![]()
Swissmetal
Wahre Leidenschaft
Von Thomas Möckli, Reconvilier
![]()
Beim zehntägigen Streik von Reconvilier ging es vor allem um eines: die Menschenwürde.
Im südjurassischen Reconvilier gibt es seit Wochen nur einen Bösen. Die Guten treffen sich seit Beendigung des Streiks in der Swissmetal nicht mehr vor dem Fabriktor zur Manifestation, sondern wieder bei Luigi zur Mittagspause. Der Pizzaiolo kennt die meisten per Du: Das Grüppchen von Abteilungsleitern bestellt das Menü oder eine Margherita, die Arbeiter stärken sich vor der nächsten Schicht mit Kaffee. Wenn auch Boss und Büezer nicht am selben Tisch sitzen, beim Eintreten oder Verlassen der «Pizzeria de l’Etoile» werden Hände geschüttelt, Neuigkeiten ausgetauscht: «Seid ihr wieder flott?», witzelt ein Abteilungsleiter. «Jederzeit, und ihr?», entgegnet ein Arbeiter.
Bis zum 25. November hatte die gesamte Belegschaft der Swissmetal im Berner Jura zehn Tage lang gestreikt. Ihr Ziel: die Absetzung des Bösen, ihres obersten Firmenbosses. «Eine Belegschaft mit derartiger Solidarität und Identifikation ist das beste Kapital, das ein Verwaltungsrat haben kann», sagt Tom Gerber (SVP), der den Streikenden als Gemeindevizepräsident die Stange gehalten hat.
Unterschiedliche Kulturen
Genau das scheint der Böse übersehen zu haben. Martin Hellweg sitzt weit weg in der Deutschschweiz, ist ein so genannter Turnaround-Manager und war vor gut einem Jahr angetreten, die Swissmetal rentabler zu machen. Sein Rezept: «Nicht raten, sondern entscheiden», und: «extrem viel kommunizieren»; so stand es vor Jahresfrist in der Wirtschaftspresse. «Hellweg sass hinter seinem PC, wenn wir mit ihm kommunizierten», sagen die Abteilungsleiter* unisono. «Er hielt uns einen Vortrag über Globalisierung, statt uns anzuhören», erinnert sich Mario Grünenwald, Präsident der Arbeiterkommission, ans Treffen mit dem Manager. «Mit ihm reden ist etwa so, wie wenn Sie alleine gegen eine Wand Tennis spielen», erklärte Gemeindepräsident Flavio Torti dem «Journal du Jura».
Kommunikation scheint tatsächlich nicht die Stärke des 37-jährigen Deutschen: Bei seinem bis dato einzigen Auftritt vor versammelter Belegschaft habe er seinen Monolog simultan auf Französisch übersetzen lassen. Wer in einer dereinst globalisierungsfähigen Swissmetal bleiben und weiterkommen wolle, müsse Englisch lernen, verordnete er zudem.
Böse sind nach den Worten der Guten aber nicht nur Hellwegs Direktiven, sondern auch seine Absichten. Gemäss Hellweg ist ein Turnaround «ein radikaler Schnitt mit der Vergangenheit, der das Erhaltenswerte stärkt und eine Managementkultur aufbaut, die das Erhaltenswerte nachhaltig profitabel wachsen lässt». Die Profitrate müsse von weniger als fünf auf neun Prozent steigen, so habe der CEO potenziellen Investoren versprochen. Obwohl sich diese Methode inhaltlich in nichts von dutzendfach und teilweise erfolgreich praktizierten Turnarounds in der Schweizer Unternehmenslandschaft unterscheidet, hat sie ausgerechnet die Arbeiterschaft von Reconvilier in den wilden Streik getrieben. Denn Hellweg war nicht geholt worden, um ihre Fabrik Boillat auf Vordermann zu bringen, sondern die übergeordnete Swissmetal Holding von einem sechzig Millionen Franken schweren Schuldenrucksack zu befreien. Diesen Job habe er längst gemacht, sagen Arbeiter wie Dorfpolitiker. «Jetzt will er unsere Boillat killen», ist Nicolas Wuillemin, Präsident der Angestelltenkommission, überzeugt.
