie wild gegen die Sklavenhalter verteidigt haben.»
Auf die Verfolgung durch die katholische Kirche haben die SklavInnen mit der Adaptierung der Kirchenheiligen reagiert. Während sie sich vor der Heiligen Jungfrau mit dem Jesuskind auf dem Schoss verbeugten, huldigten sie in Wirklichkeit Ezili Freda. Die Göttin der Liebe gilt als Inbegriff der Verführung - und als Faulenzerin. Anstatt zu arbeiten, zieht sie es vor, sich den ganzen Tag die Nägel zu lackieren. Papa Bosou wiederum versteckt sich hinter seinem katholischen Pendant, dem heiligen Vinzenz, dem ebenfalls eine gewisse Störrigkeit nachgesagt wird.
Voodoo nimmt in der haitischen Gesellschaft eine zentrale Rolle ein. Auch der Kampf um die Unabhängigkeit wäre ohne die Religion nicht denkbar gewesen. «Wir Schweizer haben das Rütli, die Haitianer haben den Bois Cayman», sagt Marianne Lehmann. Dort haben sich die entlaufenen Sklaven zusammengefunden, um nach einer Voodoo-Zeremonie den Aufstand gegen die französischen Kolonialherren zu beginnen. Knapp zweihundert Jahre ist dies her. Aber erst im vergangenen Jahr wurde Voodoo vom damaligen Staatspräsidenten Jean-Bertrand Aristide offiziell als Religion anerkannt. Die Voodoo-Priester waren und sind seelischer Beistand für die Menschen und Heiler zugleich. «Die Hälfte der haitianischen Bevölkerung wäre schon gestorben, wenn die Voodoo-Priester den Leuten nicht mit ihren Naturheilmitteln helfen würden», versichert Lehmann.
Traum vom Museum
«Voodoo galt und gilt noch immer als primitiv und brutal, wird mit Hexerei und Zombies gleichgestellt. Aber das glauben nur Leute, die keine Ahnung haben. Oder?», regt sich die Exkonsulatsangestellte auf. Im Laufe der Jahre hat die 1957 nach Haiti ausgewanderte Kirchbergerin über zweitausend Figuren und Ritualgegenstände aus dem Voodoo-Kult zusammengetragen. «Meist waren es Angehörige eines verstorbenen Priesters, die in Geldnot steckten und deshalb die Figuren aus dem Tempel verkaufen wollten», erzählt sie. «Oftmals musste ich mich krumm legen, um das Geld für den Ankauf aufzutreiben, aber ich wollte nicht, dass sie in falsche Hände kommen.» Zuerst hat Marianne Lehmann die Devotionalien, die ihr nach und nach angeboten wurden, in ihrem Wohnhaus untergebracht. «Die Figuren standen überall herum. Zum Schluss konnte ich nicht mehr ins Bett gelangen, ohne über irgendetwas steigen zu müssen», sagt die 1996 pensionierte Mutter von vier Kindern. 1994 konnte sie ihr Privatmuseum dann in einem Gebäude schräg gegenüber des eigenen Wohnhauses unterbringen. Aber auch dieses quillt längst über. «Zwanzigtausend Dollar hat die UNESCO zur Verfügung gestellt, um eine Datenbank über die von mir gesammelten Stücke anzulegen.» Immer wieder wurde sie gebeten, ihre kostbaren und zum Teil einmaligen Kultgegenstände leihweise für internationale Ausstellungen zur Verfügung zu stellen. Wichtig ist Marianne Lehmann allerdings, dass Haiti endlich ein richtiges Voodoo-Museum bekommt, «damit die Menschen eine Vorstellung davon bekommen, was Voodoo wirklich ist, dass sie verstehen, dass es weder Hexerei noch Scharlatanerie ist.»
Wie einen «ounfň», einen Tempel, würde Marianne Lehmann das Hauptausstellungsgebäude konstruieren. Hinweistafeln würden die verschiedenfarbigen Wimpel erklären, die normalerweise über den Tempeln wehen. Im Innern des Gebäudes könnten die Besucher dann die mit Pailletten bestickten Fahnen bewundern und verschiedene Papa-Bosou-Figuren vergleichen. Hier fänden dann auch die rund fünfzig lebensgrossen Figuren der lehmannschen Sammlung eine neue und angemessene Unterkunft. Und in der Mitte des Raumes befände sich ein «poto mitan», ein Baumstamm, der vom Boden bis zur Decke reicht und über den die Geister in den Kreis der Gläubigen gelangen. BesucherInnen könnten dann die religiöse Zeremonie miterleben, geführt von einem «oungan», einem Priester, oder einer «manbo», einer Priesterin, von der die Götter mit ihren Lieblingsspeisen gütig gestimmt werden. Den Fussboden würden «vevè» genannte Symbole zieren: den Göttern gewidmete Zeichnungen aus Maismehl. Sie sollen die Geister mit der sterblichen Welt verbinden. Das Museum soll aber nicht nur Ausstellung, sondern auch Forschungszentrum sein. So der Traum von Marianne Lehmann. «Doch der Regierung Aristide fehlte das Geld, um ein solches Museum zu subventionieren, und die derzeitige Regierung hat vermutlich andere Sorgen, als ein Voodoo-Museum zu finanzieren», vermutet Marianne Lehmann. Und private Spender, die ein solches Museum mitfinanzieren würden, gibt es kaum.
Wartende Stoffpuppen
Das Erdgeschoss von Marianne Lehmanns Privatmuseum dominieren riesige Spiegel. «Sie haben magische Kräfte, über sie kommunizieren die Priester mit den Geistern im Jenseits», erklärt die Sammlerin. Die meisten der Spiegel stammen aus dem Haustempel eines früheren haitianischen Präsidenten, dessen Name sie nicht verrät. In einem spiegelt sich eine ungewöhnliche Versammlung von acht Stoffpuppen - allesamt Repräsentanten von Mitgliedern einer Voodoo-Geheimgesellschaft. Die Figuren wirken, als ob sie auf ihren Abtransport warteten. Auf ihren schwarzen und roten Klamotten glitzert es, unzählige kleine Spiegel reflektieren Licht und Farben. Normalerweise verberge sich die Gruppe unter einem weissen Tuch, zum Schutz vor dem allgegenwärtigen Staub, sagt Lehmann. Ja, der Staub. «Manchmal sage ich mir, ich muss jetzt wirklich Ordnung in meine Sammlung bringen. Aber ich schaffe es nicht.» Den Kampf gegen den Staub hat Marianne Lehmann schon längst aufgegeben. Der Kampf für ein der Sammlung würdiges Museum wird auch ihre nächsten Jahre bestimmen.
WOZ vom 08.07.2004
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