![]()
«Downtown Switzerland»
«Überall dieses verdammte Ghetto»
![]()
Vier Zürcher Filmemacher drehten im Winter, als die SVP an die Macht kam, eine Klimastudie über die Veränderungen in ihrer Heimatstadt.
Der dreiste, ja arrogante Zürich-Tourismus-Slogan «Downtown Switzerland» vermag weiterhin die Satiriker anzustacheln (Lorenz Keisers nächstes Buch soll so heissen) und Restschweizer von Basel bis Genf aufgrund alter Ressentiments und Minderwertigkeitskomplexe zur Weissglut zu treiben. Doch niemand wird bestreiten, dass Zürich das gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und politische Zugpferd der Schweiz ist. Als unmöglicher Bastard zwischen Dorf und Weltstadt spiegelt die grösste Siedlung des Landes exemplarisch die Zerreissproben, denen die bis vor kurzem weltweit als paradiesisch verklärte Eidgenossenschaft am Anfang des neuen Jahrtausends ausgesetzt ist.
Von Zürich als einem Barometer und Vorboten für Veränderungen sprechen die Filmemacher Christian Davi (Jahrgang 1967), Stefan Haupt (1961), Kaspar Kasics (1952) und Fredi M. Murer (1940), die ihr Filmprojekt «Downtown Switzerland» denn auch ausdrücklich als «Spiegel der Schweiz» verstehen - oder als Bericht zur «Lage der Nation», wie die vergleichbare filmische Studie einer Gruppe österreichischer FilmemacherInnen heisst, die aufgrund der Machtübernahme Haiders im Jahr 2000 entstand. Der Auslöser war die Besorgnis und «Wut im Bauch» über den politischen Kurswechsel, den der rabiate Flügel der Zürcher SVP anstrebt und der am 10. Dezember 2003 mit der Wahl Blochers in den Bundesrat einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. «Wir haben uns gefragt, wie weit es die eigentlich noch treiben», sagt Stefan Haupt, Ideengeber und Produzent des Gemeinschaftswerks.
Aufgrund des dringlichen Bedürfnisses, «sich einzumischen, statt einfach tatenlos zuzusehen» (Presseheft), zogen sie unabhängig voneinander los - vorerst ohne Konzepte, Gesuche und finanzielle Zusicherungen, sondern mit privatem Equipment und Eigenmitteln. Dass erstaunlicherweise kein Episodenfilm, sondern ein Werk wie aus einem Guss und mit homogener Handschrift entstanden ist, spricht für das Teamwork und den Austausch unter den Regisseuren.
Überforderung und Polemik
Der Film heisst «Downtown Switzerland», weil nicht die Rechten, sondern Zürich die Hauptrolle spielen sollte: «Wir wollten keinen Film gegen etwas, sondern für etwas machen», sagt Haupt. Der SVP kommt auch so noch genug Raum zu, und der Film könnte ebenso gut «Alpen Rock House» heissen. Denn in der Klotener Disco, an einer Veranstaltung der Jung-SVP Zürich, prallen die Vorstellungen von Stadt und Land auf groteske Weise aufeinander. Vor einem Hintergrund mit Matterhorn und sonstigem Kunstgebirge streitet der SVP-Gemeinderat Mauro Tuena mit seinen jungen Vorstandsmitgliedern um die Definition von «Multikulti» und übt sich die stramme Nachwuchsfrau in einem Propaganda-Aufsätzchen. «Überall diese Gangs, überall dieses verdammte Ghetto!» sieht sie beim Gang durch die Stadt; zum Glück hat sie in der Tiefgarage, wo vier Schwarze die zerkratzte Karosserie ihres Autos verhöhnen, bevor diese einen «nigelnagelneuen Audi» besteigen, ihren «ständigen Begleiter dabei: meinen Pfefferspray».