Unternehmerische Arbeiter
Wuillemin ist seit fünfzehn, Grünenwald seit dreissig Jahren beim einstigen Familienunternehmen Boillat unter Vertrag. Beide haben die vergeblichen Integrationsversuche der 1986 zur Swissmetal fusionierten Werke Reconvilier und Dornach SO aus nächster Nähe miterlebt. Reconvilier fertigt zum Beispiel kleinste Kugelschreiberspitzen aus einer hochsensiblen Messing-Kupfer-Legierung an. In Dornach dagegen würden viel grobschlächtigere Produkte vom Stapel gelassen. «Hier soll zusammenwachsen, was nie und nimmer zusammengehört», sagen die beiden Arbeitnehmervertreter. «Wie wenn man sauberes mit dreckigem Wasser mischt», äussern sich die Abteilungsleiter noch pointierter: «Das gibt eine trübe Sauce.» Dass zumindest das Werk in Reconvilier auf den Zusammenschluss nicht angewiesen ist, bewiesen dessen schwarze Zahlen und der kürzliche Irrweg eines Grosskunden: Weil in Reconvilier alle Maschinen stillstanden, bestellte er seine Ware bei der Konkurrenz in Italien, musste sie aber kurz darauf zurückschicken, «weil sie nicht mit unserer Qualität vergleichbar war», berichtet ein Boillat-Verkäufer. Hellweg habe «null Ahnung», mit welcher Qualität hier seit mehr als 150 Jahren produziert werde. Stattdessen reise er in China herum und suche nach billigen Produktionsstätten, verdächtigen ihn Wuillemin und Grünenwald.
Dabei hören sich Zeichner Wuillemin und Mechaniker Grünenwald an, als seien sie selbst die Unternehmer: Reconvilier produziere jährlich 6000 Tonnen qualitativ hoch stehende Spezialitäten, aber ebenso viel Ladenhüter. «Erst müsste investiert und dann abgebaut werden, nicht umgekehrt.» Entscheidend sei, ob das Management die seit langem versprochene neue Buntmetallpresse (Investitionsbedarf 25 bis 30 Millionen Franken) kaufe. Sollte dies der Fall sein, habe sich ihr Streik schon allein deswegen gelohnt. «Das wäre endlich ein konkretes Bekenntnis für die Zukunft unserer Boillat, das der hiesigen Arbeiterschaft würdig ist.»
Menschenwürde, nicht Saläre
Würdig? Arbeitgeber-Präsident Peter Hasler definierte die Vorgänge am Oberlauf der Birs als «seltsames Vorkommnis» und «ungerechtfertigte Streikaktion» mit übler Signalwirkung auf kommende GAV-Verhandlungen in der Metallbranche. Die erst nachträglich involvierten Funktionäre der Gewerkschaft Unia (vormals Smuv) wussten lange Zeit auch nicht so recht, weshalb hier rund 400 Leute streikten, wenn doch der Betrieb gar nicht akut bedroht ist. Deutschschweizer Zeitungen rätselten während der Streikphase über die Beweggründe und befürchteten einen Bumerang für die Angestellten.
Der nun ausgehandelte Kompromiss ist aber alles andere als ein Bumerang. Und auch der Beweggrund für die ultimative Arbeitsniederlegung erscheint im Rückblick wenig seltsam: Bei Luigi und an den Fabriktoren sagen alle dasselbe: «Dignité humaine», Menschenwürde. Für rationalisierungsgewohnte Ohren tönt das wahrscheinlich zu pathetisch. In Reconvilier ist sie zurzeit die einzig wahre Leidenschaft. So greifbar, dass am zehnten Streiktag sogar die mehr verhandlungs- als streikfähigen Gewerkschaften deren «Bedeutung weit über die Region hinaus» konstatieren mussten: «Dieser Streik war der notwendige Aufstand einer realen Arbeitswelt gegen eine virtuelle Finanzwelt» (Unia-Geschäftsleiterin Fabienne Blanc-Kühn). Eine «neoliberale Finanzwelt» scheint die Menschenwürde der BernjurassierInnen so tief gestört zu haben, dass effektive Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen der letzten Jahre daneben verblassen. «Hellweg will uns zertreten.» - «Bald marschiert er über unsere Kadaver.» - «Wer nicht denkt wie er, den eliminiert er.» Diese markigen Worte von Boillat-Mitarbeitenden in der Zeitschrift «L’illustré» dokumentieren so etwas wie ein totales Ohnmachtsgefühl gegenüber der 500-Tage-Herrschaft von Hellweg.
Die letzten Wochen vor dem Streik sind dafür symptomatisch: Im August lässt Hellweg in einem schriftlichen Zirkular mehrere Massnahmen zur Angleichung der Arbeitsbedingungen in den beiden Produktionsstätten der Swissmetal ankündigen. Kompetenzen aus Reconvilier werden nach Dornach und zum Verwaltungssitz nach Olten transferiert. Anfang Oktober deponieren 38 Kadermitglieder beim Verwaltungsratspräsidenten François Carrard ihren schriftlichen Protest gegen den «autoritären und inkohärenten» Führungsstil des CEO und verlangen Hellwegs Rücktritt. Die Antwort ist abschlägig und hält die Adressaten zum Stillschweigen gegenüber Belegschaft und Öffentlichkeit an. Bereits zuvor hatte Hellweg drei altgediente Abteilungsleiter entlassen. Neunzig Prozent der Kader, so ist zu hören, seien seither auf Stellensuche.
Schliesslich findet am 16. November Werkleiter André Willemin den blauen Brief auf seinem Arbeitstisch. Zehn Minuten später fahren die 400 Angestellten ihre Maschinen und Computer herunter und gehen ausnahmslos und ohne jegliche Vorwarnung in den ersten wilden Streik, den die Schweizer Metallbranche seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von 1937 gesehen hat.
Fanal aus dem Berner Jura
Hellweg habe monatelang Leute «verstampft». «Die Bombe, die er damit legte, hat er mit der Kündigung des für ihn wohl unbequemen Werkleiters selbst gezündet», urteilt Lokalpolitiker Gerber. Wäre es nur um Lohnkürzungen gegangen, wäre der Gemeinderat nicht mit den Streikenden auf die Strasse gegangen. «Ich ging für die Würde der Dorfbevölkerung und der Angestellten demonstrieren», sagt der SVP-Landwirt. Und: Diese müssten Manager und Unternehmer landesweit wieder vermehrt berücksichtigen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, dass Arbeiter zur Waffe greifen und die Revolution ausrufen. Zusammen mit Gerber marschierten am 24. November gegen 5000 Leute durch die Strassen Reconviliers - mehr als doppelt so viele, wie die Gemeinde EinwohnerInnen zählt.
Fragt man die Beteiligten, warum ausgerechnet in Reconvilier so entschlossen um den Arbeitsplatz gekämpft wird, so erhält man einfache Antworten, die allenfalls für Auswärtige erstaunlich sind: Die Identifikation der Arbeiter mit ihrem Betrieb sei im Berner Jura eben überdurchschnittlich gross. Die Arbeiter kämen, wenn es nötig sei, samstags freiwillig in die Fabrik, erzählen die Abteilungsleiter. Manche seien über Generationen mit der Boillat verbunden, und zwar im Guten wie im Schlechten: zum Beispiel mit einem dichten Netz von patronalen Nebenleistungen, welche Angestellten trotz unterdurchschnittlichen Löhnen ein Auskommen und Solidarität garantierten. «Hellweg und der Verwaltungsrat scheinen auf ihrem Galopp durch die globalisierte Wirtschaft nicht zu begreifen, dass eine derart produktivitätsloyale Mitarbeiterschaft ihr bestes Pferd ist», kritisiert ein Kader.
Die Vereinbarung, welche am 25. November unter Mediation der Berner Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch (SVP) den Streik beendete, ist ein Teilsieg: Der Verwaltungsrat garantiert den Standort Reconvilier und verpflichtet sich, weitere Investitionen zu tätigen. Ausserdem wird das Werk neu wieder von einem eigenen Direktor vor Ort geleitet. Hellweg hingegen wird auch weiterhin an der Spitze der Swissmetal stehen. Wuillemin und Grünenwald scheinen sich ihrer Sache sicherer: «Wenn Hellweg einen Auswärtigen aus dem Ärmel zieht, der nichts von unserem Geschäft versteht, stellen wir halt wieder die Maschinen ab.» Die beiden Belegschaftsvertreter sehen die gerade geschlagene Schlacht als Fanal für die restliche Masse der LohnarbeiterInnen im Land: Wenn sie sich zusammenschlössen, könnten sie viel erreichen.
* Die WOZ unterhielt sich mit einem halben Dutzend Abteilungsleitenden und Kadermitgliedern, die allesamt nicht beim Namen genannt werden wollen. Der im November entlassene Werkleiter André Willemin unterliegt laut eigenen Angaben sogar einem vertraglich festgelegten Redeverbot.
Hellweg, der Turnaround-Manager
Leute wie Martin Hellweg werden vom Verwaltungsrat eines maroden Unternehmens geholt, um als «erfahrener Unternehmensretter» über die Bücher eines Betriebes zu gehen und eine Restrukturierung oder Refinanzierung ins Auge zu fassen. Hellweg hatte zuvor mit seinem Ziehvater Ueli Roost (ehemaliger Sulzer-Präsident) die Firma Keramik Laufen restrukturiert. Mit diesem Leistungsausweis gründeten die beiden - zusammen mit «fünfzehn hoch motivierten, hoch talentierten Führungsleuten» - die Ally Management Group, ein Name, der laut Website genau deren Arbeitsweise entspricht: «Ally bedeutet, den Partner in einem Bündnis einbinden und stammt aus dem lateinischen alligare für anbinden, miteinander ein Ziel verfolgen (...), engagierte Beteiligung einbringen.» Auf welche Weise und in welchem Umfang Ally sich an Swissmetal beteiligt, ist den Kadermitarbeitern in Reconvilier allerdings schleierhaft. Erst kürzlich erfuhren sie, dass der offizielle Interims-CEO Hellweg einen Arbeitsvertrag bis 2007 in der Schublade hat. Völlig unklar ist den Angestellten, wie weit bei Swissmetal die Ally, der Verwaltungsrat oder sonstwer die Fäden zieht. Insgesamt fühlen sie sich alles andere als «in ein Bündnis eingebunden».
WOZ vom 02.12.2004
![]()



Top