Mal ein Risiko eingehen
Doch bleibt einem das Grinsen über das effektheischerische Bedrohungsszenario der Jung-SVPlerin bald im Halse stecken. Denn die Überforderung der Menschen in einem Land, das innert weniger Jahre aus dem Dornröschenschlaf in einen Strudel von Globalisierung und Migration geworfen wurde, kommt auch bei vielen andern Porträtierten zum Vorschein. «Es ist Feierabend in der Schweiz», sagt der Lederwarenhändler Reto Ruffner, dem mittlerweile die Produktionsstätten im Hinterland fehlen. Ebenso mulmig wirds einem angesichts der Desk-Sharer bei IBM, Arbeitsnomaden mit tragbarem Arbeitsplatz bei einem entfesselten Arbeitgeber, der sich aufgrund der Losung «Immobilien machen immobil» nur noch einmietet. Wie erholsam erscheint da der «Schienenblick», den die Busfahrerin ihren Kollegen im Tramführerstand unterstellt - immer die Schiene voran, kein Blick links oder rechts, stur geradeaus.
Auf dieser assoziativen «Reise ins Landesinnere», wo die Urbanität vermutet wird, dürfen die Vordenker nicht fehlen, neben dem Soziologen Kurt Imhof, der den seit 1980 gebetsmühlenartig wiederholten «Alarmismus» seitens der Rechten für abgenützt erklärt, gleich drei «Think-Tank»-Insassen. Ungleich spannender als der typische Zürischnorri Thomas Sevcik (arthesia), der in Zürich eine «Stadt ohne Geschichte» sieht, erscheinen Thomas Held (Avenir Suisse) mit der Vision einer verdichteten Wolkenkratzer-Stadt um den See und Susan Kish (First Tuesday), die sich als US-Amerikanerin provokativ fragt, warum in einem auf Risikomanagement spezialisierten Land im Alltag niemand ein Risiko eingehen wolle. Solche (Luxus-)Definitionen von Risiko freilich interessieren die hundert BewohnerInnen aus 41 Ländern in der Kollektivunterkunft Altstetten herzlich wenig. «Wenn in der Schweiz das Geld des nigerianischen Diktators liegt, muss man sich nicht wundern, wenn auch ein paar Nigerianer hierher kommen», meint einer achselzuckend. Ein von Asylsuchenden im Barackendorf angedrehter Film muss ständig seine Hauptdarsteller wechseln, weil diese fortlaufend ausgewiesen werden. Auf krasse Sequenzen vom Drogen- und Sexmilieu im Kreis 4 haben die Filmemacher allerdings verzichtet; lieber zeigen sie den African Football Club in einem entscheidenden Drittliga-Match.
«Downtown Switzerland» ist als eine Art «Reality Check» zu begreifen und hinterlässt bewusst einen ambivalenten Eindruck. Bei aller gelungenen Assoziation und fragmentarischen Reflexion fragt man sich, welche «Zürichs» denn nun die gültigen wären. Und verspürt Lust auf mehr, ganz im Sinne von Kaspar Kasics: «Ich hätte gerne noch länger hingeschaut. Denn plötzlich sieht man, was passiert und was dahintersteckt.» Damit hat dieser politisch motivierte und ohne viel Federlesens realisierte Autorenfilm, der im derzeitigen kassenträchtigen Boom an die goldenen Zeiten des Schweizer Dokumentarfilms anknüpft, sein Ziel erreicht. Nicht auszuschliessen, dass ein derart geglücktes Experiment Schule machen könnte. Und es lohnte sich wohl, mit einem IBMschen Kofferträger mal durchs veränderte Land zu ziehen - wie damals, 1981, Christian Schocher mit seinem Kosmetikvertreter im seismografischen Meisterwerk «Reisender Krieger».
«Downtown Switzerland»
.CH 2004. Regie: Christian Davi, Stefan Haupt, Kaspar Kasics Fredi M. Murer. Ab 21. Okt. in Deutschschweizer Kinos.
WOZ vom 21.10.2004
![]()



Top